{"id":25864,"date":"2014-06-01T15:00:00","date_gmt":"2014-06-01T15:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=25864"},"modified":"2014-06-01T15:00:00","modified_gmt":"2014-06-01T15:00:00","slug":"soziale-systeme-schonheitschirurgie-und-massenmedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=25864","title":{"rendered":"Soziale Systeme: Sch\u00f6nheitschirurgie und Massenmedien"},"content":{"rendered":"<p>Soziologen kritisieren, dass wir, forciert von der Werbung, in einer Gesellschaft des \u00e4sthetischen Leistungsdrucks leben, und daher die Sch\u00f6nheitsoperationen zunehmen. Dabei wird der Spiegel die mit ihrem \u00c4u\u00dferen Unzufriedenen nie ganz best\u00e4tigen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eVon jedem M\u00e4dchen\u201c, sagt Tina Fey in ihrem Buch \u201eBossypants\u201c \u00fcber das herrschende Sch\u00f6nheitsideal, \u201ewird heute erwartet, dass es die blauen Augen einer Europ\u00e4erin hat, volle spanische Lippen, eine klassische Knopfnase, haarlose asiatische Haut mit kalifornischer Br\u00e4une, einen jamaikanischen Discohintern, lange schwedische Beine, zierliche japanische F\u00fc\u00dfe, die Bauchmuskeln einer lesbischen Fitnessstudio-Besitzerin, die H\u00fcften einer Neunj\u00e4hrigen, die Arme von Michelle Obama und Barbiebr\u00fcste.\u201c<\/p>\n<p>Auf geht\u2019s, und was Training oder Kosmetik nicht hergeben, schafft vielleicht der Arzt. Weltweit soll es derzeit mehr als 15 Millionen Sch\u00f6nheitsoperationen im Jahr geben- in Deutschland werden offiziell 150.000 gez\u00e4hlt, hinzu kommen ebenso viele Faltenunterspritzungen.<\/p>\n<h2>Gesellschaft des \u00e4sthetischen Leistungsdrucks<\/h2>\n<p>Aber die Zahlen sind nicht ganz verl\u00e4sslich. Denn an der Grenze von \u00e4sthetischen und gesundheitlichen Motiven f\u00fcr chirurgische Eingriffe ziehen viele eine medizinische Begr\u00fcndung vor. Und kosmetische Zahnbehandlungen beispielsweise werden gar nicht als plastische Chirurgie gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Warum unterziehen sich Menschen \u00fcberhaupt solchen Operationen? Weil sie sch\u00f6ner aussehen m\u00f6chten. Tun sie es denn, indem sie sich operieren lassen? Und wieso m\u00f6chten sie gerne sch\u00f6ner aussehen? Weil sie unsch\u00f6n sind? Oder weil von ihnen erwartet wird, besser auszusehen oder mindestens \u201eetwas f\u00fcr sich zu tun\u201c?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Sch\u00f6nheitschirurgen m\u00f6gen Fragen nach den Handlungsmotiven weniger wichtig sein, Hauptsache, die Patienten sind nachher zufrieden. Manche Soziologen aber sprechen von einer Gesellschaft des \u00e4sthetischen Leistungsdrucks, in der alles perfekt sein muss und die Leute immer mehr nach ihrem \u00c4u\u00dferen beurteilt werden. Das Perfekte werde zum Normalen erkl\u00e4rt und das Normale zum H\u00e4sslichen. Man spricht von \u201eerotischem Kapital\u201c (Catherine Hakim) und einem \u201eunternehmerischen Selbst\u201c (Ulrich Br\u00f6ckling), das sich als Ware f\u00fcr einen Markt herrichtet.<\/p>\n<h2>Werbung erzeugt Patienten<\/h2>\n<p>Die Mainzer Soziologin Elke Wagner meldet hier leise Zweifel an. Vor allem, was den Spiegel betrifft. G\u00e4ngiger Weise wird er mit den Massenmedien identifiziert. \u00dcber sie werde den Frauen &#8211; denn um diese geht es vorzugsweise &#8211; eingeredet, es stimme etwas nicht mit ihrem \u00c4u\u00dferen. Tats\u00e4chlich begann der Markt f\u00fcr sch\u00f6nheitschirurgische Eingriffe in den Vereinigten Staaten zu wachsen, nachdem es \u00c4rzten dort 1975 erlaubt worden war, Werbung f\u00fcr sich zu machen.<\/p>\n<p>Der soziologische Verdacht lautet, dass erst dies im Zusammenspiel mit einem \u00fcber das Fernsehen ausgestrahlten Gef\u00fchl, einen inad\u00e4quaten K\u00f6rper zu haben, die entsprechenden \u201ePatienten\u201c erzeugt hat. Mal ist es dann das Alter, gegen das angegangen wird, mal sind es ethnisch konnotierte Merkmale, mal aber einfach das, was ohne weitere Herkunftsgr\u00fcnde nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Elke Wagner hat nun Patientinnen interviewt. Das war offenbar schwer, denn trotz des angeblichen &#8211; also wiederum: in den Medien behaupteten &#8211; sozialen Akzeptiertseins von Sch\u00f6nheitsoperationen m\u00f6chte fast niemand dar\u00fcber sprechen. Diejenigen, die es dennoch getan haben, beschreiben typischerweise ihre Entscheidung so: l\u00e4ngeres Unzufriedensein mit einem K\u00f6rpermerkmal, das Gef\u00fchl, \u201eso\u201c gar nicht zu sein, sowie Irritation der Umwelt, gegen deren moralisches Kopfsch\u00fctteln der Entschluss verteidigt werden muss.<\/p>\n<h2>Ein Spiegel, der einen nie ganz best\u00e4tigt<\/h2>\n<p>\u201eMan sucht sich eine Geschichte, damit die Leute einen deswegen nicht verurteilen.\u201c Am besten eine Geschichte mit medizinischen Motiven. Zugleich verst\u00e4rkt die Moralisierung des Themas den subjektiven Eindruck einer selbstbewussten Entscheidung.<\/p>\n<p class=\"WeitereBeitraege\"><span class=\"WBHead\">Mehr zum Thema<\/span><\/p>\n<ul class=\"WBListe\">\n<li><span class=\"middot\"> <\/span><a href=\"\/sonntagszeitung\/frankfurter-chirurg-im-portraet-der-menschenfreund-12922285.html\" title=\"Der Menschenfreund\">Der Menschenfreund<span class=\"Winkel\"> <\/span><\/a><\/li>\n<li><span class=\"middot\"> <\/span><a href=\"\/aktuell\/wissen\/medizin\/geburtshilfe-wie-der-kaiserschnitt-zum-klassiker-wurde-12873142.html\" title=\"Geburtshilfe: Wie der Kaiserschnitt zum Klassiker wurde\">Geburtshilfe: Wie der Kaiserschnitt zum Klassiker wurde<span class=\"Winkel\"> <\/span><\/a><\/li>\n<li><span class=\"middot\"> <\/span><a href=\"\/aktuell\/politik\/inland\/verbot-geplant-schwarz-rot-gegen-schoenheits-ops-bei-jugendlichen-12690599.html\" title=\"Verbot geplant: Schwarz-Rot gegen Sch\u00f6nheits-OPs bei Jugendlichen\">Verbot geplant: Schwarz-Rot gegen Sch\u00f6nheits-OPs bei Jugendlichen<span class=\"Winkel\"> <\/span><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Massenmediale Bilder pr\u00e4gen bei den Patientinnen vor allem das \u00e4sthetische Urteil und die Vorstellung, wie ein guter Sch\u00f6nheitschirurg sein soll, n\u00e4mlich stilsicher. Fernsehsendungen \u00fcber Beauty-Kliniken werden auch nach der Operation konsultiert, zum Vergleich mit dem eigenen Erleben.<\/p>\n<p>Der Entschluss, sich einem Eingriff auszusetzen, scheint dagegen weniger durch die entsprechende Werbung bewirkt zu werden als durch eine Art Dauerirritation angesichts \u00e4sthetisch aufgemachter K\u00f6rper. Diese Irritation verschwindet nach dem Eingriff nicht. Es ist gerade nicht die perfekte Ware, die am Ende herauskommt. Der Bezugspunkt der mit sich \u00e4sthetisch Unzufriedenen scheint also weniger ein Markt zu sein, auf dem sie mittels Aussehen Erfolge suchen, als tats\u00e4chlich ein Spiegel, der einen nie ganz best\u00e4tigt.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/soziale-systeme-schoenheitschirurgie-und-massenmedien-12956406.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/soziale-systeme-schoenheitschirurgie-und-massenmedien-12956406.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziologen kritisieren, dass wir, forciert von der Werbung, in einer Gesellschaft des \u00e4sthetischen Leistungsdrucks leben, und daher die Sch\u00f6nheitsoperationen zunehmen. Dabei wird der Spiegel die mit ihrem \u00c4u\u00dferen Unzufriedenen nie ganz best\u00e4tigen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[525,429],"tags":[1023],"class_list":["post-25864","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medizin","category-wissen","tag-michelle-obama"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25864"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25864\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}