{"id":47715,"date":"2017-03-18T18:14:00","date_gmt":"2017-03-18T18:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=47715"},"modified":"2017-03-18T18:14:00","modified_gmt":"2017-03-18T18:14:00","slug":"das-unausgesprochene-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=47715","title":{"rendered":"Das unausgesprochene Risiko"},"content":{"rendered":"<div class=\"image_description\">Ultraschallbild eines F\u00f6tus in der Geb\u00e4rmutter: Nehmen Schwangere Valproat, steigt das Risiko f\u00fcr schwere Fehlbildungen der Kinder sehr stark.<\/div>\n<p>Arzneimittel mit Valproins\u00e4ure schaden ungeborenen Kindern. Schwangere bekommen die Mittel trotzdem vielfach verschrieben, obwohl man die Gefahr kennt. Warum?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Fast farblos mit leichtem Gelbstich, d\u00fcnnfl\u00fcssig und klar: So sieht der Stoff aus, der in Frankreich 2016 f\u00fcr einen Medizinskandal gesorgt hat. Valproins\u00e4ure hei\u00dft er, ist eigentlich ein L\u00f6sungsmittel, hilft aber auch als Arznei, zum Beispiel gegen Epilepsie. Rund 15000 Schwangere haben in Frankreich zwischen 2007 und 2014 diesen Wirkstoff bekommen. Viele von ihnen brachten Kinder mit schweren Fehlbildungen und kognitiven St\u00f6rungen zur Welt. Es war zwar bekannt, wie gef\u00e4hrlich das Mittel ist, was die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/frauen\">Frauen<\/a> da nehmen \u2013 erkl\u00e4rt wurde es ihnen aber nicht gut genug. Deshalb entsch\u00e4digt der Staat die Betroffenen jetzt mit zehn Millionen Euro.<\/p>\n<p>Und in Deutschland? Auch hier wird das Mittel verschrieben, Zehntausenden Frauen im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter. Dass Valproins\u00e4ure f\u00fcr diese Frauen hochproblematisch ist, ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Lange waren \u00e4rzte sich aber nicht einig, wie mit den Risiken umzugehen sei. Die h\u00f6chste Warnstufe l\u00f6ste das zust\u00e4ndige Bundesinstitut erst Ende 2014 aus \u2013 und in dieser Woche hat es seine Vorsichtsma\u00dfnahmen noch einmal versch\u00e4rft. Was das f\u00fcr die Betroffenen bedeutet, damit hat sich inzwischen auch die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/bundesregierung\">Bundesregierung<\/a> besch\u00e4ftigt. Ihre Antwort kam vor ein paar Wochen, im Januar bereits, und ist beunruhigend vage. Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p>Valproins\u00e4ure ist in der Medizin, das kann man so sagen, ein magischer Stoff und zugleich ein ziemlicher Hammer. Medikamente mit der S\u00e4ure oder dem Salz Valproat als Wirkstoff helfen vor allem gegen Epilepsie und bei psychisch Kranken mit bipolaren St\u00f6rungen, oft auch dann noch, wenn nichts anderes mehr hilft. Sie sind aber auch die giftigsten ihrer Art. Valproat kann zu Leberversagen f\u00fchren, Psychosen und Spastiken ausl\u00f6sen, es wird mit erh\u00f6htem Selbstmordrisiko und Hirnsch\u00e4den verbunden.<\/p>\n<h2>Besonderes fatale Wirkung auf ungeborenes Leben<\/h2>\n<p>So weit das t\u00e4gliche Dilemma vieler Mediziner, die zwischen dem Nutzen und dem Schaden von starken Medikamenten abw\u00e4gen m\u00fcssen. Das besonders Heikle an Valproat ist aber seine Wirkung auf ungeborenes Leben. Nehmen Schwangere die Tabletten ein, steigt das Risiko f\u00fcr schwere Fehlbildungen des Kindes so stark wie bei kaum einem anderen Medikament \u2013 vor allem in den ersten 28 Tagen nach der Befruchtung. Also zu einem Zeitpunkt, an dem viele noch gar nicht wissen, dass sie heranwachsendes Leben in sich tragen. Deshalb darf das Mittel schon an Frauen, die schwanger werden k\u00f6nnten, nur in absoluten Ausnahmef\u00e4llen verschrieben werden. 2015 ist diese Ausnahme in Deutschland 240000 Mal vorgekommen. Wie kann das sein?<\/p>\n<p>Hajo Hamer ist Neurologe, Chefarzt an der Universit\u00e4t in Erklangen und er geh\u00f6rt als Leiter des Epilepsiezentrums dort zu den \u00e4rzten, die Valproat schon seit Jahren besch\u00e4ftigt. Er wei\u00df, wie gut der Wirkstoff hilft. Er kann aber auch im Schlaf aufz\u00e4hlen, wie problematisch er genau ist: Wird er in der Schwangerschaft verabreicht, haben mehr als zehn Prozent aller Kinder Fehlbildungen an Hirn, Herz oder Wirbels\u00e4ule \u2013 bei Dosen \u00fcber 1000 Milligramm am Tag k\u00f6nnen es einer Studie von 2015 zufolge bis zu 24 Prozent sein. Zehn bis zwanzigmal h\u00f6her als ohne Valproat ist das Risiko f\u00fcr eine bestimmte Fehlbildung, den sogenannten offenen R\u00fccken. Und: In bis zu 40 Prozent aller F\u00e4lle kommen Kinder mit kognitiven St\u00f6rungen zur Welt, Lernschw\u00e4che zum Beispiel oder Autismus.<\/p>\n<p>Dennoch verschreibt der Neurologe Hamer Medikamente mit Valproat auch an Frauen, die schwanger werden k\u00f6nnten, und zur Not sogar an solche, die es sind. Er darf das, unter gr\u00f6\u00dfter Vorsicht, wenn er seine Patientinnen genau aufkl\u00e4rt, und auch nur dann, wenn kein anderes Medikament hilft. \u201eValproat geh\u00f6rt zu den wirkst\u00e4rksten Mitteln bei bestimmten Epilepsien\u201c, sagt Hamer und erkl\u00e4rt seine Zwickm\u00fchle: Wenn Frauen in der Schwangerschaft epileptische Anf\u00e4lle bekommen, dann ist auch das ein Risiko f\u00fcr das Kind. Es gibt zwar andere Medikamente, bei einigen davon gilt inzwischen sogar als sicher, dass sie Ungeborenen nicht schaden. Aber bei einer bestimmten Epilepsie, der sogenannten generalisierten Form, helfen diese Mittel oft nicht. Sie verhindern keine epileptischen Anf\u00e4lle. \u201eWenn Anfallsfreiheit das h\u00f6chste Gut ist, dann gibt es zu Valproat manchmal keine Alternative\u201c, sagt Hamer.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/gefahren-von-valproat-fuer-ungeborene-kinder-14920536.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/gefahren-von-valproat-fuer-ungeborene-kinder-14920536.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ultraschallbild eines F\u00f6tus in der Geb\u00e4rmutter: Nehmen Schwangere Valproat, steigt das Risiko f\u00fcr schwere Fehlbildungen der Kinder sehr stark. Arzneimittel mit Valproins\u00e4ure schaden ungeborenen Kindern. Schwangere bekommen die Mittel trotzdem vielfach verschrieben, obwohl man die Gefahr kennt. 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