
Aus einem Lagerfeuer wurde im August in Kalifornien ein riesiger Waldbrand. Es wird Jahrzehnte dauern, bis der Yosemite-Nationalpark sich davon erholt hat. Eine Ortsbegehung.
Brian Anderluh kann es noch immer nicht fassen. Bis auf weniger als 50 Meter sei der Waldbrand seinem Hotel nahegekommen. Riesige Kiefern standen als gleißende Fackeln lodernd in Flammen. Die Feuerwehrleute hätten das Wasser aus dem Schwimmbecken gepumpt und auf die Dächer der Hütten der weitläufigen Hotelanlage gespritzt. Immer wieder mussten seine Mitarbeiter mit Schaufeln und Decken kleine, durch Funkenflug entstandene Nebenbrände löschen.
Wer heute zur Evergreen Lodge, einem 90 Jahre alten rustikalen Hotel am Rande des Yosemite-Nationalparks in Kalifornien, will, muss durch eine tote Landschaft fahren. An manchen Stellen sieht man nur noch schwarz-braunen Boden. Das Schwarz ist die Farbe von Holzkohle zu der die Bäume im Feuer zerfielen, dunkelbraun wurde die Erde, nachdem alle brennbaren Stoffe im Humus bei Temperaturen von mehr als 100 Grad verglühten. Anderswo recken sich nur noch die schwarz verkohlten Stämme in den blauen kalifornischen Himmel. Die Äste, die Blätter, das Unterholz wurden ein Raub der Flammen.
Soweit das Auge reicht sieht man von den vielen Kurven entlang der einspurigen Straße zum Hotel keinen grünen Fleck mehr. Alles Chlorofyll, was zusammen mit dem Sonnenlicht den Pflanzen ihre Energie gab, ist verkocht. Lediglich die Evergreen Lodge überstand jenen verheerenden Waldbrand unversehrt, der mehr als drei Wochen lang im Vorgebirge der Sierra Nevada gewütet hatte. Anderluh wird den Einsatz der Feuerwehrleute nie vergessen. Ohne sie gäbe es sein historisches Hotel, das er vor 20 Jahren mit zwei Partnern gekauft und gründlich renoviert hatte, nicht mehr. Aber für die Urlauber, die noch Anfang August vom Hotel aus durch tiefgrüne Wälder in den Park wandern und in klaren Gebirgsbächen schwimmen konnten, gibt es jetzt nur noch wenige Anziehungspunkte. Außer den Geiern, die wie immer hoch über dem Besucher ihre Kreise ziehen, scheint im Moment alles Leben erloschen.
So wie in der Umgebung der Evergreen Lodge sieht es zur Zeit an vielen Stellen des Stanislaus Nationalforsts und im nordwestlichen Teil des Yosemite-Parks aus. Seit Mitte August hat dort das sogenannte Rim Fire gebrannt und sich trotz des Einsatzes von zeitweise mehr als 5000 Feuerwehrleuten zum größten Waldbrand der Geschichte in diesem Teil Kaliforniens entwickelt. Mehr als 1100 Quadratkilometer Wald- und Buschland – eine Fläche knapp halb so groß wie das Saarland – fielen dem Feuer zum Opfer. Dass sich der Brand auf einer derart großen Fläche ausdehnen konnte, hat mehrere Gründe. Im vergangenen Winter gab es in Zentralkalifornien weit weniger Niederschlag als im Durchschnitt und seit Mai hatte es überhaupt nicht mehr geregnet. Zudem war es in den Monaten Juli und August ungewöhnlich heiß. Das bisschen Feuchtigkeit, das noch in Wald und Boden zu finden war, verdampfte und schon im August wurden die Blätter vieler Eichen braun und fielen ab.
Diese Trockenheit allein hätte jenen Jäger, der am 17. August im Tal des kleinen Clavey Bachs östlich der Gemeinde Groveland auf die Pirsch ging, veranlassen sollen, besonders vorsichtig mit Feuer umzugehen. Obwohl im Sommer jegliche Lagerfeuer in kalifornischen Wäldern verboten sind, griff der Mann an diesem Tag gegen drei Uhr nachmittags zu Streichhölzern und zündete einige trockene Zweige an. Kurze Zeit später sahen Besucher, die am Aussichtspunkt „Rim of the World“ (Der Rand der Welt) an der Landstraße 120 angehalten hatten, dichte Rauchwolken aus dem Tal aufsteigen. Das Lagerfeuer war außer Kontrolle geraten und fand in dem schwer zugänglichen Gelände in der Nähe des Tuolumne-Flusses reichlich Nahrung.
Zwar hatte es in früheren Zeiten in dieser Gegend immer wieder Waldbrände gegeben, zuletzt das große „Stanislaus Complex Fire“ im Sommer 1987. Doch sowohl in den Staatsforsten Kaliforniens als auch in den großen Nationalparks der Sierra Nevada galt bis vor wenigen Jahren die Regel, jeden Waldbrand so schnell und so gründlich wie möglich zu bekämpfen. In den vergangenen Jahren sammelte sich in der Folge sehr viel Totholz auf dem Waldboden an, Unterholz und Gestrüpp konnten nahezu ungehindert wachsen. Gerade das tote Holz und der niedrige dichte Bewuchs sind für einen Waldbrand gefundenes Fressen. Wenn das Unterholz richtig Feuer fängt, lodern die Flammen hoch genug, um das Geäst und sogar die Kronen der großen Kiefern und Zedern, die es in diesem Gebiet zu Tausenden gibt, in Brand zu setzen. Weil das in den Bäumen enthaltene Harz und ihr Holz besonders heiß brennen, werden die Bäume auf diese Weise zu jenen lodernden Fackeln, die Anderluhs Hotel bedrohten. Der von dieser Hitze ausgehende Auftrieb der Luft und die hochreichenden Flammen erzeugen einen lokalen Feuersturm, der den Brand schnell auf benachbarte Baumbestände übergreifen lässt.
Obwohl den Forstwissenschaftlern mittlerweile klar geworden ist, dass die Wälder im amerikanischen Westen wegen der über Jahrzehnte betriebenen Unterdrückung von Waldbränden zu Pulverfässern geworden sind, bleibt den Feuerwehren meist nichts anderes übrig, als jeden neuen Brand sofort zu bekämpfen. „Wir können einen Waldbrand nicht einfach sich selbst überlassen“, sagt Ken Pimlott, der Leiter der kalifornischen Behörde für Forstwesen und Brandbekämpfung. Das Feuer würde dann zwar selbst den Wald von Gestrüpp und totem Holz reinigen. Weil aber inzwischen in den Waldgebieten viele Wohnhäuser und Gewerbebetriebe stehen, sei das Risiko zu groß, dass Menschen und ihr Hab und Gut dabei zu Schaden kämen.
Und selbst wenn die Feuerwehren sich aktiv um die Waldpflege bemühen, führt das nicht immer zum Erfolg. So war es vor einigen Jahren am Westrand des Yosemite-Nationalparks. In den Eichen- und Kiefernwäldern rund um den Ort Foresta hatte sich das Unterholz zu einem undurchdringlichen Dickicht entwickelt. An einem kühlen, windstillen Tag im August 2009 legten Feuerexperten in einem 36 Hektar großen Baumbestand einen kleinen Brand. Das Feuer sollte das Unterholz verbrennen und damit das Risiko eines großen Waldbrandes verringern. Mitglieder der Parkfeuerwehr hatten das Waldstück umstellt, Löschflugzeuge standen auf nahegelegenen Flughäfen bereit. Doch kaum hatte der Brand richtig begonnen, änderte sich das Wetter. Der Wind frischte auf, das Thermometer kletterte auf 35 Grad und schon nach einer Stunde geriet der Brand außer Kontrolle. In den folgenden 14 Tagen fraß sich das „Big Meadows Fire“ durch eine Fläche von mehr als 3000 Hektar. Die Ortschaft Foresta blieb tagelang evakuiert und der nordwestliche Eingang zum Yosemite-Park blieb geschlossen. Mit dem Unterholz verbrannten auch alle großen Bäume in dem Gebiet.
Der Waldbrand wurde damals gelöscht, bevor er ins Yosemite-Tal übergreifen konnte. Nach dem Feuer sah die Landschaft rund um Foresta so aus wie der große Teil jener Fläche durch die sich vor wenigen Wochen das Rim Fire gefressen hatte: verkohlt, schwarz-braun und leblos. Wer aber heute, kurz bevor er das Yosemite-Tal erreicht, von der Landstraße 120 auf Foresta blickt, sieht wie sich die Natur in nur vier Jahren das Brandgebiet zurückerobert hat. Gräser und Wildblumen bedecken den Boden, einige niedrige Büsche sind zurückgekehrt, und es gibt sogar wieder kleine Kiefern, jede kaum größer als ein kleiner Weihnachtsbaum. Wie Mahnmale, die an den Brand erinnern, stehen noch einige der verbrannten Baumstämme kahl und schwarz in der Landschaft herum wie ein ungeordneter Trupp von Telegraphenmasten. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie umfallen und vermodern.
Schon in wenigen Jahren dürfte die heute im Rim Fire verbrannte Landschaft 20 Kilometer weiter westlich so ähnlich aussehen. In etwa 75 Jahren werden sich die Waldgebiete völlig erholt haben, sagt Scott Stephens, ein Waldbrandexperte der Universität von Kalifornien in Berkeley. Dann werden die Kiefern und Zedern voll ausgewachsen sein. Wenn nicht zwischendurch das Unterholz in diesen Wäldern in kleinen Feuern verbrennt, wäre die Chance wieder sehr groß, dass abermals ein verheerender Waldbrand die Gegend heimsucht und in wenigen Wochen tausend Quadratkilometer Wald vernichtet.
