Finanzen

Anleihekönig Gross laufen Untertanen davon

• Bookmarks: 24


Anleger ziehen Milliarden aus dem weltgrößten Rentenfonds von Pimco ab. Fondsmanager Gross kontert mit einer ungerührten Wette.

Anleger müssen sich möglicherweise jahrzehntelang auf niedrige Zinsen einstellen. Diese Ansicht vertrat Bill Gross, der Gründer der großen kalifornischen Fondsgesellschaft Pimco in seinem jüngsten und an der Wall Street in der Regel vielbeachteten Investmentausblick. „Derzeit rechnet der Markt damit, dass die amerikanischen Leitzinsen bis Ende 2015 um 1 Prozentpunkt steigen und bis Dezember 2016 noch mal um 1 Prozentpunkt darüber liegen. Wetten Sie dagegen“, schreibt Gross, der wegen seiner langjährigen Anlageerfolge an der Wall Street auch als „Anleihekönig“ bekannt ist und wie andere Finanzgurus durchaus die Märkte beeinflussen kann.

Pimco gehört zum deutschen Versicherer Allianz. Die amerikanischen Leitzinsen, die sogenannte Fed Funds Rate, tendieren seit der Finanzkrise vor fünf Jahren gegen null. An den Finanzmärkten war zuletzt damit gerechnet worden, dass die amerikanische Notenbank Fed von ihrer extrem lockeren Geldpolitik abrücken wird. Zur allgemeinen Überraschung hatte die Fed bei ihrer Sitzung Mitte September allerdings entschieden, die derzeitigen Anleihenkäufe unverändert beizubehalten.

Seine Wette ging in den vergangenen Monaten nicht auf

Die Notenbank erwirbt monatlich Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Wert von 85 Milliarden Dollar, um die langfristigen Zinsen niedrig zu halten und auf diese Weise die Konjunktur zu stimulieren. Nach der Entscheidung der Fed war die Rendite amerikanischer Staatsanleihen bis zuletzt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,61 Prozent gefallen. Die Preise von Anleihen bewegen sich gegenläufig zur Rendite. Für Anleger, die festverzinsliche Papiere nicht zwingend bis zur Endfälligkeit halten wollen, hat das bedeutende Konsequenzen. Bei steigenden Marktzinsen machen Anleihebesitzer nämlich Kursverluste.

Bei fallenden Marktzinsen machen sie dagegen Gewinne. Gross prognostiziert Anlegern für die kommenden Jahre nun Gewinne von 4 Prozent im Jahr, wenn sie auf Anleihen mit kürzerer Laufzeit sowie auf inflationsgeschützte Staatspapiere setzen. Seine Wette auf niedrige Zinsen war in den vergangenen Monaten allerdings nicht aufgegangen. Da der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke bei ausreichendem Wirtschaftswachstum eine mögliche Drosselung der Anleihenkäufe signalisiert hatte, waren die Renditen von Staatsanleihen deutlich gestiegen. Amerikanische Privatanleger zogen sich angesichts wachsender Kursverluste zunehmend aus Rentenfonds zurück.

„Wir wollen ja nicht prahlen, aber was haben wir Euch gesagt“

Den von Gross geleiteten Pimco Total Return, den größten Rentenfonds der Welt, hatte es besonders hart getroffen. Der Fonds hatte von Mai bis Ende August fast 42 Milliarden Dollar seines Anlagevolumens eingebüßt – eine Konsequenz kontinuierlicher Geldabflüsse und der schmerzhaften Kursverluste. Branchenstar Gross gehörte bis Ende August mit einem Verlust von 3,9 Prozent zu den Nachzüglern der Branche.

Im September holte er wegen seiner Wette auf eine anhaltend expansive Geldpolitik allerdings wieder auf. Der Fonds machte nach Angaben des Informationsdienstes Morningstar im September einen Gewinn von 1,8 Prozent und tummelte sich damit in der Spitzengruppe vergleichbarer Konkurrenten. Dennoch zogen Anleger auch im September weitere 5,4 Milliarden Dollar aus dem Total Return ab. Das insgesamt verwaltete Vermögen des Fonds beläuft sich aktuell auf 250 Milliarden Dollar. Als die Zinsentwicklung in den vergangenen Monaten gegen ihn lief, hatte Gross verzweifelt versucht, seine in Panik geratenen Anleger zu beruhigen.

Er sprach von einem Schiff in schwerer See und versicherte, dass Anlegern mit „Pimco am Ruder“ nichts passieren werde. Nach der jüngsten Zinsentscheidung der Fed klopfte sich Gross vor laufenden Fernsehkameras freudig selbst auf die Schulter. „Wir wollen ja nicht prahlen, aber was haben wir Euch gesagt“, schrieb der an der Wall Street omnipräsente Fondsmanager auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Gross interpretierte die Entscheidung der Fed auch als inoffizielle Stabübergabe von Bernanke an die derzeitige Vizevorsitzende der Notenbank, Janet Yellen. Diese gilt nach dem Rückzug des ehemaligen amerikanischen Finanzministers Lawrence Summers als aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge von Bernanke, dessen Vertrag Ende Januar ausläuft. Yellen hat den Ruf einer Verfechterin expansiver Geldpolitik. Auch deshalb rechnet Gross mit anhaltend niedrigen Leitzinsen. „Wir leben in einer Yellen-Welt“, resümiert er.