{"id":61736,"date":"2019-05-28T13:39:01","date_gmt":"2019-05-28T13:39:01","guid":{"rendered":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61736"},"modified":"2019-06-10T08:19:34","modified_gmt":"2019-06-10T08:19:34","slug":"staat-und-religion-otfried-hoffe-gibt-es-christliche-politik-und-wenn-ja-warum-und-wie-viel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61736","title":{"rendered":"Staat und Religion: Otfried H\u00f6ffe: Gibt es christliche  Politik \u2013 und wenn ja, warum und wie viel?"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"image_description\">Bundesau&szlig;enminister Heiko Maas in Teheran<\/div>\n<p class=\"post_description\">Seit Anbeginn wendet sich das Christentum nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Auch in lebenspraktischen Fragen erhebt es einen universalistischen Anspruch. Handfeste politische Rezepte verbieten sich. Aber im Christentum wurzeln zahlreiche Gestaltungsgrunds&auml;tze, die zusammengenommen den Rang einer sozialethischen Grammatik f&uuml;r offene Gesellschaften verdienen.<\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\" id=\"pageIndex_1\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">B<\/span>ezeichnen sich Parteien in Deutschland, in Italien und der Schweiz als &bdquo;christlich&ldquo; oder wie in Belgien als &bdquo;katholisch&ldquo; und in der Schweiz als &bdquo;evangelisch&ldquo;, so m&uuml;ssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob der damit erhobene Anspruch noch zu Recht besteht: Wird die tats&auml;chlich praktizierte Politik dem Anspruch gerecht? Oder w&auml;re es nicht ehrlicher, kl&uuml;ger und in einer s&auml;kularisierten Welt &uuml;berdies wirklichkeitsn&auml;her, w&uuml;rde man wie die entsprechende Fraktion im <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"fcafcd2f1d120bf27c8567f711ed2264fc0301d1\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/europaeisches-parlament\">Europ&auml;ischen Parlament<\/a>, die &bdquo;Europ&auml;ische Volkspartei&ldquo;, auf jede religi&ouml;se Qualifizierung verzichten?<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Seit Anbeginn wendet sich das Christentum, in seinen Anf&auml;ngen ein Reformjudentum mit einem charismatischen Rabbi, nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Das Christentum erhebt einen universalistischen Anspruch. Die zugrundeliegende Weltauffassung besteht, vereinfacht gesagt, aus zwei Seiten, einer lebenspraktischen und einer dogmatischen. Die erste Seite, sichtbar im Samaritergleichnis und der Bergpredigt, besteht in der Botschaft von N&auml;chstenliebe, Br&uuml;derlichkeit und Demut, die zweite in Glaubenss&auml;tzen der Dogmatik.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Wegen der zwei verschiedenen, wenn auch miteinander verschr&auml;nkten Seiten muss ein christlicher Politiker sich &uuml;berlegen, wie weit er die Glaubenslehren einschlie&szlig;lich der bekannten Konfessionsstreitigkeiten in das &ouml;ffentliche Wirken hineinnehmen will oder soll. Ist es nicht besser, &ouml;kumenischer als die Kirchen zu sein, dogmatische Unterschiede in den Hintergrund zu dr&auml;ngen und sich auf die lebenspraktische Seite zu konzentrieren? Dabei k&ouml;nnten sich zwei einige Zeitlang verschiedene Traditionsstr&auml;nge erg&auml;nzen, die Wirtschafts- und Sozialethik aus der katholischen mit der politischen Ethik der protestantischen Tradition.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Daran schlie&szlig;t sich eine heikle Zusatzfrage an: Kommt es dem christlichen Politiker tats&auml;chlich auf den inneren Glauben oder aber eher auf politische Opportunit&auml;t an, weshalb er in betont laizistischen L&auml;ndern wie Frankreich anders agiert als in traditionell katholischen L&auml;ndern wie Italien. Und weshalb man sich in Deutschland, das zunehmend s&auml;kular geworden ist, bis in die Partei- und Politikspitzen lieber auf Humanit&auml;t als auf das Christentum beruft?<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Der lebenspraktische Anteil wirft freilich zahlreiche Probleme auf, die grundlegender sind als gewisse Konfessionsdispute. Sie beginnen mit dem Anwendungsbereich. Weil die N&auml;chstenliebe in ihrem biblischen Kontext nur Sozialverh&auml;ltnisse betrifft, konzentriert sich christliche Politik seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie auf Fragen nach dem Verh&auml;ltnis von <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"08b1bc01c0f272c68e93d9dee6ab0c8bb71b10a1\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/kirche\">Kirche<\/a> und Staat. Selbst wenn sie sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts etwa um Fragen der biomedizinischen Ethik erweitert, bleibt eine inhaltliche Verengung gegeben, der sich eine im umfassenderen Sinn christliche Politik nicht beugt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Zu Recht legitimiert die moderne Naturforschung mitsamt Medizin und Technik ihre humanit&auml;re Intention mit der N&auml;chstenliebe. <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"02c1c5aa3f27d80f1a623075ba36a45c827eedc2\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/francis-bacon\">Francis Bacon<\/a>, ihr Prophet, damals selbstverst&auml;ndlich ein Christ, bestimmte die st&auml;ndig fortschreitende Forschung mit dem &uuml;berzeugenden Argument: &bdquo;But of charity there is no excess&ldquo; &ndash; aus Gr&uuml;nden der N&auml;chstenliebe k&ouml;nne es also in der humanit&auml;ren Forschung nie ein &bdquo;Genug&ldquo; geben.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/otfried-hoeffe-gibt-es-christliche-politik-und-wenn-ja-warum-und-wie-viel-16140876.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/otfried-hoeffe-gibt-es-christliche-politik-und-wenn-ja-warum-und-wie-viel-16140876.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Anbeginn wendet sich das Christentum nicht an ein bestimmtes Volk, sondern an alle Menschen guten Willens: Auch in lebenspraktischen Fragen erhebt es einen universalistischen Anspruch. 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