{"id":56492,"date":"2018-11-22T14:36:30","date_gmt":"2018-11-22T14:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=56492"},"modified":"2018-11-22T17:08:34","modified_gmt":"2018-11-22T17:08:34","slug":"dein-bauch-gehort-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=56492","title":{"rendered":"Dein Bauch geh\u00f6rt mir"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\n<strong>Leihmutterschaft: F\u00fcr manche \u2013 insbesondere f\u00fcr Homosexuelle \u2013 ist sie der bisher einzige Weg zum eigenen Kind. F\u00fcr andere ist sie eine neue Form der Sklaverei. Von Stefan Rehder.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Manchem galt Oregon schon immer als Paradies. Bereits die Schoschonen nannten das im Nordwesten der USA gelegene Territorium \u201eoyer-un-gon\u201c \u2013 \u201eLand des \u00dcberflusses\u201c. Noch heute besteht der \u201eBiberstaat\u201c, wie Oregon wegen seiner ehemals dominierenden Forstwirtschaft auch genannt wird, zu 98 Prozent aus Landfl\u00e4che. Mit einer Fl\u00e4che von 255 000 Quadratkilometern ist der 33. US-Bundesstaat, der im Westen an den Pazifischen Ozean und im Osten \u00fcber weite Strecken an den Snake River grenzt, der neuntgr\u00f6\u00dfte der USA. Mangels Alternativen ist die Kinderwunschindustrie, die sich breit gemacht hat, l\u00e4ngst ein harter Wirtschaftsfaktor. Nur im S\u00fcden Kaliforniens ist die Dichte von Samenbanken, Eizellspenderinnen- und Leihmutterschafts-Agenturen noch h\u00f6her als hier. Gemeinsam mit seinen beiden Nachbarstaaten Kalifornien und Nevada im S\u00fcden z\u00e4hlt Oregon zu den sogenannten \u201egreen light states\u201c. So werden in den USA diejenigen Bundesstaaten genannt, in denen weder Gesetze noch Rechtsprechung der wachsenden Nachfrage nach Leihmutter-Arrangements Grenzen setzen.<\/p>\n<p>Einen Umstand, den der 1989 gegr\u00fcndete Fertilit\u00e4tsdienstleister Oregon Reproductive Medicine (ORM) fr\u00fch zu nutzen verstand. In Portland, der mit rund 640 000 Einwohnern gr\u00f6\u00dften Stadt Oregons, unterh\u00e4lt ORM gleich drei Fruchtbarkeitskliniken. Hier erf\u00fcllen Dr. Brandon Bankowski und sein 115 Mitarbeiter z\u00e4hlendes Team, soweit medizinisch m\u00f6glich, jeden Kinderwunsch. Den von Alleinstehenden \u2013 Frauen wie M\u00e4nnern \u2013 genauso wie den von heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Paaren. Und all das v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom rechtlichen Status der jeweiligen Beziehungen. Die Internetseite \u201emenhavingbabies.com\u201c (dt.: \u201eM\u00e4nner haben Kinder\u201c) feiert Bankowski denn auch als \u201eeinen der angesehensten und erfahrensten \u00c4rzte, die LGBTQ-Eltern dabei helfen, ihre Familien mittels Eizellspenden und Leihmutterschaft in den USA aufzubauen\u201c. Dabei kommen die Kunden von ORM l\u00e4ngst aus der ganzen Welt. In den letzten Jahren hat Bankowski viel Zeit und Energie darauf verwandt, ORM in Europa und dem Nahen Osten bekannt zu machen. Vergangenes Jahr referierte er pers\u00f6nlich bei den \u201eKinderwunschtagen\u201c in Berlin. Das Thema: \u201eBehandlungsoptionen in den USA \u2013 IVF, Eizellspende, Leihmutterschaft, Reproduktive Genetik\u201c. Dabei sind Eizellspende und Leihmutterschaft hierzulande ausdr\u00fccklich verboten. \u00c4rzte, die in Deutschland diesbez\u00fcglich t\u00e4tig werden, machen sich nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Auch die Vermittlung von Leihmutterschafts-Arrangements wird durch das deutsche Adoptionsvermittlungsgesetz unter Strafe gestellt. Gefragt sind beide Dienstleistungen jedoch auch hier.<\/p>\n<p>Nicht umsonst h\u00e4lt das Ausw\u00e4rtige Amt unter der \u00dcberschrift \u201eHinweis zu ,Leihmutterschaften\u2018\u201c auf seiner Internetseite fest: \u201e,Leihmutterschaftsvertr\u00e4ge\u2018, in denen sich eine Frau bereit erkl\u00e4rt, sich einer k\u00fcnstlichen oder nat\u00fcrlichen Befruchtung zu unterziehen oder einen nicht von ihr stammenden Embryo auf sich \u00fcbertragen zu lassen oder sonst auszutragen, sind in Deutschland sittenwidrig und damit nichtig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan muss Gesetz und Ethik trennen\u201c, ist Bankowski \u00fcberzeugt. \u201eWir geben unser Bestes, um Menschen zu helfen, wenn die Methoden in ihrem Heimatland nicht erlaubt sind.\u201c F\u00fcr ORM \u2013 eigenen Angaben zufolge einer der gr\u00f6\u00dften Full-Service-Fertilit\u00e4tsdienstleister in den USA \u2013 hat sich Bankowskis Berlin-Ausflug offenbar gelohnt. Auf den diesj\u00e4hrigen \u201eKinderwunschtagen\u201c, die diesmal in der LGBTQ-Hochburg K\u00f6ln stattfanden, schickte ORM gleich acht Referenten an den Start.<\/p>\n<p>Einer von ihnen ist Graig Reisser: \u201eDie USA sind sicherlich das teuerste Land, in dem Leihmutterschaft m\u00f6glich ist\u201c, r\u00e4umt Reisser ein. \u201eDie Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Leihmutter, die Geb\u00fchren f\u00fcr die Leihmutter-Agentur, die Anwaltskosten, die medizinischen Kosten f\u00fcr die Leihmutter und das Neugeborene\u201c \u2013 das alles summiere sich \u201ebei einer unkomplizierten Einzelschwangerschaft auf gut und gerne 75 000 bis 85 000 US-Dollar\u201c (65 670 bis 74 430 EUR). Zu diesem Betrag k\u00e4men noch \u201edie Kosten f\u00fcr die k\u00fcnstliche Befruchtung, eine Eizellspende, sofern erforderlich, und die Reisekosten der Eltern-werden-Wollenden hinzu.\u201c Anders formuliert: Unter 100 000 US-Dollar (87 560 EUR) geht hier niemand vom Hof. \u201eAndererseits\u201c, so Reisser, \u201eist eine Leihmutterschaft in den USA die in jeder Hinsicht Sicherste. Sie ist etabliert und verf\u00fcgt \u00fcber alle notwendigen Infrastrukturen, um erfolgreich zu sein.\u201c Der Mann wei\u00df, wovon er spricht. Reisser und sein Partner sind selbst mittels Eizellspende, k\u00fcnstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft zu \u201eV\u00e4tern\u201c zweier Kinder geworden. M\u00f6glich ist das, weil die green-light-states Paaren, die eine Leihmutterschaft in Auftrag geben, die gleichen Rechte einr\u00e4umen wie biologischen Eltern und die Partner als Elternteile eins und zwei in die Geburtsurkunde des Kindes eintragen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht Leihmutterschaft auch preiswerter. Etwa in der Ukraine. Hier h\u00f6rt der Platzhirsch auf den Namen \u201eBiotexcom\u201c. Das Gel\u00e4nde der Reproduktionsklinik mit Sitz in Kiew liegt rund zwanzig Autominuten vom Zentrum entfernt. Wie ORM verf\u00fcgt auch Biotexcom, das k\u00fcrzlich eine eigene Repr\u00e4sentanz in Br\u00fcssel er\u00f6ffnete, l\u00e4ngst auch \u00fcber eine deutschsprachige Webseite. Die offeriert Kunden aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz Leihmutterschafts-Arrangements inklusive Eizellspende in zwei Varianten. Dem \u201eStandard Paket\u201c f\u00fcr 39 900 Euro und dem \u201eVIP Paket\u201c f\u00fcr 49 900 Euro. F\u00fcr die 10 000 Euro mehr verringert sich nicht nur die Wartezeit der \u201eWunscheltern\u201c auf den Beginn der Behandlung von f\u00fcnf auf drei Monate. \u201eBei Bedarf\u201c wird bei der obligatorischen Pr\u00e4implantationsdiagnostik auch das Geschlecht des der Leihmutter einzusetzenden Embryos bestimmt. Auch sonst wird mehr geboten: Statt in einem \u201ehochklassigen\u201c Hotelzimmer erfolgt die Unterbringung der VIP-Wunscheltern in einer \u201eseparaten Wohnung\u201c. Ihnen wird zudem ein Wagen mit eigenem Fahrer gestellt. Besonderes Schmankerl: Statt wie Buchern des Standard Pakets \u201eblo\u00df\u201c vier Stunden am Tag steht VIP-Wunscheltern nach der Geburt des so sehns\u00fcchtig erwarteten Kindes eine Babysitterin t\u00e4glich von 9.00 bis 18.00 Uhr zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Anders als in den USA, wo Leihm\u00fctter umgerechnet rund 21 000 Euro f\u00fcr das Austragen eines Bestell-Kindes und 36 000 Euro f\u00fcr das von Zwillingen erhalten, speist Biotexcom seine ukrainischen Leihm\u00fctter mit 8 000 Euro beziehungsweise 10 000 Euro (bei Zwillingen) ab. Trotz der geringeren Lebenshaltungskosten in der Ukraine ist das sehr hart verdientes Geld. Denn eine f\u00fcr Biotexcom arbeitende Leihmutter unterwirft sich laut einem \u201eMuster-Vertrag\u201c, der dem Autor vorliegt und auch von anderen Fertilit\u00e4tsdienstleistern genutzt wird, einem \u00fcberaus strengen Reglement. So willigt die Leihmutter dem zw\u00f6lfseitigen Vertragswerk zufolge etwa ein, bis zu drei Embryotransfers \u00fcber sich ergehen zu lassen, bei denen ihr jeweils bis zu drei k\u00fcnstlich erzeugte Embryonen eingesetzt werden k\u00f6nnen. Anders als in den USA m\u00fcssen Leihm\u00fctter in der Ukraine bereits zwingend ein eigenes Kind geboren haben. So schreibt es das ukrainische Familienrecht vor. In dem Vertrag verpflichtet sich die Leihmutter jedoch nicht nur, auf Elternrechte und Mitsprache bei der Namensgebung zu verzichten, sondern auch dazu, zu dem Bestell-Kind \u201ekeine Eltern-Kind-Beziehung\u201c aufzubauen. Des weiteren verzichtet die Leihmutter auf das Recht der freien Arztwahl und verpflichtet sich stattdessen s\u00e4mtliche Untersuchungen und Tests \u00fcber sich ergehen zu lassen, die die von den Bestelleltern ausgew\u00e4hlten \u00c4rzte f\u00fcr erforderlich halten. Zudem verpflichtet sich die Leihmutter zu einer Abtreibung des Kindes f\u00fcr den Fall, dass die Bestell-Eltern dies aufgrund medizinischer Befunde w\u00fcnschen. Zugleich erkl\u00e4rt sie sich damit einverstanden, dass ihr dann auch das Honorar entsprechend der tats\u00e4chlichen Schwangerschaftsdauer gek\u00fcrzt wird. F\u00fcr den Fall, dass ein Embryotransfer \u201ezu drei oder mehr F\u00f6ten\u201c f\u00fchrt, verpflichtet sich die Leihmutter eine sogenannte \u201eMehrlingsreduktion\u201c durchf\u00fchren zu lassen.<\/p>\n<p>Der Grund: Da Mehrlinge h\u00e4ufiger mit leichten bis schweren Handicaps geboren werden, ein h\u00f6heres Sterblichkeitsrisiko sowie eine h\u00f6here Krankheitsanf\u00e4lligkeit besitzen, gef\u00e4hrden sie aus Sicht der Reproduktionsmediziner das Behandlungsziel einer \u201eerfolgreichen Schwangerschaft\u201c und damit die Zufriedenheit der Kunden. \u201eDrillinge\u201c und noch mehr Kinder gelten in der Reproduktionsmedizin weltweit als \u201emedizinische Fehlleistungen\u201c, die es durch \u201efetale Reduktionen\u201c zu korrigieren gilt. Als \u201eMittel der Wahl\u201c gilt hier der sogenannte Fetozid. Bei ihm durchsticht der Arzt mit einer langen Nadel unter Ultraschallansicht die Bauchdecke der Schwangeren, dringt in die Bauchh\u00f6hle ein, sucht nach dem schlagenden Herz des Kindes und spritzt eine Kalium-Chlorid-L\u00f6sung hinein, die jede koordinierte Kontraktion des Herzmuskels unm\u00f6glich macht. Nach ein bis zwei Minuten stirbt das Kind an \u201eHerzversagen\u201c im Mutterleib.<\/p>\n<p>In aller Regel erfolgt ein solcher Fetozid nach technischen Gesichtspunkten. Das hei\u00dft, der Arzt t\u00f6tet das Kind, welches f\u00fcr ihn mit der Nadel am leichtesten zu erreichen ist. Manche Mediziner sind jedoch auch f\u00fcr den selektiven Fetozid zu haben. Dabei t\u00f6tet der Arzt im Anschluss an eine pr\u00e4natale Diagnostik das Kind, das die \u201eschlechteste Prognose\u201c aufweist.<\/p>\n<p>Im Jahr 2014 ging der Fall der thail\u00e4ndischen Leihmutter Pattaramon Chanbua durch die Weltpresse, die f\u00fcr ein australisches Paar Zwillinge ausgetragen hatte. Nachdem Chanbua sich geweigert hatte, den Jungen Gammy, der das Downsyndrom und einen Herzfehler besa\u00df, abzutreiben, nahmen die Bestell-Eltern nur dessen Zwillingsschwester Pipah mit zu sich nach Australien. Der Fall l\u00f6ste eine weltweite Welle der Entr\u00fcstung, aber auch der Solidarit\u00e4t aus. Tausende Menschen spendeten rund 235 000 Dollar, um die medizinische Versorgung des Jungen in Thailand zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dabei sind F\u00e4lle wie der des \u201eBabys Gammy\u201c gar kein Einzelfall. Nur kommen sie in der Regel nicht ans Licht. Wohl auch, weil die meisten Leihm\u00fctter \u2013 anders als die mutige Pattaramon Chanbua \u2013 stillhalten und ihre Vertr\u00e4ge anstandslos erf\u00fcllen.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Quelle:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.die-tagespost.de\/politik\/pl\/Dein-Bauch-gehoert-mir;art315,193612\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/www.die-tagespost.de\/politik\/pl\/Dein-Bauch-gehoert-mir;art315,193612<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Leihmutterschaft: F\u00fcr manche \u2013 insbesondere f\u00fcr Homosexuelle \u2013 ist sie der bisher einzige Weg zum eigenen Kind. F\u00fcr andere ist sie eine neue Form der Sklaverei. 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