{"id":48603,"date":"2017-04-21T14:55:35","date_gmt":"2017-04-21T14:55:35","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=48603"},"modified":"2017-04-21T14:55:35","modified_gmt":"2017-04-21T14:55:35","slug":"der-sinn-des-lebens-und-des-hopfens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=48603","title":{"rendered":"Der Sinn des Lebens und des Hopfens"},"content":{"rendered":"<div class=\"image_description\">Die Gefahr von den Brauereien in den Vereinigten Staaten eingeholt zu werden, sieht Bierbrauer Georg Rittmayer nicht mehr.<\/div>\n<p>Craft Beer ist in aller Munde und wird zum Retter der deutschen Bierkultur verkl\u00e4rt \u2013 sehr zum Verdruss von Georg Rittmayer aus Oberfranken, der trotzig fabelhafte \u201eKraftbiere\u201c braut.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Lustig ist das J\u00e4gerleben, und mit einem guten <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/thema\/bier\">Bier<\/a> wird es bestimmt nicht trauriger. Das dachte sich auch Markgraf Friedrich I. von Kulmbach und bestellte w\u00e4hrend seiner Ausfl\u00fcge ins Jagdschloss Hallerndorf die alkoholischen Erfrischungsgetr\u00e4nke immer bei demselben Bauern aus dem Ried, offensichtlich dem begabtesten Brauer weit und breit. So gut schmeckte F\u00fcrst Fritz das Bier, dass er seinem Lieferanten ein sch\u00f6nes Wappen auf den Namen Rittmayer und das Braurecht im gro\u00dfen Stil verlieh. Das war 94 Jahre, bevor Friedrichs F\u00fcrstenkollege Ludwig von Bayern das Reinheitsgebot erlie\u00df, und ungef\u00e4hr 550 Jahre, bevor man in den Vereinigten Staaten von Amerika auf den Gedanken kam, Bier nach der Methode des alten Riedbauern zu brauen und dieses Gebr\u00e4u Craft Beer zu nennen.<\/p>\n<p>Georg Rittmayer, Bierbrauer in gesch\u00e4tzt zwanzigster Generation, sitzt in seinem hochmodernen Betrieb am Rande von Hallerndorf, g\u00f6nnt sich bei hellstem Sonnenschein ein helles Hallerndorfer Landbier und verdreht beim Reizwort Craft Beer nur die Augen. Diese amerikanischen Dilettanten samt ihren deutschen Epigonen t\u00e4ten so, als habe die Handwerkskunst des guten Brauens mit ihnen begonnen, sagt er und nimmt einen tiefen Schluck. Dabei mache seine Familie seit 1422 nichts anderes.<\/p>\n<h2>H\u00f6chste Brauereidichte der Welt<\/h2>\n<p>Er selbst braute mit zw\u00f6lf Jahren unter Anleitung des Gro\u00dfvaters sein erstes Bier, mit sechzehn schon wagte er sich ans Festbier f\u00fcr die Wallfahrt auf den Hallerndorfer Kreuzberg, mit Mitte zwanzig \u00fcbernahm er den Familienbetrieb und legte dann erst richtig los. Eine einzige Sorte war damals im Angebot, 80000 Liter wurden produziert, f\u00fcr fr\u00e4nkische Verh\u00e4ltnisse kaum mehr als ein Fingerhut voll. Heute braut Rittmayer fast drei Millionen Liter, hat siebzehn verschiedene Biere im Sortiment, experimentiert mit Holzfassreifung oder Weizen in Doppelbockst\u00e4rke und gilt l\u00e4ngst als einer der besten und unerschrockensten Braukunsthandwerker im oberfr\u00e4nkischen Bierschlaraffenland.<\/p>\n<p>Noch immer gibt es hier die h\u00f6chste Brauereidichte der Welt, wenngleich manche Gegenden in Amerika dank des Craft-Beer-Booms den Nordostbayern dicht auf den Fersen sind. Fast jede Dorfwirtschaft zwischen N\u00fcrnberg, Kulmbach, Bamberg und Hof hantiert mit Hopfen und Malz. Allein in Hallerndorf kommen auf viertausend Einwohner sieben Brauereien und neun Bierg\u00e4rten.<\/p>\n<h2>\u201eBier muss authentisch sein\u201c<\/h2>\n<p>Die Liebe der Menschen zu ihren regionalen Bieren ist derart gro\u00df, dass Industriebrauereien wie Warsteiner ihren Au\u00dfendienst an Aisch und Regnitz vollst\u00e4ndig eingestellt haben. Auch die Gefahr, dass Oberfranken seinen Weltmeistertitel verlieren k\u00f6nnte, sieht Rittmayer inzwischen gebannt. Die Goldgr\u00e4berstimmung in den Vereinigten Staaten flaue ab, jetzt komme es zu Konzentrationswellen und Massensterben. Und \u00fcberhaupt verberge sich hinter der Hysterie um Craft Beer viel Schwindel: \u201eStone Brewing oder Samuel Adams produzieren Millionen Hektoliter pro Jahr, wo soll denn da noch Handwerk sein?\u201c, sagt Rittmayer, der sich deswegen aber noch lange nicht mit den Antipoden des industriellen Craft Beers, den Kleinstbrauereien, anfreunden mag.<\/p>\n<p>Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zus\u00e4tzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht\u2019s zum Test.<\/p>\n<p><span id=\"buttonlink\"><a href=\"http:\/\/fazplus.de\/?utm_source=FAZnet_ROS&#038;utm_medium=FAZ-PLUS_Artikelteaser&#038;utm_campaign=FAZ_PLUS_Webedition_extern\">Mehr erfahren<\/a><\/span><\/p>\n<p>Und dann beginnt Rittmayer zu sch\u00e4umen wie sein Hallerndorfer Hausbrauerbier: Die Szene sei voller Laien und Spinner, die Biere mit den absonderlichsten Geschm\u00e4ckern brauten, von denen man kein zweites Glas herunterbek\u00e4me \u2013 eine sch\u00e4ndlichere Gottesl\u00e4sterung ist f\u00fcr jeden aufrechten Franken undenkbar. Am schlimmsten seien die \u201eGipsy Brewer\u201c, die noch nicht einmal eigene G\u00e4rtanks h\u00e4tten, sondern sich ihre Rezepte von Lohnbrauereien zusammenr\u00fchren lie\u00dfen. \u201eBier braucht Heimat\u201c, sagt Rittmayer kategorisch, \u201eBier muss authentisch sein, nicht spleenig. Meine siebzehn Sorten sind in 25 Jahren gewachsen, sie sind die Essenz meines Brauens, nicht das Zufallsprodukt meiner Experimentierlust. Und mehr als Hopfen, Malz, Hefe und Wasser brauche ich auch nicht.\u201c<\/p>\n<h2>Vielf\u00e4ltiger und vielschichtiger Geschmack<\/h2>\n<p>Das bayerische Reinheitsgebot ist bei Rittmayer in eine mosaische Gesetzestafel gemei\u00dfelt, denn f\u00fcr ihn bedeutet es keine Einschr\u00e4nkung, sondern eine Herausforderung. Allein zweihundert verschiedene Hopfensorten gebe es, sagt Rittmayer, dazu unendlich viele Malzmischungen mit Geschm\u00e4ckern von Biskuit \u00fcber Schokolade bis Karamell und Hefen aller Art, die seine Biere nach Banane, Apfel, Nelke oder Mango duften lie\u00dfen. Was wolle er denn mehr?<\/p>\n<p><!-- SHARELINE HOVER Box END --><span style=\"display: block- clear: both-\"><\/span><\/p>\n<p>Was Georg Rittmayer aus der heiligen Vierfaltigkeit des Reinheitsgebotes zusammenbraut, ist tats\u00e4chlich ungeheuerlich, eine Vielfalt und Vielschichtigkeit, die jedes Industriebier als charakterlose Einheitspl\u00f6rre demaskiert. Sein \u201eBitter 42\u201c hat den Schmelz eines Chardonnay und schmeckt nach frischer Wiese wie ein Sauvignon Blanc. Das \u201eBitter 58\u201c, gebraut aus den Hopfensorten Cascade und Citra, ist ein Gerstensaft-Angostura, der nach Mango, gr\u00fcnem Apfel und Litschi duftet.<\/p>\n<h2>\u201eKraftbier\u201c statt Craft Beer<\/h2>\n<p>Das \u201eAischb\u00fcffel\u201c erinnert in Nase und Gaumen an Bitterschokolade mit roten Fr\u00fcchten, w\u00e4hrend das \u201eSummer 69\u201c ein Bananenbier reinsten Wassers ist. F\u00fcr das \u201eSmokey George\u201c wird Malz \u00fcber Torf ger\u00e4uchert, so dass es schmeckt, als k\u00e4me es aus einem R\u00e4ucherofen. Und die neun Volumenprozent schwere \u201eRittmayer Oak Reserve\u201c, die auf S\u00fc\u00dfholzsp\u00e4nen gelagert wird, damit der Alkohol das s\u00fc\u00dfe Aroma aus dem Holz l\u00f6st, ist ein barockes F\u00fcllhorn aus Vanille, Lakritze und Whisky \u2013 und kaum mehr als Bier zu identifizieren.<\/p>\n<p>Rittmayer nennt sein Craft Beer mit trotzigem Stolz \u201eKraftbier\u201c und hat genug Selbstbewusstsein, um den Gipsy-Hipster-Brewern selbstironisch die Stirn zu bieten. So tr\u00e4gt das \u201eBitter 42\u201c, laut Etikett \u201eDie endg\u00fcltige Antwort auf die Frage nach dem wahren Pils\u201c, diesen Namen nicht, weil es 42 Bittereinheiten oder 4,2 Prozent Alkohol h\u00e4tte, sondern weil der Supercomputer in Douglas Adams\u2019 Science-Fiction-Satire \u201ePer Anhalter durch die Galaxis\u201c nach Millionen Jahren Rechenzeit auf die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens nur eine Antwort kennt: 42.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/essen-trinken\/geschmackssache\/kraftbiere-statt-craft-beer-in-oberfranken-14980182.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/essen-trinken\/geschmackssache\/kraftbiere-statt-craft-beer-in-oberfranken-14980182.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gefahr von den Brauereien in den Vereinigten Staaten eingeholt zu werden, sieht Bierbrauer Georg Rittmayer nicht mehr. 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