
Sind die Lehrbücher für das Biologiestudium gut genug? Ein amerikanischer Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass sie nur darauf zugeschnitten sind, was künftige Ärzte wissen müssen.
Beinahe zärtlich klingen die Kurznamen, die Studenten ihren Standardlehrbüchern geben: Der „kleine Alberts“, der „große Alberts“, der „Campbell“ – unter Biologie-, Biochemie- oder anderen Studenten der Lebenswissenschaften sind das die Klassiker, nicht wegzudenken aus den Regalen des WG-Zimmers während der ersten Semester. Unter Medizinstudenten ist eher die Rede vom „kleinen Löffler“ oder dem „großen Schmidt-Thews“, allerdings nicht mit weniger Wärme und Zugewandtheit in der Stimme. Es ist eine Leidenschaft, die oft mit dem von der Fachschaft organisierten „Bücherfrühstück“ in der allerersten Semesterwoche und den hier erhaltenen Tipps beginnt und in den Folgejahren dann auch mal dazu dient, sich eine geheimnisvolle Aura oder den Ruf eines besonders schlauen Kopfes unter den Kommilitonen zuzulegen.
Ein amerikanisches Problem?
Die bewusst zur Schau getragenen Lernstile reichen vom elitären „Ich steige nur durch den Stoff, wenn ich den großen Schmidt-Thews ganz lese“ bis zum „Ich lerne nur mit meiner eigenen Vorlesungsmitschrift, das genügt mir vollauf“, das den Sprecher als genialen Puristen ausweisen soll. Wer wirklich die beste Strategie hat, bleibt am Ende offen. In den Vereinigten Staaten hat nun der Evolutionsbiologe Steve Rissing von der Ohio State University in der Fachzeitschrift „CBE–Life Sciences Education“ am Beispiel von Biologiebüchern analysiert, was es wirklich mit der Qualität der Standardlehrwerke in den Naturwissenschaften auf sich hat. Er kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis: Die gängigen Bücher für Collegestudenten blenden aus, dass längst nicht alle Lernenden einmal Arzt werden wollen. Egal, ob sie sich an Bachelorstudenten im Fach Biologie, Medizinstudenten oder Studenten ganz anderer Fachbereiche wenden, stets folgt man eng den Empfehlungen der Association of American Medical Colleges.
In Deutschland ist dieses Problem wohl nicht derart ausgeprägt, trennen sich doch die Ausbildungswege nach dem Abitur völlig. Der Biologiestudent kann sich auch Pflanzensektionen widmen, während künftige Mediziner sofort in die menschliche Anatomie einsteigen. Für die Vereinigten Staaten sieht Rissing aber gewaltigen Verbesserungsbedarf, vor allem, was die Studenten angeht, die später keine Naturwissenschaftler werden, sondern nur einen einzigen Kurs in „Science“ belegen müssen, um ihren Collegeabschluss zu schaffen: „Sie lernen eine Menge über Zellteilung aus den Büchern, obwohl sie eigentlich etwas über personalisierte Medizin, Evolution und den Klimawandel wissen sollten“, kritisiert Rissing. Sein Fazit ist: „Wir brauchen eine Biologieausbildung für Bürger und Wähler, nicht nur für zukünftige Ärzte.“
