{"id":60410,"date":"2019-04-17T18:27:37","date_gmt":"2019-04-17T18:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=60410"},"modified":"2019-05-06T10:11:17","modified_gmt":"2019-05-06T10:11:17","slug":"sachbuch-die-verlorenen-arten-uberraschungen-im-naturalienkabinett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=60410","title":{"rendered":"Sachbuch \u201eDie verlorenen Arten\u201c: \u00dcberraschungen im Naturalienkabinett"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"image_description\">Der Holotyp von Darwinilus sedarisi.<\/div>\n<p class=\"post_description\">Der richtige K&auml;fer in der falschen Schachtel: Christopher Kemp erz&auml;hlt von der Entdeckung neuer Arten in alten naturkundlichen Sammlungen.<\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\" id=\"pageIndex_1\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">H<\/span>undertachtzig Jahre sind keine Ewigkeit, aber sie sind lange genug f&uuml;r den Menschen, dass er M&uuml;he hat, sich die Verh&auml;ltnisse in diesem Vorgestern vorzustellen. Vom massenhaften Aussterben der Tiere auf unserem Planeten war damals nicht die Rede, das &ouml;kologische Interesse war auf Ahnungen, weniger auf empirische Erkenntnisse gerichtet, und die gelehrte Welt der Naturforscher gebot &uuml;ber eine sehr kleine Insel in einem Meer voll Unbekanntem.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\"><a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"7bacbcc18f185f29466a4af4a71cf1f359263787\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/thema\/charles-darwin\">Charles Darwin<\/a> war im Sommer 1832 auf der &bdquo;HMS Beagle&ldquo; in der Bahia Blanca angekommen, einem nat&uuml;rlichen Hafen im heutigen Argentinien. Er war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte in wenigen Tagen so viele Tiere und Pflanzen gesammelt, dass wieder eine Postsendung an seine Heimatuniversit&auml;t Cambridge abging. Zu den gesammelten St&uuml;cken geh&ouml;rte ein Kurzfl&uuml;glerk&auml;fer, ein ungew&ouml;hnlich gro&szlig;es Exemplar innerhalb dieser Familie mit langem, biegsamen K&ouml;rper und blaugr&uuml;n irisierendem Kopf. Darwin schrieb dar&uuml;ber in seinem Reisebuch. Doch der K&auml;fer blieb namenlos und verschwand.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Bis ihn hundertachtzig Jahre sp&auml;ter ein amerikanischer Taxonom wiederfand &ndash; nicht etwa in freier Wildbahn, sondern unter den von Darwin gesammelten St&uuml;cken. Es war ein gl&uuml;cklicher Zufall, denn viele Biologen vor ihm hatten bereits nach diesem r&auml;tselhaften Tier gesucht, das offenbar das erste erw&auml;hnte Exemplar einer ungew&ouml;hnlichen Art war. Der Taxonom, der an der Universit&auml;t von Tennessee die &Uuml;berarbeitung einer Unterfamilie &ndash; Trigonopselaphus &ndash; der inzwischen auf weltweit 60&#8198;000 Arten kommenden Kurzfl&uuml;glerk&auml;fer vornehmen wollte, hatte eine Sendung mit einschl&auml;gigen Sammlungsst&uuml;cken aus dem Naturhistorischen Museum in London angefordert, zu dessen Best&auml;nden eine der gr&ouml;&szlig;ten K&auml;fersammlungen weltweit geh&ouml;rt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Eine Schachtel der Londoner Sendung sollte vierundzwanzig konservierte Trigonopselaphus-Vertreter enthalten. Aber als der Taxonom sie &ouml;ffnete, sah er sofort, dass einer der K&auml;fer aus der Reihe fiel, schon seiner Gr&ouml;&szlig;e wegen. Es war Darwins Fundst&uuml;ck &ndash; der sogenannte Holotypus &ndash; mit der Inventarnummer 708. Im Jahr 2012 erhielt der K&auml;fer so endlich einen Namen und eine l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Einordnung in den Stammbaum der Lebewesen: Darwinilus sedarisi. Unter 400&#8198;000 K&auml;ferarten &ndash; das sind mehr als alle Wirbeltierspezies der Welt zusammen &ndash; fand die neue Art, die auch eine eigene Gattung begr&uuml;ndet, ihre taxonomische Heimat. Ein zweites Exemplar der Art wurde im Musum f&uuml;r Naturkunde in Berlin entdeckt.<\/p>\n<div data-gdpr-embedding data-gdpr-id=\"11\" data-gdpr-embedding-no-placeholder><!----><\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die museale Odyssee des Darwin-K&auml;fers ist eine der Entdeckungsgeschichten, die der amerikanische Epidemiologe Christopher Kemp in seinem Buch &uuml;ber die verlorenen Arten nachzeichnet: Das Naturmuseum als Schatzkammer der Natur. Kemp liefert Geschichten aus aller Welt &uuml;ber V&ouml;gel, Amphibien, Reptilien, K&auml;fer und W&uuml;rmer, auch &uuml;ber S&auml;ugetiere wie den kleinen Wickelb&auml;ren, den Olinguito, der vor ein paar Jahren nicht in der Natur, sondern in den Sammlungen des Chicagoer Naturkundemuseums entdeckt und beschrieben wurde. Von den 18&#8198;000 Arten von Lebewesen, die heute jedes Jahr neu beschrieben werden, sind eben viele nicht auf Expeditionen in ferne Weltgegenden zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, sondern auf die akribische und h&auml;ufig vom Zufall angesto&szlig;ene Aufarbeitung von Museumsmaterial.<\/p>\n<h3 class=\"atc-SubHeadline\">Mehr tun f&uuml;r Naturkundemuseen<\/h3>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Kemps Buch ist ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Erhaltung naturhistorischer Sammlungen, in denen viele Millionen von Tieren aufbewahrt sind, aber oft genug unbenannt oder falsch und jedenfalls mit alten Verfahren unzutreffend eingeordnet. Tats&auml;chlich lagern in diesen Sammlungen Sch&auml;tze des Weltwissens. Ob die Mehrzahl von ihnen auch gehoben wird, l&auml;sst sich kaum sagen, denn die Zahl der Taxonomen schrumpft, so wie die &ouml;ffentlichen Zuwendungen, auf die sie angewiesen sind. Das Artensterben, das Politik und Medien besch&auml;ftigt, k&ouml;nnte das zwar &auml;ndern, doch sicher ist das nicht. Denn wie Kemp schreibt, wird zwar Geld in die Digitalisierung der Sammlungen gesteckt, auch die Aufarbeitung und Katalogisierung neuer Arten mit neuen Barcode-Verfahren kommt voran. Aber die Berge, die sich vor den Biologen auft&uuml;rmen, sind gewaltig. Kemp nennt die h&auml;ufig zitierte Zahl von zehn Millionen Arten, welche die Erde mutma&szlig;lich bev&ouml;lkern, von denen aber bisher nur zwei Millionen wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind. Bestenfalls kennen wir jede vierte Insektenart. Und die Zeit rennt uns davon: Denn mit den Lebensr&auml;umen verschwinden derzeit viele Arten weltweit unwiederbringlich.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Kemps Buch ist kein emphatisches Manifest gegen das weltweite Artensterben, wie man es vielleicht von einem Autor erwarten k&ouml;nnte, der in seinem Buch eine ungeheure Begeisterung f&uuml;r die Vielfalt und &Auml;sthetik der lebendigen Welt erkennen l&auml;sst. Der Autor gibt vielmehr biologische Anekdoten, die jedoch wissenschaftlich fundiert und manchmal akribisch dokumentiert sind. Das Buch vermittelt damit auch dem Laien einen Eindruck von den Menschen. welche nicht nur zu Darwins Zeiten, als kaum jemand die Lebensvielfalt zu &uuml;berblicken oder &uuml;berhaupt quantitativ einzusch&auml;tzen wusste, sondern auch heute noch hinter Unentdecktem in der Natur herjagen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">An den Museumsgeschichten kann man dabei lernen, wie lange diese Jagd oft dauert: Die durchschnittliche &bdquo;Verweilzeit&ldquo; in Sammlungen, also die Zeit zwischen dem Sammeln und der Beschreibung, liegt auch heute noch bei gut einundzwanzig Jahren. F&uuml;r welche &Uuml;berraschungen da die modernen genetischen Verfahren sorgen k&ouml;nnen, macht ein von Kemp erw&auml;hnter Frankfurter Fall deutlich: Als Forscher der Goethe-Universit&auml;t die genetischen Analysen von &ndash; &auml;u&szlig;erlich praktisch gleich aussehenden &ndash; Giraffen untersuchten, zeigte sich, dass es sich um vier unterschiedliche Arten handelte. &Uuml;berraschungsmomente wie diesen liefert Kemp einige in seinem faszinierenden Parcours durch Naturkundemuseen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/leben-gene\/christopher-kemps-sachbuch-die-verlorenen-arten-16124764.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/leben-gene\/christopher-kemps-sachbuch-die-verlorenen-arten-16124764.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der richtige K\u00e4fer in der falschen Schachtel: Christopher Kemp erz\u00e4hlt von der Entdeckung neuer Arten in alten naturkundlichen Sammlungen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":60426,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5436,429],"tags":[17856,2247,17855,17857,17859,17858],"class_list":["post-60410","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leben-gene","category-wissen","tag-bahia-blanca","tag-charles-darwin","tag-christopher-kemp","tag-christopher-kemps","tag-naturalienkabinett","tag-naturhistorische-museum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60410","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60410"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60410\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/60426"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}