{"id":61543,"date":"2019-05-27T18:45:34","date_gmt":"2019-05-27T18:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61543"},"modified":"2019-06-03T08:45:25","modified_gmt":"2019-06-03T08:45:25","slug":"frankfurter-stil-die-kuche-als-labor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61543","title":{"rendered":"Frankfurter Stil: Die K\u00fcche als Labor"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"image_description\">Ganz in Wei&szlig;, nein, Eierschale: K&uuml;che an der Stra&szlig;e Im Burgfeld in der Frankfurter R&ouml;merstadt. Die Amerikaner besetzten 1945 wohl auch dieses Haus &ndash; und &uuml;berstrichen die K&uuml;che in gebrochenem Wei&szlig;.<\/div>\n<p class=\"post_description\">F&uuml;r ein digitales Fotoarchiv nimmt unsere Autorin Frankfurter K&uuml;chen auf, die es heute noch gibt. Denn der Urtyp der Einbauk&uuml;che ist vom Verschwinden bedroht.<\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\" id=\"pageIndex_1\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">A<\/span>ls Margarete Lihotzky 1925 nach Frankfurt kam, war sie eine der wenigen Frauen unter den Architekten. Und eine der wenigen Frauen, die am Projekt &bdquo;Das Neue Frankfurt&#8220; des Stadtbaurats Ernst May mitarbeiten sollten, das bezahlbare und moderne Wohnungen f&uuml;r jedermann vorsah. Die junge Wienerin, 1897 geboren, war dem Projektbereich &bdquo;Typisierung&#8220; zugeordnet. Sie arbeitete unter anderem an der Entwicklung eines K&uuml;chenkonzepts f&uuml;r das von May geplante Wohnungsbauprogramm. Es sollte in einem lebenspraktischen Paradigmenwechsel die Gewohnheiten des hergebrachten Wohnens grundlegend verbessern.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die gem&uuml;tliche gro&szlig;e Wohnk&uuml;che mit ru&szlig;ig-verrauchter Feuerstelle war in Mays Augen unpraktisch und unhygienisch. In seinem modernen Wohnkonzept war sie schlicht nicht mehr denkbar. Die K&uuml;che musste als rationeller Kleinstraum und Arbeitsstelle zur Herstellung von Mahlzeiten f&uuml;r die Kleinfamilie konzipiert werden. Die Frankfurter K&uuml;che sollte ein funktionaler Ort f&uuml;r die moderne Hausfrau sein und es ihr erm&ouml;glichen &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen: aufzwingen -, allein, zeiteffizient und in praktischer, modulhaft ausgestalteter Raumsituation Koch-, Sp&uuml;l- und B&uuml;gelarbeiten zu erledigen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Auf kaum mehr als sechs Quadratmetern konnte man schwerlich zu zweit in der K&uuml;che stehen, geschweige denn mit den Kindern das Fr&uuml;hst&uuml;ck einnehmen. Die K&uuml;che sollte so sauber und funktional sein wie eine Apotheke oder ein Labor. Gl&auml;serne T&uuml;ren in den Hochschr&auml;nken mit kugelgelagerten Schiebet&uuml;ren: Nichts staubt ins Geschirr, und man muss nicht erst viele T&uuml;ren &ouml;ffnen, um zu finden, was man sucht. Keine T&uuml;r steht in den Raum, wenn man an die Untertassen will. Die Arbeitsplatte ist auf Sitzh&ouml;he am Fenster, das nat&uuml;rliche Licht f&auml;llt von vorne auf den Arbeitsbereich, der Blick f&uuml;hrt ins Gr&uuml;ne, rechts die M&uuml;llschublade, um gleich die Kartoffelschalen von der Arbeitsfl&auml;che zu wischen. Die metallene Ablage f&uuml;rs schmutzige Geschirr links, die Sp&uuml;le rechts daneben, das Abtropfregal wieder links dar&uuml;ber h&auml;ngend. Alles geht ruck, zuck, man muss nicht lange hin und her laufen. Topf aus dem Schrank, Milch einschenken, mit der linken Hand schon die Sch&uuml;tte mit dem Grie&szlig; rausziehen, rechts r&uuml;hren: Schon k&ouml;chelt der Grie&szlig;brei auf dem Elektroherd. Die Kinder spielen unter den Augen der Mutter im Wohnzimmer, dank einer Schiebet&uuml;r von der K&uuml;che aus zu sehen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">So plante Margarete Lihotzky die neue K&uuml;chenarbeit &ndash; selbst gekocht hat sie nie. Aber alles genau analysiert: Schon 1917 hatte sie mit einem Entwurf zur rationellen Haushaltsf&uuml;hrung f&uuml;r eine Wiener Arbeiterwohnanlage auf sich aufmerksam gemacht. Und f&uuml;r ihr Frankfurter-K&uuml;chen-Konzept hat sie bei den Vordenkern ihrer Zeit recherchiert: Sie las die Studie &bdquo;Die rationelle Haushaltsf&uuml;hrung&ldquo; der Amerikanerin Christine Frederick, kannte die Ausstattung des Mitropa-Speisewagens, wusste von den K&uuml;chenentw&uuml;rfen Bruno Tauts und des Bauhaus.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Insbesondere lie&szlig; sie sich von der Firma Haarer anregen, die erst in Frankfurt und dann in Hanau ans&auml;ssig war. Das Ehepaar Haarer hatte selbst eine rationale K&uuml;che konzipiert, fern der Wohnk&uuml;che, mit einem Vorratsschrank, der mit Aluminiumsch&uuml;tten zur hygienischen Aufbewahrung der Vorr&auml;te und Zutaten ausgestattet war. Die Alusch&uuml;tte, heute fast Sinnbild der Frankfurter K&uuml;che, ist eine Erfindung der Firma Haarer und seit dem Jahr 1925 deren Patent.<\/p>\n<h3 class=\"atc-SubHeadline\">Zum Teil heute noch im Einsatz<\/h3>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">F&uuml;r May und Lihotzky war ma&szlig;geblich: Die Frankfurter K&uuml;che sollte eine m&ouml;glichst lange Lebensdauer haben. Die Bewohner entrichteten bei Einzug keinen Kaufpreis f&uuml;r die eingebaute K&uuml;che, sie wurde &uuml;ber den monatlichen Zins abgestottert. Die Investition musste deshalb nachhaltig sein, die K&uuml;che mindestens 30 bis 35 Jahre halten. Tats&auml;chlich sind die Frankfurter K&uuml;chen geradezu unverg&auml;nglich: Gefertigt in Vollholz von Schreinereien aus Frankfurt und Umgebung, auf Ma&szlig; eingesetzt und mit Metalleisen in der Wand verankert, halten sich einige seit fast 100 Jahren. Frankfurter K&uuml;chen sind auch heute noch in Wohnungen der Ernst-May-Siedlungen t&auml;glich im Einsatz, wenn auch in den meisten F&auml;llen nur noch zu Teilen und erg&auml;nzt um Sp&uuml;lmaschine, K&uuml;hlschrank, M&uuml;lltrennstation.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Doch der Umgang mit dieser Errungenschaft des modernen Designs ist mehr als widerspr&uuml;chlich. W&auml;hrend Spezialisten und Fans die K&uuml;che und ihre Teile sammeln, als Einheit restaurieren, sogar ins Museum bringen oder f&uuml;r beachtliche Preise kaufen und verkaufen, fliegen Frankfurter K&uuml;chen andernorts immer wieder unerkannt auf den Sperrm&uuml;ll. Die Frankfurter K&uuml;che als Alltagsm&ouml;bel ist vom Verschwinden bedroht.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Mit meinem Kunstprojekt &bdquo;Die Bibliothek der Frankfurter K&uuml;chen&#8220; will ich fotografisch den heutigen Bestand dokumentieren, in privaten Haushalten, in Museen oder auch in B&uuml;ros. Am Anfang steht die Ermittlungsarbeit. Mit Einverst&auml;ndnis der Besitzer fotografiere ich die K&uuml;chen dann in 360-Grad-Panorama-Technik. Dadurch wird die R&auml;umlichkeit des Sujets in einem Bild vollst&auml;ndig erfasst. So kann dem sp&auml;teren Betrachter vermittelt werden, was den gesamten K&uuml;chenraum ausmacht, und das Modulhafte, das Serielle sowie individuelle Gebrauchsspuren werden als Zeugnisse der Nutzung sichtbar.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">&bdquo;Die Bibliothek der Frankfurter K&uuml;chen&ldquo; soll ein Archiv zum Betrachten, Erfahren, Erforschen werden &#8211; und zum Bewahren einer Design-Ikone, aus Frankfurt stammend, international anerkannt und in wichtigen Sammlungen gro&szlig;er Museen: in Frankfurt unter anderem im Museum Angewandte Kunst, im Deutschen Architekturmuseum und im Historischen Museum- und in aller Welt im Victoria and Albert Museum in London, im Museum f&uuml;r angewandte Kunst in Wien, im Nasjonalmusset in Oslo und im Museum of Modern Art in New York.<\/p>\n<div data-gdpr-embedding data-gdpr-id=\"11\" data-gdpr-embedding-no-placeholder><!----><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/mode-design\/wieso-die-frankfurter-einbaukueche-vom-aussterben-bedroht-ist-16190632.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/mode-design\/wieso-die-frankfurter-einbaukueche-vom-aussterben-bedroht-ist-16190632.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ein digitales Fotoarchiv nimmt unsere Autorin Frankfurter K\u00fcchen auf, die es heute noch gibt. 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