Abgeordneter der Herzen

Published 18/06/2017 in Inland, Politik

Abgeordneter der Herzen
Norbert Lammert ist seit 1980 im Bundestag.

Wen die Bürger mögen, weiß man. Aber wir haben den Lieblingspolitiker der Politiker gefunden! Dabei hatten die Befragten ganz unterschiedliche Kriterien.

Wer ist Deutschlands beliebtester Politiker? Diese Frage dürfen Bürger regelmäßig beantworten. Politiker leider nie. Aber für diesen Artikel jetzt doch. Wir begrenzen die Umfrage auf Bundestagsabgeordnete. Also: Welcher Bundestagsabgeordnete ist am beliebtesten unter den anderen Bundestagsabgeordneten?

Damit ist der Bundespräsident disqualifiziert- gut so, denn der ist sowieso immer beliebt. Auch Parteien, die nicht im Parlament sind, bleiben außen vor. Diesmal sollen Politiker ja eben nicht aus der Ferne beurteilt werden, sondern aus der Nähe. FDP und AfD sind gerade einfach zu weit weg von den Bundestagsabgeordneten.

Umfrage bei den Abgeordneten

Mit einem Dutzend Politikern haben wir gesprochen. Das klingt wenig, ist es aber nicht. Wenn die Forschungsgruppe Wahlen wissen will, welche Politiker bei den Deutschen am beliebtesten sind, ruft sie 1303 Leute an. Das sind 0,002 Prozent der Wahlberechtigten. Zwölf Bundestagsabgeordnete sind immerhin 1,9 Prozent aller 630 Bundestagsabgeordneten.

Und angefragt hatten wir sogar noch mehr, aber einige Abgeordnete sagten ab. Auf die Frage, warum, drucksten ihre Mitarbeiter herum. Entweder sagten sie „Er hat es nun einmal so entschieden“ oder „Zu privat, zu intim“. Wer zusagte, tat das unter der Bedingung, nicht namentlich zitiert zu werden. Ein Gespräch über Lieblingskollegen ist immer auch eines, in dem andere Kollegen zu ihrer Enttäuschung nicht vorkommen.

Von den Abgeordneten gehören fünf der CDU an, einer der CSU, vier der SPD, einer den Grünen und einer der Linken. Drei Befragte sind Frauen, auch wenn sie hier „Politiker“ ohne „-innen“ genannt werden. Einige Abgeordnete sind sehr bekannt, andere nicht – jedenfalls nicht der Öffentlichkeit: Wenn man ihren Namen im F.A.Z.-Archiv sucht, ist die Trefferzahl einstellig. Einige sind alt, andere jung. Alle sprechen ohne Vorgaben. Das birgt natürlich die Gefahr, dass jeder einfach denjenigen nennt, den er am nettesten findet. Aber das passiert nicht, jedenfalls nicht nur. Am Ende gibt es einen Gewinner.

Alle möchten erst mal darüber reden, was Beliebtheit überhaupt ist, bevor sie Namen nennen. Einer kommt schnell zu dem philosophischen, leicht melancholisch vorgetragenen Schluss: „Man weiß letztlich nicht, warum jemand beliebt ist. Man fühlt es eher.“ Die meisten anderen beschreiben zwei Kategorien von Kollegen, die sie besonders schätzen: erstens jene, die sie privat mögen, und zweitens solche, deren Arbeit und Arbeitsweise sie bewundern. Einige Abgeordnete eröffnen eine dritte Kategorie für Kollegen, bei denen beides zusammenkommt.

Kollegen, mit denen man gerne Bier trinkt

Die erste Gruppe ist noch ziemlich leicht zu beschreiben. Da brauchen die Politiker keine Denkpausen, sie sprudeln die Beispiele nur so heraus. Die Rede ist also von „lustigen, geselligen Kollegen, mit denen man gerne Bier trinkt“, wie ein CDU-Abgeordneter es formuliert. Von Kollegen, mit denen man „a menschliche Basis“ hat (CSU), mit denen man auf Dienstreisen frühmorgens schon mal joggen geht (Grüne), den Musikgeschmack teilt und denselben Fußballverein anfeuert (SPD).

Mehrere Abgeordnete erzählen, dass ihnen solche Kollegen besonders wichtig sind, weil ihre Arbeit wenig Zeit lässt für Freunde und Familie. Wer jeden Abend zu Hause den Grill anwirft und in einigermaßen geliebte Gesichter schaut oder zumindest in die bierdurstigen Augen seelenverwandter Kumpels, kann Kollegen Kollegen sein lassen. Wer aber die ganze Woche weit weg von zu Hause arbeitet, und das bis spätabends, der kann das nicht. Der sucht Nähe da, wo er sie gerade findet.

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