{"id":57102,"date":"2019-02-06T15:27:40","date_gmt":"2019-02-06T15:27:40","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=57102"},"modified":"2019-02-27T13:34:39","modified_gmt":"2019-02-27T13:34:39","slug":"analyse-leihmutterschaft-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=57102","title":{"rendered":"ANALYSE &#8211; Leihmutterschaft in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<h3>Leihmutterschaft in der Ukraine:<\/h3>\n<p><strong> Aufstieg \u2013 und Fall? \u2013 eines lukrativen internationalen Marktes<\/strong><\/p>\n<p>Von Veronika Siegl (Universit\u00e4t Bern)<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n<p>Seit einigen Jahren boomt die Ukraine als internationale Destination f\u00fcr Leihmutterschaft, auch f\u00fcr deutsche Paare. Der vorliegende Artikel skizziert diese Entwicklung und zeigt, wie sich die Ukraine im Feld der Leihmutterschaft als \u00bbethischer Kompromiss\u00ab mit billigen All-inclusive-Programmen positioniert. Dabei greifen Agenturen und Kliniken auch zu aggressiven Marketingstrategien und sch\u00fcren die \u00c4ngste und Hoffnungen der Wunscheltern. Auf diese Weise hat sich v. a. BioTexCom einen Namen gemacht. Die Klinik sorgte im Juli 2018 f\u00fcr einen Skandal, der weitreichende rechtliche Ver\u00e4nderungen nach sich ziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>An der deutschen Botschaft in Kiew ist die b\u00fcrokratische Abwicklung von Leihmutterschaften mittlerweile zur \u00bbFlie\u00dfbandarbeit\u00ab geworden, so eine Mitarbeiterin des Rechts- und Konsularreferats. Im Jahr 2014 waren es erst zw\u00f6lf deutsche Paare, die f\u00fcr ein Leihmutterschaftsprogramm in die Ukraine reisten; 2017 waren es bereits 89. Die Abwicklung solcher F\u00e4lle macht mittlerweile den Hauptteil ihrer Arbeit aus. 2018 sei die Zahl zwar leicht zur\u00fcckgegangen \u2013 insgesamt gab es 79 F\u00e4lle \u2013, dennoch gilt: Die Ukraine hat sich in den letzten Jahren zu einer der beliebtesten Destinationen f\u00fcr internationale Leihmutterschaft entwickelt. Laut einem weiteren Mitarbeiter des Rechts- und Konsularreferats verzeichnen auch die Botschaften anderer L\u00e4nder einen deutlichen Anstieg an Leihmutterschaftsf\u00e4llen: Neben Paaren aus Deutschland \u2013 wo Leihmutterschaft laut Embryonenschutzgesetz (ESchG) verboten ist \u2013 reisen ausl\u00e4ndische Wunscheltern v. a. aus Spanien, Frankreich und den USA in die Ukraine.<\/p>\n<p>Dieser Aufschwung k\u00f6nnte jedoch ein Ende haben: Im Juli 2018 erhob der ukrainische Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko schwere Vorw\u00fcrfe gegen BioTexCom, den \u00bbBilliganbieter\u00ab f\u00fcr assistierte Fortpflanzung. BioTexCom gilt als gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste der zahlreichen Fertilit\u00e4tskliniken in der Ukraine. Laut Medienberichten deckt die Klinik rund 70 Prozent der Leihmutterschaften in der Ukraine ab und verbuchte in den letzten drei Jahren Einnahmen von mehr als 30 Millionen Euro. Dem Direktor sowie dem medizinischen Leiter wurden nun Kinderhandel, Steuervergehen und Dokumentenf\u00e4lschung vorgeworfen. Ihnen drohen 15 Jahre Haft. Bei der Anklage st\u00fctzte sich die Staatsanwaltschaft unter anderem auf den Fall eines italienischen Paares von 2011, durch den sich BioTexCom ins rechtliche Abseits man\u00f6vrierte: Ein DNA-Test erwies, dass Wunscheltern und Kind kein Genmaterial teilten; laut ukrainischem Gesetz muss aber zumindest ein Elternteil genetisch mit dem Kind verwandt sein. Infolge dieser Vorw\u00fcrfe soll nun im ukrainischen Parlament \u00fcber eine Gesetzesnovelle entschieden werden, die den Zugang zu reproduktiven Dienstleistungen f\u00fcr ausl\u00e4ndische Paare betr\u00e4chtlich einschr\u00e4nken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Ein neuer Player auf dem globalen<br \/>\n\u00bbRepromarkt\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>In der Ukraine floriert das Gesch\u00e4ft mit der assistierten Reproduktion, seit kommerzielle Leihmutterschaft in mehreren L\u00e4ndern entweder ganz verboten oder auf inl\u00e4ndische Paare beschr\u00e4nkt wurde. Ausgel\u00f6st wurden die Gesetzes\u00e4nderungen durch eine Reihe von Skandalen. F\u00fcr weltweite Emp\u00f6rung sorgte v. a. der Fall \u00bbBaby Gammy\u00ab im Jahr 2014, als ein Kind mit Trisomie 21 von den australischen Wunscheltern bei der thail\u00e4ndischen Leihmutter zur\u00fcckgelassen wurde. Thailand f\u00fchrte daraufhin restriktivere Gesetze ein. Nepal, Kambodscha, Indien und Mexiko zogen nach und schlossen ihre Tore f\u00fcr ausl\u00e4ndische Wunschpaare.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist die Ukraine eines der wenigen L\u00e4nder, in denen kommerzielle Leihmutterschaft legal ist. Bereits 1991 fand die erste Leihmutter-Geburt im postsowjetischen Raum im ukrainischen Charkiw statt. Wie viele Kinder seitdem j\u00e4hrlich durch diese reproduktive Technologie geboren werden, ist ungewiss. Zwar gibt es offizielle Statistiken, diese sind aber wenig aussagekr\u00e4ftig, denn die Kliniken sind nicht verpflichtet, Informationen an das Gesundheitsministerium weiterzugeben. Sch\u00e4tzungen zufolge bel\u00e4uft sich die Zahl der Leihmutterschaftsgeburten pro Jahr auf rund 500; in einigen Medienberichten ist sogar von 2.000 die Rede.<\/p>\n<p>Den rechtlichen Rahmen f\u00fcr Leihmutterschaftsprogramme bilden heute das <em>Zivil- und Familiengesetzbuch der Ukraine sowie die Grundlagen der ukrainischen Gesetzgebung im Gesundheitswesen und das Verfahren zur Nutzung von Technologien der assistierten Reproduktion in der Ukraine<\/em>. Auf Basis dieser Grundlagen k\u00f6nnen nur heterosexuelle, verheiratete Paare an Leihmutterschaftsprogrammen teilnehmen. Sie m\u00fcssen nachweisen, dass sie auf \u00bbnat\u00fcrlichem\u00ab Weg kein Kind zeugen k\u00f6nnen bzw. dass die Frau kein Kind austragen kann. Neben der Regelung, dass zumindest ein Elternteil genetisch mit dem Kind verwandt sein muss, ist auch festgelegt, dass die Leihmutter genetisch nicht mit dem Kind verwandt sein darf. Somit grenzt sich die \u00bbgestationelle Leihmutterschaft\u00ab (gestare [lat.] = tragen) von der \u00bbtraditionellen Leihmutterschaft\u00ab ab, bei der die Leihmutter auch die biologische Mutter des Kindes ist. Seit 1978 ein durch in-vitro Fertilisation (IVF) gezeugtes Kind auf die Welt kam und diese Technologie sp\u00e4ter optimiert und massentauglich wurde, wird die traditionelle Leihmutterschaft nur noch selten praktiziert. Die gestationelle Leihmutterschaft gilt als juristisch, ethisch und emotional einfacher, da der Unterschied zwischen Wunschmutter und Tragemutter expliziter ist. Diese Eindeutigkeit ist auch f\u00fcr die Leihm\u00fctter wichtig \u2013 viele k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, ein Kind wegzugeben, mit dem sie genetisch verwandt sind. In einer Gesellschaft, in der Verwandtschaft haupts\u00e4chlich \u00fcber die Gene definiert wird, stellt die fehlende genetische Verbindung eine Hilfe zur Abgrenzung dar. Zus\u00e4tzliche Abgrenzung erm\u00f6glicht der Umstand, dass Leihm\u00fctter laut Gesetz ein eigenes Kind haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Viele Leihm\u00fctter sind Alleinerzieherinnen recht junger Kinder und oft in einer finanziell prek\u00e4ren Lebenslage. Durch die Leihmutterschaft k\u00f6nnen sie einer T\u00e4tigkeit nachgehen, die neben der Kinderbetreuung durchf\u00fchrbar ist und ein gutes Einkommen verspricht. Die meisten Frauen geben an, mit dem Geld eine eigene Wohnung kaufen zu wollen. Sie machen keinen Hehl aus ihren \u00f6konomischen Motiven. Viele sehen die Leihmutterschaft als Arbeit und bezeichnen ihre Beziehung zu Agenturen und Wunscheltern als Arbeitsverh\u00e4ltnis. Auch wenn Leihmutterschaft durch einen solchen Diskurs f\u00fcr die Beteiligten normalisiert wird, gilt diese Praxis in der Ukraine als gesellschaftlich nicht legitim und als moralisch h\u00f6chst verwerflich. Stigmatisierung wird vor allem von den konservativen und religi\u00f6sen Kr\u00e4ften im Land gesch\u00fcrt. Leihm\u00fctter verheimlichen ihre Schwangerschaften daher oft und verstecken sich ab dem sechsten Monat hinter den Mauern der Fertilit\u00e4tskliniken, um sich neugierigen Blicken und unerw\u00fcnschten Fragen zu entziehen. Sie wollen nicht als S\u00fcnderinnen beschuldigt werden, die ihre K\u00f6rper und Kinder f\u00fcr schnelles Geld verkaufen.<\/p>\n<p><strong>Destination Ukraine als ethischer Kompromiss<\/strong><\/p>\n<p>Die Entwicklung von IVF und die dadurch m\u00f6gliche Aufspaltung von Mutterschaft in bis zu drei \u00bbRollen\u00ab (genetische, intentionale und Tragemutter) schw\u00e4chte das moralische Bedenken, dass Leihm\u00fctter ihre \u00bbeigenen\u00ab Kinder weggeben. Dennoch gilt Leihmutterschaft \u2013 vor allem in ihrer kommerziellen Form \u2013 weiterhin als h\u00f6chst umstrittene Praxis. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Gefahr der Ausbeutung. Eine Gefahr, die f\u00fcr viele dadurch verst\u00e4rkt wird, dass Schwangerschaft als intimer, emotionaler und privater Akt gilt, der nicht einer Marktlogik unterworfen werden soll. Ausbeutung kann sich unter anderem darin manifestieren, dass Frauen aus einer finanziellen Notlage heraus Leihm\u00fctter werden und Wunscheltern, Agenturen und Kliniken diese Prekarit\u00e4t zu ihren eigenen Gunsten nutzen. Betrachtet man die Diskussionen, die \u00fcber m\u00f6gliche \u00bbDestinationen\u00ab f\u00fcr Leihmutterschaft in den Medien und unter Wunscheltern zirkulieren, zeigt sich eine \u00bbethische Hierarchisierung\u00ab in Bezug auf das Thema Ausbeutung. Die USA gelten dabei oft als ethisch korrekteste Variante: US-amerikanischen Leihm\u00fcttern werden altruistische Motive zugesprochen, sie begegnen den Wunscheltern daher auf Augenh\u00f6he. Leihm\u00fctter aus L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens hingegen werden oft mit Armut und Ausbeutung assoziiert.<\/p>\n<p>Auf diesem ethischen Spektrum hat sich die Ukraine erfolgreich im Mittelfeld und als eine Art \u00bbKompromiss\u00ab positioniert. W\u00e4hrend die Preise f\u00fcr Leihmutterschaftsprogramme in den USA mit 100.000 Euro beginnen, kosten All-inclusive-Pakete in der Ukraine zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Diese Pakete umfassen die medizinischen und rechtlichen Prozeduren sowie das Gehalt der Leihmutter. Trotz des vergleichsweisen niedrigen Preises haftet dem sog. \u00bbReproduktionstourismus\u00ab in der Ukraine nicht die gleiche neokoloniale Aura an, wie das in Thailand oder Indien der Fall ist. Wunscheltern und Agenturen werden nicht m\u00fcde zu betonen, dass die Ukraine \u00bbeurop\u00e4isch\u00ab und \u00bbentwickelt\u00ab genug sei, um Frauen eine \u00bbfreie Entscheidung\u00ab zur Leihmutterschaft zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dennoch sind die \u00f6konomischen Unterschiede zwischen Wunscheltern und Leihm\u00fcttern so eklatant, dass auch hier \u2013 wie in anderen Niedriglohnl\u00e4ndern \u2013 oft ein karitativer und philanthropischer Diskurs zum Tragen kommt. So schreibt eine Frau in einem internationalen Forum f\u00fcr Wunscheltern: \u00bbDurch eine Leihmutterschaft in der Ukraine helfen wir diesen Frauen und ihren Familien, Geld zu verdienen\u00ab. Tats\u00e4chlich stellt das Einkommen durch die Leihmutterschaft in Relation zum durchschnittlichen Lohn in der Ukraine einen gro\u00dfen Betrag dar. W\u00e4hrend viele der Leihm\u00fctter in Jobs arbeiten, in denen sie monatlich nicht mehr als 250 Euro verdienen, erhalten sie f\u00fcr die Schwangerschaft um die 10.000 Euro. Im Vergleich dazu verdienen Leihm\u00fctter in den USA meist zwischen 25.000 und 30.000 Euro. Dieser Kontrast wird von Wunscheltern und Vermittlungsagenturen oft herangezogen, um den Vorwurf der Ausbeutung zu untergraben: Bei einem so hohen Gehalt k\u00f6nne von Ausbeutung keine Rede sein. Aus dieser Perspektive wird Leihmutterschaft zur L\u00f6sung, nicht zum Symptom globaler Ungleichheiten. In Bezug auf die Ukraine f\u00e4llt dieser Diskurs besonders seit 2014 auf fruchtbaren Boden, als die politischen und \u00f6konomischen Turbulenzen ausbrachen. Ausgel\u00f6st durch den Russland-Ukraine Konflikt und die darauffolgende wirtschaftliche Rezession stieg die Zahl der potenziellen Leihm\u00fctter. Die meisten dieser Frauen sind zwischen 20 und 35 Jahre alt und kommen aus der Zentral- und Ostukraine. Viele nehmen an Leihmutterschaftsprogrammen in Kiew oder Charkiw teil. Manche fahren sogar bis nach Moskau oder St. Petersburg \u2013 eine weite Reise, die sie aufgrund der h\u00f6heren Entlohnung vornehmen. Zudem erh\u00f6ht die Distanz auch die Anonymit\u00e4t und somit den Schutz vor moralischer Stigmatisierung. Seit dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland ist die Reise beschwerlicher und die Zahl der ukrainischen Leihm\u00fctter in russischen Fertilit\u00e4tskliniken ist leicht zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Der karitative Diskurs der Wunscheltern und Agenturen muss als direkte Reaktion auf die vehemente Kritik an Leihmutterschaft gelesen werden. W\u00e4hrend Wunscheltern aufgrund dieser Kritik bestimmte Legitimationsdiskurse bedienen m\u00fcssen, werden ebendiese Diskurse von Vermittlungsagenturen in ihre Werbema\u00dfnahmen integriert. Aber nicht alle setzen dabei auf die gleichen Strategien.<\/p>\n<p><strong>Aggressives Marketing und<br \/>\n<em>Fake-Bewertungen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine verdankt ihren Erfolg in Sachen Leihmutterschaft nicht nur dem Mangel an alternativen Destinationen. Auch eine aktive Werbeindustrie steckt dahinter, dass immer mehr Paare mit Kinderwunsch die Ukraine entdecken. Besonders erfolgreich in dieser Hinsicht ist BioTexCom. \u00bbEs gibt keine absolute Unfruchtbarkeit!\u00ab, schreibt die Klinik auf ihrer Website und verk\u00fcndet, sogar die \u00bbhoffnungslosesten F\u00e4lle [sic!]\u00ab zu behandeln. So sei BioTexCom ein \u00bbParadies\u00ab f\u00fcr \u00e4ltere Frauen, wie eine Reihe von angef\u00fcgten Artikeln best\u00e4tigen soll. In Deutschland respektive der Schweiz f\u00fchrten diese allerdings zu heftigen Diskussionen \u2013 eine 66-j\u00e4hrige Frau, die durch die Geburt von Zwillingen zur \u00e4ltesten Mutter der Schweiz wurde; oder eine bereits 13-fache Mutter aus Deutschland, die mit 65 Jahren dank einer Eizellen- und Samenspende Vierlinge auf die Welt brachte.<\/p>\n<p>Teil der Werbestrategie von BioTexCom sind zahlreiche anonyme \u00bbWunscheltern\u00ab, die in Kinderwunschforen, in den Kommentarteilen von Online-Artikeln und sogar in Artikeln auf Newsportalen die Ukraine als letzte Hoffnung anpreisen. Das Narrativ ist stets \u00e4hnlich: Das Paar war bereits bei zahlreichen Kliniken in mehreren L\u00e4ndern, doch der Erfolg blieb aus. Emotional und finanziell ausgebrannt, \u00fcberwanden sie schlie\u00dflich ihre \u00c4ngste vor dem \u00bbOsten\u00ab und reisten in die Ukraine, wo \u2013 in wundersamer Weise \u2013 die Leihmutterschaft auf Anhieb funktionierte. In einem Nebensatz wird dann noch der Name der Klinik erw\u00e4hnt. Manche Userinnen gehen auch soweit, zweifelhafte Informationen dar\u00fcber zu verbreiten, warum Leihmutterschaft in anderen L\u00e4ndern nicht zum Erfolg f\u00fchren kann: In Georgien w\u00fcrden die Embryos zu fr\u00fch eingesetzt; in Spanien verwende man nicht frische Eizellen, sondern eingefrorene; in Mexiko seien die Leihm\u00fctter mit schrecklichen Krankheiten infiziert. Solche Erz\u00e4hlungen sch\u00fcren \u00c4ngste und vermitteln das Gef\u00fchl, dass lediglich ukrainische Kliniken, allen voran BioTexCom, den Kinderwunsch erf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die \u00c4hnlichkeit dieser Erz\u00e4hlungen sowie das fehlerhafte Deutsch und Englisch deuten darauf hin, dass es sich dabei um bezahlte Texte handelt. Anders als die Texte vieler anderer Agenturen betonen diese Berichte nicht den (unterstellten) europ\u00e4ischen Charakter der Ukraine, und sie bem\u00fchen auch nicht den Altruismus der Leihm\u00fctter oder den karitativen Beitrag, den die Wunscheltern durch gute Entlohnung der Leihmutter leisten. Die Kommentare und Berichte folgen allesamt einem anderen Muster \u2013 dem betont n\u00fcchternen Abwiegen zwischen negativen und positiven Aspekten einer Leihmutterschaft in der Ukraine \u2013 und kommen stets zu demselben Urteil: BioTexCom ist trotz der schwachen ukrainischen Infrastruktur die Top-Adresse f\u00fcr eine Leihmutterschaft. Ein besonders anschaulicher Artikel in dieser Hinsicht tr\u00e4gt den Titel: \u201cUkraine has the worst roads and best reproductive medicine in the world\u201d. Die Autorin, laut eigener Aussage eine Journalistin, beschreibt ihre Erfahrungen als Wunschmutter mit BioTexCom. Die \u00bbBedingungen und der Service [waren] nicht auf einem ad\u00e4quaten Level\u00ab und ihre Erlebnisse im Laufe des Aufenthalts in der Klinik wurden \u00bbimmer schlimmer und schlimmer\u00ab. Dennoch konkludiert sie am Ende, dass die Ukraine zwar ein \u00bbDritte-Welt-Land\u00ab sei, aber im Bereich der Reproduktionsmedizin Wunder bewirke. Dem Artikel folgen eine Reihe von Kommentaren, die \u2013 fast ausnahmslos \u2013 die au\u00dfergew\u00f6hnliche Arbeit der Klinik loben.<\/p>\n<p>Das Internet spielt auch f\u00fcr die Anwerbung von Leihm\u00fcttern eine gro\u00dfe Rolle. Agenturen und private Mittelspersonen werben v. a. \u00fcber soziale Medien, wie das russischsprachige Facebook-Pendant \u00bbVK\u00ab. Leihm\u00fctter und Wunscheltern, die kostspielige Vermittlungsdienste umgehen wollen, k\u00f6nnen auf Online-Plattformen ihre eigenen Anzeigen schalten. In sog. \u00bbdirekten Programmen\u00ab stehen die zwei Parteien in engerem Kontakt und k\u00f6nnen die Bedingungen ihrer Zusammenarbeit miteinander verhandeln. Leihmutterschaftsprogramme, die \u00fcber Agenturen geschlossen werden, sind hingegen oft standardisiert und f\u00fcr beide Seiten anonym. Das sei ein gro\u00dfer Vorteil, so die Agenturen, denn Kontakt sei unn\u00f6tig \u2013 Leihmutterschaft sei ja lediglich ein Arbeitsverh\u00e4ltnis \u2013, und unter Umst\u00e4nden sogar gef\u00e4hrlich: Sowohl die \u00bbgeldgierigen Leihm\u00fctter\u00ab als auch die \u00bbkontrolls\u00fcchtigen Wunscheltern\u00ab seien nur an ihrem Eigennutzen interessiert. Agenturen tragen erheblich dazu bei, eine Angstrhetorik zu sch\u00fcren und dadurch ihre Funktion als besch\u00fctzende Instanz zu erhalten. Vor allem Wunscheltern aus dem Ausland lassen sich von dieser Rhetorik leicht beeinflussen. Aufgrund mangelnder Sprach- und Ortskenntnisse ist der Weg \u00fcber eine lokale Agentur f\u00fcr sie kaum vermeidbar.<\/p>\n<p><strong>Rechtliche Rahmenbedingungen f\u00fcr deutsche Paare <\/strong><\/p>\n<p>Die Werbemaschinerie von BioTexCom scheint bei Kundinnen und Kunden aus Deutschland besonders gut zu funktionieren: Die Klinik gibt an, im Jahr 2017 h\u00e4tten insgesamt 750 deutsche Paare ihre Dienstleistungen im Bereich Reproduktionsmedizin in Anspruch genommen \u2013 dreimal mehr als 2014. Laut Botschaft arbeiten rund 90 Prozent der deutschen Paare, die eine Leihmutterschaft in der Ukraine machen, mit BioTexCom zusammen. Die Klinik verweise sogar auf eine \u00bbZusammenarbeit\u00ab mit der Botschaft, was letztere negiert. Aber der b\u00fcrokratische Prozess laufe mittlerweile recht reibungslos ab und sei \u00bbeingespielt\u00ab: Nach der Geburt des Kindes m\u00fcssen der Vater und die Leihmutter an der Botschaft verschiedene Dokumente unterzeichnen. Unter anderem unterschreibt der Vater die Vaterschaftsanerkennung und die Leihmutter stimmt dem zu. Ein genetischer Test \u2013 wie ihn andere L\u00e4nder z. T. verlangen &#8211; ist daf\u00fcr nicht notwendig. Durch diese Unterschriften erlangt das Kind die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft und somit einen deutschen Pass. Die ukrainische Geburtsurkunde \u2013 auf der die Namen der Wunscheltern, nicht aber der Leihmutter erscheint \u2013 sowie die notarielle Bescheinigung der Leihmutter, dass sie das Sorgerecht abgibt, wird laut Deutschem Gesetz nicht anerkannt. Die \u00dcbertragung des Sorgerechts von ihr auf die Wunschmutter erfolgt erst sp\u00e4ter, n\u00e4mlich nach der sog. \u00bbStiefkindadoption\u00ab in Deutschland. In der deutschen Geburtsurkunde, die neu ausgestellt werden muss, wird der Name der Leihmutter immer vermerkt bleiben. Wunscheltern m\u00fcssen sich daher bewusst sein, dass ihr Kind fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von der Leihmutterschaft erfahren wird.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrokratische Abwicklung von Leihmutterschaften an der Deutschen Botschaft in Kiew sei vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen, so die Angestellten. Seitdem g\u00e4be es eine lockerere Haltung in Bezug auf das Thema; dennoch h\u00e4tte der gesamte Prozess fr\u00fcher oft mehr als ein Jahr gedauert. Heute werde das Verfahren einfach und effektiv in wenigen Wochen durchgef\u00fchrt. Auch wird mittlerweile viel offener mit dem Thema umgegangen. Vor ein paar Jahren h\u00e4tten die Eltern oft versucht, die Leihmutterschaft zu verheimlichen. Jetzt erw\u00e4hnen die Paare die Leihmutterschaft direkt und sind \u00fcber das Prozedere genauestens informiert. Das sei von Vorteil, k\u00f6nne aber auch dazu f\u00fchren, dass Wunscheltern mit einer fordernden Haltung an die Botschaft herantreten und sich \u00e4rgern, wenn der Prozess l\u00e4nger dauert als von ihnen eingeplant. Aber: Garantien f\u00fcr einen reibungslosen Ablauf gibt es keine. Die Deutsche Botschaft warnt auf ihrer Homepage, dass \u00bbim Einzelfall eine Ausreise der Kinder unm\u00f6glich und ihre Unterbringung im Waisenhaus\u00ab erfolgen kann und \u00bbr\u00e4t daher grunds\u00e4tzlich von der Teilnahme an ukrainischen Leihmutterschaftsprogrammen ab\u00ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Botschaftsangestellten ist der jetzige Umgang mit dem Thema eine \u00bbganz gute L\u00f6sung\u00ab. Sie seien froh \u00fcber die klaren Richtlinien und auch dar\u00fcber, dass sie nicht \u00bbDetektiv spielen\u00ab m\u00fcssen. Angst haben sie aber, dass eine Lawine losgetreten wird, die nicht zu stoppen ist. \u00bbLeihmutterschaft wird man nicht abschaffen k\u00f6nnen\u00ab, meint ein Mitarbeiter. L\u00e4ngerfristig m\u00fcsse man aber einen Weg finden, wie man Wunscheltern demotivieren kann, in die Ukraine zu kommen. Gleichzeitig m\u00fcsse man aber aufpassen, dass die Kinder der Eltern, die dennoch diesen Weg w\u00e4hlen, nicht in einem rechtlichen Vakuum landen. Die beste M\u00f6glichkeit w\u00e4re seiner Meinung nach eine Novelle der ukrainischen Gesetze, die Leihmutterschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndische Paare verbietet.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ausgel\u00f6st durch das \u00bbrechtliche Abseits\u00ab von BioTexCom werden eben solche Gesetzesentw\u00fcrfe zurzeit im ukrainischen Parlament diskutiert. Diese k\u00f6nnten weitreichenden Folgen haben: Einige Entw\u00fcrfe sehen vor, Leihmutterschaft \u2013 sowie andere Ma\u00dfnahmen assistierter Reproduktion \u2013 nur noch f\u00fcr Paare mit Wohnsitz in der Ukraine zuzulassen und\/oder nur f\u00fcr Paare aus L\u00e4ndern, in denen Leihmutterschaft legal ist. Zudem soll eine Altersgrenze f\u00fcr Wunscheltern eingef\u00fchrt werden. Allerdings ist es um die m\u00f6gliche Gesetz\u00e4nderung still geworden. Die MitarbeiterInnen des Konsulats bezweifeln, dass es im Parlament in absehbarer Zeit zu einem Beschluss kommen wird. Die Regierung habe zurzeit andere Priorit\u00e4ten und wom\u00f6glich wollen Kliniken und Agenturen eine Gesetzes\u00e4nderung aktiv verhindern. Diese Einrichtungen sind die gro\u00dfen Profiteure des Reprobusiness. Sie k\u00e4mpfen nicht nur durch gezielte Fehlinformationen, sondern auch durch das Monopolisieren von Informationen, um ihren lukrativen Markt zu erhalten. Als Instanz zwischen Wunscheltern und Leihm\u00fcttern verf\u00fcgen sie \u00fcber gro\u00dfe Macht, die Beziehung und die Kommunikation zwischen den beiden Parteien zu beeinflussen und zu manipulieren. Eine Macht, die durch die aktuelle \u2013 sehr rudiment\u00e4re \u2013 Gesetzeslage vielf\u00e4ltige Entfaltungsm\u00f6glichkeiten hat. Sollte es zu einer Gesetzesnovelle in der Ukraine kommen, w\u00e4re es daher w\u00fcnschenswert, wenn sich diese auch den besseren Schutz von Leihm\u00fcttern sowie Wunscheltern zum Ziel setzt.<\/p>\n<p><em>Die Gespr\u00e4che mit MitarbeiterInnen des Rechts- und Konsularreferats der Deutschen Botschaft in Kiew fanden zwischen 2015 und 2018 statt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber die Autorin:<\/em><\/p>\n<p>Dr. des. Veronika Siegl ist Assistentin am Institut f\u00fcr Sozialanthropologie und Lehrbeauftragte am Interdisziplin\u00e4ren Zentrum f\u00fcr Geschlechterforschung an der Universit\u00e4t Bern. Im Rahmen ihrer Dissertation \u00bbFragile Truths. The Ethical Labour of Doing Trans-\/national Surrogacy in Russia and Ukraine\u00ab (2018) untersuchte sie die umstrittene Praxis kommerzieller Leihmutterschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><a href=\"http:\/\/www.laender-analysen.de\/ukraine\/pdf\/UkraineAnalysen211.pdf\">Diesen Artikel  finden Sie hier,s.8-13<\/a><\/p>\n<h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leihmutterschaft in der Ukraine: Aufstieg \u2013 und Fall? \u2013 eines lukrativen internationalen Marktes Von Veronika Siegl (Universit\u00e4t Bern) Zusammenfassung Seit einigen Jahren boomt die Ukraine als internationale Destination f\u00fcr Leihmutterschaft, auch f\u00fcr deutsche Paare. Der vorliegende Artikel skizziert diese Entwicklung und zeigt, wie sich die Ukraine im Feld der Leihmutterschaft als \u00bbethischer Kompromiss\u00ab mit billigen All-inclusive-Programmen positioniert. Dabei greifen Agenturen und Kliniken auch zu aggressiven Marketingstrategien und sch\u00fcren die \u00c4ngste und Hoffnungen der Wunscheltern. Auf diese Weise hat sich v. 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