
Wodka, Pelmeni, Borschtsch, Schinken und ein bisschen Nostalgie – in Frankfurt bieten fast ein Dutzend Läden russische Waren an. Allein im Ostend gibt es drei Geschäfte.
Zwei riesige Matroschkas schauen aus dem Schaufenster auf die Straße. Die bunten Holzpuppen sind der Blickfang des „Arina“, eines russischen Geschäfts an der Hölderlinstraße in der Nähe des Zoos. „Dobriy den“ – „guten Tag“, begrüßt Irina Titova ihre Kunden und lächelt freundlich, schließlich kennt sie fast alle persönlich. Den kleinen Laden, der nach Puschkins Kinderfrau benannt ist, gibt es seit 1998. Vor allem in den ersten Jahren war ein Besuch dort für viele Menschen, die in den neunziger Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Frankfurt gekommen waren und kaum Deutsch sprachen, geradezu ein kulturelles Ereignis. Kaum eine Kundin kam ungeschminkt oder unfrisiert ins „Arina“, die meisten machten sich vor dem Einkauf hübsch, weil sie wussten, dass sie viele Freunde und Bekannte treffen und alle möglichen Neuigkeiten austauschen würden.
Rechts neben der Eingangstür hängt bis heute die blaue Anschlagtafel mit allerlei Anzeigen und Nachrichten: Jemand sucht eine neue Wohnung, ein anderer will ein altes Rad verkaufen, ein Dritter bietet an, im Urlaub auf eine Katze aufzupassen.
„Das ist ein Relikt aus unserer Vergangenheit“, sagt Irina Titova. „Heute haben sich die Russen an die deutsche Kultur und an das deutsche Essen gewöhnt.“ Den Laden als Treffpunkt und die Anschlagtafel als zentrales Kommunikations- und Informationsmittel braucht heute kaum noch jemand. Die Kinder der russischen Immigranten sind groß geworden, haben Deutsch gelernt und sich in die deutsche Gesellschaft integriert. Der Geschmack der traditionellen Rote-Bete-Suppe Borschtsch oder von Pelmeni-Teigtaschen ruft bei ihnen keine nostalgischen Gefühle mehr hervor.
„Kultur in Familien erhalten“
Doch ab und zu kommen sie alle trotzdem in Scharen ins „Arina“. Zum Beispiel in den Tagen vor Silvester oder zu anderen Festtagen. Dann gehen vor allem Wodka und roter Kaviar über die Ladentheke, denn eine russische Feier ohne diese beiden Klassiker auf dem festlich gedeckten Tisch ist schlichtweg unvorstellbar. Doch das Geschäft von Irina Titova, ihrem Mann Egor und dem Rest der Familie hat nicht nur Lebensmittel aus der fernen Heimat im Angebot. Im Laufe der Jahre sind viele weitere Waren hinzugekommen. Inzwischen gibt es beispielsweise auch Kinderbücher. „Die russischen Mütter wollen die eigene Kultur in ihren Familien erhalten“, erklärt Irina Titova die Nachfrage und deutet auf ein Russisch-Lehrbuch und das Märchenbuch „Mascha und der Bär“.
Nur ein paar Schritte entfernt vom „Arina“ wirbt ein weiteres russisches Geschäft um Kunden. Das „Universam“ direkt am Eingang der Zoo-Passage ist vor vier Jahren eröffnet worden und hat ebenfalls seinen besonderen Charme. In den Regalen stehen Fässchen mit Sauerkohl und schwach gesalzenen Gurken mit ihrem unverwechselbaren Aroma. Nebenan liegt frischer Fisch. Der hat dem Geschäft viele Stammkunden gebracht. Wenn eine Lieferung ankommt, ist schon nach ein paar Stunden alles ausverkauft. „Heute morgen zum Beispiel reichte die Schlange bis auf die Straße“, sagt Marat Zaybert, der Inhaber des „Universam“.
Bei ihm kaufen nicht mehr nur Russen, sondern auch viele Deutsche Essen und Getränke aus Russland ein. Bei ihnen ist vor allem geräucherte Wurst und Schinken nach russischer Art sehr beliebt. „Das ist etwas für Leute, die traditionelles Fleisch der Bioware vorziehen“, sagt Zaybert und lächelt. Die Rentnerin an seiner Kasse hat allerdings nur Quark und Kekse in ihrem Korb. Sie sei 72 Jahre alt, sagt sie, und komme trotz ihres Alters jeden Montag zum „Universam“. Hier kann sie günstig einkaufen, und außerdem macht es ihr viel Spaß, die russischen Beschreibungen der Lebensmittel zu lesen, wie sie lächelnd erzählt.
15.000 Russen in Frankfurt
Ganz in der Nähe gibt es schließlich noch eine dritte Einkaufsmöglichkeit für die russische Kundschaft. Der „Nahkauf“-Laden an der Saalburgallee ist in russischen Zeitschriften wie „Torgoviy centr“ (das Kaufhaus) schon oft erwähnt und immer wieder für sein Angebot gelobt worden. Er liegt ganz in der Nähe eines Seniorenheims und eines russisch-jüdischen Wohnheims. Deren Bewohner sind häufige Kunden in dem Geschäft. Die Inhaber-Familie, die Olschanskys, legt großen Wert auf Service und liefert ihre Waren sogar zu den Kunden nach Hause.
Außerdem lockt das Geschäft mit einer Besonderheit: Es ist auch sonntags und an Feiertagen geöffnet. Im Vergleich zu den beiden anderen russischen Läden ist das Sortiment inzwischen aber sehr gemischt: Es gibt nicht mehr nur russische Lebensmittel, sondern auch ukrainische, koschere und deutsche Produkte.
In Frankfurt leben inzwischen mehr als 15.000 Russen – für eine ausreichende Nachfrage bei „Arina“, „Universam“ und „Nahkauf“ ist also gesorgt. Aber auch jenseits dieser drei Geschäfte finden Zuwanderer und Reisende aus dem Osten viele Einkaufsmöglichkeiten. Insgesamt gibt es fast ein Dutzend Läden in Frankfurt, in denen russische Waren verkauft werden – und immer auch ein Stückchen Heimat.
