
Fünfzehn Jahre lang arbeitete er als Maßschneider im Stuttgarter Nobelkaufhaus Breuninger – jetzt wagt Oliver Rauschmeyer den Sprung in den neuen Store in Düsseldorf. Ein Gespräch zum Umzug.
Herr Rauschmayer, als Maßschneider haben Sie 15 Jahre lang im Stuttgarter Breuninger gearbeitet. Jetzt sind Sie nach Düsseldorf umgezogen. Wissen Sie, was man unter einer Düsseldorfer Länge versteht?
Die Hosenlänge. Das bedeutet, dass sie in der Regel sehr kurz ist. Aber in Stuttgart sind die Hosen auch schon sehr kurz.
Aha, ist das gerade ein größerer Trend?
Ja, das Bein und die Fußweite sind eng, und dazu ist die Länge der Hose kurz.
Was muss man noch wissen, wenn man als Maßschneider nach Düsseldorf zieht?
Man muss wissen, dass die Kunden extrovertierter sind. Rheinländer sind sehr direkt und zeigen gerne, was sie haben, Schwaben sind dagegen eher zurückhaltender. Und Düsseldorf ist immer noch die Modestadt, das merkt man hier an jeder Ecke.
Stimmt, die Schwaben sind ja dafür bekannt, ihren Besitz ungern zur Schau zu stellen. Ziehen Sie deshalb um?
Nein, ich bin Schwabe und habe mich in Stuttgart sehr wohl gefühlt. Die Herausforderung, die Maßabteilung eines komplett neuen Hauses aufzubauen und mein Wissen des Maßes an die Düsseldorfer Kunden zu bringen, reizt mich.
Wie ist das als Maßschneider in einem Kaufhaus, hat man da auch Stammkunden?
Ja, es gibt sehr viele Stammkunden, die großen Wert auf die persönliche Beratung legen.
Was glauben Sie, was schätzen die wohl an Ihnen?
Ich bin sehr genau und sage dem Kunden ehrlich, ob ein Anzug passt. Dazu gehört dann auch, offen zu sagen, wenn ein Schnitt zum Beispiel nicht ideal ist.
Was erlebt man in 15 Jahren als Maßschneider im selben Kaufhaus?
Man erlebt sehr viele persönliche Geschichten, die im Leben der Kunden passieren. Die werden dann auch erzählt. Dem Schneider erzählt man oft fast alles.
Wie dem Frisör?
Richtig, man kennt den Kunden und seine Maße ja ganz genau. Somit auch seine Problemzonen. Absolut wichtig in meiner Arbeit ist dabei Diskretion. Was Kunden mir erzählen, bleibt auch bei mir, das ist so ein wenig wie beim Arzt und hat viel mit Vertrauen zu tun. Viele Kunden, die ich seit Jahren kenne, kommen jetzt extra nach Düsseldorf.
Ach, wirklich?
Am Donnerstag haben wir ja eröffnet. Für diese Woche hatte sich dann schon der erste Stammkunde hier in Düsseldorf angekündigt, der zweimal im Jahr eine neue Kombination bestellt, einen Anzug und dazu ein Hemd.
Düsseldorf ist ein beliebtes Shoppingziel für ausländische Kunden. Wie sind Sie darauf vorbereitet?
Ich spreche gut Englisch und habe schon in Stuttgart etliche internationale Kunden beraten. Aber auch einen Anzug auf Französisch zu verkaufen ist für mich kein Problem.
Inwiefern haben sich denn die Schnitte in der Herrenmode in den vergangenen 15 Jahren verändert?
In den vergangenen Jahren ist die Mode viel körperbetonter und schmaler geworden. Sowohl die Sakkolänge als auch die der Hose ist kürzer geworden.
Maßschneiderei wird für viele modebewusste Herren immer wichtiger. Haben Sie das auch schon bemerkt?
Es gibt sehr gute Konfektionsware, aber die Originalität ist nur über die Maßkonfektion machbar. Nur so bekommt man genau den Anzug, den man haben möchte, der auf eine bestimmte Figur angepasst ist, mit dem passenden Futter, dem Stoff, der Knopfstellung.
Warum wird diese gesteigerte Originalität für viele Kunden immer wichtiger?
Sie legen mehr Wert auf die äußere Erscheinung, auf das Auftreten, darauf, optimal angezogen zu sein. Zudem gibt es immer mehr Kunden, die den handwerklich gefertigten Anzug dem industriell gefertigten vorziehen. Der Anspruch an einen richtig passenden Anzug, der an der Schulter nicht zu breit ist, dessen Ärmel nicht ständig zu kurz oder zu lang sind, wächst dabei parallel. Es gibt viele Männer, die frustriert sind, weil sie nichts mehr finden, was fertig von der Stange kommt und zugleich passt. Männer bekommen einen immer besseren Blick dafür, auf was sie überhaupt achten müssen.
Das müssen nicht mehr die Frauen machen?
Frauen spielen immer noch eine wichtige Rolle bei der Kleidungswahl ihrer Männer und kommen mit ins Maßatelier. Aber Männer kommen ebenso oft alleine zur Anprobe.
Sind sie auch mal zu zweit da, mit dem Kumpel?
Ja, die bringen ihren Freund mit. Der kann nur als Berater dabei sein oder sich plötzlich auch einen Anzug machen lassen wollen, was mich dann natürlich besonders freut.
