{"id":61375,"date":"2019-05-28T13:23:31","date_gmt":"2019-05-28T13:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61375"},"modified":"2019-06-03T08:39:02","modified_gmt":"2019-06-03T08:39:02","slug":"robinson-crusoe-und-die-briten-robinson-crusoe-der-mythos-der-englishness","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=61375","title":{"rendered":"Robinson Crusoe und die Briten: Robinson Crusoe: Der Mythos der Englishness"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"image_description\">Ausgelassene Stimmung bei den bayerischen Gr&uuml;nen am Tag der Europawahl<\/div>\n<p class=\"post_description\">&bdquo;Robinson Crusoe&ldquo;, erstmals im April 1719 erschienen und seitdem unz&auml;hlige Male &uuml;berarbeitet, &uuml;bersetzt und nachgeahmt, war der erste moderne, realistische Roman in englischer Sprache. Daniel Defoes Protagonist gab einer Haltung ein Gesicht, die bis heute das Selbstverst&auml;ndnis der Briten pr&auml;gt &ndash; und sei es in dem Gef&uuml;hl ihres Verlustes.<\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\" id=\"pageIndex_1\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">A<\/span>ls <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"5a6aff98e46b98ca35259efce445fc8bf83a3658\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/boris-johnson\">Boris Johnson<\/a> im November 2016 ank&uuml;ndigte, der Brexit werde ein &bdquo;Titanic success&ldquo;, h&auml;tte der seinerzeitige Au&szlig;enminister ahnen m&uuml;ssen, dass er sich mit diesem Bild zum allgemeinen Gesp&ouml;tt machen w&uuml;rde. Josh Pappenheims satirischer Kurzfilm lie&szlig; nicht lange auf sich warten. Mit Ausschnitten aus dem Katastrophenfilm &bdquo;Titanic&ldquo; (1997) stellte er die f&uuml;r den Brexit Hauptverantwortlichen Boris Johnson, David Cameron und Michael Gove an das Ruder des sinkenden Schiffs, w&auml;hrend Theresa May und Nigel Farage wie Schatten einen gespenstigen Hintergrund bildeten. W&auml;hrenddessen spielte Jeremy Corbyn teilnahmslos auf einer Geige, als ginge den Labour-F&uuml;hrer der Untergang gar nichts an.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Ein zutreffenderes Bild als das des Schiffbruchs ist kaum denkbar. Betrachten dessen Zuschauer gebannt das Geschehen, k&auml;mpfen einige Protagonisten verzweifelt gegen den Untergang, w&auml;hrend andere es ablehnen, f&uuml;r diesen Verantwortung zu tragen. Das Staatsschiff beziehungsweise seine angebliche Befreiung ist also alles andere als ein &bdquo;titanischer Erfolg&ldquo;, es ist vielmehr von den Politikern als seiner Besatzung einer gro&szlig;en Katastrophe entgegengesteuert worden. Nun entzieht sich das Unabwendbare endg&uuml;ltig aller Kontrolle. Auch die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"f03a9604fd83fd78790e1a75d31b1e83315eff83\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/titanic\">Titanic<\/a>, die als unsinkbar galt, war nicht davor gefeit.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Hans Blumenberg hat diesen Schicksalsmoment der &Uuml;berlebenskrise als Daseinsmetapher gedeutet. Bitterer k&ouml;nnte die Krise lediglich sein, wenn sie keine Zuschauer h&auml;tte. Aber im Fall des <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"472ebdbf7df0765683d7d509e02b4e207676ca23\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/brexit\">Brexits<\/a> wird man einen Mangel an Anteilnahme durch die Welt&ouml;ffentlichkeit nicht beklagen k&ouml;nnen. Das nautische Sinnbild des Staatsschiffs eignet sich vortrefflich f&uuml;r eine einem Kontinent vorgelagerte und ozeanischen Kr&auml;ften ausgesetzte Insel &ndash; das thematisierten schon Francis Bacon in &bdquo;New Atlantis&ldquo; (1627) und James Harrington mit seinem &bdquo;The Commonwealth of Oceana&ldquo; (1656). Pr&auml;ziser jedenfalls als die Metaphern vom (Staats-)Haus oder vom (Staats-)K&ouml;rper, unterstreicht auf einer Insel, deren St&auml;dte mehrheitlich entweder an der K&uuml;ste oder mit direktem Meerzugang gegr&uuml;ndet wurden, das Bild vom Schiff die britische maritime Erfassung der Welt. Es stellt zudem die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit von Stadtmauern heraus, worin sich Gro&szlig;britannien vom Rest Europas unterscheidet.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Das Meer ist somit nicht Hindernis, sondern Br&uuml;cke, doch gegebenenfalls auch Schicksal. Im zweiten Akt von &bdquo;Richard II&ldquo; (1597) spricht John of Gaunt die vielzitierten Zeilen: &bdquo;This precious stone set in the silver sea.&ldquo; Indem Shakespeare aus der geographischen Lage eine historische Sonderrolle ableitete, f&uuml;gte er geradezu vision&auml;r die Britischen Inseln unmittelbar in die kommende Kolonialgeschichte ein. Denn auch der Expansionsprozess des Empires vollzog sich in erster Linie &uuml;ber Inseln &ndash; ob Irland, Malta oder Zypern- Jamaika, Barbados, Bermuda und Trinidad- Australien und Neuseeland- Ceylon, Singapur und unz&auml;hlige mehr.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Wer im selben politischen Boot sa&szlig;, solidarisierte sich zu einer Interessensgemeinschaft, die den St&uuml;rmen des Weltgeschehens die Stirn bot. Oder die als &bdquo;Britannia&ldquo; ihrer Mission gerecht werden musste, wenn sie die Wellen der Meere regierte. Der Schotte James Thomson hatte die ber&uuml;hmten Verse &bdquo;Rule Britannia!&ldquo; vermutlich erstmals 1740 ver&ouml;ffentlicht. Nur zwei Jahrzehnte davor war Daniel Defoe mit einem Roman an die &Ouml;ffentlichkeit getreten, der in diesen Tagen englische Konstanten in Erinnerung ruft: die Seefahrt und die Insel als Orte der Bew&auml;hrung.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/robinson-crusoe-der-mythos-der-englishness-16094289.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/robinson-crusoe-der-mythos-der-englishness-16094289.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eRobinson Crusoe\u201c, erstmals im April 1719 erschienen und seitdem unz\u00e4hlige Male \u00fcberarbeitet, \u00fcbersetzt und nachgeahmt, war der erste moderne, realistische Roman in englischer Sprache. 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