{"id":23654,"date":"2014-03-01T18:22:20","date_gmt":"2014-03-01T18:22:20","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=23654"},"modified":"2014-03-01T18:22:20","modified_gmt":"2014-03-01T18:22:20","slug":"soziale-systeme-hoppe-hoppe-reiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=23654","title":{"rendered":"Soziale Systeme: Hoppe, hoppe, Reiter"},"content":{"rendered":"<p>Die Biologie zweckm\u00e4\u00dfiger Vergeudung \u00fcbertrug der Germanist Karl Eibl auf Gedichte: \u201eVon der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik\u201c. Oder hat je ein Kind nach dem Reiter oder den Schnecken gefragt?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Evolutionsbiologische Erkl\u00e4rungen fragen nach dem Nutzen, den etwas einst f\u00fcr das \u00dcberleben einer Art gehabt haben mag oder noch immer hat. Im Bereich \u00e4sthetischer Sachverhalte hat man so das Natursch\u00f6ne an Tieren gedeutet: als Lockruf, als anziehendes Gewand, als Signal f\u00fcr Fruchtbarkeit und dergleichen. Biologen sprechen in diesem Zusammenhang von \u201ezweckm\u00e4\u00dfiger Vergeudung\u201c. Doch wie verh\u00e4lt es sich mit dem Kunstsch\u00f6nen?<\/p>\n<p class=\"AutorenModul\"><span class=\"autorBox clearfix\" itemprop=\"author\">                                                <img title='J\u00fcrgen Kaube' height='55' alt='J\u00fcrgen Kaube' width='55' class='media left' src='http:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/redaktion\/3699463613\/1.1125993\/avatarAuthor\/juergen-kaube-kau.jpg' \/><span class=\"autorTxt\"><a href=\"\/redaktion\/juergen-kaube-11104108.html\" title=\"J\u00fcrgen Kaube\" rel=\"author\">Autor: J\u00fcrgen Kaube, Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.<span class=\"Winkel\"> <\/span><\/a><span class=\"shareAutor\"><a onclick=\"follow_1_1104108()\" class=\"autorFolgen\" title=\"J\u00fcrgen Kaube folgen\"> <\/a>                    <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>Dass es sich beispielsweise bei Gedichten um eine ebenso aufwendige wie \u201evergeudete\u201c Form der Kommunikation handelt, mag man so sagen. Aber besitzt Poesie auch eine handgreifliche Zweckm\u00e4\u00dfigkeit? Der soeben im Alter von 74 Jahren verstorbene M\u00fcnchner Germanist Karl Eibl hat eine Reihe von Versuchen angestellt, diese Fragen zu beantworten. Eines seiner letzten Manuskripte handelte dabei \u201eVon der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik\u201c.<\/p>\n<h2>Gedichte als ein \u00dcberrest magischer Kommunikation<\/h2>\n<p>Unwahrscheinlich ist Lyrik, weil sie sich nicht so einfach ergibt wie das Erz\u00e4hlen in Prosa oder wie die menschliche Wechselrede, die vor allem vom Drama aufgegriffen wird. Au\u00dferhalb von Gedichten reimen sich Worte selten in solcher H\u00e4ufigkeit und folgen so gut wie nie durchg\u00e4ngig einem Rhythmus. Au\u00dferdem verlangt Lyrik h\u00e4ufig ganz besondere Anstrengungen, um ihren Sinn zu bestimmen.<\/p>\n<p>Das hat Heinz Schlaffer, einen Stuttgarter Kollegen Eibls, dazu gebracht, Gedichte als einen \u00dcberrest magischer Kommunikation zu deuten. Dort n\u00e4mlich, in der rituellen Beschw\u00f6rung von G\u00f6ttern, haben Rhythmus, Reim und R\u00e4tselhaftigkeit eine klare Aufgabe. Riten sind stets relativ starre Abl\u00e4ufe. Sie verlangen bestimmte Worte und Handlungen, keinesfalls andere. Schon kleinste Abweichungen zerst\u00f6ren die erhoffte Wirkung. Und Riten er\u00f6ffnen einen geheimnisvollen Bezirk. Das alles teilen sie mit Lyrik.<\/p>\n<p>Doch wieso, fragte Eibl, erh\u00e4lt sich die strikt gebundene, r\u00e4tselhafte Rede auch au\u00dferhalb religi\u00f6ser Zusammenh\u00e4nge? Die Antwort setzt f\u00fcr ihn voraus, die Funktion religi\u00f6ser Rituale anzugeben: Sie schaffen durch Monotonie Verl\u00e4sslichkeit in einem hochunsicheren Bereich letzter Lebensorientierungen und kritischer Situationen.<\/p>\n<h2>Dazwischen liegt jede Menge Unsinn<\/h2>\n<p>Das Ritual teilt &#8211; bei Statuspassagen wie Heirat und Tod, aber auch bei Krankheit, Gewissenszweifeln oder Sinnkrisen &#8211; mit, dass schon alles seine Ordnung hat, alles in Ordnung kommt, so lange man nur den \u00fcberlieferten Vorschriften gehorcht. Der Regel zu folgen und dadurch Erwartungen stabil zu halten, ist im Zweifel wichtiger, als nach der Bedeutung des Rituals zu fragen. Schon fr\u00fchkindliche Erfahrung wei\u00df, dass Verse eine Spielform dieser Krisenberuhigung &#8211; etwa bei Langeweile oder Angst vorm Einschlafen &#8211; sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der allseits beliebte Vers \u201eHoppe, hoppe, Reiter\u201c zum Beispiel lebt von Wiederholung und Rhythmus, das kleine Lied als Ganzes aber von dem erwartbaren \u201edann macht der Reiter ,Plumps!\u2018\u201c Dazwischen jedoch liegt jede Menge Unsinn (\u201efressen ihn die Raben\u201c, \u201efressen ihn die Schnecken\u201c) dessen Aufgabe es nicht ist, Kinder \u00fcber die Nahrungsgewohnheiten von Raben zu unterrichten, sondern das Versschema durchzuhalten. So hat auch noch kaum je ein Kind nach dem Reiter oder den Schnecken gefragt, sondern so gut wie jedes ruft: \u201eNoch mal!\u201c<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr Karl Eibl auch schon das Ergebnis der Suche nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr die Unwahrscheinlichkeit der Lyrik. Es gebe Lyrik allein schon deshalb, weil sie unwahrscheinlich sei. \u201eSie weckt Aufmerksamkeit und suggeriert Relevanz, auch dort, wo \u00fcberhaupt keine da ist.\u201c<\/p>\n<h2>R\u00e4tselhaftigkeit geh\u00f6rt zu den wichtigen Eigenschaften von Versen<\/h2>\n<p>Wenn es in Goethes \u201eMailied\u201c hei\u00dft: \u201eSo liebt die Lerche \/ Gesang und Luft \/ Und Morgenblumen \/ Den Himmels Duft\u201c, dann geht es nicht um die Kl\u00e4rung der Frage, wie Morgenblumen lieben oder ob das Beschriebene dem Lieben des lyrischen Ichs \u00e4hnelt. Sondern es geht in allererster Linie um die sprachliche Fassung \u00fcberschie\u00dfender, irritierender Gef\u00fchle. Gedichte waren f\u00fcr den Germanisten Eibl insofern eine sprachliche Form, die R\u00e4nder unserer \u201ekognitiven Nische\u201c zu bearbeiten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen zwar nicht erkennen, worauf die Angst vorm Einschlafen beruht. Auch nicht, was Liebe ist. Aber Verse machen dieses Nichtwissen ertr\u00e4glich, indem sie ihm eine Form geben. Genau darum geh\u00f6rt R\u00e4tselhaftigkeit zu ihren wichtigen Eigenschaften. Eibl zitiert eine \u201eZahme Xenie\u201c von Goethe: \u201eSage deutlicher, wie und wenn: \/ Du bist uns nicht immer klar. \/ Gute Leute, wisst ihr denn, \/ Ob ich\u2019s mir selber war?\u201c Andersherum ausgedr\u00fcckt: Wesen, die sich selber klar sind, spielen nicht.<\/p>\n<p><strong>Karl Eibl<\/strong>: \u201eVon der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik und warum es sie trotzdem gibt\u201c, http:\/\/eibl.userweb.mwn.de\/LyrikKP.pdf-<strong> Heinz Schlaffer<\/strong>: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik, M\u00fcnchen 2012.<\/p>\n<p class=\"BoxTitle\" id=\"NotLoggedIn_1_1104108\">Bitte melden Sie sich zun\u00e4chst <a href=\"\/mein-faz-net\/?redirectUrl=%2Faktuell%2Fwissen%2Fmensch-gene%2Fsoziale-systeme-hoppe-hoppe-reiter-12827532.html\">hier<\/a> an.<\/p>\n<p class=\"BoxTitle\" id=\"LoggedInAlreadyAdded_1_1104108\">Sie folgen J\u00fcrgen Kaube bereits.<\/p>\n<p class=\"BoxTitle\" id=\"LoggedInNew_1_1104108\">Sie folgen jetzt J\u00fcrgen Kaube.<\/p>\n<p class=\"Small\" id=\"LoggedIn_1_1104108\">Eine \u00dcbersicht aller Autoren und Leser, denen Sie folgen, finden Sie unter dem Men\u00fcpunkt <a href=\"\/mein-faz-net\/meine-autoren\/\">&#8222;Meine Autoren&#8220;<\/a> bei Mein FAZ.NET.<\/p>\n<p class=\"BoxTitle ErrMsg\" id=\"error_1_1104108\">Die Aktion konnte nicht durchgef\u00fchrt werden. 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