
Natur-Kosmetik hat sich etabliert. Sie verzichtet auf Substanzen, die die Haut reizen und austrocknen. Aber halten die sanften Wirkstoffe auch, was sie versprechen?
Wer verstehen will, wie Frauen künftig Kosmetik kaufen, der muss sich durch die Kommentare internationaler Beauty-Blogs lesen. Nicht durch Teenager-Foren, sondern durch Erwachsenen-Blogs – „Beautymouth“ etwa oder „London Makeup Girl“. Und keine Sorge, Londoner Girls sind über 30. Erkenntnis eins: Diese Frauen können INCIs lesen. Seit 1997 gibt es die Deklarationspflicht für Kosmetika, die Internationale Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe, kurz: INCI, die in den ersten Jahren für die meisten noch kryptisch war. Erkenntnis zwei: Sie haben deswegen nicht weniger Lust auf Kosmetik, sondern mehr – und dafür weniger Interesse an haltlosen Versprechen. Wenn die interessierte Kundin einen Leitsatz hat, dann diesen: Eine Creme, die zur Hälfte aus Mineralöl besteht, kann keine Wunder vollbringen.
Passend dazu sind in den vergangenen Jahren jede Menge neuer Organic Skincare Brands gegründet worden – die meisten von ursprünglich branchenfremden jüngeren Frauen. Tatsächlich gehen die Gründungsgeschichten fast immer so: Allergikerin beschäftigt sich mit Deklarationen, sucht nach hoch wirksamen Alternativen zu petrochemisch basierten Kosmetika, findet keine, kann es nicht fassen und gründet nach Selbstversuchen, jahrelanger Recherche und Laborgründung ihr eigenes Kosmetiklabel. „Öko-Kosmetik“ trifft es nicht, weil die meisten dieser Marken aus England, den Vereinigten Staaten oder auch Australien kommen. Darüber hinaus hat diese neue Genera tion zertifizierter Naturkosmetik in Konsistenz, Duft, Konzentration oder Wirksamkeit nichts mit dem zu tun, was Öko-Kosmetik einmal war.
Einziger Unterschied: Rein naturbasiert
Die Liste der Substanzen, die in all diesen Linien fehlen, ist mehr oder minder identisch: Mineralöle, Silikone, Natriumlaurylsulphat, Parabene, Alkohol, künstliche Duftstoffe. Stoffe also, die die Haut reizen, austrocknen, die im Verdacht stehen, karzinogen zu sein oder die normalen Hautfunktionen zu beeinträchtigen. Nicht identisch ist das Konzept. Die neuen Organic-Skincare-Marken lassen sich dabei in zwei Lager teilen. Solche, die den Begriff „organic“ neu definieren und „raw skincare“ produzieren, bei der die Substanzen nicht über 40 Grad erhitzt werden. Und solche, die daran arbeiten, dass Naturkosmetik und konventionelle Kosmetik von Konsistenz, Komfort und Wirkstoffkonzentration her nicht mehr zu unterscheiden sind. Einziger Unterschied: Sie sind rein naturbasiert.
Raw Skincare versteht sich weniger als Wirkstoffkosmetik denn als „Skin Food“. Die Homöopathin und Ernährungstherapeutin Vicky Ewbank produziert auf der Isle of Skye ihre Raw-Skincare-Linie Live Native. Und Mira Ambre aus London, der Kopf hinter Ambre Botanicals, kommt bei ihren Produkten ohne Wasser aus und somit auch ohne Konservierungsstoffe. Auf der anderen Seite steht die Labor-Natur-Fusion: Die Amerikanerin Tata Harper fand keine zertifiziert biologische Kosmetik auf höchstmöglichem Anti-Aging-Niveau. Für ihre Linie Tata Harper baut sie auf ihrer ökologischen Farm in Vermont Heilpflanzen an und betreibt dort ein eigenes Labor. Pai Skincare wurde von Sarah Brown als Linie für empfindliche Haut mit Allergie-Neigung gegründet.
Viel Nachfrage und wenig Angebot
Dass es ohne den Vertriebsweg über das Netz kaum eine dieser Marken geben würde, weiß Sharon McGlinchey besser als alle anderen, weil sie zu früh begonnen hat. In den frühen neunziger Jahren fing die Australierin zu experimentieren an – eine Kundin hatte eine Allergie auf Mineralöl entwickelt. Sie gründete kurz darauf MV Skincare. Damals funktionierte der Vertrieb nur über Läden. Für kleine Marken hieß das: Es gab keinen Vertrieb, nur Eigenverkauf im kleinen Kreis. Heute schwören Maggie Gyllenhaal und Emma Watson auf MV Skincare, was natürlich schöne Werbung ist. Trotzdem kann sich Sharon McGlinchey noch daran erinnern, wie sie zweimal kurz vor dem Konkurs stand. Auch wenn das Vertriebsnetz heute stabil ist – die Strukturen sind ähnlich wie damals. Sharon McGlinchey sagt, bei doppelter Produktion würden weder die Qualitätskontrolle noch die Auswahl guter Lieferanten funktionieren. Für den Massenmarkt sind die meisten Linien ohnehin nicht gemacht. Das shelf life, die Haltbarkeit, ist viel zu gering.
Umso besser funktioniert der Online-Vertrieb – die deutsche Marke Amazingy ist dafür ein guter Beweis. Ingrid und Floris von Onna haben den Webshop für Naturkosmetik der zweiten Generation in Berlin ursprünglich gegründet, um ein Umfeld für den Vertrieb ihres eigenen Labels Hiro zu haben – ein Make-Up-Mineralpuder mit einer tollen Farbpalette, produziert in den Vereinigten Staaten. Der Versand für ökologische Kosmetik ist gewissermaßen in Eigenlogik gewachsen. Schließlich gibt es viel Nachfrage und wenig Angebot. Auf neue Marken kommen Ingrid und Floris von Onna durch Messen und Recherche, aber nicht zuletzt durch informierte Kundinnen und ihre Kommentare auf Beauty-Blogs.
