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Strahlkraft nach Art des Hauses

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Der Ultrasone Edition 12 zeichnet Klangbilder von spektakulärer Tiefe und luftiger Leichtigkeit. Allerdings wirkt der Sound dieses Hörers manchmal wie ein mit Photoshop allzu geschöntes Foto.

No Comparison – kein Vergleich: Sollen wir den Aufdruck auf dem Verpackungskarton wörtlich nehmen und darauf verzichten, auch auf Referenzen zu hören? Jedenfalls registrieren wir eindrucksvolles Selbstbewusstsein des Herstellers, was sich auch im Preis ausdrückt: 1300 Euro verlangt der Händler für den Kopfhörer Edition 12 der bayerischen Marke Ultrasone. Aber das schockiert einen nicht wirklich, denn von der Edition-Baureihe des Herstellers ist man ambitionierte Tarife gewohnt: Das Modell Edition 10, ein Kopfhörer mit exquisiter Verarbeitung und Ausstattung, touchierte vor mehr als zwei Jahren gar die 2000-Euro-Grenze.

Die neue Edition 12 erinnert in vielen Details an das eindrucksvolle ältere Luxus-Modell: Auch dieser Hörer folgt den Prinzipien der offenen Bauweise, sein weicher, ledergepolsterter Bügel sitzt schwerelos, die solide, aus massivem Aluminium gefertigte Verstellmechanik rastet präzise ein und erweckt den Eindruck, sie könnte ihren Dienst auch noch in 20 Jahren zuverlässig verrichten. Im Detail gibt es ein paar Veränderungen gegenüber dem älteren Flaggschiff. So schmücken sich die in mattem Chrom schimmernden Hörkapseln mit einer Aluminium-Intarsie statt mit dem seinerzeit spektakulären Zierrat aus Zebrano-Holz. Und statt feiner Leder-Oberflächen haben die Ohrpolster der Edition 12 nun Bezüge aus profanerem Mikrofaser-Velours, was aber den Komfort nicht schmälert: Die weichen Polster sitzen perfekt, ihre kuscheligen Oberflächen tragen sich selbst nach stundenlangem Hören noch angenehm.

Die technischen Unterlagen des Hörers verraten einige Konstruktionsmerkmale, die schon von anderen Ultrasone-Modellen bekannt sind: Auch in der Edition 12 hat der Hersteller die Schallwandler mit ihren 40 Millimeter großen Membranen asymmetrisch angeordnet, um das spezifische Reflexionsverhalten der Ohrmuscheln möglichst gut zu nutzen. Denn die Geometrie des Außenohrs hat entscheidenden Einfluss auf die Fähigkeit des Gehörs, Richtungsinformationen zu identifizieren. Deshalb vermitteln typische Kopfhörer eine andere Raumperspektive als Lautsprecher: Der Schall scheint weniger von vorn zu kommen- das Klanggeschehen spielt sich eher an virtuellen Orten zwischen den Ohren ab. Die Fachleute nennen dieses Wahrnehmungsphänomen „Im-Kopf-Lokalisation“, und Ultrasone glaubt, dagegen probate Mittel gefunden zu haben.

Wir konnten die gewünschte Wirkung nachvollziehen: Tatsächlich zeichnet die Edition 12 Klangbilder von so spektakulärer Tiefe und so luftiger Leichtigkeit wie kaum ein anderes Kopfhörer-Fabrikat. Die spezifische Klangbalance, ein weiteres Ultrasone-Markenzeichen, trägt auf ihre Weise zu diesem Eindruck bei: Der Hörer zeichnet den Hochtonbereich mit außergewöhnlicher Brillanz, und auch am anderen Ende des akustischen Spektrums agiert die Edition 12 extrem kraftvoll: Bässe knurren tiefschwarz, ohne je unkonturiert zu wirken.

Man kann über diese Philosophie streiten. Manchmal wirken spektakuläre Frische und wuchtige Basskraft dieses Hörers fast wie ein mit Photoshop allzu geschöntes Foto: Gehen Bläser und Streicher in einem Orchester wirklich mit so überbordendem Glanz zur Sache? Lauscht man dem Geschehen mit eher maßvollen Lautstärken, erweist sich die spezifische Ultrasone-Abstimmung oft geradezu als Glücksfall, denn sie zaubert noch Details ans Licht, die andere Hörgeräte unter diesen Bedingungen nicht mehr deutlich herausarbeiten. Mit hohen Pegeln und besonders brillanten Aufnahmen aber kann die Tugend gelegentlich auch zur Not werden. Bei allen Stärken der Edition 12: Wir empfehlen vor dem Kauf das Naheliegende – den Vergleich mit anderen Großen der Zunft.