{"id":20590,"date":"2013-11-01T11:57:20","date_gmt":"2013-11-01T11:57:20","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20590"},"modified":"2013-11-01T11:57:20","modified_gmt":"2013-11-01T11:57:20","slug":"der-popstar-unter-den-okonomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20590","title":{"rendered":"Der Popstar unter den \u00d6konomen"},"content":{"rendered":"<p>Auf Paul Krugman h\u00f6rt ganz Amerika: Sein Blog ist Kult. Seine Forschung revolutionierte die Wirtschaftstheorie und belegt, wieso vom Welthandel alle profitieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Paul Krugman ist der Popstar unter den \u00d6konomen. Mehr als eine Million Menschen folgen ihm auf Twitter. Sogar im Vergleich mit Profis anderer Branchen ist das enorm &#8211; Boris Becker kommt etwa nur auf ein Viertel dieser Menge. Was Krugman in <a href=\"http:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/\">seinem Blog<\/a> unter dem Dach der amerikanischen Zeitung New York Times schreibt, findet Leser rund um den Globus. Das Wall Street Journal, das dem bekennenden Demokraten politisch nicht gerade nahesteht, zeichnete ihn dieses Jahr als den einflussreichsten \u00d6konomen \u00fcberhaupt aus. Tats\u00e4chlich gibt es keine wirtschaftspolitische Debatte, vor allem innerhalb der Vereinigten Staaten, aus der er sich heraush\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wirklich bahnbrechend sind allerdings nicht seine unz\u00e4hligen Kommentare, sondern sein akademisches Werk: Paul Krugman erkl\u00e4rte den Au\u00dfenhandel neu. Er konstruierte ein theoretisches Modell, das darstellt, warum es auch und gerade f\u00fcr einander \u00e4hnliche L\u00e4nder vorteilhaft ist, miteinander Handel zu treiben. Um zu verstehen, warum das einer Revolution gleichkam, ist es wichtig, den Ausgangspunkt zu kennen. Bis zu Krugmans Arbeiten drehte sich die Erkl\u00e4rung, warum L\u00e4nder miteinander Handel treiben, wesentlich um den Begriff des \u201ekomparativen Kostenvorteils\u201c. Dahinter steckt der Gedanke, dass Handel mit anderen L\u00e4ndern vorteilhaft f\u00fcr alle Beteiligten ist, wenn sich jedes Land auf das spezialisiert, was es vergleichsweise am besten kann.<\/p>\n<p>Die Leitfrage der traditionellen Handelstheorie lautete denn auch: Welches Land exportiert welches Gut? Der britische \u00d6konom David Ricardo (1772-1823), der sie zuerst in eine Theorie packte, basierte seine Analyse auf unterschiedlichen Produktionstechnologien der miteinander handelnden L\u00e4nder. In der ersten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts legte der schwedische \u00d6konom Bertil Ohlin nach und demonstrierte, dass Handel auch dann vorteilhaft ist, wenn die L\u00e4nder auf demselben technologischen Stand sind, sich aber in ihrer Ausstattung mit den wichtigen Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital) unterscheiden. F\u00fcr die beiden aufeinander aufbauenden Analysen gilt: Spezialisierung und Handel lohnen sich umso mehr, je verschiedener die Handelspartner sind.<\/p>\n<h2>Wenn die alte Theorie nichts taugt<\/h2>\n<p>Krugman fand nun zu Beginn seiner akademischen Laufbahn Ende der siebziger Jahre eine Welt vor, f\u00fcr die dieser Ansatz nicht taugte. Der Welthandel spielte sich vor allem zwischen Industriel\u00e4ndern ab. Zugleich handelten die L\u00e4ndern h\u00e4ufig die gleichen G\u00fcter miteinander, Deutschland bekam etwa Autos aus Frankreich und lieferte Autos dorthin.<\/p>\n<p>Beide Ph\u00e4nomene passten nicht zur hergebrachten Theorie, nach der Handel vor allem zwischen stark unterschiedlichen L\u00e4ndern h\u00e4tte stattfinden m\u00fcssen. Ein neues Erkl\u00e4rungsmodell musste her, Krugman baute es zusammen.<\/p>\n<p>Warum er gerade diese Frage zu seiner machte, ist im Grunde einer Serie historischer Zuf\u00e4lle zuzuschreiben. Internationale Wirtschaftszusammenh\u00e4nge gerieten damals auch unter Studenten st\u00e4rker in den Blickpunkt, nachdem sich der Charakter der Weltwirtschaft durch den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems grundlegend ge\u00e4ndert hatte und es viel Neues zu erforschen gab.<\/p>\n<h2>Als Student in Portugals Zentralbank<\/h2>\n<p>Ans MIT, wo Krugman studierte, kam 1975 mit Rudiger Dornbusch eine Kapazit\u00e4t. In einem Aufsatz schreibt Krugman, dass ihn beeindruckt habe, wie sehr Regierungen und Banken bei Dornbusch Rat suchten. \u201eIch wei\u00df nicht, ob die M\u00f6glichkeit eines solchen Bedeutungszuwachses neu war, auf jeden Fall war sie es f\u00fcr mich.\u201c Ein Jahr sp\u00e4ter entsandte das MIT eine Gruppe Studenten, darunter Krugman, f\u00fcr ein Projekt zur portugiesischen Zentralbank. Das Land hatte eine Revolution und einen versuchten Putsch hinter sich und befand sich in einem eher desolaten Zustand. F\u00fcr Krugman eine offenbar wichtige Erfahrung: \u201eWas ich dort lernte war, wie m\u00e4chtig einfache \u00f6konomische Ideen sind und zugleich wie unn\u00fctz Theorien, die keinen praktischen Bezug haben.\u201c<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick liest sich dieser Satz wie eine Richtlinie f\u00fcr Krugmans Arbeiten. Schlie\u00dflich h\u00f6rte er im selben Jahr eine Vorlesung des sp\u00e4teren Nobelpreistr\u00e4gers Robert Solow \u00fcber Theorien unvollst\u00e4ndigen Wettbewerbs, die eigentlich ein Nischendasein in der Wirtschaftstheorie fristeten, aber alsbald von den \u00d6konomen Joseph Stiglitz und Avinash Dixit salonf\u00e4hig gemacht wurden: Sie sind das methodische R\u00fcstzeug und zugleich der formale Ausgangspunkt f\u00fcr Krugmans Coup.<\/p>\n<p>Die besagten Theorien unvollst\u00e4ndigen Wettbewerbs unterstellen eine (sehr realistische) Welt, in der sich Unternehmen durch hohe Fixkosten auszeichnen. Unter diesen Umst\u00e4nden pr\u00e4ferieren sie eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Produktionsmenge, auf die sich die fixen Kosten verteilen, weil sie dann umso mehr verdienen (steigende Skalenertr\u00e4ge). Produktvielfalt ist ihnen eher unwichtig. Aus Sicht der Konsumenten gilt das Umgekehrte: Sie wollen eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Auswahl- viele verschiedene Produkte zu haben ist ihnen wichtiger als von einem einzigen Produkt eine gro\u00dfe Menge.<\/p>\n<h2>Handel erf\u00fcllt Unternehmen und Verbrauchern ihre W\u00fcnsche<\/h2>\n<p>Krugman zeigt nun: Handel entsch\u00e4rft genau diesen Konflikt. Die Unternehmen bekommen eine gr\u00f6\u00dfere Kundschaft (im Ausland), f\u00fcr die sie produzieren k\u00f6nnen. Und die Konsumenten bekommen ein vielf\u00e4ltigeres Angebot (durch ausl\u00e4ndische Anbieter), was sie besser finden. Vorteilhaft ist das f\u00fcr alle. Neu ist: Die Erkl\u00e4rung, warum sich Handel lohnt, fu\u00dft nicht auf dem klassischen Argument des komparativen Kostenvorteils. Sie passt vielmehr, um zu erkl\u00e4ren, warum einander \u00e4hnliche Industriel\u00e4nder handeln und warum sie dies auch und gerade innerhalb derselben Branchen tun. Das wirtschaftstheoretische Argument daf\u00fcr, warum zum Beispiel der Europ\u00e4ische Binnenmarkt eine gute Idee ist, war gelegt.<\/p>\n<p>Dass Krugmans erster wissenschaftlicher Aufsatz \u00fcber diese theoretische Neuerung im Jahr 1979, da war er gerade 26 Jahre alt, gewaltiges Potential besa\u00df, sah anfangs nicht jeder: Das Quarterly Journal of Economics lehnte die Publikation ab. Und der Au\u00dfenwirtschafts-Experte Jagdish Bhagwati druckte ihn als Herausgeber des Journal of International Economics gegen den Rat seiner beiden Gutachter. Mit zwei Folgewerken in den Jahren 1980 und 1981 baute Krugman seinen Ansatz aus und nahm Kritikern den Wind aus den Segeln. Er zeigte auch, warum in der Realit\u00e4t L\u00e4nder gerade die G\u00fcter exportieren, f\u00fcr die der Heimatmarkt schon sehr gro\u00df ist (Deutschland zum Beispiel Autos).<\/p>\n<p>Und er zeigte auch, warum die Angst unbegr\u00fcndet ist, dass durch Handel zwischen \u00e4hnlichen L\u00e4ndern der eigene Industriestandort gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnte &#8211; eine Angst, die es zumal in Frankreich gab, als die europ\u00e4ischen L\u00e4nder ihre wirtschaftliche Integration begannen. F\u00fcr Krugman bedeuteten die drei Aufs\u00e4tze den akademischen Durchbruch.<\/p>\n<h2>Ein Science-Fiction-Fan<\/h2>\n<p>Dabei betonte er, auch in der Vorlesung anl\u00e4sslich seines Nobelpreises im Jahr 2008, dass er weder der Erste noch der Einzige war, der steigende Skalenertr\u00e4ge als Handelsursache erwog. Er nennt etwa eine Analyse des geb\u00fcrtigen Ungarn B\u00e9la Balassa aus dem Jahr 1966, in der dieser teils \u00e4hnliche Grundgedanken ge\u00e4u\u00dfert hatte. Krugman ist aber der erste \u00d6konom, dem es gelang, diese Idee in ein klares, gut handhabbares und f\u00fcr andere nachvollziehbares theoretisches Modell zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>In der Folgezeit forschte und publizierte Krugman auch zu vielen anderen Themen. Nachdem er zu Beginn der achtziger Jahre vor\u00fcbergehend dem Beraterstab von Pr\u00e4sident Ronald Reagan angeh\u00f6rt hatte, besch\u00e4ftigte er sich etwa mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise, mit Japan, mit der Asien-Krise. W\u00e4hrend dieser Zeit analysierte er auch die Frage, ob ein \u00fcberschuldetes Land besser weiterfinanziert oder einem Schuldenschnitt unterzogen wird. Er besch\u00e4ftigte sich mit Wechselkursentwicklungen und W\u00e4hrungskrisen, schrieb mehrere wirtschaftspolitische B\u00fccher und internationale Standardwerke f\u00fcr Wirtschaftsstudenten.<\/p>\n<p>Das akademische Steckenpferd des heute 60 Jahre alten Princeton-Professors ist allerdings der Handel geblieben. Mit ihm hat sich der Science-Fiction-Fan im wahrsten Sinne des Wortes so weit es geht besch\u00e4ftigt: Auch den Handel zwischen Sonnensystemen und das Problem des Transports nahe der Lichtgeschwindigkeit, das dabei auftritt, hat er mit einem Augenzwinkern in \u00f6konomische Kategorien gepackt. Wie immer mit einem theoretischen Modell &#8211; nur dass in diesem Fall der praktische Bezug (noch) fehlt.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/paul-krugman-der-popstar-unter-den-oekonomen-12635845.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/paul-krugman-der-popstar-unter-den-oekonomen-12635845.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Paul Krugman h\u00f6rt ganz Amerika: Sein Blog ist Kult. 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