
Eine Pilzerkrankung, mit der deutsche Winzer gerade zu kämpfen haben, macht auch vor den nördlichsten Reben des Landes nicht halt.
In diesem Jahr wird es nichts mit der Lese auf Deutschlands nördlichstem Weinberg, der in Hamburg am Stintfang liegt, mit Blick auf den Hafen der Stadt. Schuld daran ist eine schlimme Pilzerkrankung mit dem schönen Namen Peronospora, mit der die Winzer in ganz Deutschland zu kämpfen haben. Alle Weintrauben an den 100 Rebstöcken oberhalb der Landungsbrücken in St. Pauli sind schwarz und vertrocknet.
Im Jahr 1996 war die Hamburger Bürgerschaft unter die Winzer gegangen. Der Anlass dafür war seinerzeit ein Jubiläum: Zum zehnten Mal gastierte das „Stuttgarter Weindorf“ auf dem Hamburger Rathausmarkt. Da entstand die Idee, einen Weinberg zu stiften. Zunächst wurden als Gastgeschenk aus Stuttgart 70 Rebstöcke gepflanzt, vor einigen Jahren wurde auf 100 erhöht. Die Trauben werden normalerweise auch in Stuttgart gekeltert.
So kam es zum „Hamburger Stintfang Cuvee“. Zwei Sorten Reben gibt es: Regent (rot) und Phönix (weiß). In guten Jahren reicht die Ernte für etwa 50 Flaschen mit 0,375 Liter Inhalt. Vertrieben wird der Wein nicht. Er ist besonderen Gästen im Rathaus vorbehalten – als Geschenk. Der Wein, so heißt es, schmecke „leicht und trocken, säurebetont und entsprechend der meernahen Lage auch etwas würzig“.
Vermutlich hat der Wein, der früher im Norden Deutschlands angebaut wurde, ähnlich geschmeckt, vielleicht sogar noch saurer. Während einer Warmphase im Mittelalter wuchsen nämlich in Schleswig-Holstein Reben. Die Reichen bevorzugten aber schon damals italienischen Wein. Seit der „Kleinen Eiszeit“ im 16. Jahrhundert war es mit Weinanbau im Norden vorbei.
Nun gibt es wieder Versuche, und die Anbaufläche wächst langsam. 2009 hatte die Landesregierung von Schleswig-Holstein Pflanzrechte für zehn Hektar vom Land Rheinland-Pfalz erhalten und an interessierte Winzer vergeben. Unter anderem entstand auf Sylt ein kleines Rebenfeld. Auch in Mecklenburg gibt es mehrere kleine Weinberge in der Gegend um Neubrandenburg.
Mit der Lese in Hamburg klappt es freilich oft nicht richtig. In den Jahren 1997, 1999 und 2010 wurden Trauben gestohlen. 2010 war die Ernte über Nacht ganz weg. Ein Komplettausfall wegen einer Pilzerkrankung – das allerdings habe er als Weingärtner in den zurückliegenden 50 Jahren noch nie erlebt, sagte Fritz Currle, der als Winzer den kleinen Weinberg betreut. „Es ist schade, aber nicht zu ändern. So unterschiedlich regiert die Natur“, meinte Carola Veit (SPD). Sie muss es wissen: Als Präsidentin der Bürgerschaft ist sie auch so etwas wie die Hamburger Weinkönigin.
