{"id":38226,"date":"2015-09-18T08:21:28","date_gmt":"2015-09-18T08:21:28","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=38226"},"modified":"2015-09-18T08:21:28","modified_gmt":"2015-09-18T08:21:28","slug":"germanwings-absturz-depression-ist-kein-groserer-makel-als-fruher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=38226","title":{"rendered":"Germanwings-Absturz: Depression ist kein gr\u00f6\u00dferer Makel als fr\u00fcher"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Tat des Germanwings-Piloten im M\u00e4rz bef\u00fcrchteten Psychiater, dass psychisch Kranke k\u00fcnftig st\u00e4rker stigmatisiert werden k\u00f6nnten. Jetzt wurden mehrere hundert Deutsche nach ihren Vorurteilen befragt &#8211; mit \u00fcberraschendem Ergebnis.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die beiden Attentate auf die Politiker <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"4accb6288329e4c3aeebada0e5f290870fc1c9e4\" href=\"\/aktuell\/politik\/thema\/oskar-lafontaine\">Oskar Lafontaine<\/a> und Wolfgang Sch\u00e4uble folgten im Jahr 1990 im Abstand weniger Monate aufeinander und verstorten die Bevolkerung. Monatelang wurde medial daruber berichtet &#8211; und besondere Aufmerksamkeit erhielt die Tatsache, dass beide T\u00e4ter als psychisch krank galten. Das blieb nicht ohne Folgen fur die Gefuhle der Deutschen psychisch Kranken gegenuber. Der Stigmaforscher Matthias Angermeyer von der Universit\u00e4t Leipzig stellte Mitte der neunziger Jahre in mehreren Studien fest, dass die deutsche Bevolkerung psychisch Kranke nach den Attentaten deutlich st\u00e4rker diskriminierte als vorher.<\/p>\n<p>Unter Psychiatern ist diese Entwicklung weithin bekannt. Nicht wenige befurchteten deshalb nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. M\u00e4rz dieses Jahres und der anschlie\u00dfenden massiven medialen Berichterstattung uber die psychische Krankheit des Kopiloten, der die Maschine mit Absicht in den Abgrund gesteuert hatte, dass sich die Stimmung gegenuber psychisch Kranken wieder ver\u00e4ndern wurde &#8211; und dass die jahrelangen Bemuhungen der Fachgesellschaften um Entstigmatisierung so wieder zuruckgeworfen werden konnten. Eine Studie, die im Oktober in der Fachzeitschrift \u201eWorld Psychiatry\u201c erscheinen wird, gibt in dieser Hinsicht uberraschend Entwarnung (doi: 10.1002\/wps.20257). Ein Team um Georg Schomerus von der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"7435da2e4ec0270b0aeeb1b5f473397c53a798f3\" href=\"\/aktuell\/feuilleton\/thema\/universitaet-greifswald\">Universit\u00e4t Greifswald<\/a> und den inzwischen emeritierten Matthias Angermeyer verglich Ergebnisse einer Online-Befragung aus dem November 2014 mit den Antworten auf dieselben Fragen im Mai 2015, zwei Monate nach dem Germanwings-Ungluck.<\/p>\n<h2>Fiktive Patientin<\/h2>\n<p>Befragt wurden zun\u00e4chst 600, beim zweiten Durchgang 800 Teilnehmer nach ihren Gefuhlen gegenuber der Fallgeschichte einer fiktiven Frau namens Anne. Ein Teil der Probanden im November und im Mai erhielt ein Fallbeispiel, in dem Anne typische Symptome einer Schizophrenie zeigte: Sie fuhlt sich verfolgt und glaubt, dass ihre Gedanken beeinflusst werden. Eine zweite Probandengruppe erhielt einen Text, in dem eine Depression beschrieben wird. Anne ist demnach seit Monaten traurig, spricht weniger, es f\u00e4llt ihr schwer, sich bei der Arbeit zu konzentrieren. In beiden F\u00e4llen wird die Diagnose nicht explizit genannt.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Lekture sollten die Teilnehmer angeben, ob sie Anne fur unberechenbar hielten, ob sie eine Frau wie Anne als Nachbarin oder im Freundeskreis akzeptieren wurden oder mit ihr im Beruf eng zusammenarbeiten wurden. Letztere Fragen verwenden Stigmaforscher, um festzustellen, wie gro\u00df der Wunsch nach \u201esozialer Distanz\u201c zu Betroffenen ist. \u201eEs lie\u00df sich keine generelle Ver\u00e4nderung erkennen\u201c, bilanziert Studienautor Schomerus. Lediglich bei der Frage nach der Berechenbarkeit zeigte sich eine Verschiebung: Vor dem Flugzeugabsturz hielten siebzehn Prozent Anne fur unberechenbar in ihren Handlungen, danach waren es 24 Prozent. Zwischen den beiden Fallschilderungen, die sich auf Depression beziehungsweise auf Schizophrenie bezogen, gab es keine Unterschiede in der Bewertung.<\/p>\n<h2>Ver\u00e4nderte Gesellschaft<\/h2>\n<p>Georg Schomerus zufolge trugen unterschiedliche Faktoren dazu bei, dass das Stigma, das auf psychisch Kranken lastet, nur so mild beeinflusst worden ist. Vor allem traf das verstorende Ereignis wohl auf eine ver\u00e4nderte Gesellschaft, die tats\u00e4chlich aufgekl\u00e4rter als 1990 mit dem Thema \u201ePsychische Krankheit\u201c umgeht. \u201eIm Studienergebnis zeigt sich, dass die Menschen differenzierter geworden sind, dass sie heute eine differenziertere Vorstellung von psychischer Krankheit haben\u201c, sagt Schomerus. Zudem seien die Medien vergleichsweise vorsichtig und verantwortungsvoll mit dem Thema umgegangen. \u201eBeispielsweise wurde das Berufsverbot fur Menschen mit Depression, das der bayerische Innenminister nach dem Absturz vorgeschlagen hatte, medial nicht breitgetreten, sondern, wenn es uberhaupt aufgegriffen wurde, eher kritisiert\u201c, sagt Schomerus.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/feuilleton\/medien\/tv-kritik\/tv-kritik-hart-aber-fair-tat-im-wahn-und-welthass-13514965.html\" title=\"TV-Kritik \u201eHart aber fair\u201c: Tat im Wahn und Welthass\" class=\"defaultLink arrowLink  \">TV-Kritik \u201eHart aber fair\u201c: Tat im Wahn und Welthass<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/medizin\/psychotherapie-als-stigma-und-dann-haben-sie-eine-f-nummer-13297176.html\" title=\"Psychotherapie als Stigma: Und dann haben Sie eine F-Nummer\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Psychotherapie als Stigma: Und dann haben Sie eine F-Nummer<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Seine Ergebnisse best\u00e4tigen eine schon im Juli <a href=\"http:\/\/www.jad-journal.com\/article\/S0165-0327(15)30473-0\/abstract\">im \u201eJournal of Affective Disorders\u201c veroffentlichte Studie von Wissenschaftlern um Olaf von dem Knesebeck vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (doi: 10.1016\/j.jad.2015.07.029). <\/a>Hierfur waren im April 2014 und im April 2015, also vier Wochen nach dem Germanwings-Absturz, etwa 600 Probanden telefonisch nach ihrer Haltung gegenuber Menschen befragt worden, die an einer Depression erkrankt sind. In diesem Fall wurde die Diagnose klar benannt. Auch hier stellten die Autoren fest: Zwar waren Angst und Unsicherheit gewachsen. Aber insbesondere, was den Wunsch nach sozialer Distanz angeht, hatte sich wenig getan. Die Autoren bilanzieren: \u201eInsgesamt war die Verst\u00e4rkung des Stigmas, das auf einer Depression liegt, kleiner als erwartet.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/germanwings-absturz-depression-ist-kein-groesserer-makel-als-frueher-13803334.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/germanwings-absturz-depression-ist-kein-groesserer-makel-als-frueher-13803334.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Tat des Germanwings-Piloten im M\u00e4rz bef\u00fcrchteten Psychiater, dass psychisch Kranke k\u00fcnftig st\u00e4rker stigmatisiert werden k\u00f6nnten. 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