{"id":20875,"date":"2013-12-09T16:21:15","date_gmt":"2013-12-09T16:21:15","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20875"},"modified":"2013-12-09T16:21:15","modified_gmt":"2013-12-09T16:21:15","slug":"gleich-links-von-der-nordlichen-krone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20875","title":{"rendered":"Gleich links von der N\u00f6rdlichen Krone"},"content":{"rendered":"<p>Der Jahrhundertkomet Ison ist tot, es lebe der Schweifstern Lovejoy: ein n\u00e4chtlicher Flug mit Kometenj\u00e4gern an den Rand der Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Zweiter Advent, ein paar Meter unter dem atemberaubendsten Sternenhimmel, den man sich vorstellen kann. 41.000 Fu\u00df \u00fcber dem \u00c4rmelkanal. Flug AB1000. Zwei Drittel der Atmosph\u00e4re liegen unter uns. Wir sind auf der Suche nach dem Weihnachtsstern. Und was f\u00e4llt mir dazu ein: Big Data. So, denke ich mir, muss man sich wohl die digitale Revolution vorstellen, wie ein Steilflug von der beleuchteten belgischen Autobahn unter uns mitten hinein ins Universum, wo man von funkelnden Lichtern erschlagen wird und kein Mensch sich mehr auskennt. So verkorkst sind wir schon. \u201eSuchen Sie die N\u00f6rdliche Krone\u201c, ruft Stefan Krause, der Hobbyastronom aus Bonn, Buchautor und neuerdings Sternenguide bei der Eclipse-Reiseagentur.<\/p>\n<p>\u201eSuchen Sie nach einer nach links ge\u00f6ffneten Sternengruppe.\u201c Der Nacken wird langsam steif. Wir sind nur siebzig, vielleicht achtzig Passagiere an Bord der Boing 737-800, junge, alte und Kinder, und alle kleben wir an den frisch gewienerten Fenstern. Es fehlt nichts, die Ferngl\u00e4ser nicht, die Experten nicht, sogar der hochmoderne \u201eNight Sky\u201c-Dimmer des Bordlichts wird eingeschaltet, der eigentlich den Jetlag bei Langstreckenfl\u00fcgen verhindern soll und nun die Reflexionen im Ausguck ausschaltet. Aber wo ist der Schweifstern, wo ist \u201eLovejoy\u201c?<\/p>\n<p>\u201eLinks von der N\u00f6rdlichen Krone\u201c, Krause l\u00e4sst nicht locker. Er hat den Kometen mit seinem Feldstecher schon kurz nach dem Start in K\u00f6ln \u00fcber belgischem Gebiet gesichtet, \u201esein Schweif geht \u00fcber das halbe Okular\u201c. Mein Fernglas ist auch klasse, etwas lichtschw\u00e4cher zwar, daf\u00fcr aber mit Chromoptik von National Geographic Channel und durchaus brauchbar: 12 mal 32, zw\u00f6lffache Vergr\u00f6\u00dferung bei einem Objektivdurchmesser von passablen 32 Millimetern. Peter Oden in der Reihe vor mir klickt im Smartphone nach der Sternenkarte, ein Atlas in allersch\u00f6nster graphischer Aufarbeitung. Doch was der Sternenfotograf im Handy zeigt, verschwimmt beim Blick raus aus dem Fenster buchst\u00e4blich wie die Sardine im Schwarm. Claudius Ptolem\u00e4us hatte keine digitalen Hilfsmittel, und vermutlich hatte er die N\u00f6rdliche Krone von der Bettkante aus beim Blick in den antiken Nachthimmel entdeckt. Er nannte sie deshalb auch sehr sch\u00f6n: Corona Borealis.<\/p>\n<h2>Augenzeuge des Kometenfestivals<\/h2>\n<p>Wir sind den Sternen heute zw\u00f6lfeinhalb Kilometer n\u00e4her und bestens ausger\u00fcstet. Aber der gesuchte Komet versteckt sich hier am Rand der Atmosph\u00e4re ebenso wie die dazugeh\u00f6rigen Sternhaufen zwischen B\u00e4renh\u00fcter und Herkules. Dabei ist Lovejoy heute wirklich dringend gesucht, kein beliebiger Komet. Er ist schon der vierte allein in diesem Jahr, der mit blo\u00dfem Auge &#8211; jedenfalls mit Fernglas &#8211; am Himmel zu sehen sein soll. F\u00fcr die Astronomen war dieses Jahr schon deshalb das Jahr der Schweifsterne. Vom Kometenfestival war schon die Rede, von einer Show, wie man sie die letzten Jahrzehnte nicht erlebt hat. Zwei Namen tauchten immer wieder auf: Komet \u201ePanstarrs\u201c im Fr\u00fchjahr und \u201eIson\u201c im Winter. Panstarrs war eher mau, \u201eIson\u201c aber sollte der Weihnachtskomet werden. Gro\u00df am Nachthimmel wie ein Vollmond sollte er zu sehen sein. National Geographic Channel hat ihm eine einst\u00fcndige Dokumentation mit dem Titel \u201eDer Jahrhundertkomet\u201c gewidmet, die am 15. Dezember ausgestrahlt wird, zudem wird er in der Wiederaufnahme der Astrokultreihe \u201eUnser Kosmos\u201c im Fr\u00fchjahr n\u00e4chsten Jahres eine prominente Rolle spielen. Auch die Flugreise in den belgisch-holl\u00e4ndischen Nachthimmel war als Spektakel f\u00fcr Ison gedacht.<\/p>\n<p>Doch seit Ende November ist Ison mausetot. Mit mehr als einer Million Stundenkilometern war der Himmelsk\u00f6rper auf die Sonne zu und ins gl\u00fchend hei\u00dfe Verderben gerast. Der Kern aus Staub und Wassereis war in seiner Umlaufbahn schon Stunden vor dem Perihel, dem Erreichen des sonnenn\u00e4chsten Punktes, buchst\u00e4blich zerplatzt. Auf zweitausend Grad war seine Staubh\u00fclle aufgeheizt, im Innern waren es noch minus zweihundert, aus dem Kometen wurde so quasi eine Bombe. \u201eNiemand hat wissen k\u00f6nnen, wie der Kometenkern von Ison beschaffen ist, wie er die Ann\u00e4herung auf nur eine Million Kilometer \u00fcberstehen w\u00fcrde\u201c, sagt Hermann B\u00f6hnhardt vom Max-Planck-Institut f\u00fcr Sonnensystemforschung, der den Flugg\u00e4sten das Kometen-Drama des Jahrhunderts zu erkl\u00e4ren versucht.<\/p>\n<h2>Lovejoy wird zum Liebesboten<\/h2>\n<p>Die Trauer um Ison steckt den ambitionierten Sternguckern noch in den Knochen. Aber auch nur ihnen. Denn der \u201eReservekometen\u201c, wie Krause den bisher noch kaum beachteten \u201eLovejoy\u201c bezeichnet, sieht auf Astrofotos nicht weniger spektakul\u00e4r aus als Ison. Und auf ihn konnte man sich eigentlich auch genauso gut freuen. Ihm fehlt zwar die Helligkeit von Ison, sie ist um vier Gr\u00f6\u00dfenklassen schw\u00e4cher, sein Schweif ist blasser, er fliegt weiter entfernt an Erde und Sonne vorbei, aber seine Geschichte ist dennoch aufregend: Erst vor ein paar Wochen, im September, war er von dem australischen Kometenj\u00e4ger Terry Lovejoy entdeckt worden. \u201eEr w\u00e4re uns wegen Ison fast durch die Lappen gegangen\u201c, sagt B\u00f6hnhardt. Deshalb wei\u00df man noch kaum etwas \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>Sehr viel muss allerdings der Berliner Bundeskriminalbeamte Christian F\u00f6rster auch nicht \u00fcber ihn wissen. Denn f\u00fcr ihn ist der Komet das, was die rasenden Himmelsk\u00f6rper seit Urzeiten f\u00fcr die Menschheit sind: Himmelsboten, Gl\u00fccksbringer &#8211; alles, nur hoffentlich kein Unheilsbote. F\u00f6rster sitzt entspannt in Sitzreihe acht der Maschine neben der Schneidermeisterin Katrin Ludewig, exakt f\u00fcnf Jahre nach dem 8. Dezember 2008. An diesem Tag hatten sich die beiden in Berlin kennengelernt. Jetzt hat er ihr im Kometenflieger einen Heiratsantrag gemacht. \u201eEs musste einfach etwas Besonderes sein, und was k\u00f6nnte so besonders sein wie dieser Flug\u201c, sagt F\u00f6rster. Bis zur Ankunft am K\u00f6ln-Bonner Flughafen hat er seine Verlobte in dem Glauben gelassen, der Ausflug gelte einem Antrittsbesuch bei seiner Cousine in Hannover.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns anderen geht die Jagd am Himmel aus wie der Beutezug der Sardinenfischer: Die einen haben Gl\u00fcck, die anderen nicht. Lovejoy ist eben nicht Jupiter oder Sirius, die in diesem Lichtermeer f\u00fcr jeden sichtbar werden. Den meisten reicht schon das famose Gef\u00fchl, einen Logenplatz auf der Himmelssafari eingenommen zu haben. Und den Rest sehen sie im Fernsehen, oder auf den Profibildern. Sp\u00e4testens die Tage nach dem 19. Dezember werden sich alle an den Flug erinnern.<\/p>\n<p>Dann soll das Weltraumteleskop Hubble die ersten Fotos von den Ison-Tr\u00fcmmern zur Erde senden. Lovejoy ist dann unser Held, und was spielt es da f\u00fcr eine Rolle, wie scharf man den Schweifstern \u00fcber Belgien gesehen hat. Ist doch Weihnachten.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/weltraum\/auf-kometenjagd-gleich-links-von-der-noerdlichen-krone-12701123.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/weltraum\/auf-kometenjagd-gleich-links-von-der-noerdlichen-krone-12701123.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Jahrhundertkomet Ison ist tot, es lebe der Schweifstern Lovejoy: ein n\u00e4chtlicher Flug mit Kometenj\u00e4gern an den Rand der Atmosph\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2058,430,429],"tags":[2323,2326,728,2324,877,2325],"class_list":["post-20875","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-home","category-weltraum","category-wissen","tag-advent","tag-armelkanal","tag-bonn","tag-ison","tag-koln","tag-stefan-krause"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20875","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20875"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20875\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20875"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20875"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20875"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}