Klima

Methankatastrophe, Wiesentod, Potsdam-Eistanz

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Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zu den neuen Prognosen über die Weltwirtschaftskrise nach dem Permafrost-GAU.

+++ 24. Juli. Russisches Methan könnte eine globale Kettenreaktion auslösen und eine Weltwirtschaftskrise verursachen. Dann nämlich, wenn durch die Erderwärmung die ostsibierischen Permafrostböden auftauen und über einen Zeitraum von nur zehn Jahren rund 50 Milliarden Tonnen des starken Treibhausgases Methan freisetzen. Die Folge wäre eine drastisch beschleunigte Erwärmung der Atmosphäre, die Zwei-Grad-Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau würde mindestens 35 Jahre füher erreicht und die Volkswirtschaften insbesondere in den ärmeren Ländern würden mehr oder weniger schnell kollabieren. Das alles steht in einem Kommentar, den Peter Wadhams, Chris Hope und Gail Whiteman in „Nature“ veröffentlicht haben. Die drei haben ihre Prognosen mit einer erweiterten Version des von Nicholas Stern („Stern-Report„) entwickelten PAGE09-Modells ermittelt. Die von der Methankrise allein schon verursachte ökonomische Bremsspur würde weltweit rund 60 Billionen Dollar kosten. Das ist knapp weniger als der gesamte gegenwärtige Wert der Weltwirtschaft von 70 Billionen Dollar. „Die Gesamtkosten, die durch das Abschmelzen der Arktis insgesamt entstehen, wären noch viel höher“, schreiben die drei Autoren. Vor diesem Hintergrund hat das amerikanische Repräsentantenhaus gestern der Ausweitung der NSA-Spionageaktivitäten zugestimmt. Jeder Quadratzentimeter des sibirischen Permafrosts wird jetzt von spziellen Satelliten und ferngesteuerten amerikanischen Drohnen überwacht. Die sibirische Schmelze gilt als ernste Bedrohung für Obamas Fernziel, die Kontrolle des Weltklimas wieder unter amerikanische Kontrolle zu bringen. Aus dem NSA-Hauptquartier hieß es, genau das habe man mit den flächendeckenden Abhörmaßnahmen gemeint und nicht etwa die Emailüberwachung unschuldiger Europäer. +++

+++ 23. Juli. Die Populationen vieler Schmetterlinge sind dramatisch gesunken: seit 1990 um fast 50 Prozent auf den Wiesen zwischen der iberischen Halbinsel und dem Ural. Das hat die Europäische Umweltagentur EEA bekannt gegeben. Von den 17 für eine Studie untersuchten Wiesenbewohnern sind acht Spezies in ihrer Populationsdichte stark rückläufig, darunter der gewöhnliche Hauhechel-Bläuling, Polyommatus icarus. Schuld daran ist die Intensivierung der Landwirtschaft und Verbuschung. Die Wiesen gehen einfach verloren, und kein einziger Hinweis in dem Bericht, dass der Klimawandelt eine Rolle spielen könnte. „Bei solchen Rückgängen müssen die Alarmglocken läuten“, schreibt Hans Bruyninckx, EEA Executiv-Direktor. Deshalb sollen Rasenmäher und Motorsensen mder Vergangenheit angehören. Die EU-Kommission hat eine entsprechende Richtlinie angekündigt, das Ausrotten der Wiesen müsse ein Ende haben. In Brüssel rechnet man damit, auf diese Weise, 0,005 Prozent der jährlichen Kohlendioxidemissionen einzusparen sind – und keiner den Klimaschutz vergißt, wenn er an die Schmetterlinge denkt. +++

+++ 16. Juli. Anders als die Nachbarforscher vom Geoforschungszentrum (siehe 15. Juli) sind sich die Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sicher: Die Zukunft der polaren Eisschilde Grönlands und der Antarktis ist ausreichend gut prognostizierbar. Fünf Pressemitteilungen dazu, in deutsch und Englisch, sind in den vergangenen Stunden und Tagen angekündigt und schließlich veröffentlicht worden. „Jedes Grad an globaler Erwärmung wird den Meeresspiegel zukünftig wahrscheinlich um mehr als 2 Meter erhöhen“, heißt es in dem Begleittext zu einem Paper, das in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalakademie der Wissenschaften erschienen ist. Für die Studie wurden Daten aus Sedimenten vom Meeresgrund und vergangener Uferlinien an Küsten herangezogen und anschließend in Modellexperimenten die Einflüsse unterschiedlicher physikalische Parameter simuliert. Die Forscher, die in einem internationalen Team mitgearbeitet haben, glauben, dass ihre Eismodelle „die zukünftige Entwicklung eines langfristigen Meeresspiegelanstiegs korrekt abbilden“. Kurzfristige Schwankungen mitteln sich heraus. Der Erwärmungstrend wird demnach zum alles dominierenden Faktor: Vier Grad globale Temperaturerhöhung, die durchaus noch in diesem Jahrhundert erreicht werden könnten, würde bedeuten, dass langfristig drei Viertel des Meeresspiegelanstiegs auf das wärmebedingte Abschmelzen der beiden großen polaren Eisschilde zurückzuführen sei. Langfristig heißt: In zweitausend Jahren. Das ist schwer vermittelbar. Deshalb denkt Anders Levermann vom PIK praktisch und gegenwartsbezogen: „Gemessen in Legislaturperioden mag er zwar langsam sein, aber unausweichlich und somit wichtig für fast alles, was wir in Küstennähe bauen – und das noch für viele kommende Generationen.“ Eine sechste Pressemitteilung des PIK zur Sache mit einer Einladung ins Bundespresseamt, auf der die prognostizierten Eisschildkalamitäten durch die Regierung offiziell bestätigt werden sollen, wird noch im Laufe des Tages erwartet. +++

+++ 15. Juli. Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland und in großen Teilen der Antarktis hat sich in den vergangenen Jahren zwar beschleunigt, dennoch ist es wissenschaftlich gesehen zumindest für Grönland noch zu früh, sicher von einem langfristigen Trend zu sprechen. Das besagt eine Studie von Ben Wouters von der University of Colorado in Boulder, die er zusammen mit Forschern des Geoforschungszentrums Potsdam veröffentlicht hat. Im Mittelpunkt stand dabei die Datenauswertung aus neun Jahren direkte Eismassen-Messungen mit dem Schwerefeld-Satelliten „Grace“. Die Ergebnisse zeigen, dass sich in der zweiten Hälfte dieser jüngsten Dekade das Abschmelzen der Eispanzer im Schnitt fast verdoppelt hat – zusammen kommt man auf derzeit etwa 30 Milliarden Tonnen jährlich. Der Vergleich mit den rekonstruierten Eismasseschwankungen seit den siebziger Jahren aus anderen Datenquellen macht aber deutlich, dass zehn Jahre Beobachtung eigentlich zu kurz sind, um voraussagen zu können, ob die Entwicklung so beschleunigt weiter geht. Die Eisschilddicke könne natürlicherweise um mehrere hundert Milliarden Tonnen von Jahr zu Jahr variieren. Schwankungen der Schneefälle und Meerestromänderungen spielen dabei die Hauptrollen. Mindestens zehn weitere Jahre müsse man messen, bis sicherere Prognosen möglich seien, schreiben die Wissenschaftler in „Nature Geoscience“. Zehn Jahre will der Weltklimarat aber mit seinem für den Herbst angekündigten fünften Weltklimabericht nicht warten. Deshalb hat man in Genf die Datensammlung der Grace-Satelliten einmal komplett kopiert und neu datiert. Nach der erweiterten Datensatzanalyse kommt der IPCC zum Schluss, dass die Beschleunigung der Polargletscherschmelze genau so weiter geht wie zuletzt. Und genau wie voraus gesagt. +++

+++ 9. Juli. Am Pine-Island-Gletscher, dem längsten und am schnellsten fließenden Gletscher der Antarktis, hat sich eine Fläche Schelfeis von der Ausdehnung Hamburgs gelöst und treibt als riesiger großen Eisberges in der Amundsen-See. Das meldete das Team um Angelika Humbert vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die Frage, ob solche Abrüche auf den Klimawandel zrückzuführen seien, ließ die Gletschermodelliererin ihre mehrere tausend Kilometer entfernten Kollegen von der AWI-Pressestelle wissen: „Die Bildung von Rissen im Schelfeis und damit auch die Entstehung neuer Eisberge sind natürliche Vorgänge.“ Sie fügte allerdings hinzu: Neuerdings wird das Schelfeis der Westantarktis verstärkt durch warmes Meerwasser unterspült, das mit veränderten Winden über der Amundsen-See herangetragen werde. „Würde der gesamte westantarktische Eisschild in den Ozean fließen, hätte dies einen weltweiten Meeresspiegelanstieg in Höhe von etwa 3,3 Metern zur Folge“, heißt es weiter. Das Schelfeis wäre weg, Simulationen überflüssig, auch Hamburg wäre bald verloren. Das alles muss verhindert werden. Deshalb plädiert die AWI-Modelliererin dafür, dem natürlichen Schelfeissterben ein Ende zu setzen. Wie, das sollen weitere Simulationen zeigen. +++

+++ 4. Juli. Der Ausstoß von Kohlendioxid muss, um ökologisch nachhaltig zu wirken, doppelt so stark verringert werden, wie das die Kalkulationen für ein Zwei-Grad-Erwärmungsziel vorsehen. Das ist das Ergebnis von Modellberechnungen, die Marco Steinacher, Fortunat Joos und Thomas Stocker von der Universität Bern in der Zeitschrift „Nature“ vorgelegt haben. Mit dem Berner Erdsystemmodell wurden mehr als 65.000 Einzelsimulationen für 55 unterschiedliche Kohlendioxid-Emissionsszenarien in Ensemble-Simulationen vorgenommen. Das in der internaitonalen Klimapolitik seit Jahren angestrebte Temperaturziel von zwei Grad globaler Erwärmung, das im ungünstigsten Fall bis 2100 eingehalten werden sollte, reicht nach Überzeugung der Schweizer Forscher nicht aus, beispielsweise die Versauerung der Meere in den Griff zu bekommen. Wolle man nicht nur die Erwärmung eindämmen, sondern auch die Versauerung und den Anstieg des Meeresspiegels begrenzen sowie die landwirtschaftlichen Ertragsausfälle und den Verlust an fruchtbarem Boden, müssten die klimapolitischen Ziele schnell erweitert und verschärft werden. „Weder genügend noch geeignet“ für einen globalen Umweltschutz, so lautet das Fazit der Forscher. Sechs Klimaziele haben sie definiert. Das kann allerdings erst der Anfang sein. Sieht man genau hin, ist auch das Schweizer Rezept noch ungeeignet, das Gletschersterben zu verhindern. In einer neuen Serie von Erdsystemmodellierungen soll die Rettung des Alpenschneehuhns in den touristenträchtigsten Bergregionen der Schweiz simuliert werden. +++

+++ 2. Juli. Das Leck der globalen Klimaerwärmung ist gefunden – zumindest eines von vielen möglichen. Ein Drittel der überschüssigen Energie, die seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts urch die Freisetzung von Treibhausgasen in die Atmosphäre angereichert wird, landet offenbar in der Tiefsee unterhalb von 700 Metern. Das hat ein britisch-amerikanisches Forscherteam um Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research in Boulder herausgefunden. Mit dem Befund könnte zumindest teilweise erklärt werden, weshalb der Klimawandel seit mehr als zehn Jahren ageschwächt ist und gewissermaßen eine Pause eingelegt hat. Die Suche nach der „Missing heat“ in den Beobachtungsdaten seit 1975 hat gezeigt, dass die Oberflächentemperaturen der Meere bis 2004 kontinuierlich gestiegen waren. Danach stockte der Temperaturanstieg mehr oder weniger abrupt. Von da an erwärmte sich in bis dahin nicht gekannter Schnelligkeit die Tiefsee zwischen 700 und 2000 Metern. Wie die Wissenschaftler in den „Geophysical Research Letters“ (doi:10.1002/grl.50382) berichten, ist die Ursache für diese Energieverlagerung noch nicht gefunden. Eine Ursache könnten Veränderungen der Winde über den Meeresoberflächen sein. Das ist natürlich ein schwerer Schlag für die Offshore-Industrie. Sie befürchtet nach den wilden Spekulationen um Windmanipulationen einen Shitstorm gegen die großen Windparks, die schon länger im Verdacht stehen, den natürlichen Verlauf der globalen Luftströme massiv zu beeinträchtigen. Eine Werbekampagne für die Windräder wird damit wahrscheinlicher. Arbeitstitel: „Wind, Wind, fröhlicher Gesell“. +++