Natur

Willkommen in der Neonatur

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Im Berliner Umland entstehen mit Hilfe von Wasserbüffeln, Wisenten und Wildpferden neuartige Landschaften: Feuchter, offener, artenreicher sind sie.

Auf den ersten Blick sieht Töpchin mit seinen geduckten Häusern und der ziegelroten Dorfkirche aus wie eines von vielen verschlafenen Dörfern in Brandenburg. Doch wer am südlichen Ortsausgang um die Ecke biegt, erlebt eine gewaltige Überraschung. Rechts und links der Straße laufen elf riesige schwarze Tiere umher, die in der Landschaft recht fremd wirken. Sie sind deutlich größer und mit deutlich mehr Muskeln bepackt als europäische Milchkühe. Man kennt sie als Zugtiere von Kleinbauern in Asien, aus den Reislandschaften Indiens oder Indonesiens. Es sind asiatische Wasserbüffel, die da grasen.

Gehören die Tiere vielleicht einer Filmcrew aus Indien, die Brandenburg als Drehort für Bollywood-Produktionen entdeckt hat? „Mancher, der hier vorbeikommt, ist beim Anblick unserer Wasserbüffel ziemlich verwirrt“, sagt Holger Rößling, Projektmanager bei der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, einer halbstaatlichen Agentur mit der Aufgabe, die Landschaften des Bundeslandes nachhaltig zu entwickeln. Die Tiere, sagt er, sind nicht als Schauspieler oder Gäste hier, sondern um zu bleiben. Sie sollen die Landschaft wieder artenreicher und biologisch vielfältiger machen. Rößling deutet auf einige Gruben im Boden, die Büffel mit ihren riesigen Hufen geschaffen haben: „So entstehen wunderbare Kleinlebensräume für Amphibien.“ Der Biologe hat die Büffel 2011 von einem französischen Züchter gekauft und in das 40 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Töpchin bringen lassen. Weitere Tiere haben er und sein Team am Rietzer See, einem Naturschutzgebiet im südlichen Havelland, freigesetzt. An beiden Orten geht es um eine sehr spezielle Mission.

Schrumpfende Lebensräume

Rund um Töpchin haben Biologen Reste eines Kalkmoores ausfindig gemacht. Typischerweise gedeihen Moore in einem sauren Milieu, doch hier hat sich die Moorvegetation in kalkreicher, basischer Umgebung entwickelt, mit sehr speziellen Moosarten wie dem Echten Sumpfmoos und dem Sumpf-Thujamoos, seltenen Blütenpflanzen wie dem Fleischfarbenen Knabenkraut und Vogelarten wie der Bekassine. Früher hat es solche Kalkmoore in Brandenburg auf Zehntausenden Hektar Fläche gegeben, heute sind davon nur noch kleine Reste übrig.

Am Rietzer See stehen Binnen-Salzwiesen im Fokus. Dort kommen die Überreste eines längst vertrockneten Urmeeres an die Oberfläche, was Arten wie das Strand-Milchkraut weit entfernt von den heutigen Küstenlinien gedeihen lässt. Doch die Spezialhabitate sind durch menschliche Eingriffe arg geschrumpft. Entwässerungskanäle und Düngereintrag haben dazu geführt, dass sich gewöhnliche Vegetation ausbreitete, dominiert von wenigen Arten, die überall gut durchkommen.

Robuste und genügsame Retter

Die Büffel haben nun die Aufgabe, den Lebensraum seltener Arten wieder zu vergrößern. Würde man die Flächen sich selbst überlassen, würden sie nämlich überwuchern, die Spezialisten würden verschwinden. Mahd ist nötig, um überschüssige Biomasse zu entfernen. Doch wie? Rößling dachte zunächst an normale mitteleuropäische Zuchtkühe, aber die sind für den Einsatz im Moor und auf salzigem Untergrund nicht mehr robust genug. „Hochgezüchtete Kühe würden durch den feuchten Untergrund schnell Hufinfektionen bekommen und auch die Vegetation nicht gut vertragen“, sagt der Projektmanager. Mähmaschinen einzusetzen ist sehr teuer. Büffel dagegen sind widerstandsfähig und fressen gerne auch derbere Pflanzen. Etwas mulmig war Rößling anfangs schon zumute, die Tiere mit ihrem massiven Habitus auszusetzen, aber inzwischen sind sie für ihn ein fester Teil der Landschaft geworden.

Unorthodoxe Landschaftspflege

Das Brandenburger Büffelprojekt spiegelt einen neuen Trend im deutschen Naturschutz wider: Um die Vielfalt von Tieren und Pflanzen zu erhalten, greifen Biologen zu reichlich unorthodoxen Mitteln. Statt Gebiete möglichst ungestört zu lassen, setzen sie exotisch anmutende Groß-Pflanzenfresser, sogenannte Mega-Herbivoren, ein, um neue, artenreiche Landschaften zu modellieren. Früher wäre so etwas tabu gewesen – „unberührte Natur“ war das Ideal und wenn, dann mussten zum Weiden heimische Arten zum Einsatz kommen, vor allem Kühe und Schafe. Als Referenzpunkt, welche Arten in Deutschland dazu gehören und welche nicht, hatte lange allein die vorindustrielle Natur der Romantik gedient. Nun öffnen sich Biologen und Naturschutzmanager für neue, offenere und weniger romantische Ansätze.

Dazu gehört der Einsatz von Weidetieren, die zum Teil neu sind in Deutschland oder schon vor sehr langer Zeit hier ausgestorben waren. Weideprojekte für den Naturschutz gibt es in ganz Deutschland. Aber rund um die multikulturelle Hauptstadt Berlin laufen einige der innovativsten Vorhaben, ungewöhnliche Tiere in den Dienst der Biodiversität zu stellen. Es geht explizit nicht mehr darum, ein Landschaftsideal aus der Vergangenheit zu rekonstruieren: „Unser Schwerpunkt ist es, die Landschaft weiterzuentwickeln“, sagt Rößling.

Zeugnis menschlicher Zivilisation

Dieses Ziel verfolgt auch Andreas Schulze. Der gelernte Forstwirt leitet das Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde. Die Landschaft im Berliner Nordosten, um die er sich kümmert, könnte gestörter nicht sein. Von 1910 bis 1960 wurden Unmengen an Fäkalien aus der Großstadt in das Gebiet gepumpt und „verrieselt“, wie es hieß. Ausgedacht hatte sich die Entsorgungsmethode der Stadtplaner James Hobrecht, der eng mit Rudolf Virchow zusammenarbeitete. Eine Weile funktionierte das System gut, es gelang sogar, auf den menschlichen Dungflächen Gemüse anzubauen und Fische zu züchten. Doch dann landeten zu viele Pharmazeutika, synthetische Waschmittel und Industrieabfälle auf den Rieselfeldern, und Großkläranlagen kamen in Mode.

Biss für Biss zu einer neuen Vegetation

Zurück blieb eine massiv überdüngte Landschaft mit teils bizarrem Aussehen. Wer nicht weiß, was hier früher passierte, steht staunend vor Resten von Betonbecken, rätselhaften Wällen und einer grellgrünen Vegetation, die einfach nicht natürlich aussehen will. Schulze sorgt im Auftrag des Landes Berlins und des Fördervereins Naturpark Barnim dafür, dass die Schäden aus der Vergangenheit langsam ausheilen. Dafür setzt er einen erstaunlichen Mix an robusten Weidetieren ein, die ganzjährig durch die Landschaft stromern: Englische Parkrinder, Schottische Hochlandrinder, Uckermärker, Konik- und Fjordpferde sind in der 800 Hektar großen Landschaft verstreut. Sie verändern Biss für Biss, Tritt für Tritt die Vegetation.

Feuchter, offener und artenreicher

Schulze und seine Mitstreiter haben hehre Ziele: eine „Waldweide“ soll heranreifen, wie sie zuletzt vor vielen Jahrhunderten existierte, als die Landschaft noch nicht von Großgrundbesitzern in Wald und Weide getrennt worden war. Das würde bedeuten, dass ein lichter Wald entsteht, der teilweise wie eine Savanne wirkt. „Feuchter, offener, artenreicher“ soll das Landschaftsbild werden. Allerweltsgräser wie das Land-Reitgras sollen in dem Prozess zurückgehen, seltenere Arten wie Hirschkäfer und Braunkehlchen zunehmen. Schulze will der Gegend um Hobrechtsfelde allerdings keinen idealen Ur-Zustand verordnen, der auf Biegen oder Brechen erreicht werden muss.

„Man kann Natur nicht in Raster oder Fünfjahrespläne pressen“, sagt er. In Hobrechtsfelde treffen ungewöhnliche Weidetiere auf eine ungewöhnliche Landschaft. Wie genau Vegetation und Landschaftsbild sich entwickeln werden, ist offen. „Wir gehen nach dem Prinzip ,Versuch, Irrtum, Umdenken’ vor“, sagt Schulze, „das ist alles ein Lernprozess.“ Das Waldweide-Projekt am Nordostrand Berlins symbolisiert wie kein anderes eine gewachsene Lockerheit im Umgang mit Natur. Gab es früher im Naturschutz klare Definitionen davon, was erwünscht ist und was nicht, so entwickelt sich vor allem in menschlich überformten Gebieten zunehmend „learning by doing“ zum Grundprinzip von Naturmanagement.

Die Serengeti des Berliner Umlands

Das praktiziert am Westrand von Berlin auch die Sielmann-Stiftung. Von manchen Orten der Döberitzer Heide aus ist der Fernsehturm am Alexanderplatz gut zu sehen, so nah liegt das Gebiet an der Metropole. Doch in der Landschaft selbst herrscht eine geradezu archaische Stimmung. 50 Wisente und 30 mongolische Pferde hat die Sielmann-Stiftung seit 2011 hier freigesetzt. Wenn die Tiere über die offenen Heideflächen toben und mal hier an einem Baum, mal dort an Heidesträuchern knabbern, lässt dies von der Anmutung her an die Serengeti und andere wilde Savannen denken.

An der Döberitzer Heide ist aber nichts wirklich wild. Das Gebiet wurde schon seit dem achtzehnten Jahrhundert als Truppenübungsplatz genutzt. Nach den alten Preußen kamen die Nazis, und nach ihnen nutzten die in der DDR stationierten Sowjettruppen das 3400 Hektar große Gelände, um Panzerschlachten zu üben und ihre Kanoniere zu schulen. Durch die ständige Nutzung blieb die Fläche offen, eine reichhaltige Heidelandschaft der etwas anderen Art entstand, bevölkert von Ziegenmelkern, Schwarzkehlchen, Wiedehopfen, Neuntötern und anderen eher seltenen Vogelarten sowie einer auf trockene Hitze spezialisierten Flora.

Wildpferde und Wisente bevölkern den Truppenübungsplatz

Wäre die Heide nach dem Abzug der Sowjettruppen sich selbst überlassen worden, hätte sich Wald breitgemacht, was für die spezialisierten Arten der offenen Landschaft das Aus bedeutet hätte. Wie Rößling stand auch die Sielmann-Stiftung vor der Frage, wie sie die offene Landschaft erhalten kann. Die Wahl fiel auf die sehr exotischen Przewalski-Pferde, die erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Verwandte des Wildpferds in der Mongolei entdeckt worden waren und dann bei Zoos so beliebt wurden, dass sie in freier Wildbahn ausstarben. In ihrem natürlichen Habitat ausgestorben waren auch Wisente schon, die früher zu den typischen Waldbewohnern Europas gezählt haben.

Schutzzäune für Tiere und Wanderer

Die Tiere in der Döberitzer Heide stammen aus Zuchtprogrammen, sie gehören zu den ersten Generationen ihrer Arten, die wieder in freier Landschaft leben. Allerdings ist die Heide von Zäunen umgeben, denn Wanderer und Neo-Wildtiere sollen sich nicht zu nahe kommen. Die Experimentierfreude der Sielmann-Stiftung hat sich bereits gelohnt: „Wir können schon nach recht kurzer Zeit feststellen, dass die Pferde und Wisente einen positiven Einfluss auf Vegetation und Landschaft haben“, sagt Projektleiter Peter Nitschke. Vielerorts würden junge Bäume, vor allem Birken, Kiefern und Aspen, aber auch Eichen, Robinien und Spätblühende Traubenkirschen, umgebrochen und geschält. Neben den Wanderwegen der Tiere, den Sandbadeplätzen und Scheuerbäumen spiele auch der Kot der Tiere etwa für seltene Insekten eine herausragende Rolle.

Weideprojekte nicht ohne Widerspruch

In der Ökoszene sind die Weideprojekte durchaus umstritten. Mancher Naturschützer hält es für absurd, in Mitteleuropa mongolische Pferde freizusetzen. Doch Befürworter der Projekte finden diese Haltung engstirnig: Der Ökologe Gerhard Wiegleb von der TU Cottbus erinnert daran, dass Vorfahren von Przewalski-Pferden und auch von Wasserbüffeln bis vor einigen zehntausend Jahren in Mitteleuropa heimisch gewesen seien. „So exotisch sind die gar nicht, und nun ermöglichen sie eine Dynamik und Vielfalt, die in der ausgeräumten Agrarlandschaft sonst nur selten erlaubt ist.“ Der Zoologe Josef Reichholf sieht die Projekte im Umland von Berlin als wegweisend an: „Megaherbivoren entnehmen der Landschaft Biomasse und wirken so der ständigen Überdüngung mit Stickstoffverbindungen aus der Luft entgegen“, sagt er.

Die Tiere seien gut dafür geeignet, die Landschaft wieder reichhaltiger zu machen. Reichholf sieht die Projekte in einem größeren Kontext: „Wir müssen wegkommen, unseren Fleisch- und Milchbedarf mit industriell gehaltenen Tieren zu decken, die Mais aus Monokulturen und Soja aus Regenwaldgebieten gefüttert bekommen“, sagt er. Hier seien Experimente mit neuartigen Herbivoren gut, die Artenvielfalt und Nahrungsproduktion in einem leisteten

Auch eine wirtschaftliche Chance

Das sehen die Landwirte Kerstin und Detlef Simon aus Töpchin genauso. Das Ehepaar war anfangs skeptisch, als Holger Rößling von der Naturschutzstiftung mit dem Plan ankam, hinter ihrem Haus Asiatische Wasserbüffel freizusetzen. „Ich dachte, die wollen noch mehr von unserm Land aus der Nutzung nehmen“, sagt Kerstin Simon. Doch als sie hörten, dass es um Beweidung geht, begriffen sie das Angebot als ökonomische Chance. Die Nebenerwerbslandwirte kümmern sich seither um die Büffel. Wenn ausreichend Nachwuchs da ist, soll zum ersten Mal geschlachtet werden.