{"id":40439,"date":"2016-02-19T08:48:54","date_gmt":"2016-02-19T08:48:54","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=40439"},"modified":"2016-02-19T08:48:54","modified_gmt":"2016-02-19T08:48:54","slug":"komplexitat-karriere-einer-vokabel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=40439","title":{"rendered":"Komplexit\u00e4t &#8211; Karriere einer Vokabel"},"content":{"rendered":"<p>Einst stand \u201eKomplexit\u00e4t\u201c f\u00fcr den Traum der Steuerbarkeit gesellschaftlicher Vorg\u00e4nge. Dann wurde sie zum Problembegriff.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anfang der siebziger Jahre wurde die Welt komplex. Zwar war die gesellschaftliche Wirklichkeit auch schon zuvor als kompliziert, unbeherrschbar und in weiten Teilen unbekannt beschrieben worden. Der Begriff der Komplexit\u00e4t jedoch war reserviert geblieben fur naturliche Ph\u00e4nomene biologischer oder physikalischer Art.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/forschung-an-der-zukunftsmaschine-die-berechnung-der-welt-12015634.html\"  title=\"Forschung an der Zukunftsmaschine: Die Berechnung der Welt\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Forschung an der Zukunftsmaschine: Die Berechnung der Welt<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/natur\/zum-tod-des-chaosforschers-edward-lorenz-vater-des-schmetterlings-1539773.html\"  title=\"Zum Tod des Chaosforschers Edward Lorenz\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Zum Tod des Chaosforschers Edward Lorenz<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/politikberater-die-kompetenzillusion-12739614.html\"  title=\"Wenn Politiker sich auf wissenschaftliche Berater verlassen, kann das \u00fcbel enden\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Wenn Politiker sich auf wissenschaftliche Berater verlassen, kann das \u00fcbel enden<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/komplexer-arbeitsalltag-hilfe-informationsflut-14073238.html\"  title=\"Komplexer Arbeitsalltag: Hilfe - Informationsflut!\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Komplexer Arbeitsalltag: Hilfe &#8211; Informationsflut!<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Erste, der sich uberhaupt traute, Gebilde wie Regierungen oder Universit\u00e4ten als \u201ekomplexe soziale Systeme\u201c zu bezeichnen, war 1962 der okonom und Computerwissenschaftler Herbert Simon gewesen. Aber erst Ende der sechziger Jahre unternahmen Sozialwissenschaftler um Todd La Porte an der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"1de3b0c80596fa06197b424a3666d5fb58e06458\" href=\"\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/universitaet-berkeley\">Universit\u00e4t Berkeley<\/a> erstmals den Versuch, den Begriff Komplexit\u00e4t systematisch fur die Beschreibung moderner Gesellschaften einzusetzen. Seine weitere Karriere ist bekannt. Aber warum war das damals ein so anspruchsvolles Unternehmen, auch die soziale Wirklichkeit als komplex zu bezeichnen? Und worin lag 1969 das Risiko dieses Begriffs?<\/p>\n<h2>Die Lust der Soziologen am Mitregieren<\/h2>\n<p>Die Kolner Zeithistorikerin Ariane Leendertz hat jetzt mit einer bemerkenswerten Untersuchung Licht in diesen Anfang einer semantischen Weltkarriere geworfen. Leendertz zufolge war Komplexit\u00e4t zun\u00e4chst der Begriff dafur, ein soziales Ph\u00e4nomen in seiner Ganzheit erfasst zu haben, um auf dieser Wissensgrundlage effektive politische Intervention zu ermoglichen. La Porte und Kollegen waren zu der uberzeugung gelangt, jetzt endlich uber die analytischen Instrumentarien und Kapazit\u00e4ten zur Wissensverarbeitung zu verfugen, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht l\u00e4nger zu vereinfachen oder sich ihr bestenfalls ann\u00e4hern zu konnen. Das Zauberwort dafur war eben \u201eorganisierte Komplexit\u00e4t\u201c. Dass etwas Mannigfaltiges komplex war, bedeutete fur sie, dass es kein Chaos war, sondern von etwas integriert wurde. Aber wer war die Instanz dieser Integration?<\/p>\n<p>Die kalifornischen Sozialwissenschaftler waren alles andere als Steuerungsskeptiker. Ganz im Gegenteil, sie empfanden es geradezu als die Pflicht von Soziologie und Politikwissenschaft, die Verbesserung der Gesellschaft zu planen und den damit Beauftragten wissenschaftlich beizustehen. Ihre ubernahme komplexit\u00e4tstheoretischer Annahmen aus der allgemeinen Systemtheorie in die politische Steuerungstheorie war, bemerkt Leendertz, im Kern ein gesellschaftliches Optimierungsprogramm: Demokratische Aushandlungsprozesse galten ihnen wenig, der Primat der Politik als privilegiertes Zentrum der Gesellschaft dagegen viel. Staatliche Intervention war gefordert, zum Erfolg habe ihr bisher nur mangelndes Wissen gefehlt. Dass man davon jetzt endlich ausreichend hatte, dafur sorgte auch die in Berkeley enthusiastisch begru\u00dfte Revolution der Computertechnik. Jetzt schien alles zusammenzufinden &#8211; Kybernetik, Mathematik, Informationstheorie und Soziologie. Es war eine Lust, als Sozialwissenschaftler mitzuregieren.<\/p>\n<h2>Das Ende des \u201eSocial Engineering\u201c<\/h2>\n<p>Die Lust war bald verflogen. Die siebziger Jahre gerieten in den Vereinigten Staaten zu einem Jahrzehnt der Depression. Der Fortschrittoptimismus der sp\u00e4ten Sechziger &#8211; Johnsons \u201eGreat Society\u201c, das Mond-Programm &#8211; wich einem kulturalistischen Pessimismus, der amerikanische Zukunftshorizont verdunkelte sich &#8211; und mit ihm auch der Begriff der Komplexit\u00e4t. Nur wenige Jahre nach seiner Einfuhrung als Losungsbegriff war er zum Problem schlechthin mutiert.<\/p>\n<p>Zum Verzweifeln seiner Urheber schien jeder Versuch, Komplexit\u00e4t zu verringern, diese nur noch zu vergro\u00dfern. Mitte der siebziger Jahre dr\u00e4ngten daher neue Begriffe wie Unregierbarkeit, uberforderung und Krise der Demokratie die Verfechter des staatlichen Interventionismus in die Defensive. Der Amtsantritt Ronald Reagans 1980, die damit verbundene Durchsetzung neoliberaler Politikkonzepte, der Aufstieg des Marktes als universales gesellschaftliches Regulativ sowie &#8211; in den Sozialwissenschaften &#8211; die Karriere von Konzepten wie der Selbstorganisation sozialer Systeme markierte fur Leendertz Hohe- und gleichzeitig Endpunkt der amerikanischen Tradition des \u201esocial engineering\u201c.<\/p>\n<h2>Problembegriff mit Entlastungspotential<\/h2>\n<p>Heute ist Komplexit\u00e4t g\u00e4nzlich zu einem Problembegriff mit hohem Entlastungspotential verkommen. Wer etwas als komplex bezeichnet, meint damit wieder, dass es sich einfachen Erkl\u00e4rungen entzieht, sich kaum steuern oder auch nur gezielt beeinflussen l\u00e4sst und entsprechende Versuche darum vermutlich schiefgehen werden. Alles, was komplex ist, das ist eigentlich immer schon viel zu komplex.<\/p>\n<p>Komplexit\u00e4t ist damit zu einem anderen Namen von Resignation geworden, um das Scheitern von Kontroll- und Gestaltungsversuchen universal zu entschuldigen. Auf die Herausforderung der Komplexit\u00e4t reagiert man bevorzugt mit der Unterstellung von Selbstorganisation &#8211; man l\u00e4sst das Eingreifen lieber bleiben und hofft, die Dinge werden sich schon von selbst regeln. Leendertz\u2019 Studie erinnert an den Mut, mit dem sich die Sozialwissenschaften dieser Erwartung einmal entgegenstellten. Vielleicht ist es an der Zeit, dafur einen neuen Begriff zu finden.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/komplexitaet-karriere-einer-vokabel-14068889.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/komplexitaet-karriere-einer-vokabel-14068889.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst stand \u201eKomplexit\u00e4t\u201c f\u00fcr den Traum der Steuerbarkeit gesellschaftlicher Vorg\u00e4nge. 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