{"id":38224,"date":"2015-09-23T10:10:54","date_gmt":"2015-09-23T10:10:54","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=38224"},"modified":"2015-09-23T10:10:54","modified_gmt":"2015-09-23T10:10:54","slug":"genforschung-ein-fall-von-biopolitischem-ungehorsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=38224","title":{"rendered":"Genforschung: Ein Fall von biopolitischem Ungehorsam"},"content":{"rendered":"<p>Den Menschen verbessern wollen sie alle. Die Embryonenforscher haben jetzt auch die Instrumente dazu \u2013 wer will sie stoppen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Keine Hysterie. Das geht auch. Keiner ruhrt sich, keiner schreit auf. Es ist nur verdammt leise diesmal, ausgerechnet jetzt, wo die \u201eKampfzone Mensch\u201c, wie sich der osterreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann ausdruckt, Attacken von allen Seiten erlebt: \u201eMenschsein l\u00e4sst sich nur noch als offenes Projekt beschreiben.\u201c In der Tat: Die bio-, nano-, und neurotechnischen Optimierungsprogramme laufen hei\u00df, man kann sich davon in diversen digitalen Foren ein Bild machen \u2013 oder man hort den Naturwissenschaftlern genau zu.<\/p>\n<p>Denn dann h\u00e4tte man in den vergangenen Tagen miterleben konnen, wie eine Bastion des biopolitischen Widerstands langsam zu brockeln beginnt und wie das, was vor allem biokonservative Philosophen und Politiker schon lange als nur noch vermeintliches Schutzgebiet unserer Moral betrachten, von den Bioingenieuren in den Labors einkassiert wird.<\/p>\n<p>Britische Wissenschaftler haben einen Antrag bei der \u201eHuman Fertilisation and Embryology Authority\u201c in London gestellt, kunstlich gezeugte Embryonen, die man ihnen aus den Hochleistungslabors der Reproduktionsmedizin uberlassen will, mit dem als \u201eGen-Editierung\u201c bezeichneten Verfahren zu bearbeiten. Der Eingriff in die Keimbahn, mitten in Europa? Wurden die Embryonen ubertragen und zur Schwangerschaft fuhren, g\u00e4be es keinen Zweifel: ein Fall von biopolitischem Ungehorsam. Keimbahneingriffe solcherart sind in Gro\u00dfbritannien ebenso wie hierzulande und in den allermeisten L\u00e4ndern weltweit noch immer explizit untersagt.<\/p>\n<p><\/a><\/span><span class=\"Bildunterschrift\" itemprop=\"description\">Interview mit dem Bioethik-Experten Markus Hengstschl\u00e4ger \u00fcber Embryonenforschung<\/span><\/p>\n<h2>Es geht um die Steuerbarkeit menschlichen Lebens<\/h2>\n<p>Die Sache ist nur die: Viele Staaten lassen, ihren je eigenen Lebensschutzbestimmungen entsprechend, der reinen Forschung einen gesonderten Spielraum. Und hier, in den Labors, so l\u00e4sst der Vorsto\u00df der britischen Wissenschaftler um den weltweit anerkannten Stammzellforscher Robin Lovell-Badge unschwer erkennen, ist die eigentliche Kampfzone der neuen Biohacker. Im Forschungsantrag an die Behorde hei\u00dft es: Die grundlegenden Entwicklungsbedingungen des Embryos sollen in der Petrischale ausgetestet werden. Sprich: Indem man gezielt und systematisch einzelne Gene mit den neuen, hochpr\u00e4zisen Werkzeugen der genplastischen Chirurgie (\u201eCrispr-Cas9\u201c) ver\u00e4ndert, ersetzt, ausschaltet oder sonstwie bearbeitet, hofft man Auskunfte daruber zu erhalten, welche die molekularen Bedingungen fur das Wohl und Wehe des menschlichen Embryos sind.<\/p>\n<p>Selbst so formuliert, in der oft euphemistischen Einwerbungssprache von Wissenschaftlern, bleibt die Richtung des genwissenschaftlichen Vorsto\u00dfes unmissverst\u00e4ndlich: Es ist die Steuerbarkeit des menschlichen Lebens. Von der Selbstbeobachtung und der im digitalen Alltag inzwischen salonf\u00e4higen Selbstkontrolle ist der Weg nach dem Dafurhalten Liessmanns bis zur kreativen Selbstgestaltung des Menschen kein allzu weiter Weg. \u201eDie Moglichkeiten einer Evolution durch genetische Selbststeuerung werden lust- und angstvoll durchgespielt\u201c, sagte der Wiener Wissenschaftler aus Anlass des 19. Philosophicums Lech, das just an den Tagen uber den \u201eneuen Menschen\u201c diskutierte, als der britische Antrag fur die Genversuche an Embryonen offentlich wurde.<\/p>\n<h2>Offene Rebellion gegen ein Tabu<\/h2>\n<p>Der seinerseits wurde nur wenige Tage nach der Einlassung der \u201eHinxton-Gruppe\u201c eingereicht \u2013 eine seit der Stammzelldebatte international aktive, extrem progressive Bioethiker- und Forscherallianz, die ihr Positionspapier zur Genom-Editierung publiziert hat. Ihre Forderung: Eingriffe in die Keimbahn sollten nicht grunds\u00e4tzlich fur die Zukunft ausgeschlossen und die Embryonenforschung in der Petrischale wenigstens vorerst bis zum vierzehnten Tag der Entwicklung (etwa dem Tag der ubertragung in der kunstlichen Befruchtung) zul\u00e4ssig sein. Schon dieses Papier war eine gezielte biopolitische Provokation. Es war die Antwort derjenigen, die das derzeitige biomedizinische Wettrusten als Chance und Teil einer vollig neuen, individualisierten Medizin betrachten, einer \u201ePr\u00e4zisionsmedizin\u201c. Man konnte auch sagen: ein biopolitischer Protest.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/genforschung-ein-fall-von-biopolitischem-ungehorsam-13817840.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/genforschung-ein-fall-von-biopolitischem-ungehorsam-13817840.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Menschen verbessern wollen sie alle. 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