{"id":40441,"date":"2016-02-16T15:22:39","date_gmt":"2016-02-16T15:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=40441"},"modified":"2016-02-16T15:22:39","modified_gmt":"2016-02-16T15:22:39","slug":"sprachanalyse-weltbank-berichte-sind-uber-die-jahre-immer-vager-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=40441","title":{"rendered":"Sprachanalyse: Weltbank-Berichte sind \u00fcber die Jahre immer vager geworden"},"content":{"rendered":"<p>Ein italienischer Wissenschaftler hat Computern Berichte der Weltbank zu lesen gegeben. F\u00fcr Menschen ist die Lekt\u00fcre aber eher nichts. Denn es steht immer weniger Konkretes drin.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer mit Zahlen arbeitet, wei\u00df die Hilfe des Computers zu sch\u00e4tzen. Alles, was ubers Addieren und Subtrahieren hinausgeht, uberl\u00e4sst man ihm gern. Bei der Arbeit mit Texten bleibt der Nutzen des Computers dagegen meist begrenzt: Texte lassen sich speichern und durchsuchen, teilweise auch automatisch ubersetzen- aber mit dem Lesen und Schreiben tun sich Computer nach wie vor schwer. Doch auch in diesen Bereichen tut sich etwas: Algorithmen werden entwickelt, um Gebrauchs- und Nachrichtentexte aus Vorlagen zu erstellen. Und die quantitative Analyse von Texten hat sich als \u201eDigital Humanities\u201c einen Platz im Methodenarsenal der Literaturwissenschaft erobert.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/themen\/was-passiert-in-unserem-gehirn-wenn-wir-lesen-13810940.html\"  title=\"Bibliotherapie: Das Buch als Spiegel, Fenster oder T\u00fcr\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Bibliotherapie: Das Buch als Spiegel, Fenster oder T\u00fcr<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/finanzen\/meine-finanzen\/sparen-und-geld-anlegen\/nur-jeder-dritte-weltweit-ist-finanziell-alphabetisiert-13934267.html\"  title=\"Zwei von drei Menschen verstehen nichts von Finanzen\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Zwei von drei Menschen verstehen nichts von Finanzen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Als einer der bekanntesten Vertreter dieses Ansatzes gilt Franco Moretti von der Stanford University. Mit Hilfe quantitativer Analysen hat er unter anderem gezeigt, dass das blutige Finale von Shakespeares Hamlet mit den Beziehungen unter den Figuren zusammenh\u00e4ngt: Alle Personen, die sowohl mit Hamlet als auch mit Claudius Kontakt hatten, sterben am Ende.<\/p>\n<p>In einer anderen Arbeit untersuchte er Detektivromane des 19. Jahrhunderts und erkannte den Grund fur die nachhaltige Popularit\u00e4t Arthur Conan Doyles darin, dass dieser die \u201eclues\u201c seiner Geschichten so setzte, dass sie fur die Leser verst\u00e4ndlich und fur die Auflosung notwendig waren &#8211; eine Formel, auf die andere nicht gekommen waren.<\/p>\n<h2>Shakespeare-Kenner reagieren verschnupft<\/h2>\n<p>Ein wesentliches Argument fur die quantitative Analyse ist fur Moretti, dass ein Wissenschaftler ohne derartige technische Unterstutzung niemals die historische oder zeitgenossische Literatur uberblicken konnte. Die intime Kenntnis von ein paar hundert Werken reiche nicht aus, um langfristige Trends und globale Entwicklungen zu entschlusseln. Nicht nur in der Literaturwissenschaft ist diese Auffassung umstritten. Shakespeare-Kenner reagieren verst\u00e4ndlicherweise verschnupft, wenn ihr Gegenstand auf ein paar Netzwerkstrukturen reduziert wird.<\/p>\n<p>Diese Gefahr besteht bei Morettis neuestem Projekt eher nicht. Zusammen mit seinem Koautor Dominique Pestre wendet er die quantitative linguistische Methode auf eine Textgattung an, die deutlich weniger Anh\u00e4nger oder gar Bewunderer hat: die Berichte internationaler Organisationen. Anhand der j\u00e4hrlichen Berichte der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"51b5d23ec8747d347aef3b98ce25ac3ec75b0253\" href=\"\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/weltbank\">Weltbank<\/a> aus den Jahren 1946 bis 2012 analysieren Moretti und Pestre, wie sich in diesem Zeitraum die Vorstellungen von Entwicklungshilfe ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick, auf der Ebene der H\u00e4ufigkeit einzelner Worter, zeigt sich Kontinuit\u00e4t: Es geht um die \u201eBank\u201c, um \u201eKredite\u201c und um \u201eEntwicklung\u201c- in zweiter Linie um \u201eL\u00e4nder\u201c, \u201eInvestitionen\u201c, \u201eZinsen\u201c, \u201eProgramme\u201c und \u201eProjekte\u201c. Doch bei genauerem Hinsehen \u00e4nderte sich die Sprache der Weltbank vor allem in den 1990er Jahren. W\u00e4hrend zun\u00e4chst die wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten dieser Institution und die gewissenhafte Datenerhebung und Beratung am h\u00e4ufigsten erw\u00e4hnt wurden, rucken in den 1990er Jahren drei neue \u201esemantische Cluster\u201c in den Vordergrund: Finanzen, Management und Governance.<\/p>\n<h2>Immer weniger konkrete Ergebnisse<\/h2>\n<p>Das hei\u00dft: Konkrete Ziele werden immer weniger mit daraus abgeleiteten, beispielsweise infrastrukturellen Ma\u00dfnahmen verknupft, sondern mit abstrakten Instrumenten. So wird Armutsbek\u00e4mpfung nicht mit Einkommen, Bevolkerungspolitik und Nahrung assoziiert, sondern mit Strategien, Ans\u00e4tzen, Fokusse und Bezugswerken. Das Zauberwort \u201eGovernance\u201c taucht schlie\u00dflich genauso h\u00e4ufig auf wie \u201eNahrung\u201c und hundertmal so oft wie \u201ePolitik\u201c. Die Sprache der Weltbank, so Moretti und Pestre, wird auf diese Weise abstrakter. Sie bedient sich zunehmend eines \u201etechnischen Codes\u201c.<\/p>\n<p>Grammatikalisch schl\u00e4gt sich diese Bewegung \u201eweg vom Konkreten\u201c nieder im Anstieg der Nominalisierungen. Statt von Akteuren, die handeln oder zusammenarbeiten, ist immer ofter die Rede von \u201eHandlung\u201c und \u201eKooperation\u201c. Nicht L\u00e4nder, die miteinander kooperieren, werden gefordert, sondern die Kooperation. Die Berichte werden damit zu \u201emetaphysischen Dokumenten\u201c, deren Protagonisten nicht mehr wirtschaftliche Akteure, sondern allgemeine Prinzipien sind.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Handelnden, sondern auch die Zeitstrukturen geraten den Weltbank-Berichten zunehmend aus dem Blick: Temporaladverbien wie \u201ejetzt\u201c, \u201esp\u00e4ter\u201c oder \u201ebald\u201c werden immer seltener benutzt. Es finden sich immer weniger konkrete Ergebnisse und abgeschlossene Handlungen in der Zeitform der Vergangenheit, dafur immer mehr unspezifische Infinitive: \u201eWissen teilen\u201c und \u201eGovernance verbessern\u201c verweisen auf eine Wirklichkeit, die sich best\u00e4ndig \u00e4ndert, aber keine konkrete Zukunft hat &#8211; \u201eall change, and no future\u201c, resumieren die Autoren.<\/p>\n<p>Man konnte die Ergebnisse der Analyse auch so zusammenfassen: Die Berichte der Weltbank machen den Eindruck, als wurden sie zunehmend unter Verzicht auf empirische Anschauung aus Versatzstucken des internationalen Managementdiskurses komponiert. Eigentlich konnte man das Verfassen solcher Berichte also getrost den Maschinen uberlassen.<\/p>\n<p><em>Moretti, Franco- Pestre, Dominique (2015): Bankspeak. The language of World Bank Reports. In: New Left Review (92), S. 75-99.<\/em><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/sprachanalyse-weltbank-berichte-sind-ueber-die-jahre-immer-vager-geworden-14043478.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/sprachanalyse-weltbank-berichte-sind-ueber-die-jahre-immer-vager-geworden-14043478.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein italienischer Wissenschaftler hat Computern Berichte der Weltbank zu lesen gegeben. F\u00fcr Menschen ist die Lekt\u00fcre aber eher nichts. 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