
Biegsames Rückgrat und schlanke Beine: Das Bewegungswunder Gepard jagt damit sogar bei Mondschein.
Raubtiere auf der Jagd nach Beute müssen sportliche Höchstleistungen liefern. Doch was heißt das für ihren kleinsten Vertreter, das Mauswiesel, oder für die Großen, die Afrikas Steppengebiete bevölkern wie Löwe, Leopard, Gepard oder Windhund? Drei Forschergruppen haben nun das Jagdverhalten der Raubtiere näher untersucht und dabei überraschende Beobachtungen machen können.
Dass Wildhunde und Geparde etwa gerne bei Mondschein jagen, haben Wissenschaftler um Gabriele Cozzi von der Universität Zürich und Femke Broekhuis von der Oxford University bei einem Forschungsaufenthalt in Botswana herausgefunden (“Ecology“, Bd. 93, S. 2590). Diese flinken, aber eher grazil gebauten Raubtiere galten bisher als hauptsächlich tagaktiv. Nach gängiger Ansicht sollten sie die Dunkelheit strikt meiden, um stärkeren Konkurrenten nicht in die Quere zu kommen. Im Okavango-Delta zum Beispiel, einem einzigartigen Mosaik aus Sumpf und Steppe nördlich der Kalahari, leben Wildhunde und Geparde in enger Nachbarschaft mit Löwen und Gefleckten Hyänen. Alle vier haben es dort auf ein ähnliches Sortiment von Beutetieren abgesehen.
Den Tag zur Nacht gemacht
Um den verschiedenartigen Raubtieren rund um die Uhr auf der Spur bleiben zu können, bestückten die Forscher jeweils einige mit kleinen Sendern und Bewegungssensoren. Diese lieferten bis zu zwanzig Monate lang kontinuierlich Informationen über ihre Träger und ergänzten so die unmittelbaren Beobachtungen. Dass Löwen und Hyänen vor allem nachts auf die Pirsch gehen, bestätigte sich. Die Löwen suchen sich tagsüber ein schattiges Plätzchen, um ausgiebig auszuruhen. Hyänen verkriechen sich in ihren Bau, der auch als Kinderstube dient. Wildhund und Gepard sind dagegen auch noch lange nach Sonnenaufgang aktiv. Selbst in der Mittagshitze, wenn sich Löwen und Hyänen nicht aus der Reserve locken lassen, stellen sie bisweilen ihrer Beute nach. Ob sie sich dafür in der Nacht Ruhe gönnen, kommt auf die Mondphase an. Wenn der Mond kaum Licht ins Dunkel bringt, überlassen Wildhund und Gepard das Terrain tatsächlich den Löwen und Hyänen. Bei hellem Mondschein werden sie jedoch munter. Etwa 40 Prozent der täglichen Aktivität verlagern sich dann auf die Nachtstunden.
Die unleidliche Konkurrenz
Sich unbemerkt anzuschleichen ist nachts zweifellos einfacher als am helllichten Tag. Allerdings sind Wildhund und Gepard auf halbwegs gute Sicht angewiesen, denn bei der Jagd setzen sie auf Schnelligkeit. Wildhunde hetzen ihre Beutetiere mit einer Geschwindigkeit von bis zu sechzig Kilometern pro Stunde. Geparde können sogar auf mehr als hundert Kilometer pro Stunde beschleunigen. Dabei gilt es, die Füße präzise zu plazieren, um fatale Fehltritte zu vermeiden. Dass in Vollmondnächten auch Löwen und Hyänen unterwegs sind, müssen die flinken Jäger in Kauf nehmen. Stets auf der Hut, gehen sie den gefährlichen Nachbarn weiträumig aus dem Weg.
Der Wildhund ist ein geborener Langstreckenläufer. Der Gepard versucht dagegen, seine Beute möglichst schnell einzuholen. Zuverlässige Messungen in freier Wildbahn ergaben, dass er in knapp sieben Sekunden zweihundert Meter zurücklegen kann. Für diese Strecke braucht selbst ein Usain Bolt mehr als 19 Sekunden. Vierbeiner bleiben ebenfalls weit abgeschlagen hinter dem schnellsten Säugetier zurück. Und das, obwohl sich Hundezüchter große Mühe gegeben haben, Windhunden wie den Greyhounds die Statur eines Gepards zu verleihen. Warum die eleganten Raubkatzen trotzdem viel flinker sind, haben Perry Hudson, Sandra Corr und Alan Wilson von der University of London versucht herauszufinden (“The Journal of Experimental Biology“, Bd. 215, S. 2425).
Windhunde hecheln hinterher
Sie ließen Geparde aus dem Zoo und Greyhounds, die vor kurzem noch Rennen bestritten hatten, über Kraftplattformen sprinten. Um die Probanden auf Trab zu bringen, wurde ein verlockender Happen Huhn maschinell über die Laufbahn gezogen. Zunächst fiel auf, dass beide Läufer ihr Körpergewicht mit zunehmender Geschwindigkeit mehr und mehr auf die Hinterbeine verlagerten. Die Belastung der Vorderbeine änderte sich kaum, während die Hinterbeine zunehmend größere Stoßkräfte auffangen mussten. Allerdings stützen sich die Geparde stets weniger auf ihre Vorderbeine als die Windhunde. Schließlich müssen sie jederzeit mit einer Tatze nach der Beute schlagen können, ohne dabei aus dem Tritt zu kommen. Hunde packen ihr Opfer dagegen mit den Zähnen, während die Pfoten für sicheren Stand sorgen.
Der perfekte Laufstil
Die wettkampferprobten Greyhounds legten bis zu 19 Meter pro Sekunde zurück, wie von den Besten dieser Hunderasse zu erwarten. Zur Enttäuschung von Hudson und Corr liefen die Geparde nicht ganz so schnell. Wahrscheinlich war das Lauftraining zwar eine willkommene Abwechslung für sie, aber doch kein Grund, sich übermäßig ins Zeug zu legen. Geparde, die seit Generationen im Zoo leben, sind wohl weniger versiert und motiviert als ihre Verwandten, die in der afrikanischen Steppe Beutetieren hinterherjagen. Dennoch geben sie Hinweise darauf, was solche Raubkatzen für Spitzenleistungen prädestiniert: Dank langer Beine und einem besonders biegsamen Rückgrat können sie mit einer geringen Schrittfrequenz auskommen. Bei einer Geschwindigkeit von 32 Kilometer pro Stunde – für Geparde ein gemächliches Tempo – machen sie im Durchschnitt nur zwei Schritte pro Sekunde. Wenn Windhunde ebenso schnell rannten, waren sie durchschnittlich schon bei 3,5 Schritten pro Sekunde angelangt. Höher wurde die Schrittfrequenz der Greyhounds auch dann nicht, wenn sie ihre Geschwindigkeit verdoppelten. Die Geparde steigerten sich bei diesem Tempo dagegen auf durchschnittlich drei Schritte pro Sekunde, zwischendurch waren es auch mal vier. Mit schnelleren und längeren Schritten hätten die wohlgenährten Zootiere durchaus noch einen Gang zulegen können.
Der Kleinste unter den Jägern
In einer ganz anderen Liga spielt das Mauswiesel, das kleinste aller Raubtiere. Wieselflink zu sein hat seinen Preis. Ob in Bewegung oder ruhend, Mauswiesel müssen mehr Stoffwechselenergie aufbringen als bei Säugetieren ihrer Größenordnung sonst üblich. Das haben Wissenschaftler um Mark A. Chappell von der University of California in Riverside kürzlich herausgefunden. Seit Jahren studieren sie in der Umgebung des Städtchens Bialowieza – bekannt durch den gleichnamigen Nationalpark – freilebende Mauswiesel. Um ihre Forschungsobjekte nach Belieben orten zu können, bestückten sie einige mit Sendern. Andere wurden zeitweilig im Labor einquartiert. Dort ließ sich in entsprechend konstruierten Laufrädern der Sauerstoffbedarf messen.
Meister im Energie sparen
Selbst wenn die Mauswiesel keinen Fuß vor den anderen setzten, benötigten sie etwa doppelt so viel Sauerstoff wie andere Säugetiere (“The Journal of Experimental Biology“, Bd. 216, S. 578). Kein Wunder, denn auffallend lang und schlank, verlieren sie über ihre relativ große Oberfläche mehr Körperwärme als kompakter gebaute Tiere. Zumal sie sich, um mühelos in jedes Mauseloch schlüpfen zu können, keine isolierende Fettschicht zulegen dürfen. Mauswiesel müssen deshalb auch in Ruhephasen außergewöhnlich viel Sauerstoff dazu verwenden, Stoffwechselenergie in Wärme umzuwandeln.
Bei Bedarf können sie ihre Atmung trotzdem um das Neunfache steigern, so wie andere kleine Säugetiere auch. Ihr Bewegungsdrang hält sich allerdings in Grenzen. Die mit Sendern ausgestatteten Mauswiesel streiften pro Tag durchschnittlich nur etwa zwei Kilometer umher. Artgenossen, die in ein Laufrad gesperrt wurden, legten ungefähr dieselbe Strecke zurück. Dagegen laufen Mäuse und andere kleine Nagetiere oft mehrfach so weit und lassen sich auch viel leichter zum Losrennen animieren. Anscheinend können die Mauswiesel ihren hohen Energieumsatz durch eine besonders effiziente Jagdtechnik kompensieren.
