{"id":38639,"date":"2015-10-17T13:08:39","date_gmt":"2015-10-17T13:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=38639"},"modified":"2015-10-17T13:08:39","modified_gmt":"2015-10-17T13:08:39","slug":"mundlichkeit-und-schriftlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=38639","title":{"rendered":"M\u00fcndlichkeit und Schriftlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Renaissance der M\u00fcndlichkeit: Nicht nur in Indonesien, dem Gastland der Buchmesse, wird gern erz\u00e4hlt. Und der Nobelpreis w\u00fcrdigt eine Stimmencollage. Entsteht dabei eine andere Literatur?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Herr Konrad war ein muder Mann, er band sein Ro\u00df am Wirtshaus an\u201c, so beginnt das Lied \u201eDer Star und das Badew\u00e4nnlein\u201c, und weil der junge Ritter dann doch au\u00dfer einem warmen Abendessen, einem Fu\u00dfbad und einem weichen Bett noch andere Wunsche hat, kommt er mit der Wirtin uberein: Die Dienstmagd, die ihm gerade den Wein gebracht hat, soll uber Nacht bei ihm bleiben, gegen Bezahlung an die Wirtin. Nun aber kommen Star und Badewanne ins Spiel, denn der Singvogel verr\u00e4t, dass die Magd einst als S\u00e4ugling geraubt worden ist, und die Wanne fur das Fu\u00dfbad tr\u00e4gt das burgundische Wappen, das die Herkunft des M\u00e4dchens enthullt \u2013 sie ist die Zwillingsschwester des Ritters. Also geht es nun der bosen Wirtin an den Kragen (\u201eHerr Konrad war so gar entrust, sein Schwert er durch ihre Ohrlein spie\u00dft\u201c), und die verlorene Tochter wird nach Hause gebracht.<\/p>\n<p>Der romantische Dichter Clemens Brentano (1778 bis 1842) will dieses Lied \u201ein der Spinnstube eines hessischen Dorfes aufgeschrieben\u201c haben, so lautet jedenfalls die Herkunftsbezeichnung in der Volksliedsammlung \u201eDes Knaben Wunderhorn\u201c, die Brentano gemeinsam mit seinem Freund Achim von Arnim zwischen 1805 und 1808 in drei B\u00e4nden veroffentlichte. In der Spinnstube: Das hei\u00dft, jedenfalls nach der romantischen Projektion jener Zeit, exakt dort, wo die alten und jungen Frauen des Dorfes sitzen, sich bei der Arbeit am Spinnrad traditionelle Lieder vorsingen und uralte M\u00e4rchen erz\u00e4hlen. Wenn also ein Literat den selbstverst\u00e4ndlich illiteraten Dorfbewohnerinnen lauscht und mitschreibt, was er hort, dann kommt er damit in einen Bereich, der, so die Hoffnung, historisch weiter zuruckliegt als die Einfuhrung der Schrift.<\/p>\n<h2>Unter falscher Flagge<\/h2>\n<p>Bei n\u00e4herem Hinsehen entpuppt sich das als fragwurdiges Konzept. Und das nicht nur, weil der um 1800 vieldiskutierte Siegeszug der mechanischen Spinnmaschinen, gefolgt von einer ganzen Reihe anderer massiver sozialer Umw\u00e4lzungen in Deutschland, die Institution der Spinnstube obsolet machte. Sondern auch, weil Brentano offensichtlich bei der Quellenangabe fur das Lied gemogelt hat. In Wirklichkeit war er hier mehr Autor als Sekret\u00e4r, er hat, so schreibt Heinz Rolleke, einer der besten Kenner von \u201eDes Knaben Wunderhorn\u201c, das \u201edergestalt mystifizierte Lied\u201c nach einer Vorlage aus dem kurz zuvor erschienenen \u201eMusenalmanach\u201c des Leo von Seckendorf \u201eselbst\u00e4ndig gedichtet \u2013 wohl kaum in der Spinnstube eines hessischen Dorfs\u201c.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/muendlichkeit-und-schriftlichkeit-bei-homer-13848385.html\" title=\"M\u00fcndlichkeit und Schriftlichkeit in den Epen Homers\" class=\"defaultLink arrowLink  \">M\u00fcndlichkeit und Schriftlichkeit in den Epen Homers<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Was sich hier also als mundlich uberliefert ausgibt, ist tats\u00e4chlich am Schreibtisch entstanden. Das ist kein Einzelfall, weder was das Schaffen Brentanos noch was die Literatur jener Epoche uberhaupt angeht. Die Sehnsucht des gebildeten Publikums nach authentischen literarischen Werken aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten war damals gro\u00df, und nicht einmal der aufgeflogene Ossian-Schwindel \u2013 der schottische Hauslehrer James Macpherson hatte von 1760 an die Werke eines angeblichen keltischen Barden namens Ossian fingiert und herausgegeben \u2013 konnte diese literarischen Mode schw\u00e4chen. Befordert wurde sie etwa durch Johann Gottfried Herders Sammlung \u201eVolkslieder\u201c (1778, sp\u00e4ter unter dem Titel \u201eStimmen der Volker in Liedern\u201c) und vor allem durch die \u201eKinder- und Hausm\u00e4rchen\u201c der Bruder Grimm. In ihrer Vorrede zur zweiten Auflage der Sammlung beschreiben sie noch einmal die Verbindung zwischen Mundlichkeit als ubermittlungsweg und dem hohen Alter dessen, was erz\u00e4hlt wird. Besonders eine ihrer Beitr\u00e4gerin heben sie heraus, eine B\u00e4uerin aus dem Dorf Niederzwehren bei Kassel, dem Wohnort der Bruder: \u201eSie bewahrte die alten Sagen fest im Ged\u00e4chtnis. Dabei erz\u00e4hlte sie bed\u00e4chtig, sicher und ungemein lebendig, mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, noch einmal langsam, so dass man ihr mit einiger ubung nachschreiben konnte.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/muendlichkeit-und-schriftlichkeit-13849395.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/muendlichkeit-und-schriftlichkeit-13849395.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Renaissance der M\u00fcndlichkeit: Nicht nur in Indonesien, dem Gastland der Buchmesse, wird gern erz\u00e4hlt. Und der Nobelpreis w\u00fcrdigt eine Stimmencollage. 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