Lebensstil

„Die meisten Menschen haben keine Phantasie“

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Eveline Hall, 68, ist eines der gefragtesten deutschen Models. Ein Gespräch über den Laufsteg, Elvis, Angela Merkel, lange Beine, jüngere Männer – und ihre Mutter, mit der Hall zusammenlebt.

Eveline Hall ist eine Erscheinung: schwarze taillierte Lederjacke, lange silbergraue Haare, stechender Blick. Dazu kommt dieses Mundwerk. „Nicht alle werden mich sympathisch finden“, verspricht die 68 Jahre alte Hamburgerin. Ihr Starrsinn führte sie als junge Tänzerin ans Thalia-Theater, in den sechziger Jahren zog sie als Showgirl nach Las Vegas, als Schauspielerin stand sie in den achtziger Jahren auf Bühnen in Hamburg und Basel. Und nun das: Sie ist Deutschlands bekanntestes älteres Model, ist auf der Berliner Fashion Week gelaufen und arbeitet mit Leuten wie dem Starfotografen Peter Lindbergh zusammen. Gerade hat sie über ihr Zickzackleben ein Buch geschrieben.

Frau Hall, im Januar 2011 hat der Modedesigner Michael Michalsky Sie mit 65 auf den Laufsteg geschickt – zugleich der Start Ihrer Karriere als Model. Wer hat mehr gewagt: Sie oder er?

Er hatte nichts zu verlieren, ich alles. Wenn ich hingefallen wäre, hätten die Zuschauer gefragt: Muss man eine ältere Frau nehmen? Ich wusste das und hatte eine wahnsinnige Angst.

Sie haben doch schon in den siebziger Jahren gemodelt.

In getanzten Modenschauen, wesentlich interessanter. Da konnte ich mich als Tänzerin einbringen. Bei der Michalsky-Schau war das untersagt. Liniengetreu sollten wir den Catwalk entlanggehen, dauernd bekam ich Anweisungen.

Wie lauteten die?

Streng nach vorne gucken, ein Blick in die Kamera, umdrehen. Fisimatenten, wie der Berliner so sagt, hätte man sich nicht leisten können. Ich kam mir plötzlich wie der erste Mensch vor, als sollte ich wieder laufen lernen. Dann bin ich rausgegangen, und in diesem Moment muss mich wohl der Hafer gestochen haben.

Sie haben ins Publikum geguckt, den Mund zum Kuss gespitzt, die Hüften spielen lassen, im Grunde eine Ein-Minuten-Show.

Das wundert mich selbst im Nachhinein. Da kamen plötzlich alle meine Erfahrungen als Schauspielerin und Tänzerin zusammen – als hätte mich eine Fee gestreichelt. Als die backstage gesehen haben, was für ein Erfolg das war, haben sie sich gefreut. Machen wir uns nichts vor: Wäre das eine Pleite gewesen, hätten sie mit Kritik um sich geschossen.

Klaus Wowereit nannte Sie nach der Schau „unheimlich attraktiv“. Fühlten Sie sich so?

Nein. In dem Moment fand ich mich nicht schön, weil ich nicht ich war, sondern verformt in eine andere Person. Ich trage meine langen Haare gern offen, für die Schau musste ich sie mit einem Zopf oben zusammenraffen. Das war fast indianerhaft. Ich hatte nicht das Gefühl, ich habe nach 40 Jahren endlich meine Frisur entdeckt.

Wie fanden Sie die Kleidung, die Sie trugen?

Ich lief in Stiefeln und einem kleinen Kombinationskleid, das sah ein bisschen wie ein Kostüm aus. Es fiel sehr locker, deshalb würde ich es mir nie kaufen – weil ich eine andere Statur habe: eine schmale Taille und endlos lange Beine. Etwas fülligere Frauen können das besser tragen. Nicht weil sie kaschieren müssen, sondern weil es in der Proportion des Körpers anders fällt.

Sagen Sie das auch den Modeschöpfern?

„Verzeihen Sie bitte, das sieht so furchtbar aus, das kann ich leider gar nicht tragen“? – Nein, das wäre unprofessionell. Ich verkörpere das, was mir aufgetragen wird. Bei Shootings ist das anders. Da gibt es ein Reservoir an Klamotten. Im Notfall kann ich zum Stylisten sagen: „Pass mal auf, nimm doch die andere Bluse, in der hier sehe ich aus wie ein nackter Lappen.“

In Ihrem Buch schreiben Sie, Modenschauen seien heute karger. Wie sah eine Schau 1973 aus?

Da waren die Rhythmen ganz anders, Barry White, später Boney M. Wir Models trafen uns Tage vorher, übten vorher die Choreographien, hatten Spickzettel, wer wann wo auftrat. Wir feuerten uns an: Toi, toi, toi, hoffentlich vergeigst du das nicht! Raus auf die Bühne, Mensch, jetzt mache ich den Mantel noch mal auf, drehe mich und lege los. Heute darfst du gar nicht loslegen. Das ist was für Dussels. Rein, raus, derselbe Weg.

Ein Zeichen der Zeit?

Wenn Sie so wollen, ist Modeln ein schnelllebiges Ding geworden. Die Mädchen bekommen keine Möglichkeit mehr, Persönlichkeiten zu entwickeln. Nicht so wie die Models in den frühen neunziger Jahren: Naomi, die Schiffer und die Moss.

Es wachsen keine jungen Supermodels nach?

Genau. Ist im Theater übrigens dasselbe. Jutta Lampe, Conny Froboess, die müssten einen „Tatort“ spielen, damit die Menschen sie wieder wahrnehmen. Nicht mal ich würde das machen.

Sie haben in den Achtzigern viel Theater gespielt. Wäre Ihnen lieber, Sie wären als Schauspielerin bekannt und nicht als Model?

Das hätte nicht passieren können. Ich war ja davor nicht in Kyritz an der Knatter, sondern habe als Tänzerin am Thalia-Theater angefangen, später ging ich zum Lido nach Las Vegas. Erst wieder zurück in Hamburg, mit 32, habe ich meine erste Schauspielstunde genommen. Nie hätte ich gedacht, dass ich darauf eine Karriere gründe. Ich wollte einen Beruf auf der Bühne ausüben anstatt eines Verwaltungspostens.

Sie sind eine Rampensau?

Vielleicht, ja. Nur, nicht jeder versteht solche Sprünge, wie ich sie gemacht habe.

Am Basler Theater haben Ihnen die Kollegen die zweite Karriere missgönnt.

Das hat mir zu schaffen gehabt. Ist doch so ein toller Job. Morgens proben, abends auf der Bühne, man ist so eng beieinander. Wenn man dann allein nach Hause geht, weil du einfach den Kontakt nicht findest, ist das unschön. Die Hupfdohle aus Las Vegas haben sie mich genannt. Das hat mir weh getan.

Finden Sie mehr Zuneigung in der Modewelt?

Ganz sicher. Da erlebe ich eine Hochachtung. Junge Mädchen wie Toni Garrn schreiben zauberhafte Sachen: „Ich würde im Alter gern so aussehen wie du.“ Da geht bei mir der Vorhang auf. Ich weiß, dass viele Frauen um die 50 in meinen Agenturen anrufen und da hinwollen, wo ich bin. Hätte ich meiner tollen Mama vor ein paar Jahren beim Frühstück gesagt: „Du, ich habe eine tolle Idee, ich will mal modeln!“ Dann hätte sie geantwortet . . .

„Püppi, du bist verrückt!“

Und das wäre noch vorsichtig ausgedrückt. Sie hätte mich eingesperrt und geglaubt, jetzt sei es um mich geschehen. Es ist mir passiert, und das finde ich toll.

Wie sah Ihre Lebensplanung zu dem Zeitpunkt eigentlich aus?

Es gab keine. Ich bin damals nach Hause zurückgekehrt, weil mein Bruder sich das Leben genommen hat und ich meine Mutter nicht allein lassen wollte. Sehen Sie, davor habe ich in einer schönen großen Wohnung in Montmartre und dann in Aix-en-Provence gewohnt. Ich sag doch nicht: „Ach, adieu, Paris, jetzt ziehe ich in die 65-Quadratmeter-Wohnung mit meiner Mutter.“ Mein damaliger Freund wollte Kinder, ich konnte sie ihm nicht geben, ich habe ihm gesagt: „Serge, es passt ganz gut. Ich muss zu Mami, du willst eine Familie gründen, das kannst du mit mir nicht, ich will nicht, dass du mir das eines Tages vorwirfst.“ Es fügte sich. Mit meiner Mutter habe ich eine Freundschaft aufgebaut, die wir vorher nicht hatten. Sie war nur mit älteren Leuten zusammen, die habe ich alle entsorgt.

Sie meinen, ihre Freunde?

Die redeten nur über Krankheiten. Ich bin dazwischengegangen, diese Menschen haben uns nicht atmen lassen, die erzählten nur, wer wofür welche Pille genommen hat. Im Moment fühlt es sich an, als ob wir das Leben einer 20-Jährigen und einer 50-Jährigen führen. Ich kann ihr so viel erzählen, letzten Monat Paris, Amerika, wie ich mit Peter Lindberg gearbeitet habe . . .

Oder aus Ihrer Zeit in Las Vegas, als Sie Elvis Presley trafen.

Vegas war eine kleine Stadt mit lauter Stars. Die kamen zu uns, wir gingen zu ihnen, Karten brauchten wir nicht zu zahlen. An meinem freien Tag hat meine Freundin Tickets organisiert, die war mit Elvis zusammen. Danach sind wir hinter die Bühne gegangen. Elvis sprach viel von seiner Mutter, die war ihm wichtig. Er war fast schüchtern. Wir haben über „Muss i denn zum Städele hinaus“ geredet, das kannte er aus seiner Zeit in Deutschland. Er sagte: „My goodness, I remember.“

Mit all diesen Erfahrungen im Kopf, erkennen Sie sich da in gleichaltrigen Menschen auf der Straße wieder?

Nee, natürlich nicht. Ich finde, die meisten Menschen haben keine Phantasie.

In Deutschland?

Ganz besonders. Das fängt schon bei der Jugend an. Stellen Sie sich vor, ich hätte eine Tochter, die würde verschwinden und ich ginge dann zur Polizei, um eine Vermisstenmeldung aufzugeben. „Lange blonde Haare, trägt Leggings, Turnschuhe, einen Rucksack und eine Windjacke von North Face.“ Da sagt doch der Polizist: „Hm, das wird schwer, die sehen alle so aus.“ Das liegt auch daran, dass es früher an der Ecke einen Laden gab, wo Menschen individuell Sachen ausgesucht oder gemacht haben. Heute muss ich nach Italien oder Frankreich, um etwas zu sehen, was es nicht in den großen Ketten gibt.

Ist das ein Grund, warum Sie jetzt eine Modelinie gründen?

Absolut. Ich bin keine Designerin, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe gelernt, wie man Dinge gut zusammenstellt. Michael Walter aus Hamburg hilft mir dabei. Er hat viel für Shows entworfen, ein bisschen wie im Lido früher, mit viel Strass. Ich habe ihm aufgezeichnet, was ich haben möchte.

So wie jetzt auf einer Serviette?

Jaja, ganz dilettantisch. Ein schwarzes Silhouettenkleid, was ich auch nach 24 Stunden im Flugzeug auspacken kann, und es sitzt. Da hat Lagerfeld recht: Wenn jemand kein Geld hat und schick aussehen will, muss er schwarz tragen.

Gilt das auch für Angela Merkel?

Angela ist richtig angezogen. Ich liebe sie. Die interessiert nicht, was die Zeitungen über ihren Stil schreiben. Eine Sekunde stellt man sich vielleicht die Frage: Hm, hätte sie nicht lieber . . .? Aber dann spricht sie, und schon ist das weg. Sie kann aus ihrer Figur nicht mehr rausholen. Warum sollte sie einen kleinen Gürtel umbinden? Um jemandem zu gefallen? Das finde ich ganz falsch. Ich will ja nicht, dass Menschen sich verbiegen, Juliette Greco, Edith Piaf, die haben sich auch nicht verwurschteln lassen und jedes Mal was anderes mit ihrem Aussehen ausprobiert.

Im Gegensatz zu Popstars wie Madonna und Lady Gaga.

Sie sind nicht wie Celine Dion, die kann noch nackt mit einer Feder im Haar besser singen. Ich würde Madonna als Tänzerin einen Klaps auf den Po geben: „Süße, du siehst jetzt schlimm aus.“ Sich in den Fünfzigern Muskeln anzutrainieren, das wird ein Desaster. Ich habe mal ein Foto von Schwarzenegger mit seiner Familie am Strand gesehen. Nur noch Wabbel. Diese Muskulatur ist unnatürlich, nicht das, was der Körper will. Er will aktiviert werden, aber nicht so.

Sie benutzen keine Faltencreme, rauchen nicht, machen jeden Tag Sport und bevorzugen jüngere Männer. Das aktiviert Sie?

Oh Gott, sind Sie gemein! Jüngere Männer doch nur, weil sich das bis jetzt so ergeben hat. Sie kamen zu mir, ich habe sie nicht gesucht. Ich lege Wert auf sportliche Menschen, ackere jeden Tag, und dann kommt einer mit dem Wabbelbauch? Nein. Wenn mir ein Richard Gere begegnen würde, der ist etwa mein Alter, bitte gern. Von der Sorte gibt es aber wenige.