{"id":21399,"date":"2013-12-22T18:43:43","date_gmt":"2013-12-22T18:43:43","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=21399"},"modified":"2013-12-22T18:43:43","modified_gmt":"2013-12-22T18:43:43","slug":"das-menetekel-eines-skandals","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=21399","title":{"rendered":"Das Menetekel eines Skandals"},"content":{"rendered":"<p>Warum kam es im Sommer 2012 zu dem Transplantationsskandal, der von den Medien aufgedeckt wurde?  Ein Buch aus dem Jahr 1996 zeigt: Die Krise war vorhersehbar.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Vor der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes im Jahr 1997 wurde um die Vergaberegeln f\u00fcr Organe und die Strukturen der Transplantationsmedizin gerungen. R\u00fcckblickend zeichneten sich die aktuellen Probleme schon damals ab:  Mediziner und Juristen blieben unter sich, eine gesellschaftliche Diskussion \u00fcber ethische Kriterien der Organverteilung fand nicht statt- vielmehr wurde versucht, sie rein medizinisch zu begr\u00fcnden. Und die Politik zog sich aus ihrer Verantwortung f\u00fcr das heikle Thema zur\u00fcck.   <\/p>\n<p>Das Thema Organvergabe und ihre Kontrolle steht im Mittelpunkt des Transplantationsskan-dals, der im vergangenen Jahr von den Medien aufgedeckt worden ist: \u00c4rzte haben Patientendaten manipuliert, um mehr Spenderorgane zu transplantieren. Inzwischen haben sich die Wogen einigerma\u00dfen gegl\u00e4ttet. Die Aufarbeitung l\u00e4uft und erste Ma\u00dfnahmen sind umgesetzt: Betroffene Kliniken haben Mitarbeiter suspendiert oder entlassen, die Strafverfolgung ist aktiv. Versch\u00e4rfungen des Transplantationsgesetzes, mehr Kontrollen und die Ert\u00fcchtigung der Kontroll- und Pr\u00fcfkommissionen der Bundes\u00e4rztekammer sollen k\u00fcnftig Manipulationen bei der Organvergabe verhindern. F\u00fcr jedermann einsehbar sind die Pr\u00fcfberichte der Lebertransplantationszentren nach Visitation durch die Kontrollkommission der Bundes\u00e4rztekammer im Internet ver\u00f6ffentlicht worden. Das angeschlagene Vertrauen hofft man durch Werbekampagnen und mehr Transparenz wieder herzustellen \u2013 im Interesse der rund 11.000 Patienten in Deutschland, die auf ein Organ warten.<\/p>\n<p>Die grundlegende Frage, wer nach welchen Regeln in Deutschland ein Spenderorgan bekommen soll, ist jedoch nicht ausdiskutiert, wie die Forderung des Deutschen Ethikrats nach einer gesellschaftlichen Diskussion in seiner Sitzung im Oktober 2013 zeigt. Der Prozess gegen den G\u00f6ttinger Transplantationschirurgen, dem Datenmanipulation zur Last gelegt wird, wird das Thema in den Medien ebenso wachhalten wie die  Pr\u00fcft\u00e4tigkeit der Bundes\u00e4rztekammer in Sachen Nieren- und Herztransplantation in den n\u00e4chsten Monaten.<\/p>\n<p><strong>Blick hinter die Kulissen der Transplantationsmedizin<\/strong><\/p>\n<p>Vor 17 Jahren erschien eine soziologische Doktorarbeit, die sich mit der Organverteilung befasste und nun wieder hochaktuell ist: eine Feldstudie, die auf 30 ausf\u00fchrlichen Leitfaden-Interviews mit Vertretern der Transplantationsmedizin und der Politik sowie einer umfangreichen Auswertung der Literatur und einschl\u00e4giger Unterlagen beruhte. 1996, ein Jahr vor Verabschiedung des ersten deutschen Transplantationsgesetzes, sorgte das  Buch \u201ePolitik der Organverteilung\u201c des Bremer Soziologen Volker H. Schmidt in Fachkreisen und in Ministerien f\u00fcr Aufsehen: Erstmals lieferte es ungewohnt offenherzige Einblicke in das Sys-tem der Organvergabe und das politische Ringen hinter den Kulissen um die Neustrukturierung der Transplantationsmedizin.<\/p>\n<p>Medien und \u00d6ffentlichkeit nahmen damals jedoch kaum Notiz, waren sie doch viel zu sehr mit der Debatte besch\u00e4ftigt, die um den Hirntod und die Zustimmung zur Organspende entbrannt war. Der Ruf nach mehr Transparenz und \u00f6ffentlicher Diskussion der Organverteilung  sollte erst  im Jahr 2012 laut werden, nachdem die \u00d6ffentlichkeit durch Manipulationen von Patientendaten bei der Lebertransplantation aufgeschreckt worden war.<\/p>\n<p>Was 1996 f\u00fcr \u00f6ffentlichen Z\u00fcndstoff h\u00e4tte sorgen k\u00f6nnen, kann auch heute noch als Lekt\u00fcre empfohlen werden, liest es sich doch im Jahr 2012 wie ein Menetekel des Transplantationsskandals und er\u00f6ffnet interessante Einblicke in die Gedankenwelt von Transplantationsmedizinern zu diesem Thema. Anhand von Schmidts Insider-Interviews ist nachvollziehbar, wie damals in den Gremiensitzungen und bei Fachtagungen Mitte der neunziger Jahre um eine Organverteilung gerungen wurde, die einerseits medizinisch-wissenschaftlich basiert und rechtlich unangreifbar sein sollte, anderseits darauf angelegt war, die logistischen Zw\u00e4nge der Transplantationsmedizin sowie die Interessen der beteiligten Institutionen und \u00c4rzte zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Nicht nur Titel und Thema, auch die Intensit\u00e4t von Schmidts Recherche waren 1996 ein No-vum: Die ins Detail gehende \u201eUntersuchung \u00fcber Empf\u00e4ngerauswahl in der Transplantationsmedizin\u201c, so der Untertitel der Dissertation, ist gleichzeitig eine soziologische Analyse zur Lage der deutschen Transplantationsmedizin Mitte der neunziger Jahre. Das hatte es nie zuvor gegeben und sollte es auch danach nicht mehr geben. (Den Text haben die befragten Insider \u00fcbrigens vor Ver\u00f6ffentlichung gegengelesen.) Die komplexen Abhandlungen auf knapp 190 Seiten sind allerdings keine leichte Kost f\u00fcr den Leser- medizinische Ausf\u00fchrungen sind heute selbstverst\u00e4ndlich zum Teil wissenschaftlich \u00fcberholt.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eunbestechliche\u201c Computer bei Eurotransplant<\/strong><\/p>\n<p>Hauptleistung der Dissertation ist der Nachweis, dass ethische und soziale Kriterien bei der  Diskussion um die Organverteilung zu kurz kamen. Schon der Titel \u201ePolitik der Organvertei-lung\u201c kennzeichnet zweifach die Brisanz des Themas: Die Vergabe von Organen, die Menschen der Gesellschaft nach ihrem Tode schenken, ist per se nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein politisches Thema, n\u00e4mlich des Umgangs mit einem rationierten Gut. Die Transplantationsmedizin ihrerseits hatte 1996 ein so hohes Renommee erreicht und derart an medizinischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen, dass sie selbst zum Gegenstand politischen Agierens von Interessengruppen geworden war.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Dissertation steht die intensive Auseinandersetzung mit den Vergabekri-terien f\u00fcr die einzelnen Organe. Diese sind heute gesetzlich geregelt: Seit Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997 teilt Eurotransplant die meisten Spenderorgane nach Richtlinien, die dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen sollen, insbesondere Dringlichkeit  und Erfolgsaussicht, einzelnen Patienten zu. Die Richtlinien werden von den Kommissionen der Bundes\u00e4rztekammer verabschiedet und kontrolliert. Es gab allerdings \u2013 bis zur Versch\u00e4rfung des Transplantationsgesetzes im Sommer 2013 \u2013 definierte Ausnah-men, in denen das Transplantationszentrum selbst \u00fcber den Empf\u00e4nger entscheiden darf.<\/p>\n<p>Die g\u00e4ngige Praxis vor 1997 sah anders aus: \u201eEin Teil des Organaufkommens wird nach Regeln \u00fcber Eurotransplant verteilt, auf die sich die beteiligten Zentren verst\u00e4ndigt haben, ein Teil wird lokal vergeben, d.h. dort, wo die Organe gewonnen wurden.\u201c Die Transplantationsmediziner verschanzten sich, schreibt Schmidt, in der \u00d6ffentlichkeit nur zu gerne hinter der \u201eLegende\u201c des allein nach objektiven Kriterien entscheidenden \u201eunbestechlichen\u201c Computers bei Eurotransplant. Gegen\u00fcber einer umfassenden Diskussion der Organvergabe \u00fcber die Medizin hinaus, die ethische, aber auch interessensgepr\u00e4gte Kriterien offen anspricht, waren sie nicht aufgeschlossen. \u201eDas Niveau der Debatte ist \u2013 verglichen mit den USA \u2013 erschreckend gering. Die Mediziner suchen ihr Heil im ver-meintlichen Stand der Wissenschaft und in medizinischen Kriterien, die keine sind, weil ihre Anwendung medizinisch gar nicht zu begr\u00fcnden ist\u201c, res\u00fcmiert Schmidt.<\/p>\n<p><strong>Nicht alle Patienten werden in die Warteliste aufgenommen<\/strong><\/p>\n<p>Welche Diskussionen haben die Transplantationsmediziner und Gesundheitspolitiker damals unter sich gef\u00fchrt? Die Antworten in der Feldstudie fallen sehr unterschiedlich aus und offenbaren teilweise eine erstaunliche Unsicherheit, etwa bei der Frage, welcher Patient nach welchen Kriterien in die Warteliste aufgenommen werden sollte. Die Vergabe, analysiert Schmidt, besteht nicht aus einem, sondern aus drei Schritten, bei denen jeweils eine Entscheidung getroffen werden muss: Um ein Organ zu bekommen, muss der Patient zun\u00e4chst von seinem Arzt an das Transplantationsprogramm einer Klinik \u00fcberwiesen werden, dann wird in der Klinik \u00fcber die Aufnahme in die Warteliste entschieden und schlie\u00dflich wird dem Patienten ein angebotenes Spenderorgan zugeteilt und von ihm und dem Transplantationszentrum angenommen. Bei der Vergabe werde aber meist nur der letzte \u201etragische\u201c, da oft lebensrettende, Schritt diskutiert.<\/p>\n<p>Die nicht minder tragische Entscheidung \u00fcber die Aufnahme auf die Warteliste wird von \u00c4rzten ebenfalls als schwierig und belastend empfunden. \u201eWie vielen  Menschen sollen wir Hoffnung machen, dass sie ein Organ bekommen? Wenn wir wissen, unsere Warteliste wird immer gr\u00f6\u00dfer, die Anzahl der Transplantationen steigt aber nicht proportional, f\u00e4llt sogar mal ab, wie viele sollen wir in diese Liste aufnehmen? &#8230; Ausweg derzeit ist, dass wir wohl deutlich weniger in die Warteliste nehmen, als wir es medizinisch k\u00f6nnten\u201c, sagt ein Transplantationsmediziner. Schmidt zitiert in seinem Buch f\u00fchrende Leberexperten, die davon ausgehen, dass es deswegen nur ein Bruchteil der Patienten, denen mit einer Lebertransplantation geholfen werden k\u00f6nnte, \u00fcberhaupt auf die Warteliste schafft. <\/p>\n<p><strong>Lebertransplantation: Die \u00c4rzte entschieden \u00fcber Empf\u00e4nger<\/strong><\/p>\n<p>Der Transplantationsskandal 2012 hatte die Lebertransplantation im Fokus. Wie wurde die Vergabe von Spenderlebern 1996 im Vorfeld des Transplantationsgesetzes diskutiert? \u201eIm Leberbereich obliegt die gesamte Empf\u00e4ngerauswahl den Transplanteuren vor Ort\u201c, h\u00e4lt Schmidt in seiner Dissertation fest. Die \u00c4rzte stehen bei jedem Organangebot vor einem Dilemma: \u201eStets stellt sich aufs Neue die Frage, wer leben soll bzw. sterben muss, wenn nicht alle leben k\u00f6nnen\u201c, sagte ein Chirurg. Wie sollen die \u00c4rzte entscheiden? Geht es um Lebensrettung oder gr\u00f6\u00dfere Erfolgsaussicht? Soll es Altersgrenzen geben? Wie sind alkoholabh\u00e4ngige Patienten oder Raucher zu bewerten? D\u00fcrfen etwa auch Familienstand, deutsche Sprachkenntnisse oder gesunder Lebensstil eine Rolle spielen?<\/p>\n<p>Die medizinischen Kriterien dominierten gleichwohl die Diskussion. Wegen des drohenden Organversagens hatte die Wartezeit eine untergeordnete Bedeutung, blieben Dringlichkeit und Erfolgsaussicht. Dar\u00fcber hinaus wurde bei der Vergabe darauf geachtet, dass Alter und Qualit\u00e4t von Empf\u00e4nger und Spenderorgan \u00fcbereinstimmten: Organe von \u00e4lteren oder Patienten mit Begleiterkrankungen wollte man nicht jungen Patienten geben. Au\u00dferdem sei nur Patienten die stets riskante Transplantation \u201ezuzumuten\u201c, bei denen andere Therapien versagt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Einige Zentren orientieren  sich eher am Erfolg der Transplantationen, w\u00e4hrend bei anderen die Dringlichkeit Vorrang hat, stellte Schmidt fest. Vertreter der Dringlichkeit sahen hier ein \u201eh\u00f6heres Recht auf ein Organ\u201c. So h\u00e4tten die auf Dringlichkeit ausgerichteten Zentren eine schlechtere Erfolgsrate als die fr\u00fchzeitig transplantierenden Zentren. Wissenschaftlich gesichert waren diese Aussagen allerdings nicht: Es fehlte ein Transplantationsregister, das die Erfolge und Misserfolge von Transplantationen h\u00e4tte nahvollziehbar und transparent machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schmidt beschreibt sehr unterschiedliche Vorgehensweisen an den rund 20 Le-bertransplantationszentren in Deutschland: Unterschiede gebe es nicht nur bei den Kriterien, sondern auch bei der Systematisierung des Entscheidungsprozesses sowie bei der Zahl der Beteiligten. \u201eEs gibt (z.T. gro\u00dfe) Zentren, an denen die Empf\u00e4ngerauswahl letztlich nur von einer oder zwei Personen getroffen wird.\u201c An anderen Zentren wiederum f\u00e4nden regelm\u00e4\u00dfige Transplantationskonferenzen mit allen in die Behandlung involvierten \u00c4rzten statt, die gemeinsam jede Woche eine Priorit\u00e4tenliste f\u00fcr die Transplantation erstellten. Gebe es keinen Konsens h\u00e4tte der Chefarzt das letzte Wort.<\/p>\n<p><strong>Gibt es \u00fcberhaupt rein medizinische Kriterien?<\/strong><\/p>\n<p>Doch viele Kriterien haben offensichtlich keinen medizinischen Hintergrund. Auch \u201emedizinische\u201c Entscheidungen seien moralisch oder ethisch gepr\u00e4gt, was sich \u00c4rzte und Patienten oft nicht bewusst machten, argumentiert Schmidt. Schon der Versuch der Beschr\u00e4nkung auf rein medizinische Kriterien, sei keine medizinische Entscheidung, sondern eine politische. Das einschl\u00e4gige medizinische Fachwissen lasse immer Entscheidungsspielr\u00e4ume offen, die Ausschl\u00fcsse rechtfertigten, aber nie eine bestimmte Vergabeentscheidung determinierten. Die scheinbare Beschr\u00e4nkung auf fixe medizinische Kriterien entlastet die \u00c4rzte zwar vordergr\u00fcndig von ihrer Entscheidung, aber letztlich nicht von ihrer Verantwortung. R\u00fcckblickend und vor dem Hintergrund der \u201eam Stand der medizinischen Wissenschaft\u201c ausgerichteten Richtlinien f\u00fcr die Organvermittlung ist zu fragen: K\u00f6nnen Laborwerte und computertomographische Befunde und in Monaten bemessene Alkoholabstinenz, wie sie heute als Kriterien bei der Organverteilung eingesetzt werden, tats\u00e4chlich die \u00e4rztlich-ethische Entscheidung ersetzen?<\/p>\n<p>Hintergrund der Fachdiskussion um die Organvergabe in den Jahren 1995\/96 ist das Dilemma, in dem sich die Transplantationsmedizin seit den neunziger Jahren befindet: Sie ist Opfer der eigenen Triumphe geworden. Diese Entwicklung beschreibt Schmidt einerseits als segensreiche Erfolgsgeschichte, von der immer mehr schwerkranke Patienten profitieren. Anderseits: W\u00e4hrend Zahl der Transplantationen und der Kliniken, die transplantieren \u2013 es gibt mehr als 30 Transplantationszentren in Deutschland \u2013 \u00ac zunimmt, werden die Wartelisten immer l\u00e4nger. Preis des Erfolges ist ein Mangel an Spenderorganen, verkn\u00fcpft mit der schwierigen Frage, wie das knappe Gut der Spenderorgane verteilt werden soll.<\/p>\n<p>Die Politik h\u00e4lt sich lange aus dem Organspende- und Transplantationsgeschehen heraus: Gemeinn\u00fctzige Organisationen wie Eurotransplant und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), von Immunologen, Transplantationsmedizinern und einem gemeinn\u00fctzigen Dialyseanbieter gegr\u00fcndet, springen ein- die Krankenkassen finanzieren allm\u00e4hlich den Aufwand. Die Transplantationsmedizin ist zunehmend lukrativ f\u00fcr die Kliniken und mit hohem Renommee verbunden. Ein Transplantationsgesetz, das in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern l\u00e4ngst vorliegt, wird zun\u00e4chst von fast niemandem f\u00fcr n\u00f6tig gehalten, zumal die Bundesl\u00e4nder hier Gesetzeshoheit beanspruchen k\u00f6nnen und eine Kleinstaaterei bei der Organspende-Gesetzgebung nicht in Frage kommt. Die Transplantationsmediziner haben sich einen allgemeinen Kodex gegeben, der ihnen Raum zur Ausgestaltung l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Skandale und Wiedervereinigung bef\u00f6rdern Gesetzgebung<\/p>\n<p>Doch dann wird der Nimbus der Transplantationsmedizin durch Skandale ersch\u00fcttert. Organangebote aus Indien und Osteuropa kursieren in deutschen Kliniken. Dass 1990 ein bayrischer F\u00fcrst umgehend gleich zwei Spenderherzen bekommt, ist der \u00d6ffentlichkeit schwer zu vermitteln: Erstmals wird \u00f6ffentlich eine gerechtere Vergabe der Spenderorgane gefordert. Die Politik wird wach. Dazu kommt die Wiedervereinigung:  In der DDR gilt die Widerspruchsl\u00f6sung, nach der jeder Verstorbene, der nicht zu Lebzeiten widersprochen hat, Organspender werden kann, die mit dem Einigungsvertrag obsolet wird. Nun geht es darum, die Bev\u00f6lkerung auch bei Organspende und Transplantation zu vereinen. 1994 verschafft eine Grundgesetz\u00e4nderung dem Bund ausreichende Kompetenz- das erste deutsche Transplantationsgesetz wird in Abstimmung mit den Bundesl\u00e4ndern auf den Weg gebracht und 1997 \u00fcberparteilich verabschiedet. \u00dcber die Organvergabe wird \u2013 im Gegensatz zu Hirntod und Zustimmungsl\u00f6sung \u2013 im Bundestag nie debattiert.<\/p>\n<p>Schmidts Dissertation widmet sich in weiten Teilen der geplanten Neustrukturierung der Transplantationsmedizin, die Anfang der neunziger Jahre im Vorfeld der Gesetzgebung heftig diskutiert wird. Was hatte sich bew\u00e4hrt? Was musste ge\u00e4ndert oder erg\u00e4nzt werden? Schmidt beschreibt eine skeptische Haltung der Politik gegen\u00fcber der Zust\u00e4ndigkeit von Eurotransplant f\u00fcr die Organverteilung. Die Institution hatte an sich einen gl\u00e4nzenden Ruf: Durch einen gr\u00f6\u00dferen Spenderpool sorgte sie daf\u00fcr, dass Patienten ihrer f\u00fcnf Mitgliedsstaaten immunologisch passende Organe bekommen und bei akutem Organversagen umgehend Spenderorgane zur Verf\u00fcgung standen. Zudem profitierte Deutschland vom h\u00f6heren Spenderaufkommen der anderen Mitgliedsstaaten.<\/p>\n<p><strong>Nationale Vermittlungs-Institution war im Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p>Aber kann die gemeinn\u00fctzige Stiftung im holl\u00e4ndischen Leiden, der 1996 neben Deutschland noch die Beneluxstaaten und \u00d6sterreich angeh\u00f6ren, die heikle Aufgabe der Organvergabe \u00fcbernehmen und f\u00fcr ihre Umsetzung rechtlich einstehen, nachdem sie es in der Vergangenheit nicht geschafft hatte, Fehltritte gegen ihr eigenes Regelwerk zu ahnden? Die Bundesl\u00e4nder, die zun\u00e4chst gesetzgeberisch am Zug waren, bringen deshalb als Gegenvorschlag eine nationale Vermittlungs-Institution ins Gespr\u00e4ch, was jedoch von den Transplantationsmedizinern vehement abgelehnt wird.<\/p>\n<p>Die Stellung von Eurotransplant bei der Durchsetzung von Regeln ist ein zentraler Punkt in Schmidts Arbeit: \u201eEurotransplant verf\u00fcgt \u00fcber keine Handhabe, gegen unkooperative Zentren vorzugehen, und hat dergleichen bislang auch nicht angestrebt.\u201c Diese Schw\u00e4che habe zwei Gr\u00fcnde. Die Leiter der Transplantationszentren, meist Klinikdirektoren, h\u00e4tten eine starke Stellung und lie\u00dfen ungern in ihre Befugnisse eingreifen. Dies bedeute aber auch, dass sie Entscheidungen von Kollegen respektierten, \u201esolange diese sich im Rahmen des Vertretbaren bewegen und sich im Einklang mit den \u00fcblichen professionstypischen Normen befinden.\u201c Wer beispielsweise Organe behalte, um damit etwas f\u00fcr eigene Patienten tun zu k\u00f6nnen, handele nach dem g\u00e4ngigen Urteil zwar falsch, aber nicht unredlich. Am Eurotransplant-Verbund nehme man auch nur teil, weil man sich medizinische Vorteile verspreche und nicht weil man sich einer Kontrolle unterwerfen wolle.<\/p>\n<p>Der erste Entwurf der Bundesl\u00e4nder f\u00fcr ein deutsches Transplantationsgesetz aus dem Jahr 1994, der verworfen wurde, erkannte die Schwachstellen und schlug vor, dass \u201egewisse Mindestvorgaben f\u00fcr eine m\u00f6gliche gerechte Verteilung vorzusehen sind.\u201c Desgleichen war geplant, Ordnungswidrigkeiten f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe gegen die Vergaberegeln mit einer erheblichen Geldbu\u00dfe zu ahnden. Als Kontrollinstanz sieht der L\u00e4nderentwurf staatliche Stellen auf L\u00e4nderebene vor, die die Vergabe- und Transplantationspraxis \u00fcberwachen sollen. Der Vorschlag scheitert jedoch u.a. daran, dass die fachliche Kompetenz einer solchen Beh\u00f6rde in Zweifel gezogen wird.<\/p>\n<p><strong>Vergaberichtlinien  nach \u201edem Stand der medizinischen Wissenschaft\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Bund setzte mit seinem Gesetzesentwurf dagegen auf weniger Staat und betraute die 1994 gegr\u00fcndete, 16-k\u00f6pfige \u201eSt\u00e4ndige Kommission Organtransplantation\u201c der Bundes\u00e4rztekammer. In seiner Dissertation bewertet Schmidt die geplante neue Regelungs- und Kontrollkompetenz bei der \u00e4rztlichen Selbstverwaltung positiv, vor allem die Zusammensetzung der Kommission: \u201eDie Kommission besteht nicht nur aus Transplantations\u00e4rzten, nicht mal nur aus \u00c4rzten, sondern auch aus unabh\u00e4ngigen Kr\u00e4ften. Insofern scheint sie besser geeignet, auch Beratungs- und Kontrollfunktionen wahrzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>Das Transplantationsgesetz sah sp\u00e4ter dann vor, dass die Kommission \u201eden Stand der medizinischen Wissenschaft feststellt\u201c und entsprechende Regeln \u201einsbesondere nach Dringlichkeit und Erfolg\u201c f\u00fcr die Organverteilung erarbeitet- die ethische und moralische Dimension der Organverteilung findet im Gesetzestext dagegen kaum Niederschlag: Die Wartezeit spielt nur bei der Vergabe der Spendernieren eine Rolle, Kinder werden zudem bevorzugt. Mit der Organvergabe wird eine Vermittlungsstelle beauftragt, die von den Spitzenverb\u00e4nden beauftragt wird. Den Zuschlag erh\u00e4lt Eurotransplant.<\/p>\n<p><strong>Ein nationales \u201eRudolf-Pichlmayr-Institut\u201c?  <\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge des Transplantationsskandals 2012 ist auch die Diskussion \u00fcber die Strukturen der Transplantationsmedizin wieder aufgeflammt. Doch nur wenige Kritiker aus Medizin und Politik haben \u00f6ffentlich in Frage gestellt, ob sich die \u201eGewaltenteilung\u201c, die seinerzeit u.a. von dem Gr\u00fcndervater der deutschen Transplantationsmedizin, dem 1997 verstorbenen Chirurgen Rudolf Pichlmayr, bef\u00fcrwortet worden war, in der Praxis bew\u00e4hrt hat und nicht vielmehr zum N\u00e4hrboden f\u00fcr die aktuellen Probleme geworden ist. W\u00e4re eine B\u00fcndelung der Aufgaben von Organspende, Richtlinien-Erstellung und Kontrolle und Administration der Organvermittlung eine erfolgreiche Alternative? Die Forderung nach einem Bundesamt in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 29.4.2013), das den Namen \u201eRudolf-Pichlmayr-Institut f\u00fcr Transplantationsmedizin\u201c tragen sollte, fand bislang kaum offene Zustimmung.<\/p>\n<p>2013 ist das Thema Organverteilung in der \u00d6ffentlichkeit angekommen: Der Ethikrat setzte sich in seinen \u00f6ffentlichen Sitzungen f\u00fcr eine \u00dcberarbeitung der Vergabepolitik nach ethischen Kriterien ein. Die \u00dcberarbeitung der Spenderkriterien, insbesondere bei der Lebertransplantation, aber auch bei der Nierentransplantation wird auch von den Transplantationsmedizinern \u00f6ffentlich gefordert: Sollen tats\u00e4chlich schwerstkranke oder \u00e4ltere Patienten bevorzugt eine Spenderorgan bekommen, obwohl ihre Prognose schlechter als die von Patienten in einem fr\u00fcheren Stadium der Krankheit ist?<\/p>\n<p><strong>Patienten und Medien fordern ein Transplantationsregister<\/strong><\/p>\n<p>Die Politik hat als Konsequenz aus dem Skandal das Transplantationsgesetz versch\u00e4rft, mehr Regeln, Kontrollen und Strafen eingef\u00fchrt, das dreiteilige System der Transplantationsmedizin aber unangetastet gelassen. Eine gesellschaftliche Diskussion der Vergabekriterien, wie sie vom Autor Schmidt und vom Deutschen Ethikrat gefordert wurde, steht indes noch aus.<\/p>\n<p>Im Zentrum des politischen Ringens steht heute ein Thema, das vor 20 Jahren noch nicht ganz oben auf der Agenda stand und in der Umsetzung bislang gescheitert ist: die Qualit\u00e4tssicherung der Transplantation durch ein Register. Wichtige Fragen k\u00f6nnten damit beantwortet werden: Wie wird sich die Anwendung der Verteilungskriterien in Deutschland auswirken? Welchen Einfluss hat die Beschaffenheit des transplantierten Organs, der Zustand des Organspenders auf die Funktionsdauer des Organs? Aber auch: Welche Transplantations-Ergebnisse k\u00f6nnen die einzelnen Zentren aufweisen?<\/p>\n<p>Die Patientenverb\u00e4nde und die ver\u00f6ffentlichte Meinung dr\u00e4ngen auf eine Umsetzung der Qualit\u00e4tssicherung durch ein Transplantationsregister. Fachjournalisten, die den Transplantationsskandal aktiv begleiten, erkl\u00e4rten k\u00fcrzlich auf Befragung hin unisono: \u201eWas Deutschland heute vor allem braucht, ist ein funktionierendes und zug\u00e4ngliches Transplantationsregister, das die Erfolge und Misserfolge der verschiedenen Kliniken bei den verschiedenen Organen abbildet.\u201c Seine Einf\u00fchrung \u2013 begleitet von einer offenen gesellschaftlichen Debatte der Vergabekriterien \u2013 k\u00f6nnte verlorenes Vertrauen zur\u00fcckgewinnen helfen.<\/p>\n<p><em>Annette Tuffs war von 1993 bis 2001 Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Heute leitet sie die Unternehmenskommunikation am Universit\u00e4tsklinikum Heidelberg.<\/em><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/organspende-ein-hellsichtiges-buch-von-1996-das-menetekel-eines-skandals-12724814.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/organspende-ein-hellsichtiges-buch-von-1996-das-menetekel-eines-skandals-12724814.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum kam es im Sommer 2012 zu dem Transplantationsskandal, der von den Medien aufgedeckt wurde? 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