{"id":21500,"date":"2014-01-04T12:22:27","date_gmt":"2014-01-04T12:22:27","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=21500"},"modified":"2014-01-04T12:22:27","modified_gmt":"2014-01-04T12:22:27","slug":"zwei-tage-lang-waren-sie-zu-sechst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=21500","title":{"rendered":"Zwei Tage lang waren sie zu sechst"},"content":{"rendered":"<p>Eine Frau ist schwanger. Doch ihr Kind ist schwerkrank, es wird kurz nach der Geburt sterben. Die \u00c4rzte raten zu einer Abtreibung. Doch die werdende Mutter entscheidet sich anders.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Geschichte beginnt mit einer guten Nachricht. An einem sonnigen Tag im vergangenen September erf\u00e4hrt Swetlana Petershagen von ihrem Frauenarzt, dass sie schwanger ist. Die Dreiundvierzigj\u00e4hrige freut sich. Sie hat bereits drei Kinder, immer ist alles gutgegangen. Wegen ihres Alters r\u00e4t der Arzt aber zu einer Fruchtwasseruntersuchung, zur Absicherung. \u201eBesser ist es\u201c, denkt Swetlana. \u201eDann wei\u00df ich sofort, ob das Baby gesund sein wird oder nicht.\u201c Sie ist keine Abtreibungsgegnerin. Ganz im Gegenteil. Heutzutage habe man es ja in der Hand, sich zu entscheiden \u2013 in der Theorie klingt f\u00fcr sie alles ganz einfach. Bis die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung feststehen.<\/p>\n<p>Der Frauenarzt l\u00e4uft rot an, als er die Unterlagen der Untersuchung in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Erst fehlen ihm die Worte, dann stammelt er: \u201eSo etwas habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht gesehen.\u201c Die Ultraschalluntersuchungen werden sp\u00e4ter zeigen, dass die Organe des ungeborenen Kindes massiv fehlgebildet sind. Es hat das sogenannte Edwards Syndrom, auch Trisomie 18 genannt. Das Herz des Ungeborenen hat einen Fehler, und die Speiser\u00f6hre ist nicht mit dem Magen verbunden. Achtzig Prozent dieser Kinder sterben bis zur Geburt. Das F\u00fcnftel, das es schafft, \u00fcberlebt meist nur wenige Wochen.<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie abtreiben, haben Sie einen klaren Schnitt\u201c, sagt der Arzt, nachdem er mit Swetlana Petershagen \u00fcber die Ergebnisse gesprochen hat. Er meint es gut. \u201eDas ist in einer solchen Situation der \u00fcbliche Weg.\u201c Neun von zehn Frauen brechen bei dieser Diagnose die Schwangerschaft ab. Petershagen wird schwindelig. Die S\u00e4tze des Mediziners hallen in ihr nach. Ein klarer Schnitt. Was soll das sein? Woher soll sie wissen, dass sie sich nach einer Abtreibung nicht ein Leben lang Vorw\u00fcrfe machen w\u00fcrde, ihr eigenes Kind get\u00f6tet zu haben? Ihr Mann Jens nimmt sie in den Arm. Noch haben sie Zeit, sich zu entscheiden. Sie wollen eine zweite Arztmeinung einholen.<\/p>\n<p>Eine Humangenetikerin im Krankenhaus in Bremen Mitte kl\u00e4rt sie \u00fcber die M\u00f6glichkeit der palliativen Entbindung auf. Die meisten Frauen haben diese M\u00f6glichkeit nicht, weil sie oder das Kind dabei gesundheitliche Sch\u00e4den davontragen w\u00fcrden. Doch Swetlana Petershagen hat gute Chancen, ihr Kind lebend auf die Welt zu bringen. Es w\u00fcrde vielleicht ein paar Tage, vielleicht sogar ein paar Wochen weiterleben. Sie w\u00fcrde nicht darunter leiden, ihr Kind auch nicht.<\/p>\n<h2>\u201eWenn ich es auf die Welt bringe, k\u00f6nnte ich es beerdigen\u201c<\/h2>\n<p>Drei N\u00e4chte lang findet Petershagen keinen Schlaf, sie liegt stundenlang wach und gr\u00fcbelt. In ihrem Kopf rumort die gro\u00dfe Frage: Was soll ich blo\u00df tun? Sie geht wie gewohnt zur Arbeit in der Gro\u00dfk\u00fcche eines Altenheims, putzt Gem\u00fcse, sp\u00fclt schmutziges Geschirr. Wie mechanisch. Pl\u00f6tzlich, wie eine Eingebung, steht ihre Entscheidung fest: \u201eIch werde das Kind bekommen\u201c, denkt sie sich. \u201eIch lasse der Natur ihren Lauf.\u201c Sie f\u00fchlt sich erleichtert. Ihr Baby w\u00fcrde geboren, um zu sterben. \u201eWenn ich es auf die Welt bringe, k\u00f6nnte ich ihm wenigstens einen Namen geben und es beerdigen.\u201c<\/p>\n<p>Verwandte und Freunde verstehen die Entscheidung zun\u00e4chst nicht. Der Abbruch ist doch eine g\u00e4ngige L\u00f6sung? Und wenn das Kind sowieso stirbt, wieso dann nicht gleich? Wie kann Swetlana das sich selbst und ihrer Familie nur antun? Alles Fragen, die Swetlana Petershagen sich stellen lassen muss.<\/p>\n<p>Die M\u00fcnchner Medizinerin Inga Wermuth hat ihre Doktorarbeit \u00fcber Sterbebegleitung bei Neugeborenen geschrieben. Wie viele \u00c4rzte betont sie, dass jede Frau, jede Familie, ihren eigenen Weg finden muss, mit der Diagnose \u201enicht lebensf\u00e4hig\u201c umzugehen. Es gebe kein richtig oder falsch, schon gar kein schuldig oder nicht schuldig. \u201eEin todkrankes Kind auszutragen ist eine ungeheuer belastende Situation\u201c, sagt die \u00c4rztin. Doch ist es f\u00fcr sie auch nachvollziehbar, dass eine Frau sich f\u00fcr die Geburt eines todkranken Kindes entscheidet. \u201eInsbesondere M\u00fctter haben oft ganz konkrete Vorstellungen von dem Lebewesen, das in ihnen heranw\u00e4chst\u201c, sagt die \u00c4rztin.<\/p>\n<p>Bei einer Abtreibung w\u00fcrden solche Phantasien, Gef\u00fchle und Gedanken oft j\u00e4h unterbrochen und blieben ohne Antwort. \u201eDass der Moment, in dem das Kind, das man sich so sehr gew\u00fcnscht hat, auch wirklich da ist, kann der Mutter beim Abschiednehmen helfen.\u201c Wermuth hat im Rahmen ihrer Untersuchung insgesamt 50 Eltern befragt, die mit einem fr\u00fchen Kindstod umgehen mussten: \u201eAlle diejenigen Eltern, die ihr Kind im Arm hielten, als es gestorben ist, haben es als positiv empfunden\u201c, sagt Wermuth. \u201eKeine Mutter und kein Vater haben es trotz der teils bedr\u00fcckenden Empfindungen bereut.\u201c<\/p>\n<p>Swetlana Petershagen muss \u00f6fter zu Untersuchungen als in ihren vorherigen Schwangerschaften, alle 14 Tage. Es muss sichergestellt sein, dass sie keine Risiken eingeht. Au\u00dfer einem \u00dcberschuss an Fruchtwasser verl\u00e4uft die Schwangerschaft normal. Auf den Ultraschallfotos erkennt sie Beinchen, Arme, ein Gesicht. Bald wei\u00df Petershagen, dass es ein M\u00e4dchen wird. Woche um Woche w\u00e4chst die Hoffnung auf eine Lebendentbindung. \u201eSolange sie in meinem Bauch ist, geht es ihr gut.\u201c Der Gedanke beruhigt Swetlana.<\/p>\n<p>Die Zeit vergeht. Ihre anderen Kinder ahnen nicht, dass in dem Bauch ihrer Mutter ein Baby heranw\u00e4chst, das kurz nach der Geburt sterben wird, vielleicht vorher. Einige Monate vor der Geburt entscheiden sich die Eltern, es ihren anderen Kindern zu sagen. Sie rufen die drei ins Wohnzimmer und erkl\u00e4ren den sechs, acht und zw\u00f6lf Jahre alten Kindern, was sich bald ereignen wird. \u201eSie waren zwar traurig, dass ihr Geschwisterchen nicht lange bei ihnen sein w\u00fcrde\u201c, sagt Jens Petershagen. \u201eAber sie haben mit uns zusammen gehofft, dass sie es wenigstens noch kurz kennenlernen.\u201c<\/p>\n<p>Der Geburtstermin r\u00fcckt immer n\u00e4her. Swetlana Petershagen entscheidet sich f\u00fcr den Namen Silvana, sucht Babykleider aus, die ihre Tochter bei der Trauerfeier tragen wird. Noch bevor das Kind geboren ist, macht sie sich Gedanken dar\u00fcber, wie es beerdigt werden soll. Ihr Mann Jens hat Angst vor der Zeit nach der Entbindung. Angst vor der Leere, die das Warten ersetzen wird. Angst davor, was kommt, wenn die wenigen Augenblicke, in denen das Kind lebt, verstrichen sein werden. Was dann? Wie h\u00e4lt das eine Liebesbeziehung aus? Und wie trauert man um einen Menschen, den man gar nicht kennenlernen konnte?<\/p>\n<h2>Wenigstens noch kennenlernen<\/h2>\n<p>Er muss dar\u00fcber reden, aber es fehlen die Gespr\u00e4chspartner. Zwei Wochen vor dem Entbindungstermin meldet sich der Vater in dem Internet-Forum \u201eKrankes Baby Austragen\u201c an. Dort trifft er auf Eltern, die in einer \u00e4hnlichen Lage sind oder waren wie er und seine Frau. Das 2011 gegr\u00fcndete Forum hat derzeit etwa 200 Mitglieder, es gibt 2000 bis 3000 Seitenzugriffe am Tag. \u201eIch konnte dort Fragen stellen, die mich schon lange besch\u00e4ftigt hatten, weil ich wusste, dass diese Leute mich verstehen w\u00fcrden\u201c, sagt Jens Petershagen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gebe es kein Rezept, wie man mit so einem Schicksal umgehe, sagt der Vater. Jedes Kind habe eine andere Krankheitsgeschichte und eine unterschiedliche Lebenserwartung. \u201eTrotzdem f\u00fchlt man sich in diesen Foren weniger allein.\u201c Oft bleiben die Eltern noch lange nach der Geburt bei der Plattform angemeldet, um anderen Familien beizustehen. Sie alle wollen die Entscheidung f\u00fcr einen Schwangerschaftsabbruch nicht verurteilen. Auch Frauen, die sich f\u00fcr einen Abbruch entschieden haben, besuchen das Forum und teilen ihre Geschichte. Die Forenmitglieder sind sich nahezu alle einig \u00fcber ein Problem, das viele Familien in ihrer Situation h\u00e4tten: Sie neigten dazu, den \u00c4rzten blind zu vertrauen. Diese raten oft: Abhaken, vergessen, neu versuchen.<\/p>\n<p>So ging es Anika M\u00fcller aus Homburg. Sie hat vor neun Jahren ihre Schwangerschaft vorzeitig beendet, weil ihr Baby eine t\u00f6dliche Fehlbildung hatte. Ein Arzt leitete mit einem Medikament die Geburt ein, das Kind starb unter den Wehen und kam mit 360 Gramm auf die Welt. \u201eEs waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt habe\u201c, sagt M\u00fcller. Noch immer bebt ihre Stimme, wenn sie von diesem Tag erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Anika M\u00fcller hat das Gef\u00fchl, damals nicht richtig aufgekl\u00e4rt worden zu sein. \u201eDie \u00c4rztin hat mir nur zwei Alternativen gezeigt: Abbruch oder medizinische Vollversorgung nach einem vorzeitigen Kaiserschnitt.\u201c Doch ein fr\u00fchgeborenes Kind direkt nach der Geburt schmerzhaften Operationen mit sehr geringer \u00dcberlebenschance zu unterziehen, kam f\u00fcr sie nicht in Frage: \u201eIch wollte den leichtesten Tod f\u00fcr meine Tochter w\u00e4hlen. Aber ich habe nicht daran gedacht, dass man auch nur sterbebegleitende Ma\u00dfnahmen einf\u00fchren k\u00f6nnte, um dem Kind einen friedlichen Tod zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Noch heute ist sie entt\u00e4uscht und w\u00fctend auf die \u00c4rzte, die ihr diesen Weg nicht ebenso angeboten hatten wie die Abtreibung. \u201eSie k\u00f6nnen es auch austragen\u201c, war ein kurzer Satz, ausgesprochen, als sei das eine geradezu absurde Alternative. Auch deshalb engagiert M\u00fcller sich bei der Initiative Regenbogen \u201eGl\u00fccklose Schwangerschaft\u201c e.V.: \u201eDie Eltern sollten umfassend \u00fcber ihre M\u00f6glichkeiten aufgekl\u00e4rt werden. Denn von allein kommen sie in einer solchen Situation nicht darauf.\u201c<\/p>\n<p>Warum raten \u00c4rzte in Deutschland eher zum Schwangerschaftsabbruch? \u00c4rztin Inga Wermuth sieht eine Ursache mitunter in einer generellen Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft. \u201eSchwangerschaft und Geburt werden gemeinhin als etwas Wunderbares, Rosarotes, Sch\u00f6nes empfunden und h\u00e4ufig auch bewusst so in der \u00d6ffentlichkeit dargestellt. Wie soll eine so schwierige und schlimme Situation da zufriedenstellend integriert werden?\u201c, sagt die Medizinerin.<\/p>\n<h2>Kein ausreichendes Hilfsangebot<\/h2>\n<p>\u00c4rzte k\u00f6nnten zudem von der Bef\u00fcrchtung geleitet sein, dass es eine nicht tragbare Belastung f\u00fcr die schwangere Frau ist, wenn sie ein Kind weiter austragen und gleichzeitig von ihm Abschied nehmen muss. Wermuth w\u00fcnscht sich, dass dieses Thema besser untersucht wird, um mehr \u00fcber die Erfahrungen und Bed\u00fcrfnisse betroffener Familien und auch die Perspektive und Beweggr\u00fcnde der \u00c4rzte zu erfahren. \u201eAu\u00dferdem haben wir immer noch kein ausreichendes Hilfsangebot. Weder f\u00fcr \u00c4rzte, Hebammen und Schwestern, die damit ja auch umgehen m\u00fcssen, noch f\u00fcr die Familien.\u201c Viele Eltern h\u00e4tten das Gef\u00fchl, auf sich allein gestellt zu sein.<\/p>\n<p>An einem Sonntag im Mai beginnen Swetlana Petershagens Wehen. Sie kommt ins Krankenhaus und entbindet ihre Tochter Silvana ohne Komplikationen. Das Kind lebt. Dem kleinen M\u00e4dchen sieht man die schwere Krankheit nicht an, es wiegt 2628 Gramm und hat ein rosiges Gesicht. Doch gleich nach der Geburt bringen die \u00c4rzte sie auf die Intensivstation.<\/p>\n<p>Am Montagmorgen holt Jens Petershagen seine Kinder aus der Schule und bringt sie in die Klinik. Sie sollen ihr Schwesterchen kennenlernen, solange sie noch lebt. Eine Krankenschwester legt die kleine Silvana in die Arme der Mutter, die Geschwister und der Vater stehen im Kreis um sie herum. Eine Klinikfotografin kommt auf die Intensivstation und macht das Familienfoto, das sich Swetlana Petershagen so sehr gew\u00fcnscht hatte. F\u00fcr wenige Stunden sind sie zu sechst. Am Tag darauf wird Silvana notgetauft, kurze Zeit sp\u00e4ter stirbt sie. Sie wurde zwei Tage alt.<\/p>\n<p>Einige Monate nach dem Tod seiner Tochter Silvana sitzt Jens Petershagen im Wohnzimmer und holt die Fotos von der Intensivstation aus einer Schublade. Er betrachtet sie lange. Sandra, seine \u00e4lteste Tochter, schaut ihm dabei \u00fcber die Schulter. Dann hat sie eine Idee: \u201ePapa, wir sollten das Familienbild im Wohnzimmer austauschen. Es ist nicht mehr aktuell.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/ein-kind-austragen-das-sterben-wird-zwei-tage-lang-waren-sie-zu-sechst-12730052.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/ein-kind-austragen-das-sterben-wird-zwei-tage-lang-waren-sie-zu-sechst-12730052.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Frau ist schwanger. Doch ihr Kind ist schwerkrank, es wird kurz nach der Geburt sterben. Die \u00c4rzte raten zu einer Abtreibung. 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