{"id":56544,"date":"2018-10-03T10:40:28","date_gmt":"2018-10-03T10:40:28","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=56544"},"modified":"2018-12-03T14:11:25","modified_gmt":"2018-12-03T14:11:25","slug":"deutschlands-osten-die-erfindung-des-ostdeutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=56544","title":{"rendered":"Deutschlands Osten: Die Erfindung des Ostdeutschen"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"image_description\">Chemnitz: Die Teilnehmer der Demonstration von AfD und Pegida warten Anfang September auf den Start ihres Marsches durch die Stadt.<\/div>\n<p class=\"post_description\">Erst Pegida, jetzt Chemnitz &ndash; was ist nur mit dem Osten los? Wurden die Ostdeutschen durch den Einigungsprozess so gedem&uuml;tigt, dass sie nun aus Wut die AfD w&auml;hlen? Ein Gastbeitrag.<\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\" id=\"pageIndex_1\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">D<\/span>ie Wahlerfolge der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\" href=\"\/aktuell\/politik\/thema\/afd\">AfD<\/a> in den &ouml;stlichen L&auml;ndern und die Demonstrationen in Chemnitz nach der t&ouml;dlichen Messerattacke durch Migranten haben ganz Deutschland in Aufregung versetzt und achtundzwanzig Jahre nach der deutschen Vereinigung wieder einmal die Frage aufgeworfen: Was ist mit dem Osten los? Eine vielbeachtete Antwort aus dem Osten lautet: Die Ostdeutschen seien durch den Einigungsprozess gedem&uuml;tigt worden, und diese Kr&auml;nkung schlage nun in Wut um.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Hier sollen nur zwei der Argumente &uuml;berpr&uuml;ft werden, die f&uuml;r die Kr&auml;nkungsthese sprechen sollen: Das eine bezieht sich auf Umfragen, nach denen sich Ostdeutsche zunehmend als B&uuml;rger zweiter Klasse verstehen- das andere auf eine Untersuchung, die die Leipziger Universit&auml;t im Jahr 2015 im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks (<a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"2c82bdee7c0d8e3ec82e975396d0c3738d671a94\" href=\"\/aktuell\/feuilleton\/thema\/mdr\">MDR<\/a>) durchgef&uuml;hrt hat. Demnach sind in den &ouml;stlichen L&auml;ndern zwei Drittel der Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft von Westdeutschen besetzt. Diese westdeutsche Fremdbestimmung emp&ouml;re die Ostdeutschen.<\/p>\n<h3 class=\"atc-SubHeadline\">Westmark oder Ostmark?<\/h3>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Dass viele Ostdeutsche sich als B&uuml;rger zweiter Klasse f&uuml;hlen, stimmt. Dass viele Westdeutsche in ostdeutschen Chefsesseln sitzen, stimmt auch. Aber erkl&auml;rt das tats&auml;chlich die Wut und den Hass, der bei manchen ostdeutschen Demonstrationen zum Ausdruck kommt? Kandel allerdings liegt in Westdeutschland, und dort gibt es auch rechtsextreme Demonstrationen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Das Gef&uuml;hl, B&uuml;rger oder Deutscher zweiter Klasse zu sein, ist nicht durch die deutsche Einigung entstanden. Die Ostdeutschen haben es in die Einigung mitgebracht. Seit meiner Kindheit wurde das K&uuml;rzel DDR aufgel&ouml;st in &bdquo;Der Dumme Rest&ldquo;, als ein Bedauern, nicht auch &bdquo;abgehaun&ldquo; zu sein &bdquo;nach dr&uuml;ben&ldquo;. Es hat das Selbstvertrauen der DDR-B&uuml;rger nicht gest&auml;rkt, wenn ihre Verwandten sie besuchen durften, sie aber ihre Westverwandten nicht, und wenn dann der West-Mercedes neben dem Ost-Trabant stand.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Westdeutsche machten an Bulgariens Schwarzmeerk&uuml;ste im Neckermann-Hotel komfortabel Urlaub, und wir ostdeutschen Camper bekamen in demselben Hotel nicht einmal eine Tasse Kaffee f&uuml;r unser Geld &ndash; und das im &bdquo;sozialistischen Bruderland&ldquo;. Die Einheimischen fragten, wenn jemand deutsch sprach: &bdquo;Deutscher oder DDR?&ldquo; Das hatte m&auml;chtigen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft, denn gemeint war: Westmark oder Ostmark? Und warum war das so? Die Besatzungsm&auml;chte sind nicht nach Verdienst verteilt worden, haben aber ganz verschiedene Lebenschancen gew&auml;hrt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Ostdeutsche konnten w&auml;hrend der DDR-Zeit weit weniger Verm&ouml;gen ansammeln als die Westdeutschen in vergleichbarer Position. Auch in drei Generationen wird es deshalb im Westen mehr Verm&ouml;gensmillion&auml;re geben als im Osten. Aber h&auml;ngt denn daran wirklich die Lebenszufriedenheit derer, die kein Millionenverm&ouml;gen haben? Auch im Westen muss die Mehrheit mit der Tatsache leben, dass sie keine Million&auml;re sind. <\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Niemand zwingt Ostdeutsche, sich als B&uuml;rger zweiter Klasse zu verstehen. Aber wenn sie sich das einreden lassen, kann sie auch niemand hindern, sich so zu verstehen. Dass im Ganzen f&uuml;r das Wohlergehen der Ostdeutschen im Einigungsprozess nicht genug getan worden sei, diesen Schuh m&uuml;ssen sich Westdeutsche nicht anziehen. Allerdings gibt es in Transformationsprozessen dieses Ausma&szlig;es immer auch Gruppen und Gr&uuml;ppchen, deren besonders vertrackte Situation nicht genug bedacht worden ist. Daraus ein Charakteristikum des Einigungsprozesses zu machen ist infam. Und es ist eine unbillige Forderung, im Zuge der deutschen Einigung h&auml;tten Ostdeutsche so gestellt werden m&uuml;ssen, als h&auml;tten sie vierzig Jahre nicht in der DDR, sondern in der Bundesrepublik gelebt. Bei der Rentenberechnung wird das &uuml;brigens ungef&auml;hr so praktiziert, andernfalls g&auml;be es im Osten, errechnet aus den tats&auml;chlichen Beitragszahlungen, nur Hungerrenten.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/pegida-und-chemnitz-was-ist-mit-dem-osten-los-15814890.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/pegida-und-chemnitz-was-ist-mit-dem-osten-los-15814890.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst Pegida, jetzt Chemnitz \u2013 was ist nur mit dem Osten los? Wurden die Ostdeutschen durch den Einigungsprozess so gedem\u00fctigt, dass sie nun aus Wut die AfD w\u00e4hlen? 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