{"id":66077,"date":"2020-02-04T13:00:44","date_gmt":"2020-02-04T13:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=66077"},"modified":"2020-02-04T13:39:53","modified_gmt":"2020-02-04T13:39:53","slug":"leihmutterschaftsverbot-aufgeweicht-business-zu-lasten-der-kinder-und-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=66077","title":{"rendered":"Leihmutterschaftsverbot aufgeweicht: Business zu Lasten der Kinder und Frauen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Aktuelle Gerichtsentscheidungen lassen eine Aufweichung des Verbots der Leihmutterschaft bef\u00fcrchten. Am Ende h\u00e4tte der Mensch aber keine W\u00fcrde mehr, sondern ein Preisschild<\/strong><\/em>.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Von Eva Maria Bachinger<\/strong><\/p>\n<p>Das Verbot der Leihmutterschaft wird in \u00d6sterreich ausgeh\u00f6hlt. Das rechtskr\u00e4ftige Urteil eines Tiroler Bezirksgerichts zeigt, dass die derzeitige Rechtsordnung nicht vor einer einfachen Umgehung dieses Verbots sch\u00fctzt. Das Gericht hat eine \u00d6sterreicherin, die weder mit dem Kind genetisch verwandt ist noch das Kind ausgetragen hat, als rechtliche Mutter anerkannt \u2013 ohne entsprechendes Adoptionsverfahren. Die Frau hat das Kind in der Ukraine von einer Leihmutter austragen lassen.<\/p>\n<p>Der bisherige Grundsatz \u201eMater semper certa est\u201c \u2013 demzufolge also die Mutter diejenige ist, die das Kind ausgetragen hat \u2013 wird damit ausgehebelt. Jene Frau, die \u00fcber neun Monate hindurch eine tiefe Bindung zu diesem Kind aufgebaut hat, wird auf eine Art Brutkasten reduziert und entpersonalisiert.<\/p>\n<p>Medien berichteten, dass damit das Recht von Wunsch\u00aceltern gest\u00e4rkt werde. Zynischerweise wurde auch angemerkt, dass Kinderwunschkliniken in der Ukraine, die Leihmutterschaft anbieten, \u201ekommerziell erfolgreich\u201c seien.<\/p>\n<p>Zum Ersten: Es wurden nicht die Rechte von Eltern gest\u00e4rkt, sondern wenn schon, dann jene der Kinder, da jedes Kind ein Recht auf eindeutig rechtliche Zuordnung zu zwei Elternteilen hat. Zum Zweiten: Dass hervorgehoben wird, dass Spit\u00e4ler kommerziell erfolgreich seien, befremdet. Aber offenbar ist heutzutage alles ein Gesch\u00e4ft und eine Ware \u2013 auch Kinder. Die Ukraine ist bekannt daf\u00fcr, wie kommerziell dort Leihmutterschaft betrieben wird. Indem solche Vorg\u00e4nge im Nachhinein medial und beh\u00f6rdlich abgesegnet werden, st\u00fctzt man das Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Die ukrainische Privatklinik BioTexCom etwa l\u00e4dt f\u00fcr Anfang Februar zu einer \u201eInformationsveranstaltung\u201c \u00fcber Eizellenspende sowie \u00fcber die in \u00d6sterreich verbotenen Methoden der Embryonenspende und Leihmutterschaft in einem Wiener Hotel. Das Hotel wurde \u00fcber den Inhalt der Veranstaltung nicht informiert. Die Eizellenspende ist in \u00d6sterreich zwar seit 2015 erlaubt, aber mit einem klaren Werbe- und Kommerzialisierungsverbot belegt. Beim zust\u00e4ndigen Wiener Landeshauptmann wurde Anzeige erstattet, die nun gepr\u00fcft werde. Immerhin.<\/p>\n<p>Doch in den Medien treten \u00f6sterreichische Rechtsanw\u00e4lte auf, die sich als H\u00fcter der Menschenrechte sehen und Paare beraten, wie sie trotz Verbots dennoch via Leihmutter im Ausland ein Kind legal nach \u00d6sterreich holen und rechtlich die Eltern sein k\u00f6nnen. Es treten auch Reproduktionsmediziner im Fernsehen auf, die behaupten, dass es f\u00fcr eine Leihmutter keine gesundheitlichen Risiken gebe und nur Frauen die Dienste einer Leihmutter in Anspruch nehmen w\u00fcrden, die eine Tumorerkrankung hinter sich h\u00e4tten oder denen die Geb\u00e4rmutter fehle. Als unabh\u00e4ngige Experten sind solche Auskunftspersonen eine Fehlbesetzung: Denn sie sind zwar Experten, aber etwa als Mediziner an privaten Kinderwunschkliniken agieren sie auch als Gesch\u00e4ftsleute, denen eine Verharmlosung und eine gesetzliche Liberalisierung noch mehr Profit bescheren w\u00fcrde als bisher.<\/p>\n<p><strong>Die entscheidende Frage ist: Cui bono? Wem n\u00fctzt es?<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich auch ungewollt kinderlosen Paaren, die in der Leihmutterschaft offenbar den einzigen Weg sehen, zu einem Kind zu kommen. Ausgeblendet wird hier aber, dass es in vielen F\u00e4llen kein v\u00f6llig genetisch eigenes Kind ist, da h\u00e4ufig eine Eizellenspenderin hinzugezogen wird. Zudem gibt es viele Studien, die belegen, dass ein Kind epigenetisch von der schwangeren Frau gepr\u00e4gt wird.<\/p>\n<p>N\u00fctzt es der Leihmutter? Eine Frau in der Ukraine verdient bei einem Leihmutterschaftsverfahren zwischen 8000 und 10.000 Euro. Das ist eine hohe Summe in einem Land, wo das monatliche Durchschnittseinkommen bei rund 330 Euro brutto liegt. In der Ukraine und in Russland gibt es aber besonders unw\u00fcrdige Methoden gesch\u00e4ftst\u00fcchtiger Privatkliniken: Pauschalangebote von bis zu 60.000 Euro, mit \u201e100 Prozent-Baby-Garantie\u201c, was nichts anderes bedeutet, als dass sowohl Leihmutter als auch Eizellenspenderin so lange ausgetauscht werden, bis eine Schwangerschaft h\u00e4lt und ein Kind geboren wird. Die \u201eerfolglose\u201c Leihmutter geht finanziell leer aus.<\/p>\n<p>Gentests wie die Pr\u00e4implantationsdiagnostik inklusive Geschlechterselektion, pr\u00e4natale Untersuchungen, die einen Schwangerschaftsabbruch zur Folge haben k\u00f6nnen, und Kaiserschnitt sind Standardvorgaben in Leihmutterschaftsvertr\u00e4gen, wo das Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren ausgesetzt ist. Den Gro\u00dfteil des vereinbarten Honorars bekommt die Frau selbstverst\u00e4ndlich erst dann, wenn ein Kind \u201egeliefert\u201c wird, und zwar ein gesundes. Alle Kenntnisse \u00fcber pr\u00e4natale Bindung werden ignoriert, ein Beziehungsabbruch bei der Geburt wird geplant und in einer \u00e4u\u00dferst sensiblen Phase in einem Menschenleben in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Es herrscht ein Machtgef\u00e4lle: Leihm\u00fctter kommen in den allermeisten F\u00e4llen aus \u00e4rmeren L\u00e4ndern. Es wird eine soziale Not ausgenutzt \u2013 nichts Neues in einem turbokapitalistischen System, das s\u00e4mtliche Produktionen, Dienstleistungen und auch die Umweltsch\u00e4den an \u00e4rmere L\u00e4nder ausgelagert hat.<\/p>\n<p><strong>Die wahren Profiteure sind also letztlich die Kliniken und Anwaltskanzleien, die den Gro\u00dfteil der gebotenen Summen kassieren.<\/strong><\/p>\n<p>Leihmutterschaft ist aus guten Gr\u00fcnden verboten: Die g\u00e4ngige Praxis widerspricht der W\u00fcrde des Kindes und der Frau. Der Frauenk\u00f6rper wird kommerzialisiert und das Kind zur Ware. Die Kinderrechtskonvention und ein Zusatzprotokoll halten fest, dass ein Kind das Recht hat, nicht gegen Geld gehandelt zu werden, und zwar egal zu welchem Zweck.<\/p>\n<p>Zudem hat es das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft. Da es weder staatliche noch internationale Datenregister dazu gibt, sind Jugendliche darauf angewiesen, sich an private Kliniken zu wenden, die in vielen F\u00e4llen nicht kooperieren und die Einsicht<br \/>\nin die Daten der Leihmutter beziehungsweise Keimzellenspender verweigern. Alle Staaten der Erde, mit Ausnahme der USA, haben diese internationalen Papiere anerkannt. Auch die Ukraine sollte sich daran halten und einen \u201esale of children\u201c unterbinden, tut sie aber nicht.<\/p>\n<p>Es gilt die ethische Norm, dass der Mensch keine Ware sein darf. Daran muss man liberale Bef\u00fcrworter der Leihmutterschaft erinnern, wenn sie sich stets auf einen n\u00fcchternen Pragmatismus berufen: Es sei nun mal Realit\u00e4t, es sei deshalb besser, diese Verfahren zu regeln, als sie zu verbieten. Ein zugespitztes Gedankenexperiment dazu: Wenn wir alles erlauben, was sich realistisch zutr\u00e4gt, dann k\u00f6nnten wir auch die Sklaverei wieder erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann eine soziale Praxis ein Anlass sein, ethische Normen zu hinterfragen, aber dann muss man schon so viel Mumm haben und dazu stehen, dass man in unserer kommerzialisierten Zeit kein Problem mehr damit hat, wenn der Mensch keine W\u00fcrde hat, sondern ein Preisschild.<\/p>\n<p>Die neue t\u00fcrkis-gr\u00fcne Regierung hat sich erfreulicherweise klar zur Aufrechterhaltung des Verbots der Leihmutterschaft bekannt. Man verspricht im Regierungsprogramm, Ma\u00dfnahmen gegen die Kommerzialisierung zu ergreifen und auch das schon lang geforderte staatliche Eizellen- und Samenspenderregister zu schaffen. Angesichts der verharmlosenden Tendenzen ist aber auch mehr Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig, was Leihmutterschaft eigentlich bedeutet. Die Regierung sollte zudem ein explizites Verbot aufgrund der Gefahr von Ausbeutung und Kinderhandel formulieren und sich f\u00fcr ein internationales Verbot von Leihmutterschaft und anonymen Keimzellenspenden einsetzen.<\/p>\n<p><em><strong>Quelle:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.tt.com\/artikel\/16563141\/leihmutterschaftsverbot-aufgeweicht-business-zu-lasten-der-kinder-und-frauen\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">https:\/\/www.tt.com\/artikel\/16563141\/leihmutterschaftsverbot-aufgeweicht-business-zu-lasten-der-kinder-und-frauen<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuelle Gerichtsentscheidungen lassen eine Aufweichung des Verbots der Leihmutterschaft bef\u00fcrchten. 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