{"id":23080,"date":"2014-02-21T18:25:28","date_gmt":"2014-02-21T18:25:28","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=23080"},"modified":"2014-02-21T18:25:28","modified_gmt":"2014-02-21T18:25:28","slug":"besuch-im-steinbruch-des-autors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=23080","title":{"rendered":"Besuch im Steinbruch des Autors"},"content":{"rendered":"<p>Warum f\u00fchren wir eigentlich Notizb\u00fccher? Schreibhefte von Dichtern oder Wissenschaftlern sind noch immer Stiefkinder der Forschung. Doch das \u00e4ndert sich gerade.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der junge Engl\u00e4nder hatte gro\u00dfe Pl\u00e4ne: Gerade 18-j\u00e4hrig, brach er im Dezember 1933 auf, um quer durch Europa zu wandern, von Holland bis Konstantinopel. Nat\u00fcrlich sollte daraus sp\u00e4ter ein Reisebuch entstehen, mit Beobachtungen, Analysen und literarischen Essays, ein Dokument der politisch bewegten Zeit, Europas und nicht zuletzt des Autors.<\/p>\n<p>Anfangs ging alles gut, der junge Mann schrieb eifrig auf, was er erlebte, und als er in M\u00fcnchen war, besa\u00df er ein gut gef\u00fclltes Notizbuch. Doch dann wurde ihm in einer Absteige der Rucksack geklaut, und der Verlust der Notizen, erinnerte sich Patrick Leigh Fermor (1915 bis 2011) viele Jahre sp\u00e4ter, \u201ewog schwerer als alles andere. All die Tausende von Zeilen, die blumigen Beschreibungen, die pens\u00e9es, die philosophischen H\u00f6henfl\u00fcge, die Skizzen und die Verse!\u201c<\/p>\n<h2>Kult um die \u201eLebenszeugnisse\u201c<\/h2>\n<p>Die Verzweiflung des angehenden Autors kann man nachvollziehen, gerade heute, in einer Zeit also, in der sich um Notizb\u00fccher ein Kult entwickelt hat, und man in jeder Bahnhofsbuchhandlung eine Auswahl davon findet &#8211; angefangen mit dem Klassiker \u201eMoleskine\u201c. Dessen Mythos geht nicht zuletzt auf den Reisebuchautor Bruce Chatwin (1940 bis 1989) zur\u00fcck, von dem der Satz \u00fcberliefert ist: \u201eDen Pass zu verlieren war die geringste Sorge, aber ein Notizbuch zu verlieren war eine Katastrophe.\u201c<\/p>\n<p>Das gilt sicher nicht im selben Ma\u00df f\u00fcr jedes Notizbuch und auch nicht f\u00fcr jeden, der eines f\u00fchrt. Vor allem aber f\u00e4llt es gar nicht so leicht zu bestimmen, was ein Notizbuch eigentlich ist, und wie es sich etwa von einem Tagebuch unterscheidet. In Regelwerken f\u00fcr den Umgang mit Nachl\u00e4ssen in Bibliotheken werden deshalb Notizb\u00fccher unter \u201eLebenszeugnisse\u201c gef\u00fchrt &#8211; gemeinsam mit Briefen und Tageb\u00fcchern.<\/p>\n<p>\u201eDie Grenzen sind flie\u00dfend\u201c, sagt Gabriele Radecke, die Leiterin der Theodor Fontane-Arbeitsstelle an der G\u00f6ttinger Universit\u00e4t. Schlie\u00dflich finden sich auch in Tageb\u00fcchern oft Notizen der Autoren zu Recherchen oder pl\u00f6tzlichen Einf\u00e4llen, und umgekehrt k\u00f6nnen auch Notizb\u00fccher tagebuchartige Eintr\u00e4ge enthalten.<\/p>\n<p>\u201eTagebuchaufzeichnungen sind in der Regel strukturierter, schon weil sie datiert sind\u201c, sagt Radecke, \u201eund oft steht eine Idee oder eine Ordnung dahinter.\u201c Wer etwa die Tageb\u00fccher des Autors Theodor Fontane (1819 bis 1898) mit dessen Notizb\u00fcchern vergleiche, stelle fest, dass die oft aus einem zeitlichen Abstand zum Erlebnis verfassten Tageb\u00fccher regelm\u00e4\u00dfig von vorn nach hinten abgefasst sind, w\u00e4hrend es in den Notizb\u00fcchern oft ziemlich durcheinander geht, und der erste Eintrag im Buch nicht unbedingt der fr\u00fcheste sein muss. Es kann auch vorkommen, dass sich mitten im Entwurf einer Theaterkritik, geschrieben wahrscheinlich w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung, der Hinweis auf einen Brief findet, den Fontane unbedingt schreiben will.<\/p>\n<h2>Regellosigkeit als Prinzip<\/h2>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig bleiben Seiten frei, um Raum f\u00fcr Erg\u00e4nzungen und Korrekturen zu lassen. Weil sich der Schriftsteller bewusst gewesen sei, dass seine Tageb\u00fccher auch f\u00fcr die Nachwelt von Interesse waren, habe er \u201edie gr\u00f6\u00dften Intimit\u00e4ten\u201c dort lieber nicht niedergelegt, sagt Radecke, sondern eher in den Notizb\u00fcchern: \u201eTo-do-Listen, Packlisten, Rechnungen von Hotel\u00fcbernachtungen, Medikamente, die er brauchte. Das geht schon sehr in die Privatsph\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Wer Notizb\u00fccher benutzt, der wei\u00df, dass Fontane mit dieser sprunghaften Technik nicht allein steht. Ein Kennzeichen dieser literarischen Gattung, schreibt der Luzerner Wissenschaftshistoriker Christoph Hoffmann in seinem Aufsatz \u201eWie lesen?\u201c am Beispiel der Hefte des Physikers Ernst Mach (1838 bis 1916), sei \u201eihre Regellosigkeit. Prinzipiell konnte alles in die kleinen B\u00e4ndchen eingehen: vom Rezept f\u00fcr ,Risotto al la milanese\u2018 \u00fcber Versuchsplanungen, Beobachtungen, Berechnungen, Messdaten, Stichworte f\u00fcr Vorlesungen, Pr\u00fcfungsprotokolle, Briefkonzepte, Ans\u00e4tze zu Aufs\u00e4tzen bis hin zu Merkposten wie ,Fenster putzen\u2018 oder ,Notizbuch kaufen\u2018.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/erforschung-von-notizbuechern-besuch-im-steinbruch-des-autors-12813833.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/erforschung-von-notizbuechern-besuch-im-steinbruch-des-autors-12813833.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum f\u00fchren wir eigentlich Notizb\u00fccher? Schreibhefte von Dichtern oder Wissenschaftlern sind noch immer Stiefkinder der Forschung. 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