{"id":41598,"date":"2015-05-17T15:16:38","date_gmt":"2015-05-17T15:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=41598"},"modified":"2016-04-24T15:42:54","modified_gmt":"2016-04-24T15:42:54","slug":"kinder-um-jeden-preis-uber-den-markt-der-fortpflanzungsmedizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=41598","title":{"rendered":"Kinder um jeden Preis? \u00dcber den Markt der Fortpflanzungsmedizin"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber 5 Millionen k\u00fcnstlich gezeugte Kinder gibt es weltweit. Die S\u00e4ngerin Gianna Nannini hat eins, die Starfotografin Annie Leibovitz, die Schauspielerin Nicole Kidman. Elternwerden mit \u00fcber 40 ist ein Trend. Was erz\u00e4hlt das \u00fcber unsere Gesellschaft, \u00fcber eine Zeit, in der alles m\u00f6glich scheint, in der der Reproduktionstourismus zum boomenden Markt wird?<\/p>\n<p>Wir haben mit dem Autor des Buches \u201eKinder machen\u201c Andreas Bernard dar\u00fcber gesprochen, ein Prager Kinderwunschzentrum besucht und ein Paar getroffen, das seine jahrelangen Versuche, ein Kind zu bekommen, mit der Kamera dokumentiert hat.<\/p>\n<p>Kinder um jeden Preis?<\/p>\n<p>TV-Stars, Pop-Ikonen, Fotografinnen posieren stolz mit ihrem Nachwuchs. Die Frauen alle jenseits des Alters, in dem die Natur das Kinderkriegen vorgesehen hat. Vor Jahren noch die Ausnahme, sind \u201esp\u00e4te Eltern\u201c heute ein Massentrend. Erst kommen Job und Karriere, dann das Kind. K\u00fcnstliche Befruchtung verspricht ein sp\u00e4tes Elterngl\u00fcck. \u201eWenn man sich mit Reproduktionsmedizin besch\u00e4ftigt, wird man oft gefragt, wo liegt die Grenze? Wo k\u00f6nnen sie sich vorstellen, dass es nicht mehr weiter geht? Und da muss man immer sagen, gerade, wenn man sich auch sehr viel mit der Geschichte der Reproduktionsmedizin besch\u00e4ftigt hat, das ist eine absolut nicht zu beantwortende Frage. Weil in den letzten 100 Jahren so oft dieser Punkt da war, wo die Zeitgenossen gesagt haben, so, jetzt ist Schluss! Wenn das passiert, dann ist es das Ende der Welt. Und es ist immer weiter gegangen.\u201c, Andreas Bernard.<\/p>\n<p>Andreas Bernard hat ein beachtliches Buch \u00fcber den Zusammenhang zwischen leistungsorientierter Gesellschaft, sp\u00e4tem Kinderwunsch und dem Boom der Reproduktionsmedizin geschrieben.<\/p>\n<p>Der dokumentarische Selbstversuch<\/p>\n<p>Den dokumentarischen Selbstversuch zu diesem Thema liefert Ina Borrmanns Film \u201eAlle 28 Tage\u201c. Sie erz\u00e4hlt vom Dilemma ihrer Generation, die sich erst ausprobiert, beruflich etabliert und dabei verdr\u00e4ngt, dass die biologische Uhr tickt. Mit Ende drei\u00dfig trifft Ina Borrmann Marc. \u201eWir haben es eine ganze Weile versucht und versucht und versucht. Aber es hat einfach nicht geklappt. Und eines Tages fanden wir uns in dieser Kinderwunschklinik wieder.\u201c, Filmausschnitt Alle 28 Tage. Als die Filmemacherin mit dem Film nach au\u00dfen gegangen ist, waren prompt die Reaktionen da. \u201ePl\u00f6tzlich wird da eine T\u00fcr aufgesto\u00dfen, wo du denkst, hej, wir sind nicht alleine und haben jetzt nur mal ein kleines Fenster ge\u00f6ffnet f\u00fcr ein ganz gro\u00dfes gesellschaftliches Thema.\u201c, Ina Bormann.<\/p>\n<p>Der Sch\u00f6pfungsakt in der Petrischale<\/p>\n<p>Dem sp\u00e4ten Kinderkriegen wohnt kein Zauber inne. Der Sch\u00f6pfungsakt in der Petrischale ist eine physische und psychische Tortur. Die Frau zahlt, die Reproduktionsmediziner profitieren und beide schweigen einvernehmlich \u00fcber das Transfergesch\u00e4ft mit Milliardengewinnen. Kinderlosigkeit ist im Zeitalter k\u00fcnstlicher Befruchtung keine Option.<\/p>\n<p>Die Regisseurin dazu: \u201eDas Problem ist, dass durch so eine Kinderwunschbehandlung ein unglaublicher Druck entsteht, weil das jetzt nicht so ist, dass man ins Bett miteinander geht und irgendwie super Sex hat und dann entsteht ein Kind. Das ist ja eigentlich das sch\u00f6ne Idealbild. Dieses Dahingehen, fr\u00fch sind die Termine, das baut so einen Druck auch auf, weil man selber auch auf das Ergebnis wartet. Dann denkt man, es wird hoffentlich was Positives und wenn es nicht was Positives wird, wieviel wird uns das jetzt noch kosten? Und wie soll das \u00fcberhaupt weitergehen? Wie sieht mein Leben aus ohne Kind? Kann ich das irgendwie schaffen? Das sind alles so Gedanken, die einen unglaublichen Druck erzeugen.\u201c<\/p>\n<p>Reproduktionsmedizin wird zum Milliardengesch\u00e4ft<\/p>\n<p>Bei BioTexCom in Kiew bekommt man f\u00fcr knapp 30.000 Euro ein All-inclusive Paket mit Leihmutterschaftsprogramm und einer Geld-zur\u00fcck-Garantie bei negativem Ergebnis. Das Angebot internationaler Kinderwunschkliniken ist riesig, ihre Internetauftritte hochprofessionell. Man f\u00fchlt sich an einen Versandhandel erinnert. \u201eNat\u00fcrlich haben die Reproduktionsmediziner ein lukratives Gesch\u00e4ft entdeckt, das ist ja ohnehin eine merkw\u00fcrdige Sache. Dass das Vokabular der Reproduktionsmedizin den \u00f6konomischen Kreislauf st\u00e4ndig zu leugnen versucht. Wir sprechen von Samenspendern, von Eizellspenderinnen, wir sprechen von der Leihmutter und was dabei verschleiert wird ist nat\u00fcrlich, dass es einen doppelten Kreislauf von Kauf und Verkauf gibt.\u201c, so Andreas Bernard.<\/p>\n<p>Wachsender Reproduktionstourismus<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es einen wachsenden Reproduktionstourismus in Deutschlands Nachbarl\u00e4nder. Nach Prag f\u00e4hrt man nicht mehr nur wegen der Karlsbr\u00fccke und des guten Biers, hier ist erlaubt, was in der Bundesrepublik strafrechtlich verfolgt wird &#8211; Eizellspenden. F\u00fcr ungewollt kinderlos gebliebene Paar oft die letzte Chance. \u201eWenn man bei einer Kritik ansetzen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich sagen, eine bestimmte problematische Entwicklung ist, dass eben die Reproduktionsmediziner Dinge m\u00f6glich gemacht haben und st\u00e4ndig mit diesem Versprechen operieren, die im Bereich der Fortpflanzung daf\u00fcr sorgen, dass man nicht mehr aufh\u00f6ren kann und nicht mehr sagen kann, es ist vielleicht Schicksal oder was auch immer, dass wir kinderlos bleiben. Das ist eben nicht mehr vorgesehen.\u201c, sagt Andreas Bernhard.<\/p>\n<p>Aus dem Kinderkriegen ist eine Sache des Willens und des Engagements geworden, meint Andreas Bernard in seinem Buch und das zeigt auch der Film. Aber wo h\u00f6rt die Machbarkeit auf und wo f\u00e4ngt das Gesch\u00e4ftemachen an. \u00dcber diese Fragen brauchen wir eine offene, tabulose Diskussion.<\/p>\n<p>Autorin: Gabriele Denecke<\/p>\n<p>Quelle:<a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/sendung\/rbb\/fortpflanzungsmedizin-17052015-100.html\">http:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/sendung\/rbb\/fortpflanzungsmedizin-17052015-100.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 5 Millionen k\u00fcnstlich gezeugte Kinder gibt es weltweit. Die S\u00e4ngerin Gianna Nannini hat eins, die Starfotografin Annie Leibovitz, die Schauspielerin Nicole Kidman. Elternwerden mit \u00fcber 40 ist ein Trend. Was erz\u00e4hlt das \u00fcber unsere Gesellschaft, \u00fcber eine Zeit, in der alles m\u00f6glich scheint, in der der Reproduktionstourismus zum boomenden Markt wird? 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