{"id":38645,"date":"2015-10-13T12:55:50","date_gmt":"2015-10-13T12:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=38645"},"modified":"2015-10-13T12:55:50","modified_gmt":"2015-10-13T12:55:50","slug":"bedroht-sakularisierung-freiwilliges-engagement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=38645","title":{"rendered":"Bedroht S\u00e4kularisierung freiwilliges Engagement?"},"content":{"rendered":"<p>Ohne das Ehrenamt w\u00fcrden viele Bereiche der Gesellschaft nicht funktionieren. Dabei spielen die kirchlichen Einrichtungen eine gro\u00dfe Rolle. Die S\u00e4kularisierung ist dem freiwilligen Engagement offenkundig recht f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die moderne Gesellschaft hat zum freiwilligen Engagement ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis. Wo es vorkommt, darf es sich allgemeiner Wertsch\u00e4tzung erfreuen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass die Kernbereiche von Staat und Gesellschaft dann doch durch Zwang und Pflicht geregelt werden. Dabei gibt es Aufgaben, die ohne den freiwilligen Beitrag vieler nicht geleistet werden konnten \u2013 etwa im Breitensport, in der Armenfursorge und selbst beim Brandschutz: Lediglich funf Prozent der St\u00e4dte in Deutschland leisten sich eine Berufsfeuerwehr, der Rest setzt auf die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren.<\/p>\n<p>Aber was fordert zivilgesellschaftliches Engagement? Gibt es Kr\u00e4fte, die solche Tugenden wie Selbstlosigkeit, Verzicht auf Entlohnung und Verantwortungsbereitschaft fordern?<\/p>\n<h2>Religiosit\u00e4t macht engagiert<\/h2>\n<p>Die Forschung stimmt darin uberein, dass individuelle Religiosit\u00e4t einen positiven Einfluss hat. Aktive Gemeindemitglieder religioser Gruppen zeigen eine gro\u00dfere Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Wer regelm\u00e4\u00dfig zur <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"08b1bc01c0f272c68e93d9dee6ab0c8bb71b10a1\" href=\"\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/kirche\">Kirche<\/a> geht, am Gemeindeleben teilnimmt und sich dadurch innerhalb einer Gemeinschaft von Gl\u00e4ubigen engagiert, neigt dazu, diese Leistungsbereitschaft auch zum Wohl der Gesellschaft einzubringen. Glauben arbeitet so als ein kulturelles Kapital, dessen Wert sich gewisserma\u00dfen auch in einer s\u00e4kularen Umwelt nicht verfluchtigt. Es l\u00e4sst sich in Kontexte au\u00dferhalb seines religiosen Ursprungs transferieren und steigert dort Motive wie Aufmerksamkeit und Mitgefuhl.<\/p>\n<p>Gestutzt wird das durch den Netzwerk-Effekt des Gemeindelebens: Wer schon religios vernetzt ist, bleibt das auch au\u00dferhalb des Religiosen. Die Zivilgesellschaft bekommt von der Religion gewisserma\u00dfen Engagement-uberschusse geschenkt: Ressourcen wie Freundschaften, Vertrauen und Teamf\u00e4higkeit werden in religiosen Kontexten eingeubt, verinnerlicht und damit zu einem gewissen Grad universalisiert. Religiosit\u00e4t ist unter diesen Umst\u00e4nden dem Einfluss des Golfstroms vergleichbar \u2013 stetig erw\u00e4rmt sie aus ihren spirituellen Quellen das soziale Klima der Zivilgesellschaft. Und wie die transatlantische W\u00e4rmestromung wird auch die Religiosit\u00e4t \u00e4ngstlich beobachtet, ob sie vielleicht zum Stillstand kommen konnte. Bedroht die S\u00e4kularisierung damit indirekt die uberlebenschancen des Ehrenamtes?<\/p>\n<h2>Warum tun die frommen Polen dann vergleichsweise wenig?<\/h2>\n<p>Das ist eine \u00e4u\u00dferst schwierig zu beantwortende Frage. Untersucht man das Problem etwa nur in den Mitgliedsl\u00e4ndern der EU, sind bereits die Unterschiede dieser Gesellschaften gewaltig. Die Soziologen Lionel Prouteau und Boguslawa Sardinha haben es kurzlich dennoch versucht. Sie benutzten dazu Daten aus der European Values Study (EVS) von 2009, die in 27 EU-Staaten durchgefuhrt wurde.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst konnten die Autoren den erwarteten Effekt auf der individuellen Ebene best\u00e4tigen: Wer h\u00e4ufig in die Kirche oder in die Moschee geht, ist auch stark engagiert im Ehrenamt, sei es im sozialen Bereich, im Sport oder in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Aber dann kommt ein Einwand: Die Studie fragt schlie\u00dflich nicht nach den Folgen individueller Religiosit\u00e4t, sondern nach dem Zusammenhang von S\u00e4kularisierung und Zivilgesellschaft. Und da ergibt sich uberraschenderweise ein anderes Bild. Wo die Religiosit\u00e4t noch am hochsten ist \u2013 n\u00e4mlich im tief-katholischen Polen und Malta \u2013 falle die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement am geringsten aus. Vielmehr zeige sich, so die Autoren, dass dieses Engagement in einem Land umso gro\u00dfer ist, je weniger religios es ist. Wie w\u00e4re das zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<h2>Sozial-Religiose Thermodynamik<\/h2>\n<p>Es konnte sich dabei gewisserma\u00dfen um einen Energieaustausch handeln: Was aus den religiosen Gemeinschaften an sozialer Energie abflie\u00dft, stromt in s\u00e4kulare Einrichtungen, um dort zugunsten zivilgesellschaftlicher Bedurfnisse verbraucht zu werden. Demnach ginge S\u00e4kularisierung also auch mit einem Anstieg des freiwilligen Engagements einher.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/rhein-main\/nicolaigemeinde-wer-glaubt-kann-opfer-bringen-11708623.html\" title=\"Nicolaigemeinde: Wer glaubt, kann Opfer bringen \" class=\"defaultLink arrowLink  \">Nicolaigemeinde: Wer glaubt, kann Opfer bringen<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/soziale-systeme-ungerechtigkeit-aus-yale-13812107.html\" title=\"Soziale Systeme: Kommt die Ungerechtigkeit aus Yale?\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Soziale Systeme: Kommt die Ungerechtigkeit aus Yale?<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/forschung-politik\/soziale-systeme-der-terror-der-leistungsgerechtigkeit-13740822.html\" title=\"Soziale Systeme: Der Terror der Leistungsgerechtigkeit\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Soziale Systeme: Der Terror der Leistungsgerechtigkeit<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Autoren sind aber ehrlich: Es kommt naturlich auch hier stark auf den Kontext an. So scheint es, dass die okonomische Entwicklung eines Landes einen gro\u00dfen Einfluss hat. Generell fordert Wohlstand auch die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement. Andererseits hat der damit verbundene Anstieg der Sozialausgaben des Staates wiederum einen negativen Effekt auf die Freiwilligkeit. Ein omnipr\u00e4senter Wohlfahrtsstaat fuhrt demnach zum Verkummern privater Hilfsbereitschaft. Aber auch die allgemeine Zufriedenheit in einem Gemeinwesen muss berucksichtigt werden. Die Studie zeigt, dass eine generelle Unzufriedenheit mit der Leistungsf\u00e4higkeit des Staates die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement ebenfalls reduziert. Hier will man dann wohl nicht fur das Versagen des Staates in die Bresche springen. Es geht also um die Erg\u00e4nzung offentlicher Angebote, nicht um die Kompensation ihrer M\u00e4ngel. Gelingt das, stellt auch das Erkalten der religiosen Gefuhle in der modernen Gesellschaft keinen Grund zur Sorge dar, dass Altruismus und Hilfsbereitschaft ohne eine religios versprochene symbolische Vergutung g\u00e4nzlich verschwinden konnten.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/bedroht-saekularisierung-freiwilliges-engagement-13848387.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/bedroht-saekularisierung-freiwilliges-engagement-13848387.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne das Ehrenamt w\u00fcrden viele Bereiche der Gesellschaft nicht funktionieren. Dabei spielen die kirchlichen Einrichtungen eine gro\u00dfe Rolle. 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