{"id":26424,"date":"2014-06-21T22:33:51","date_gmt":"2014-06-21T22:33:51","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=26424"},"modified":"2014-06-21T22:33:51","modified_gmt":"2014-06-21T22:33:51","slug":"phagentherapie-gezielte-hilfe-statt-grosangriff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=26424","title":{"rendered":"Phagentherapie: Gezielte Hilfe statt Gro\u00dfangriff"},"content":{"rendered":"<p>Phagen infizieren Bakterien \u2013 und setzen sie au\u00dfer Gefecht. In der Medizin winkt ihnen jetzt eine echte Karriere, weil viele Antibiotika nicht mehr helfen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Da immer mehr Krankheitserreger gegen\u00fcber den g\u00e4ngigen Antibiotika resistent sind und die Entwicklung neuer Antibiotika nur schleppend vorankommt, sind neue Strategien gefragt. Dabei hilft manchmal auch der Blick zur\u00fcck. Vor hundert Jahren legte der Kanadier F\u00e9lix d\u2019Herelle am Institut Pasteur in Paris die Grundlagen f\u00fcr eine Therapie, die sp\u00e4ter als Phagentherapie bezeichnet werden sollte und die im fr\u00fcheren Ostblock, wo Antibiotika stets rar waren, ein beachtliches Niveau erreichte. Bei der Phagentherapie werden Viren, die auf Bakterien spezialisiert sind, auf die Keime angesetzt. Diese Viren hei\u00dfen Bakteriophagen, weil sie nur Bakterien angreifen und nichts anderes. Obwohl die Therapie in Zentren wie Tiflis, Breslau und Prag mit gro\u00dfem Erfolg praktiziert wurde, fehlen klinische Studien nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin, die von den westlichen Gesundheitsbeh\u00f6rden akzeptiert werden. Die Phagentherapie ist derzeit eine Erfahrungsmedizin, die vor allem im Eliava-Institut im georgischen Tiflis und einigen anderen Zentren gepflegt wird. Im Eliava-Institut lagert auch die gr\u00f6\u00dfte Phagensammlung der Welt. Mzia Kutateladze, die Leiterin des dortigen wissenschaftlichen Beirats sagte k\u00fcrzlich gegen\u00fcber der Zeitschrift \u201eNature\u201c, dass inzwischen immer mehr EU-B\u00fcrger mit chronischen Infektionen nach Georgien reisen, um sich am Eliava-Institut mit Phagen behandeln zu lassen (Bd. 510, S.15).<\/p>\n<p>Weil sich die Lage bei den Antibiotika weiter zuspitzt, interessieren sich auch die westlichen Industrienationen f\u00fcr die Phagentherapie. Die Europ\u00e4ische Union wird ab September eine klinische Studie mit 3,8 Millionen Euro unterst\u00fctzen. In dieser Studie sollen Verbrennungsopfer behandelt werden, die oft an Infektionen sterben. Das amerikanische \u201eNational Institute of Allergy and Infectious Disease\u201c setzte die Phagentherapie vor wenigen Wochen auf die Liste der aussichtsreichsten Strategien gegen die wachsende Zahl resistenter Keime. In Deutschland hat das Leibniz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung f\u00fcr Mikroorganismen und Zellkulturen) in Braunschweig begonnen, neben der schon bestehenden Phagensammlung ein Sortiment an Therapiephagen aufzubauen. Betreut werden die beiden deutschen Sammlungen von Christine Rohde. Die Mikrobiologin hofft, in den n\u00e4chsten Jahren eine ganze Reihe gut charakterisierter Phagen gegen die problematischsten Krankenhauskeime einlagern zu k\u00f6nnen. Aus diesen Best\u00e4nden k\u00f6nnten dann Cocktails f\u00fcr die Behandlung von Infektionen zusammengestellt werden. Nicht jeder Phage eignet sich f\u00fcr eine Therapie. Bei einer medizinischen Nutzung sollte die genetische Sequenz bekannt sein. Es muss sichergestellt werden, dass die Phagen keine Gifte produzieren und dass sie sich nicht ins Erbgut von Bakterien einbauen k\u00f6nnen, die der Patient gerade in sich tr\u00e4gt. Dazu sind einige \u2013 die sogenannten temperenten &#8211; Phagen n\u00e4mlich in der Lage.<\/p>\n<h2>Effektiv und gezielt<\/h2>\n<p>Was macht die Phagentherapie nun so interessant? Zum einen ihre erstaunliche Spezifit\u00e4t. Bakteriophagen infizieren nur bestimmte Bakterienarten. Sie fahren keinen Gro\u00dfangriff wie die meisten Antibiotika, die auch die Darmflora angreifen. Sie gehen sehr gezielt vor. Sie entern nur die Bakterien, die eine passende L\u00fccke auf ihrer Oberfl\u00e4che haben, und zwingen die Bakterien dann dazu, neue Bakteriophagen zu bilden. Bei der Freisetzung dieser Nachhut gehen die Keime zugrunde. Bakteriophagen befallen die f\u00fcr sie spezifische Bakterienart zu jeder Zeit und an jedem Ort, selbst in den schwer zug\u00e4nglichen Biofilmen. Sie dosieren sich zudem selbst. Gibt es viele Bakterien im Infektionsgebiet, so werden auch viele Bakteriophagen gebildet. Geht die Bakterienzahl zur\u00fcck, sinkt auch die Zahl der Phagen, weil sie ihre Lebensgrundlage verlieren und sie wegen der hohen Wirtsspezifit\u00e4t nicht auf andere Bakterienarten oder Zellen ausweichen k\u00f6nnen. Die Phagen verschwinden also mit ihren Wirtsbakterien. Bisher sind keine wesentlichen Nebenwirkungen der Phagentherapie bekannt geworden. Phagen sind dem K\u00f6rper auch nicht fremd. Jeder Bissen oder jeder Schluck enth\u00e4lt Unmengen an Phagen. Sie geh\u00f6ren zum \u00d6kosystem Mensch genauso dazu wie die Mikroflora des Darms oder der Haut.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/phagentherapie-gezielte-hilfe-statt-grossangriff-12993639.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/phagentherapie-gezielte-hilfe-statt-grossangriff-12993639.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Phagen infizieren Bakterien \u2013 und setzen sie au\u00dfer Gefecht. 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