{"id":38064,"date":"2015-09-17T17:56:19","date_gmt":"2015-09-17T17:56:19","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=38064"},"modified":"2015-09-17T17:56:19","modified_gmt":"2015-09-17T17:56:19","slug":"soziale-systeme-lob-der-zwietracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=38064","title":{"rendered":"Soziale Systeme: Lob der Zwietracht"},"content":{"rendered":"<p>Warum Harmonie kein sinnvolles Ideal f\u00fcr eine arbeitsteilige und differenzierte Gesellschaft ist. Und wie man ihre Mitglieder dazu bringt, die Konflikte h\u00e4ufiger mal offen auszutragen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Konflikte gelten gemeinhin als unwillkommen. Auf die Frage, wie die Zahl der offen ausgetragenen Streitigkeiten moglichst vermehrt werden kann, muss man daher erst einmal kommen. Dem 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann ist das gelungen. In einem nachgelassenen Text aus den siebziger Jahren, der unl\u00e4ngst zum ersten Mal publiziert wurde, fragt der Systemtheoretiker am Beispiel moderner Lebensverh\u00e4ltnisse, wie eine Gesellschaft eingerichtet sein muss, die eine solche Freisetzung der Streitlust zuwege bringt. Als Kontrastfall gelten ihm friedliebende Stammesgesellschaften, aber auch die Hartn\u00e4ckigkeit, mit der manche Hochkulturen ihren Mitgliedern das offene Neinsagen auszureden versuchten.<\/p>\n<p>Die ubliche Bewertung, die im Streit nur die Storung sieht, fuhrt Luhmann darauf zuruck, dass wir dabei bevorzugt an Anwesende oder Nahestehende denken. Nicht nur Familienfeste, auch komplette Familien konnen durch offenen Konflikt ruiniert werden. Fur kleine und undifferenzierte Gruppen ist es daher eine sinnvolle Maxime, taktvoll und diplomatisch zu kommunizieren. Aber auch fur eine konfliktscheue Gesellschaftsmoral zeigt der Soziologe durchaus Verst\u00e4ndnis. Sie sei solange angemessen, wie die Gesellschaft auch ihrerseits in der Art einer Gro\u00dffamilie organisiert ist. In Stammesgesellschaften sch\u00e4tze man die Nachgiebigkeit aber auch deshalb, weil es hier noch keine Richter gibt, die den Konflikt durch verbindliche Entscheidung beenden konnen.<\/p>\n<h2>Personliche Anwesenheit hemmt die Streitlust<\/h2>\n<p>Fur die moderne und differenzierte Gesellschaft ist das kein Modell, und zwar deshalb nicht, weil ihre Differenzierung immer auch die Interessen und Perspektiven der davon betroffenen Gruppen und Teilsysteme erfasst &#8211; und damit die friedlichen und kampflosen Einigungsmoglichkeiten unter ihnen abbaut. Nicht nur Schichtungsstrukturen, auch die modernen Formen der Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Religion, Familienleben und Schulerziehung gelten daher als Konfliktquellen ersten Ranges. Aber wie ist es moglich, diesen Streit offen zu fuhren?<\/p>\n<p>Nach Luhmann kommt es hier vor allem darauf an, dass die Gesellschaft einerseits und die Kontakte unter Anwesenden und Nahestehenden andererseits auch voneinander getrennt werden. Hemmungen der Streitlust, die Anwesende auferlegen, konnen umgangen werden, wenn der Gegner abwesend ist oder gar personlich unbekannt bleibt. So sind Wahrheitskonflikte unter Wissenschaftlern relativ einfach zu fuhren, weil ihr Medium ohnehin der Buchdruck ist. Begegnen die Streitenden sich dann auf irgendeinem Podium, sieht man an der gegenseitigen Schonung, die sie dort fur angebracht halten, wie viel der Streit dem Umstand verdankt, dass er unter Abwesenden begonnen wurde.<\/p>\n<h2>Konkurrenz als effektive Form der Gegnerschaftspflege<\/h2>\n<p>Aus demselben Grund haben Intellektuelle es leicht, Politiker zu attackieren, denn normalerweise gibt es hier keine guten Beziehungen, die dadurch l\u00e4diert werden konnten. Aber selbst dort, wo es solche Beziehungen gibt, kann man die Streitlust entfesseln. Es muss dann nur ermoglicht werden, die Beziehung konfliktbedingt zu beenden. Wenn es erlaubt ist, Ehen scheiden zu lassen oder Vertragsbeziehungen aufzukundigen, dann konnen auch Gatten und Gro\u00dfkunden streitlustig werden. Auch das setzt voraus, dass die Gesellschaft mit diesen Beziehungen nicht mehr einfach identisch ist.<\/p>\n<p>Eine besonders effektive Form, Gegnerschaften zu pflegen, ohne Anwesende oder Nahestehende zu betruben, sieht Luhmann in der Konkurrenz. Denn die Konkurrenten suchen ja gute und moglichst harmonische Beziehungen nicht zueinander, sondern zu dritten Personen, die sie fur sich zu gewinnen suchen: zu den Kunden, zu den W\u00e4hlern, zu den Arbeitgebern, die sie einstellen sollen. Diese Umleitung uber einen Dritten erlaubt es zugleich, das Kampfergebnis als verdient anzusehen. Man hat nicht einfach im vermeinten Recht des St\u00e4rkeren uber den Gegner triumphiert, sondern man hat sich als Fremdversteher, als Virtuose der Einfuhlung in Publikumswunsche, als uberlegener Wohlt\u00e4ter an Dritten bew\u00e4hrt. Vor allem aber mussen die Konkurrenten, da ihr Interessengegensatz von Dritten entschieden wird, keine Beziehungen zueinander suchen, und selbst wo solche Beziehungen aus anderen Grunden bestehen und andauern sollen, werden sie dadurch entlastet, dass die Zumutung, den Wettstreit verloren zu haben, von Dritten verantwortet wird.<\/p>\n<ul class=\"RelatedLinkBox middot\">\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/forschung-politik\/soziale-systeme-der-terror-der-leistungsgerechtigkeit-13740822.html\" title=\"Soziale Systeme: Der Terror der Leistungsgerechtigkeit\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Soziale Systeme: Der Terror der Leistungsgerechtigkeit<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/die-zukunft-des-sex\/soziale-systeme-wie-soll-man-sich-da-noch-schaemen-13729905.html\" title=\"Soziale Systeme: Wie soll man sich da noch sch\u00e4men?\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Soziale Systeme: Wie soll man sich da noch sch\u00e4men?<\/a><\/li>\n<li class=\"context-small serif\"><a href=\"\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/freie-wissenschaftler-sind-verblueffungsfest-13720400.html\" title=\"Soziale Systeme: Freie Wissenschaftler sind verbl\u00fcffungsfest\" class=\"defaultLink arrowLink  \">Soziale Systeme: Freie Wissenschaftler sind verbl\u00fcffungsfest<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>In das klassische Lob der Konkurrenz, das heute kraftlos wiederaufgew\u00e4rmt wird, mag Luhmann gleichwohl nicht einstimmen. Sie garantiere weder Alternativenreichtum im Angebot, etwa der politischen Parteien, noch erzeuge sie notwendigerweise besondere Innovationsfreude mit Bezug auf die Zukunft. Und au\u00dferdem setze sie voraus, dass nicht zu viele Verlierer entstehen. Auch darum sei es gut, wenn es neben der Konkurrenz auch noch andere Moglichkeiten gibt, Konflikte zu fordern.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/soziale-systeme-lob-der-zwietracht-13799783.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/soziale-systeme-lob-der-zwietracht-13799783.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Harmonie kein sinnvolles Ideal f\u00fcr eine arbeitsteilige und differenzierte Gesellschaft ist. 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