
Von Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli haben Sie noch nie etwas gehört? Das muss sich ändern. Die beiden Designer sind die Nachfolger von Valentino. Für die Traditionsmarke haben sie eine Gegenwart gefunden.
Draußen vor der Tür ist die Vergangenheit ziemlich erfolgreich darin, die Gegenwart möglichst banal aussehen zu lassen. Gegen den alten weißen Marmor und gegen jede einzelne Stufe der riesigen Spanischen Treppe wirken die Touristen in ihrer Funktionskleidung aus High-Tech-Stoffen wie ein schlechter Witz. Die kunterbunt dekorierten Schaufenster sind so vergänglich, dass sie in Bedeutungslosigkeit versinken. An den Ständen sind die gefälligen Souvenirs bestenfalls egal. Hier hat die Gegenwart also wirklich keine Chance, ernstgenommen zu werden. Dagegen die Vergangenheit: Sie ist im Stadtzentrum von Rom buchstäblich in Stein gemeißelt.
Das rote Kleid war seine Waffe
Oder sie fließt, zum Beispiel wenn sie ein Kleidungsstück ist, ein langes rotes Kleid, das jahrzehntelang nur ein paar Meter entfernt entworfen wurde, in einem römischen Palazzo gleich neben der Spanischen Treppe. In allen möglichen Varianten wurde es in den vielen Jahren gestaltet, mit Rüschen an den Schultern, mit Saumvolants, mit Schößchen oder mit langer Schleppe. Es sollte das perfekte Abendkleid sein, um darin Blitzlichtgewitter zu überleben. Blonde oder Brünette sahen fabelhaft in ihm aus, selbst Nicole Kidman schien es mit roten Haaren tragen zu können. Das rote Kleid schmeichelte sogar dem roten Teppich. Neben diesem roten Abendkleid ließ sich recht häufig auch sein Modeschöpfer blicken, stets tief gebräunt und gut toupiert. Valentino Garavani hatte sein Haus im Jahr 1960 gegründet. Von Elizabeth Taylor über Audrey Hepburn bis Jackie Kennedy stattete er die schönsten Frauen seiner Zeit aus. Sie waren für Valentino ein Glücksfall, denn so galt er ein halbes Jahrhundert lang als Abendmode-Designer schlechthin. Erst 2008 verließ er sein Haus, weil ein Privatinvestor übernommen hatte und weil nicht einmal er jünger wurde. Auf Fotos aus der Zeit sieht man manchmal, dass er selbst kürzer ist als das Kleid, das den Boden streift. Aber das sollte nichts bedeuten. Denn das rote Kleid war sein Werkzeug, seine Waffe. Mit dem roten Kleid wurde er zur lebenden Legende.
Wo soll man da als Nachfolger anknüpfen, wenn sich die Legende in den Ruhestand verabschiedet hat? Würde nicht alles Neue, verglichen mit dem großen Show piece der Vergangenheit, auf ähnliche Weise in der Banalität verschwinden wie die Gegenwart draußen vor der Tür? Alessandra Facchinetti musste es bitter erfahren. Sie wurde, kaum dass sie als Nachfolgerin aufgebaut war, wieder hinauskomplimentiert. Dann begann hinter der schweren Palazzo-Tür, im Atelier von Valentino, gleich neben der Spanischen Treppe, doch noch die Zukunft. Unter dem Namen des Gründers verändern Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli als Chefdesigner des Hauses seit fünf Jahren die Mode – genauer gesagt: die Abendmode.
„Frauen sind heute anders“, sagt Maria Grazia Chiuri. Sie selbst ist eine dieser Frauen, die auch ohne Make-Up wunderbar aussehen. Sie trägt keinen Mascara, dafür große, schwere Ringe an den Fingern, um die Handgelenke schlackernde offene weiße Hemdsärmel, an den Beinen schwarze knielange Shorts zu kniehohen schwarzen Stiefeln, ohne Strumpfhose. „Sie wollen schön sein“, meint sie, „aber es geht dabei um eine subtilere Schönheit, die unangestrengter wirkt.“
Die Abendmode, privater und sinnlicher
Entspannter als die Abendmode war schon immer die Tagesmode. Auch daran orientieren sich die zwei Modemacher. „Die Abendmode soll privater sein, sinnlicher“, sagt Pierpaolo Piccioli, die andere Hälfte des Valentino-Duos. Der Designer meint vor allem das Gegenteil eines Angeberstücks, das nicht wie ein Kleid für den roten Teppich bereithängt, sondern seine eigene Daseinsberechtigung im Kleiderschrank hat. Selbst Haute Couture behandeln die beiden Modemacher wie etwas Selbstverständliches. Ihre Entwürfe der Spitzenklasse sollen tauglich sein für ein Leben, das auch unter den Couture-Kundinnen mal abseits der roten Teppiche spielt. Erst im Juli zeigten sie schwere Stücke aus braunem Tweed. In ihrer Prêt-à-porter-Kollektion für den Herbst hängen an den Mänteln Kapuzen, als sollte man sich im Ernst bei Regen in Valentino vor die Tür wagen. Die roten Kleider des Vorgängers setzen die beiden Modemacher gleichzeitig geschickt dazwischen. Sie müssen nicht mal rot sein.
Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli haben sich auf intelligente Weise vor allem jenen Stoff vorgenommen, der Frauen am nächsten liegt, der von höchster Qualität ist und den viele dennoch täglich auf der Haut tragen, ohne ihn offen zur Schau zu stellen: Spitze. Die Modemacher kehren das Innere nach außen.
„Wir lieben Frauen, die für sich schön sein wollen, auf persönliche Art“, sagt Piccioli. Die zuckersüßen rosafarbenen Spitzenkleidchen der beiden Designer sind in den vergangenen Jahren zu Ikonen geworden. Sie werden noch immer kopiert von anderen Häusern, die möglicherweise zuvor dachten: Spitze, kann man das wirklich machen? Ist das nicht viel zu unemanzipiert, zu unzeitgemäß, zu einfach?
Zum Träumen bringen
Wenn sich Chiuri und Piccioli ihre Kundinnen vorstellen, dann wissen sie, dass sie anders denken als die Modebranche. „Normalerweise hat man in der Mode ja das komplette Outfit im Kopf, den Look“, sagt Chiuri. „Natürlich ist dieser Look auch für uns wichtig, aber jedes einzelne Teil zählt genauso viel. Wer im Geschäft steht, der denkt doch nicht an den Laufsteg oder an das Model, er sieht lediglich das eine Teil. Die eine gut geschnittene Hose aus dem einen schönen Material muss den Kunden zum Träumen bringen.“
Valentino: Stoffe zum Träumen
Wie schwierig das ist, erkennt man auch daran, dass Modehäuser heute mit Accessoires den Löwenanteil verdienen, mit Stücken, die einfacher als Solitäre wirken. Ein Schuh bringt einen schneller zum Träumen als ein Rock. Mit einem Schuh geht man sofort aufs Pflaster. Einen Rock muss man erst kombinieren. Mit einem Schuh schlüpft man leichter in eine andere Rolle. Ein Rock ist nur Teil einer Zusammenstellung. So machen Accessoires bei Valentino heute rund 34 Prozent des Gesamtumsatzes aus, der sich im Jahr 2012 auf 392 Millionen Euro belief. Da trifft es sich gut, dass sich die beiden Modedesigner zehn Jahre lang, bevor sie die Chefposten antraten, ausschließlich auf die Accessoires des Hauses konzentriert hatten. Vor diesem Hintergrund hauchen sie nun also der Mode neuen Wert ein: „Alles, was Pierpaolo und ich machen, muss besonders sein“, sagt Chiuri. „Wir sind besessen vom Ikonischen.“
„Geh‘ zum Bahnhof und hol‘ ihn ab!“
Die beiden sprechen stets von sich im Plural. Wer weiß, ob einer alleine die Mammutaufgabe, eine Gegenwart für Valentino zu finden, jemals hätte angehen können. Dass sie sich gefunden haben, verdanken sie ironischerweise einem anderen Designer, der es ebenfalls bis in die Couture gebracht hat, der also ein Konkurrent sein könnte, wäre er nicht ein so guter Freund. Es ist Giambattista Valli, der jetzt in Paris lebt, ebenfalls in der Abendmode zu Hause ist und, genau wie die beiden, aus Rom stammt. „Giambattista und ich kennen uns, seit wir 18 Jahre alt sind“, sagt Chiuri. „Wir waren sogar auf demselben Gymnasium. Der Bruder von Giambattista war ein sehr guter Freund von einem meiner Freunde.“
Giambattista Valli war damals auch mit Piccioli befreundet. „Ich habe dann irgendwann angefangen in Florenz zu arbeiten“, sagt Chiuri. Valli sei zu der Zeit ebenfalls in der Stadt gewesen. Eines Abends, es stand ein Feuerwerk an, sollte ein gewisser Pierpaolo Piccioli aus Rom dazustoßen. „Aber Giambattista vergaß, dass er Pierpaolo vom Bahnhof hätte abholen sollen. Er rief mich an und sagte ,Maria Grazia, dieser gute Freund von mir kommt nachher an. Ich bin noch in einer anderen Stadt, auf einer anderen Feier’“, erzählt Chiuri und lacht. Damals gab es für sie weniger Meetings und mehr Partys. Chiuri machte sich also auf zum Bahnhof und begrüßte den Gast mit einem Schild in der Hand mit der Aufschrift: „Pierpaolo“.
Damals arbeitete Chiuri bei dem kleinen Label Chiara Boni, anschließend ging es zu Fendi. Da begegneten sich die beiden dann auch beruflich, bevor sie schließlich gemeinsam zu Valentino wechselten, um eine Accessoire-Linie aufzubauen, die dem Couture-Charakter des Hauses nicht widersprechen sollte. „Von Anfang an ging es nicht darum“, sagt Piccioli, „ein Logo oder Monogramm auf den Accessoires zu platzieren.“
Jeans nicht länger verboten
Das war vor 15 Jahren. Beide waren also damals erst Anfang, Mitte Dreißig und erstaunlich selbstbewusst. „Die anderen im Haus waren sehr überrascht, wie entspannt wir mit Valentino umgegangen sind“, erinnert sich Chiuri- schließlich trägt ein Film über den Modemacher aus dem Jahr 2008 den passenden Titel „Valentino – The last emperor“. Die anderen hätten gesagt: „Wie bitte, so sprecht ihr mit Valentino?“ Chiuri entgegnete dann: „Gut, er fragt mich nach meiner Meinung, da kann ich ihm doch ehrlich antworten.“ Der Modemacher sei darüber damals vor allem erfreut und weniger überrascht gewesen. „Er hat zuvor noch niemanden so ehrlich erlebt“, sagt sie. „Die allgemeine Haltung im Haus war, alles zu loben.“
Eine lockere Haltung hielt Einzug, als Piccioli und Chiuri das Zepter übernahmen. Jeans unter den Mitarbeitern waren nicht länger verboten. Die beiden brachten einen zweiten Schreibtisch mit. Hier hat nicht etwa jeder sein eigenes Büro. Nein, in das museal anmutende Zimmer von Garavani zogen einfach beide zusammen. „Viel haben wir gar nicht verändert“, sagt Chiuri, deren Schreibtisch etwas unordentlicher wirkt als der ihres Designpartners direkt gegenüber. Darauf verstreut sind: ein Foto einer Blondinen an einer Bar, ein kleiner Boxer mit einer Valentino-Hundeleine um den Hals, ein noch nicht ausgepacktes iPad. Auf dem Computerbildschirm ist die Startseite der Modeplattform „style.com“ geöffnet. Ein zweites richtiges Telefon im Büro brauchen sie nicht: Die beiden teilen sich einfach einen Hörer, so wie eben ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Karriere. Wenn Kollegen im Haus über das Duo sprechen, dann sagen sie einfach MGPP, damit sind gleich beide gemeint.
Man braucht eine Vision
„Man braucht eine Vision“, sagt Chiuri. „Manchmal ist einer penibler und einer spontaner, mal ist es andersherum. Da gibt es keine Regel. Es ist nur wichtig, dass man auf diese Weise gut reflektieren kann. Wenn man allein ist, dann bedeutet es doch auch, dass man allein ist mit seinen Gedanken. Das zwischen uns ist eine ziemlich lange Beziehung – also keine Beziehung in dem Sinne“, sagt sie und lacht. Überhaupt lacht Maria Grazia Chiuri viel. Die beiden sind Freunde, aber jeder hat seine eigene Familie.
Maria Grazia ist verheiratet, hat zwei Kinder im späten Teenageralter, ein Mädchen, einen Jungen, und wohnt mit ihnen in der Nähe des schönen Parks Doria Pamphili im Westen von Rom. Gemeinsam mit ihrer Tochter geht sie dort regelmäßig joggen. Pierpaolo, ebenfalls verheiratet, hat drei Kinder, Stella, Pietro und Benedetta, und wohnt an dem beinahe noch schöneren Küstenort Anzio südlich von Rom, der sich auch gut zum Laufen eignet. Einen Personal Trainer teilen sich beide trotzdem zusätzlich. „Bevor wir hier im Büro mit der Arbeit beginnen“, sagt Chiuri, „machen wir jeden Morgen eine Stunde zusammen Sport.“ Immer stemmen sie Gewichte, die Ausdauer trainieren sie ja am Wochenende beim Joggen. Zum Abendessen versuchen sie, wieder zu Hause zu sein. „Als uns die Position der Chefdesigner angeboten wurde, war ich besorgt“, erinnert sich Chiuri. Piccioli dagegen war vor allem froh: Das sei doch die Chance ihres Lebens! „Aber ich bin eine Frau, die sich auch um die Familie zu kümmern hat.“ Also dachte sie sich: „Ich arbeite schon viel, jetzt soll ich noch mehr arbeiten?“ Mittlerweile sieht die Lage besser aus, weil ihre Kinder beinahe erwachsen sind. „Aber vor fünf Jahren war das noch ganz anders.“
Selbst süchtig nach Mode
Jetzt hat sie also auch mal Zeit, um etwa in einem Restaurant in Paris, wie neulich zufällig, auf Nicolas Ghesquière, den ehemaligen Designer von Balenciaga, zu treffen. Von ihm habe sie einige Stücke im Schrank liegen. Falls er also sein eigenes Label aufbauen sollte: „Auf mich kann er zählen. Ich bin eine gute Kundin. Pierpaolo und ich sind ein bisschen süchtig nach Mode. Wenn wir etwas sehen, was uns gefällt, dann müssen wir es haben. Wenn man Mode mag, dann will man sie schließlich auch kaufen.“ Denn Mode sagt viel über ihre Zeit aus. „Sie hilft uns, die Gesellschaft besser zu verstehen. Jedes Stück meiner Sammlung steht für die Erinnerung an einen bestimmten Moment.“
Ein besonderer Moment, der sich in einem Kleid wiederfindet: Als Chiuri und Piccioli vor 15 Jahren bei Valentino anfingen, brauchte die Designerin schnell ein Kleid. Das Couture-Atelier schneiderte ihr ein schlichtes schwarzes Stück. „Ich liebe die Proportionen, es ist so einfach und trotzdem so perfekt.“ Während Maria Grazia erzählt und in Gedanken ein Stockwerk höher ist, bei den Schneiderinnen, sind die wiederum an diesem Montagnachmittag dabei, von einer Vorlage zu arbeiten. Eine Braut ist darauf abgebildet, darüber steht in schwarzer Schreibschrift „HRH di Svezia“. Hier wird das Hochzeitskleid von Prinzessin Madeleine von Schweden gefertigt. Verantwortlich dafür sind ausnahmsweise nicht die beiden, sondern der immer noch werbewirksamere Valentino persönlich. Bei der Hochzeit wird er unter den Gästen in der Stockholmer Kirche sitzen und zufrieden lächeln. Das Kleid ist weiß, klar. Und es ist aus Spitze.
