{"id":20753,"date":"2013-11-30T12:16:18","date_gmt":"2013-11-30T12:16:18","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20753"},"modified":"2013-11-30T12:16:18","modified_gmt":"2013-11-30T12:16:18","slug":"einfach-mal-ausprobieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20753","title":{"rendered":"Einfach mal ausprobieren"},"content":{"rendered":"<p>In einer Welt der Unsicherheit muss man viele Dinge tun, damit einige wenige funktionieren, sagt der \u00d6konom Douglass North. Eine Regel, die nicht nur in der Wirtschaft gilt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Sein gro\u00dfes Ziel sei immer gewesen, die Gesellschaft \u201ebesser zu machen\u201c, schrieb Douglass C. North, und dieses Ziel habe er nie aus den Augen verloren. Doch daf\u00fcr m\u00fcsse man zuerst verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert. Und so hat sich der 1920 geborene \u00d6konom North praktisch 70 Jahre lang mit Variationen einer einzigen Frage besch\u00e4ftigt: Warum werden die einen L\u00e4nder reich und bleiben die anderen arm?<\/p>\n<p>North kam wegen des Berufs seines Vaters, eines erfolgreichen Managers, schon fr\u00fch weit herum. Er wuchs in Connecticut, Ottawa und New York City auf. Dazwischen ging er ein Jahr in Lausanne in die Schule, weil seine Eltern, beide keine Intellektuellen, an den Wert breiter Bildung glaubten.<\/p>\n<p>Wie viele gro\u00dfe liberale Denker war auch North in seiner Jugend Marxist. An der Berkeley University, die er statt Harvard w\u00e4hlte, weil der Vater nach San Francisco versetzt worden war, engagierte er sich w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs in linken Studentenkreisen.<\/p>\n<p>Allerdings kam es zum Bruch mit seinen Freunden, als diese nach Hitlers Angriff auf Russland im Juni 1941 f\u00fcr den Krieg eintraten, w\u00e4hrend er als Pazifist dagegen war. Nach dem dreifachen Bachelor in Politologie, Philosophie und \u00d6konomie ging er konsequenterweise zur Handelsmarine, weil er \u201eniemanden t\u00f6ten\u201c wollte.<\/p>\n<h2>\u201eBestenfalls mittelm\u00e4\u00dfige Noten\u201c<\/h2>\n<p>Dort hatte er Zeit f\u00fcr Lekt\u00fcre- das gab den Ausschlag, dass er sich f\u00fcr ein vertieftes Studium der \u00d6konomie entschied und seine Idee, Fotograf zu werden, aufgab. Fotografie blieb aber zeitlebens ein Hobby, neben Wandern, Fischen und Jagen, gutem Essen und Trinken sowie der Musik.<\/p>\n<p>Seine im eigenen Urteil \u201ebestenfalls mittelm\u00e4\u00dfigen Noten\u201c im Grundstudium und seine Doktorarbeit (1952) \u00fcber die Geschichte der Lebensversicherungen in den Vereinigten Staaten \u2013 der Vater war in dieser Branche t\u00e4tig \u2013 lie\u00dfen noch kaum den Nobelpreistr\u00e4ger von 1993 (zusammen mit Robert W. Fogel) erkennen.<\/p>\n<p>So richtig scheint North die Begeisterung erst an der University of Washington in Seattle gepackt zu haben, der er 33 Jahre treu bleiben sollte. Er hatte dort seine erste akademische Stelle erhalten, und beim t\u00e4glichen Schachspiel brachte ihm ein junger Kollege das tiefere Verst\u00e4ndnis der \u00f6konomischen Theorie bei und lehrte ihn vor allem, \u201ewie ein Wirtschaftswissenschaftler zu denken\u201c.<\/p>\n<h2>Wirtschaftsgeschichte mit Zahlen<\/h2>\n<p>\u00dcber verschiedene Umwege entwickelte sich North danach zu jenem Pionier der \u201eNeuen Wirtschaftsgeschichte\u201c, den die Schwedische Reichsbank mit ihrem Nobel-Ged\u00e4chtnispreis ehrte. Diese auch \u201eCliometrie\u201c genannte Schule zeichnet sich durch die Anwendung der \u00f6konomischen Theorie und von quantitativen Methoden auf die Geschichte aus. Sein erstes gro\u00dfes Buch \u201eThe Economic Growth of the United States from 1790 to 1860\u201c f\u00e4llt in diese Periode.<\/p>\n<p>Aber das, wof\u00fcr Douglass North haupts\u00e4chlich steht, n\u00e4mlich seine Theorie des institutionellen Wandels, entwickelte sich erst sp\u00e4ter, beginnend mit einem einj\u00e4hrigen Studienaufenthalt in Genf (1966\/67) und einer Verlagerung des Interesses von der amerikanischen auf die europ\u00e4ische Wirtschaftsgeschichte.<\/p>\n<h2>Wettbewerb bringt Fortschritt &#8211; auch unter Staaten<\/h2>\n<p>Dieser sp\u00e4teren Entwicklung von North verdanken wir, erstens, die Einsicht, dass Institutionen den entscheidenden Unterschied zwischen wirtschaftlich erfolgreichen und erfolglosen L\u00e4ndern ausmachen. Alle erfolgreichen L\u00e4nder zeichnen sich durch \u201egute\u201c Institutionen wie klare und durchsetzbare Eigentumsrechte oder einen Rechtsstaat, in dem Vertragsverletzungen geahndet werden, aus. In Verbindung damit steht, zweitens, die Abkehr vom neoklassischen Rationalit\u00e4tsparadigma.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Friedrich von Hayek betont auch North die Bedeutung von Ideen, Ideologien und Vorurteilen f\u00fcr das Treffen von Entscheidungen. Daher versucht er zu verstehen, wie Menschen unter Unsicherheit entscheiden, warum sie irrational handeln, warum sie Ideologien wie dem Kommunismus oder dem Islamismus anh\u00e4ngen und wie unser Verstand und das Gehirn funktionieren. Dieser Ausflug Richtung Hirnforschung ist gem\u00e4\u00df North genauso eine Voraussetzung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Wandels wie die Abkehr von einer rein \u00f6konomischen Perspektive. Deshalb ist North, drittens, die Integration aller Sozialwissenschaften ein Anliegen. Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Praxisferne vieler Kollegen, die \u00fcbertriebene Mathematisierung sowie die Missachtung der gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge, und warnt, auch darin Hayek verwandt, vor der Anma\u00dfung von Wissen.<\/p>\n<p>North\u2019 \u00fcberragende These ist schlie\u00dflich, viertens, dass der Wettbewerb nicht nur zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen politischen Einheiten, Staaten und Gliedstaaten der entscheidende Motor von Wandel und Fortschritt ist. F\u00fcr ihn hat der Erfolg Westeuropas und der Vereinigten Staaten mit Kleinstaaterei und F\u00f6deralismus zu tun, die im Gegensatz zum Zentralismus Russlands oder Chinas Versuch und Irrtum in kleinen Einheiten zulassen und damit offen sind f\u00fcr Kreativit\u00e4t ebenso wie f\u00fcr das Lernen durch Nachahmung.<\/p>\n<p>In einer Welt st\u00e4ndigen und rasanten Wandels ist f\u00fcr North Dezentralisierung die beste Methode, um zukunftsoffen zu bleiben, zu experimentieren, statt zu erstarren und mittels Wettbewerb den Ansporn aufrechtzuerhalten, st\u00e4ndig nach noch besseren L\u00f6sungen zu suchen.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es eine fast banale Erkenntnis: Diversifikation ist die beste Absicherung gegen Risiken. Auf den Finanzm\u00e4rkten ist das l\u00e4ngst Allgemeingut. Dass es auch in der Welt der Politik und der Institutionen gilt, hat Douglass North in die Wissenschaft eingebracht. In der praktischen Politik ist es allerdings, wenn man an die heutige Europ\u00e4ische Union denkt, leider noch kaum angekommen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/douglass-north-einfach-mal-ausprobieren-12688614.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/douglass-north-einfach-mal-ausprobieren-12688614.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Welt der Unsicherheit muss man viele Dinge tun, damit einige wenige funktionieren, sagt der \u00d6konom Douglass North. 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