{"id":41885,"date":"2016-04-30T21:50:19","date_gmt":"2016-04-30T21:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=41885"},"modified":"2016-04-30T21:50:19","modified_gmt":"2016-04-30T21:50:19","slug":"ein-halbes-grad-mehr-oder-weniger-kann-richtig-wehtun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=41885","title":{"rendered":"Ein halbes Grad mehr oder weniger kann richtig wehtun"},"content":{"rendered":"<div class=\"image_description\">Die Erderw\u00e4rmung wird drastische Auswirkungen haben, wenn der Mensch sie nicht st\u00e4rker bremst als bisher.<\/div>\n<p>Stolz beschworen die Unterzeichner des Weltklimavertrags den \u201eGeist von Paris\u201c. Die Klimapolitik lebt &#8211; und zerreisst fast schon wieder. Die Zeit des Kleine-Br\u00f6tchen-Backens ist vorbei.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der \u201eGeist von Paris\u201c, dem Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vor einigen Tagen auf dem UN-Gel\u00e4nde am East River in New York nachspurte, er war dann tats\u00e4chlich da am \u201eEarth Day\u201c &#8211; wenn auch nicht in dem festlichen Gewand, in das UN-Generalsekret\u00e4r <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/ban-ki-moon\">Ban Ki-moon<\/a> die ruhrende Unterschriftenzeremonie fur den Weltklimavertrag einkleidete. \u201eNiemals zuvor hat ein Volkerrechtsvertrag der Vereinten Nationen so viele Unterschriften an einem Tag versammelt\u201c, begeisterte sich Ban. Wohl wissend auch, dass sich mit den 175 Unterschriften bis zum Nachmittag nahezu unerfullbare Wunsche verbinden.<\/p>\n<p>Es waren jene Wunsche, die der Pariser <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/un-klimakonferenz\">Klimagipfel<\/a> ein paar Monate davor geweckt hatte. Im Kern laufen sie auf eine postindustrielle Welt, die sich durch radikalen Klimaschutz insgesamt nicht weiter erw\u00e4rmt als 1,5 Grad Celsius. \u201eNach Moglichkeit\u201c sollte das erreicht werden &#8211; und damit klimapolitisch deutlich uber jene beruhmten 2 Grad Maximalerw\u00e4rmung bis zum Jahrhundertende hinausgehen, die man ursprunglich zum Schutz vor einem \u201egef\u00e4hrlichen Klimawandel\u201c als Limit ausgehandelt hatte.<\/p>\n<p>In New York brachte die philippinische Senatorin Loren Legarda die neue klimapolitische Marschroute auf den Punkt: \u201e1,5 Grad ist fur uns eine Frage auf Leben und Tod. Es ist nicht verhandelbar.\u201c Mit anderen Worten: Zu den ein Grad Erw\u00e4rmung, die wir bereits seit Beginn der Industriealisierung uberschritten haben, darf die mittlere Temperatur auf dem Planeten hochstens noch ein halbes Grad w\u00e4rmer werden. Das ist auch das Kernziel der \u201eHigh Ambition Group\u201c, die auf dem Klimagipfel Cop21 in Paris das 1,5-Grad-Ziel ausgegeben hatte. An ihrer Spitze steht neben den Inselstaaten und mittlerweile mehr als 100 L\u00e4ndern auch Deutschland.<\/p>\n<h2>1,5 Grad Erw\u00e4rmung bedeuten 10 Prozent weniger Wasser<\/h2>\n<p>Nicht jedes Grad, jedes halbe Grad z\u00e4hlt also. Um das wissenschaftlich zu unterfuttern, hat der Weltklimarat IPCC den Auftrag erhalten, einen Spezialreport zum 1,5-Grad-Ziel auszuarbeiten. Kurz vor der UN-Veranstaltung in New York war dazu bereits eine erste ma\u00dfgeschneiderte Analyse von deutschen, osterreichischen, schweizerischen und holl\u00e4ndischen Klimaforschern veroffentlicht worden. Sie macht deutlich, was ein halbes Grad an Unterschied ausmacht. Die Gruppe um Carl Schleussner von Climate Analytics in Berlin sowie Jacob Schewe und Katja Frieler vom Potsdam-Institut fur Klimafolgenforschung hat die in den von IPCC-Klimamodellen simulierten Erw\u00e4rmungsszenarios die 1,5 und 2 Grad gegenubergestellt. Elf Klimafolgen &#8211; von Extremwetter, Ernteertr\u00e4gen bis Korallenwachstum und Meeresspiegelanstieg &#8211; wurden betrachtet.<\/p>\n<p>Fazit der in<a href=\"http:\/\/www.earth-syst-dynam.net\/7\/327\/2016\/\"> \u201eEarth Systems Dynamics\u201c<\/a> veroffentlichten Studie: Vor allem in den Tropen macht das halbe Grad einen gewaltigen Unterschied. Generell musse man bis zum Jahr 2100 in einer Plus-2-Grad-Welt mit einem zus\u00e4tzlichen Meeresanstieg von zehn Zentimeter gegenuber den 50 Zentimetern in der Plus-1,5-Grad-Erde rechnen, die Ertr\u00e4ge von Mais und Weizen wurden sich gegenuber einer Plus-1,5-Grad-Welt in Westafrika und Mittelamerika halbieren, praktisch alle gef\u00e4hrdeten Korallenriffe w\u00e4ren existentiell bedroht, und selbst die Mittelmeerregion wurde den Unterschied massiv zu spuren bekommen: Bei 1,5 Grad Erw\u00e4rmung stunde 10 Prozent weniger Wasser zur Verfugung, unter den avisierten 2 Grad Erw\u00e4rmung 20 Prozent weniger.<\/p>\n<h2>Wie realistisch ist das Klimaziel?<\/h2>\n<p>Doch wie plausibel &#8211; klimapolitisch realisierbar &#8211; realistisch ist das 1,5-Grad-Ziel derzeit? Nirgends wird die Frage beantwortet, auch nicht in dem Sammelband \u201eUnter 2 Grad\u201c, den die Deutsche Umweltstiftung soeben mit Unterstutzung von Klimaunterh\u00e4ndler Jochen Flasbarth, Staatssekret\u00e4r im Bundesumweltministerium, herausgegeben hat. Der Klimaexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Oliver Geden, hat seine Einsch\u00e4tzung dazu schon vor kurzem in \u201eNature Geoscience\u201c gegeben: Auch ein versch\u00e4rftes Temperaturziel sei Unsinn, wichtig sei vielmehr, dass die Politik \u00e4hnlich wie beim Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht ein \u201eNull-Emissionsziel\u201c verfolge. \u201eWenn die 1,5 Grad in den Mittelpunkt eines Klimaschutz-Diskurses geruckt werden sollten, h\u00e4tte dies eine neue &#8211; und gegenuber 2 Grad noch versch\u00e4rfte &#8211; Runde von ,Science Fiction\u2018 zur Folge. Zwar w\u00e4re ein solches Temperatur-Limit grunds\u00e4tzlich noch einhaltbar, aber nur mit einer unvorstellbar gro\u00dfen Menge an negativen Emissionen.\u201c<\/p>\n<p>Anders ausgedruckt: Bis zum Ende des Jahrhunderts mussten der Atmosph\u00e4re rund 800 Milliarden Tonnen Kohlendioxid entzogen werden &#8211; das Zwanzigfache der derzeitigen j\u00e4hrlichen Emissionen. Otmar Edenhofer vom Potsdam-Institut schl\u00e4gt deshalb in die gleiche Kerbe: \u201eDas Kohlenstoffbudget ist fur das 1,5-Grad-Ziel schon fast aufgebraucht.\u201c Wichtiger als die Erreichbarkeit im neuen Spezialbericht des IPCC w\u00e4re es zu prufen, mit welchen okonomischen Mitteln &#8211; Kohlendioxidsteuer oder Emissionshandel &#8211; in den Hauptemissionsl\u00e4ndern ein \u201eEinstieg\u201c in eine effektive Klimapolitik gefunden werde. Edenhofer: \u201eDie Situation spitzt sich umso mehr zu, als die weltweit geplanten Kohlekapazit\u00e4ten das Kohlenstoffbudget erheblich belasten werden.\u201c Es droht also an der 1,5-Grad-Front, was rund vierzig zivilgesellschaftliche Verb\u00e4nde in einem Papier fur New York mit dem Begriff \u201ePapiertiger\u201c auf den Punkt brachten.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/erde-klima\/weltklimavertrag-ein-halbes-grad-mehr-oder-weniger-kann-richtig-wehtun-14199353.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/erde-klima\/weltklimavertrag-ein-halbes-grad-mehr-oder-weniger-kann-richtig-wehtun-14199353.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erderw\u00e4rmung wird drastische Auswirkungen haben, wenn der Mensch sie nicht st\u00e4rker bremst als bisher. Stolz beschworen die Unterzeichner des Weltklimavertrags den \u201eGeist von Paris\u201c. Die Klimapolitik lebt &#8211; und zerreisst fast schon wieder. 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