{"id":21293,"date":"2013-12-19T13:02:24","date_gmt":"2013-12-19T13:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=21293"},"modified":"2013-12-19T13:02:24","modified_gmt":"2013-12-19T13:02:24","slug":"der-wachter-des-schatzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=21293","title":{"rendered":"Der W\u00e4chter des Schatzes"},"content":{"rendered":"<p>Bei Cartier ist Pierre Rainero nicht nur ein Manager. In dem franz\u00f6sischen Traditionshaus h\u00fctet er ein gro\u00dfes Erbe voller Geschichten und Geheimnisse.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Selbst die Buchhaltung ist wertvoll. Anders wertvoll als der eigentliche Schmuck, anders als etwa ein Cartier-Collier von Elizabeth Taylor, deren Sammlung vor zwei Jahren f\u00fcr umgerechnet 89 Millionen Dollar versteigert wurde. Aber die B\u00fccher in den Archiven von Cartier haben durchaus ihren Wert. In ihnen stecken ziemlich saftige Geschichten. Sie dokumentieren jedes einzelne Schmuckst\u00fcck, sein Gewicht, seinen Preis, die Art von Steinen, die verwendet worden sind, seine Herstellungsweise &#8211; und auch seinen K\u00e4ufer. \u201eNehmen wir mal an, Sie suchen nach einem St\u00fcck, das Ihr Vater vor vielen Jahren in Auftrag gegeben hat\u201c, sagt Pierre Rainero, der Cartier kennt wie wenige andere. \u201eUnd dann erfahren Sie aus den B\u00fcchern noch von einem weiteren St\u00fcck, das allerdings nicht f\u00fcr Ihre Mutter gedacht war.\u201c Rainero schmunzelt ein bisschen. \u201eDas w\u00e4re schon ein Problem. Oder denken Sie an Verwandte, die sich fragen, warum jemand anderes aus der Familie vielleicht dieses oder jenes St\u00fcck erhalten hat.\u201c<\/p>\n<p>Was in den B\u00fcchern von Cartier steht, das soll auch dort bleiben. Sie sind in Genf gelagert, an einer unbekannten Adresse. Nur wenn alle Familienmitglieder ihre Einwilligung geben, darf ein Nachkomme \u00fcberhaupt einen Blick in die B\u00fccher werfen. Ihr oberster Besch\u00fctzer hei\u00dft Pierre Rainero. Die vom Haus vorgegebene Verschlossenheit wei\u00df er mit eigener Freundlichkeit zu kompensieren. Von der Pariser Firmenzentrale aus h\u00fctet er das Erbe von Cartier, die Schmuckst\u00fccke, die Archive und somit auch die Geschichten \u00fcber Liebe und Verzweiflung, \u00fcber Wiedergutmachungen und Erpressungen, \u00fcber Trost, der in Saphirblau schillern kann. Saphire liegen an dieser Genfer Adresse genug sowie Rubine, Diamanten, knapp 1500 St\u00fccke umfasst die eigene Sammlung des Hauses, die Rainero seit drei\u00dfig Jahren h\u00fctet.<\/p>\n<h2>Rainero hat eine ernstzunehmende Sammlung aufgebaut<\/h2>\n<p>Gut, sein richtiger Titel ist etwas offizieller: \u201eDirektor f\u00fcr Image, Stil und das kulturelle Erbe\u201c. Daf\u00fcr reist der Franzose um die Welt. Rainero ist dabei besonders erfolgreich in den historical countries, an Orten, wo Leute wohnen, die sich seit Jahrzehnten f\u00fcr Cartier begeistern k\u00f6nnen, Frankreich, Gro\u00dfbritannien, die Vereinigten Staaten. Rainero trifft seine Kunden auf Messen, \u201esowohl M\u00e4nner als auch Frauen, junge und alte, jene in ihren Zwanzigern und solche, die schon in ihren Drei\u00dfigern gesammelt haben und heute bereits siebzig Jahre alt sind\u201c.<\/p>\n<p>Dagegen ist Cartiers eigene Sammlung vergleichsweise jung. Erst vor drei\u00dfig Jahren begann das Traditionshaus, das Louis Cartier im Jahr 1847 gegr\u00fcndet hatte, damit, eine ernstzunehmende Sammlung aufzubauen. Gerade einmal siebzig St\u00fccke besa\u00df das Haus zu dem Zeitpunkt. Von siebzig auf 1500 hat es Rainero in den vergangenen drei Jahrzehnten gebracht.<\/p>\n<p>Die Achtziger waren gute Jahre. Es war die Zeit, als die Sch\u00e4tze der Duchess of Windsor auf den Markt kamen, als langsam eine Generation verschwand, die besonders viele dieser Kostbarkeiten besa\u00df. Dann folgten mal wieder maue Jahre. \u201eSt\u00fccke aus dem 19. Jahrhundert sind besonders selten\u201c, sagt Rainero. Und in derselben Familie bleiben dabei die wenigsten: \u201eWir sind auf der Suche nach ihnen, aber wir haben oft keinen blassen Schimmer, wo und in welchen H\u00e4nden sie sich heute befinden.\u201c An den Schmuck aus dem eigenen Haus zu kommen sei deshalb eher eine Frage der passenden Gelegenheit. \u201eGut, manchmal provozieren wir solche Gelegenheiten auch\u201c, wieder ein Schmunzeln und ein Schimmer auf Raineros brauner Brille, wenn er den Kopf bewegt. \u201eWir schalten Anzeigen: ,Cartier sucht Cartier\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Oft ergeben sich die Gelegenheiten aber auch zuf\u00e4llig, zum Beispiel vor drei Monaten. Rainero war gerade vertieft in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber zeitgen\u00f6ssische Kunst, als diese Dame ihm erz\u00e4hlte, ihre Familie habe fr\u00fcher Schmuck gesammelt. \u201eSie fragte, ob ich interessiert sei.\u201c Nat\u00fcrlich ist das eigentlich keine Frage. Was war das also f\u00fcr eine Frau? Um welchen Schmuck hat es sich genau gehandelt? Rainero, der mittlerweile hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hat, schmunzelt wieder. Er arbeitet hier in einem mit viel Milchglas ausgestatteten B\u00fcro. Die Inneneinrichtung steht f\u00fcr das Ma\u00df an Diskretion, das f\u00fcr Rainero typisch ist.<\/p>\n<h2>Nicht selten sind die Preise zu hoch f\u00fcr Cartiers Budget<\/h2>\n<p>Neben privaten Transaktionen kommt Cartier auch \u00fcber Auktionen an seinen eigenen Schmuck. \u201eSo haben wir zum Beispiel St\u00fccke von Daisy Fellowes, Mona von Bismarck oder Mar\u00eda F\u00e9lix in die Sammlung aufnehmen k\u00f6nnen.\u201c Ebenso oft sind die Preise allerdings schlicht zu hoch f\u00fcr das Budget von Cartier. \u201eNicht selten werden wir \u00fcberboten\u201c, sagt Rainero. \u201eWir sind schlie\u00dflich eine geordnete Institution, wir legen vor der Auktion einen Preis fest, den wir nicht \u00fcberschreiten wollen.\u201c Oft gehe das Haus so leer aus.<\/p>\n<p>Dass selbst eine Marke wie Cartier manchmal nicht mit privaten Sammlern mithalten kann, ist symptomatisch f\u00fcr den weltweiten Boom auf dem Kunstmarkt. \u201eAuch Schmuck geh\u00f6rt dazu.\u201c Sp\u00e4testens seit der Krise scheint Kunst f\u00fcr viele Investoren eine sichere und zugleich gesellschaftsf\u00e4hige Anlage zu sein. Sie parlieren mittlerweile mit jenem Stolz \u00fcber ihre Kunstank\u00e4ufe wie in den sp\u00e4ten Neunzigern \u00fcber Aktienpakete. \u201eSchauen Sie, wie es momentan allein um die Steine steht\u201c, sagt auch Rainero. \u201eDie Leute, die diese St\u00fccke kaufen, wissen durchaus, was sie tun.\u201c Gerade heute sei f\u00fcr viele Interessenten die k\u00fcnstlerische Dimension von Schmuck wieder bedeutender. Rainero glaubt, dass sich Sammler aus zwei Gr\u00fcnden zu Schmuck hinrei\u00dfen lassen: \u201eMan kauft, weil man gegen\u00fcber dem Objekt eine bestimmte Emotion versp\u00fcrt. Und es geht um das Bild, das man von sich selbst hat, w\u00e4hrend man das St\u00fcck tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>Die historischen St\u00fccke erz\u00e4hlen dabei von einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit, als Schmuck zu tragen keine Frage des Geschmacks war, sondern eine des Standes. Als man auf offiziellen Ereignissen nicht ohne Haarschmuck auftauchen konnte und eine Schlangenbrosche wiederum einem Skandal gleichkam. \u201eWenn man sich eine Tiara von 1910 anschaut und ein Haarteil von heute, sind die zwei St\u00fccke nicht miteinander zu vergleichen. Die Leute interpretieren mittlerweile weniger als fr\u00fcher in Schmuck hinein\u201c, sagt auch Rainero. \u201eWer mit Schmuck ein Statement setzen m\u00f6chte, kann das ohne weiteres tun. Deshalb sind gewisse Armreifen, zum Beispiel das Pantherarmband, nun auch so gro\u00df.\u201c<\/p>\n<h2>Die besondere St\u00fccke sind nicht unbedingt die teuersten<\/h2>\n<p>Man kann heute eine Pantherfigur am Handgelenk tragen, ohne dazu eine Societydame sein zu m\u00fcssen. Man kann auch einfach in die Cartier-Boutique an der pr\u00e4chtigen Pariser Rue de la Paix spazieren. Mit der Tuschelei hinter dem eigenen R\u00fccken kann man hingegen in Zeiten, da modisch beinahe alles erlaubt ist, immer weniger rechnen. Da ist es also viel wahrscheinlicher, dass man auf dem Streifzug \u00fcber die Rue de la Paix auf In\u00e8s de la Fressange, selbst franz\u00f6sische Societydame, trifft, die an diesem Montagvormittag bei Eisesk\u00e4lte f\u00fcr eine Modeproduktion posiert &#8211; in Jeans und Schlapphut. F\u00fcr die Massenwarenkette Uniqlo hat sie gerade eine Kollektion entworfen. M\u00f6glich, dass es Sammler gibt, die heute zum wei\u00dfen T-Shirt von H&#038;amp-M eine glitzernde historische Kette von Cartier tragen. Sie seien ja tragbar, so Rainero &#8211; und begehrt.<\/p>\n<p>Ist es also m\u00f6glich, dass sich noch irgendwo eine in den B\u00fcchern von Cartier l\u00e4ngst verschollen geglaubte Sammlung befindet? So wie es vor kurzem im Fall Gurlitt war? \u201eWenn man bedenkt, was alles seit Ende des 19. Jahrhunderts passiert ist\u201c, sagt Rainero, \u201edann ist das gut m\u00f6glich. Was in Russland zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verkauft wurde, oder in Europa, was an die Maharadschas in Indien ging, ich wei\u00df von wichtigen Sammlungen, die bis jetzt als verschollen gelten.\u201c<\/p>\n<p>Die besonderen St\u00fccke sind dabei im \u00dcbrigen nicht unbedingt die teuersten. \u201eNehmen Sie zum Beispiel die Tutti-Frutti-Kette\u201c, sagt Rainero. Zur Sammlung von Cartier kam das Modell von 1936 mit der Auktion von Daisy Fellowes\u2019 Schmuck in den Neunzigern hinzu. \u201eDer k\u00fcnstlerische Wert der Tutti-Frutti-Kette ist enorm, aber sie wurde nicht unbedingt aus den wertvollsten Steinen gefertigt.\u201c Weitere Besonderheiten in der Geschichte von Cartier: die erste Tank-Uhr, die im Jahr 1919 auf den Markt kam und an die auf Gleisketten rollenden Renault-Panzer aus dem Ersten Weltkrieg erinnern sollte- der Schmuck, den einst Marlene Dietrich trug.<\/p>\n<h2>Rainero ist der H\u00fcter des Erbes<\/h2>\n<p>Es sind Sch\u00e4tze, die Rainero da h\u00fctet. Jene, die symboltr\u00e4chtig sind oder f\u00fcr das erste Modell einer Serie stehen, werden in die Sammlung aufgenommen. Aber Rainero k\u00fcmmert sich auch um alle weiteren St\u00fccke &#8211; nur er verkauft sie wieder, nachdem sie restauriert wurden. Allein drei Uhrmacher w\u00fcrden sich um die Restaurierung antiker St\u00fccke k\u00fcmmern. Es dauert eben eine Weile, bis jemand jedes Rad, jede Windung und jede Zahl einer Uhr von vor hundert Jahren auf den heutigen Stand gebracht hat.<\/p>\n<p>Schon beim Ankauf \u00fcberlegt sich Rainero, wie das St\u00fcck in den Zustand zur\u00fcckversetzt werden kann, in dem es das Haus Cartier zum letzten Mal verlassen hat. \u201eSie m\u00fcssen sich vorstellen, wie oft diese Teile \u00fcber die Jahrhunderte ihre Besitzer wechseln.\u201c Vielleicht mag der Erbe eines kostbaren Rings also gar keine Ringe, aber ist angetan von dem Rubin in der Mitte. Oder er braucht Geld, verkauft, und der K\u00e4ufer gestaltet das Objekt erst einmal individuell um, wie die Zimmer eines Hauses. \u201eAus Ringen werden Armb\u00e4nder. Manche St\u00fccke wurden in den Zwanzigern zum ersten Mal ge\u00e4ndert, dann in den Drei\u00dfigern, in den Vierzigern.\u201c<\/p>\n<p>Man kann sich denken, welche Arbeit es kostet, so ein Armband unter den Ringen in den B\u00fcchern wiederzufinden. \u201eDa wei\u00df das Auge ein Objekt manchmal schneller zuzuordnen\u201c, sagt der H\u00fcter des Erbes. Andererseits, gelegentlich tr\u00fcgt es auch. Rainero erinnert sich an ein Armband: \u201eWir hatten da dieses St\u00fcck, das auf sonderbare Art gefertigt worden war. Es \u00e4hnelte keinem anderen.\u201c Dass es von Cartier war, daran bestand allerdings kein Zweifel. Nach langer Sucherei fand sich die L\u00f6sung: Das Armband wurde in einem Atelier gefertigt, mit dem Cartier nur f\u00fcr diese eine Serie zusammengearbeitet hatte.<\/p>\n<p>In London, in New York, in Hongkong oder Paris k\u00f6nne man diese historischen St\u00fccke heute kaufen, an jenen Orten, die eben oft von den entsprechenden Sammlern aufgesucht werden. \u201eManche Leute sammeln, um den Schmuck zu tragen\u201c, sagt Rainero. Oder es kommt ganz anders: \u201eEin Ehemann hat auf einer Auktion mal ein paar wichtige St\u00fccke f\u00fcr seine Frau gekauft.\u201c Die Frau hat den Schmuck anschlie\u00dfend kein einziges Mal getragen. \u201eNach 20 Jahren hat der Ehemann alles verkauft.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/image-direktor-von-cartier-der-waechter-des-schatzes-12711538.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/image-direktor-von-cartier-der-waechter-des-schatzes-12711538.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Cartier ist Pierre Rainero nicht nur ein Manager. 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