{"id":41451,"date":"2016-04-15T11:40:45","date_gmt":"2016-04-15T11:40:45","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=41451"},"modified":"2016-04-15T11:40:53","modified_gmt":"2016-04-15T11:40:53","slug":"ist-leihmutterschaft-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=41451","title":{"rendered":"Ist Leihmutterschaft Arbeit?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Antje Schrupp geht der Frage nach, ob es sich bei Leihmutterschaft um Arbeit handelt und welche Rechte und Freiheiten Leihm\u00fctter haben.<\/strong><\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit meinem kleinen Projekt des Nachdenkens \u00fcbers Schwanger-werden-K\u00f6nnen ist ein besonders wichtiges Thema das der Biotechnologie. Schwanger werden zu k\u00f6nnen ist ja l\u00e4ngst nicht mehr einfach die Art und Weise, wie Menschen sich reproduzieren. Es ist auch seit langem ein Feld juristischer, moralischer und sozialer Aushandlungsprozesse, die sich haupts\u00e4chlich um die Frage drehen, wie Kulturen die Ungleichheit regeln, die darin besteht, dass manche Menschen schwanger werden k\u00f6nnen und andere nicht, woraus sich dann sowohl formale Regelungen als auch kulturelle Geschlechternormen entwickelt haben. Aber inzwischen ist das Schwanger-werden-K\u00f6nnen auch in den kapitalistischen Markt eingetreten, und zwar nicht mehr nur im Sinne des Konsums, mit Schwangeren als Zielgruppe etwa, sondern direkt die Reproduktion selbst. Frauen verkaufen das Austragen und Geb\u00e4ren von Kindern als Dienstleistung f\u00fcr Menschen, die selbst nicht schwanger werden k\u00f6nnen. Und sie verkaufen ihre Eizellen an Menschen, die selbst keine reproduktionsf\u00e4higen Eizellen produzieren, oder auch f\u00fcr die biotechnologische Forschung. Spende oder Arbeit? In der Reihe &#8222;Kitchen Politics&#8220; bei Edition Assemblage ist zu diesem Thema jetzt ein sehr lesens- und vor allem diskutierenswertes B\u00e4ndchen erschienen. Es tr\u00e4gt den Titel &#8222;Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit&#8220;, womit auch schon eine der zentralen Thesen benannt ist: Denn bisher wird dieser Reproduktionsmarkt nicht als Markt benannt, sondern es wird von Spenden oder Gef\u00e4lligkeitsdiensten gesprochen, und das Geld, das dabei gezahlt wird, als Entsch\u00e4digung bezeichnet, aber eben nicht als &#8222;Lohn&#8220;. Diese Verbr\u00e4mung verhindert, so die Autorinnen, eine politische Organisation der Leihgeb\u00e4rerinnen und Eizellen-Verk\u00e4uferinnen beziehungsweise die Durchsetzung klarer Rechte und so weiter. Bei der Leihmutterschaft tr\u00e4gt eine Frau ein Kind im Auftrag anderer aus, in der Regel nach einer k\u00fcnstlichen Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation\/IVF), wobei die Eizelle und die Samenzelle ganz oder teilweise von den beauftragenden Personen stammen, die auf diese Weise einen genetischen Anteil an dem beauftragten Kind sicherstellen (das, was dann als &#8222;eigenes&#8220; Kind verstanden wird). Gr\u00f6\u00dftes Anbieterland ist Indien, wo es inzwischen rund 3000 Reproduktionskliniken gibt, die Leihmutterschaft anbieten, mit 400 bis 500 Millionen US-Dollar Jahresumsatz. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (Belgien, Gro\u00dfbritannien, Ukraine) und US-Bundesstaaten (Kalifornien) allerdings mit Bedingungen erlaubt. Eizellen-&#8222;Spenden&#8220; (pro Eizelle werden ca. 800 bis 1000 Euro bezahlt) werden verwendet, um Frauen eine Schwangerschaft zu erm\u00f6glichen, die selber keine Eizellen produzieren, oder wenn eine Leihmutter etwa in Indien beauftragt wird, das Kind aber &#8222;wei\u00df&#8220; sein soll. In Europa sind vor allem Spanierinnen und Osteurop\u00e4erinnen beliebte Eizellenspenderinnen, weil sie eben &#8222;wei\u00df&#8220; aussehen. In Zukunft wird aber vermutlich auch der Markt f\u00fcr Eizellen nichtwei\u00dfer Frauen zunehmen, wenn die embryonale Stammzellforschung sich weiter ausbreitet. Kommerzialisierung des Schwangerwerdenk\u00f6nnens In diesem Band sind nun zwei Texte der australischen Sozialwissenschafterinnen Melinda Cooper und Catherine Waldby abgedruckt, die sich seit langem mit dem Thema besch\u00e4ftigen, erg\u00e4nzt um ein E-Mail-Interview zwischen ihnen und den deutschen Herausgeberinnen Felicita Reuschling und Susanne Schultz, die dann jeweils noch mit einem eigenen Text das Thema im hiesigen Diskurs verankern. Ihre auf den ersten Blick provokante Herangehensweise: Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, diese T\u00e4tigkeiten als Arbeit zu verstehen und entsprechend politisch f\u00fcr die Rechte der Eizellenverk\u00e4uferinnen und Leihgeb\u00e4rerinnen einzutreten. Die derzeitige Verschwurbelung, die noch an der symbolischen Idee festh\u00e4lt, es handele sich hierbei um altruistische Spenden, w\u00e4hrend es faktisch ums Geldverdienen geht, solle \u00fcber Bord geworfen werden. Ich finde diese Herangehensweise interessant, deren T\u00fccken liegen aber nat\u00fcrlich gleichwohl auf der Hand \u2013 in dem Moment, wo wir diese T\u00e4tigkeiten als Arbeit verstehen, haben wir n\u00e4mlich gleichzeitig akzeptiert, dass auf diese Weise gewirtschaftet wird. Diese Probleme dr\u00f6selt Susanne Schultz in ihrem Beitrag gut auf. Unter anderem zeigt sie, warum Leihgeb\u00e4ren und Eizellenverkauf etwas anderes sind als Sexarbeit und dass daher die Argumente zur Legalisierung Letzterer nicht einfach auf Erstere \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Und sie pl\u00e4diert daf\u00fcr, Verbote wie in Deutschland noch m\u00f6glichst lange aufrechtzuerhalten, auch um in der Zwischenzeit vielleicht alternative Strategien zu entwickeln. Aber nat\u00fcrlich haben Cooper und Walby recht, wenn sie darauf hinweisen, dass die Kommerzialisierung des Schwanger-werden-K\u00f6nnens global gesehen l\u00e4ngst eine Realit\u00e4t ist, der man besser ins Auge schaut, anstatt sie sich sch\u00f6nzureden. Entscheidungsfreiheit der Leihm\u00fctter Ist aber die Interpretation des Geschehens in marxistischer Logik die richtige Antwort darauf? Ich glaube das nicht. Ich habe schon mal die steile These aufgestellt (finde gerade nicht mehr, wo das war), dass wir eigentlich gar nicht mehr im Kapitalismus leben, sondern wieder im Feudalismus, und die Entwicklungen auf dem Gebiet der Biotechnologie scheinen mir daf\u00fcr ein Beleg zu sein. Denn offensichtlich geht es hier nicht nur um Geschlechterdifferenzen, sondern auch um rassistische K\u00f6rpervorstellungen und globale Unterschiede in den Lebensverh\u00e4ltnissen. Es mag zwar auch Geld flie\u00dfen in diesem Verh\u00e4ltnis, aber das scheint mir nicht das Wesentliche dessen zu sein, was hier geschieht. Klassische Forderungen des &#8222;Arbeitskampfes&#8220; (Gesundheitsschutz, bessere Bezahlung, Arbeitsbedingungen) sind nicht der zentrale Punkt, sondern meiner Ansicht nach wird \u00fcber das Thema &#8222;Eigentum am eigenen K\u00f6rper&#8220; verhandelt \u2013 und damit sind wir exakt im Bedeutungsfeld von &#8222;Leibeigenschaft&#8220;. W\u00e4hrend der Schwangerschaft k\u00f6nnen die Auftraggeber teilweise sehr krass \u00fcber den K\u00f6rper der Schwangeren befinden, es ist ja &#8222;ihr&#8220; Kind, das da heranw\u00e4chst, die Schwangere ist lediglich das Gef\u00e4\u00df, das keinerlei eigene Rolle dabei zu spielen hat. Genau in diesen Bedeutungsfeldern spielen sich nicht zuf\u00e4llig auch die Streitigkeiten ab, die in diesem Verh\u00e4ltnis ausgetragen werden \u2013 und nicht bei der H\u00f6he des Preises. Sondern es geht um solche Dinge wie: Muss die Schwangere ein &#8222;behindertes&#8220; Kind abtreiben, wenn die Auftraggeber das so wollen? D\u00fcrfen diese der Geb\u00e4renden untersagen, das Kind nach der Geburt an die Brust zu nehmen, um jegliche &#8222;unstatthafte&#8220; Bindung zu vermeiden? In der Regel wird hier im Sinne der Auftraggeber entschieden. Vertragsg\u00fcltigkeit Genau bei solchen Dingen m\u00fcssten politische K\u00e4mpfe meiner Ansicht nach ansetzen: am K\u00f6rper der Schwangeren und der Frage, ob jemand \u00fcber ihren K\u00f6rper verf\u00fcgen kann. Ein Embryo ist Teil des K\u00f6rpers der schwangeren Frau, er ist kein eigenst\u00e4ndiges Individuum. Das ist er erst nach der Geburt. Und nur von ihr k\u00f6nnen andere das geborene Kind empfangen \u2013 in Freiwilligkeit. Der entscheidende politische Kampf m\u00fcsste darin liegen, klarzustellen, dass alle Vertr\u00e4ge sittenwidrig sind, die etwas anderes sagen. Mein Vorschlag w\u00e4re: Leihmutterschaft kann es durchaus geben, aber jeglicher Vertrag dazu wird erst in dem Moment g\u00fcltig, wo eine Frau, die ein Kind geboren hat, dieses Kind ihren &#8222;Auftraggebern&#8220; freiwillig \u00fcberreicht. Jede Schwangere muss w\u00e4hrend der gesamten Schwangerschaft Herrin ihrer eigenen Lage bleiben, und sie darf auch nicht dazu gezwungen werden, das Kind, das sie ausgetragen und geboren hat, abzugeben. Sie kann sich alles jederzeit anders \u00fcberlegen \u2013 bis zu dem Moment, wo sie das Kind physisch in die Obhut anderer Personen abgibt (und dann eventuell daf\u00fcr Geld entgegennimmt). Erst ab diesem Moment ist es nicht mehr &#8222;ihres&#8220;. Recht auf Fortpflanzung Aufseiten der Auftraggeber w\u00e4re eine Arbeit an der symbolischen Ordnung derart wichtig, jegliche Idee, es gebe ein &#8222;Recht auf Fortpflanzung&#8220;, wie es von der Reproduktionslobby derzeit massiv propagiert wird, konsequent zur\u00fcckzuweisen. Ein Recht auf Fortpflanzung kann es so wenig geben wie das Recht auf drei Beine. Dass nicht alle Menschen schwanger werden k\u00f6nnen, ist einfach ein normaler Begleitumstand des Menschseins, darin liegt keine Ungerechtigkeit gegen\u00fcber den Betroffenen und keine Diskriminierung, die auf Kosten der Gesellschaft ausgeglichen werden m\u00fcsste. Dass viele Menschen nicht schwanger werden k\u00f6nnen, ist ganz normal und erfordert keinerlei Ma\u00dfnahmen, schon gar nicht solche, die auf Kosten anderer Menschen gehen. Das festzustellen schlie\u00dft nat\u00fcrlich keineswegs aus, nach M\u00f6glichkeiten zu suchen, wie auch der Kinderwunsch von Menschen, die nicht schwanger werden k\u00f6nnen, erf\u00fcllt werden kann. Mein Punkt ist: Diese M\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen nicht auf einer Ebene von Rechten diskutiert werden, sondern nur auf einer Ebene von M\u00f6glichkeiten, von Chancen, von Umst\u00e4nden. Es spricht \u00fcberhaupt nichts dagegen, dass Menschen ein Kind aufziehen, das von einer anderen Person geboren worden ist. Aber das darf nicht auf Kosten und unter Abwertung dieser Frauen geschehen. Sondern nur auf einer respektvollen Beziehungsebene. Recht des Kindes auf Kenntnis der Spender Meine Vermutung ist: Genau um diese Beziehungsebene soll sich durch den Umweg eines Vertrags und einer Bezahlung &#8222;gedr\u00fcckt&#8220; werden, denn genau das ist der Sinn von Vertr\u00e4gen und Geldzahlungen \u2013 die Beziehung wird entpers\u00f6nlicht, formalisiert. Die Frage, um die es mir geht, ist also die, in welchem Verh\u00e4ltnis man sich zueinander sieht. Wenn eine Person, die nicht schwanger werden kann, eine andere findet, die an ihrer Stelle ein Kind austr\u00e4gt und zur Welt bringt und es dann in ihre Obhut \u00fcbergibt \u2013 prima, Gl\u00fcckwunsch, das soll meinetwegen dann auch rechtlich und vertraglich gesichert werden. Aber eben nur dann. (Hier m\u00fcsste jetzt nat\u00fcrlich noch ein ethischer Diskurs stehen \u00fcber die Ausnutzung materieller Notlagen in einer global kapitalistischen Welt hin und \u00fcber die Grenzen von Freiwilligkeit in einer solchen Welt, aber den denkt euch bitte selber dazu, hier geht es mir um etwas Prinzipielles). Noch eine Frage: Was ist eigentlich mit dem Recht des Kindes auf Kenntnis der Frau, die es geboren hat? Wo doch symbolisch so unglaublich viel Bohei gemacht wird darum, dass Kinder auf jeden Fall das Recht h\u00e4tten, zu erfahren, von wem genau die Eizelle und das Sperma stammten, mit deren Hilfe diese Person, die sie geboren hat, schwanger wurde? Darf man ihnen vorenthalten, wer genau es war, der sie am Anfang ihres Lebens neun Monate im eigenen K\u00f6rper herumgetragen und sie dann geboren hat? Wenn ja, warum? Weil das ja nichts bedeutet, nichts wert ist, weil Schwangere ja nur ein bedeutungsloses Gef\u00e4\u00df sind? Das hat ja auch schon Aristoteles so gesehen.<\/p>\n<p>Quelle: derstandard.at\/2000034835237\/Ist-Leihmutterschaft-Arbeit<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Schrupp geht der Frage nach, ob es sich bei Leihmutterschaft um Arbeit handelt und welche Rechte und Freiheiten Leihm\u00fctter haben. Im Zusammenhang mit meinem kleinen Projekt des Nachdenkens \u00fcbers Schwanger-werden-K\u00f6nnen ist ein besonders wichtiges Thema das der Biotechnologie. Schwanger werden zu k\u00f6nnen ist ja l\u00e4ngst nicht mehr einfach die Art und Weise, wie Menschen sich reproduzieren. 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