{"id":20504,"date":"2013-11-23T14:00:51","date_gmt":"2013-11-23T14:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20504"},"modified":"2013-11-23T14:00:51","modified_gmt":"2013-11-23T14:00:51","slug":"die-dunkle-seite-des-lichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20504","title":{"rendered":"Die dunkle Seite des Lichts"},"content":{"rendered":"<p>Vielen Organismen schadet die Helligkeit der Gro\u00dfst\u00e4dte in tiefster Nacht. Auch der Mensch wird durch k\u00fcnstliches Licht krank. Die Debatte dar\u00fcber beginnt aber gerade erst.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Seitdem vor hundertdrei\u00dfig Jahren die Gl\u00fchbirne erfunden wurde, schwindet die Dunkelheit. Um rund sechs Prozent steigt j\u00e4hrlich die Beleuchtung weltweit, was fast einer Verdopplung alle elf Jahre entspricht. Auf den Satellitenaufnahmen der Erde sind die prosperierenden Regionen am hellen Schein in der Nacht zu erkennen, und die Vorteile der Beleuchtung sind unbestritten: Licht erm\u00f6glicht Bildung und Aktivit\u00e4t, f\u00f6rdert das Wirtschaftsleben und erh\u00f6ht das Sicherheitsgef\u00fchl auf den Stra\u00dfen und in den St\u00e4dten. Doch tats\u00e4chlich werden jetzt auch die Nachteile der n\u00e4chtlichen Beleuchtung immer deutlicher: Die Nacht ist nicht nur als Erlebnis verloren gegangen \u2013 der Anblick der Milchstra\u00dfe ist nur noch in recht abgelegenen Regionen m\u00f6glich \u2013 sondern inzwischen k\u00f6nnen Forscher auch belegen, dass k\u00fcnstliches Licht in der Nacht Ver\u00e4nderungen in \u00d6kosystemen ausl\u00f6st und Risiken f\u00fcr die menschliche Gesundheit birgt. Zudem ist es fraglich, ob immer mehr Licht in der Nacht wirklich die Sicherheit erh\u00f6ht. Denn schlecht verwendetes, grelles Licht kann im Stra\u00dfenverkehr blenden. Die Ursachen und Folgen der Lichtverschmutzung waren auch Thema der ersten internationalen Konferenz \u201eK\u00fcnstliches Licht bei Nacht\u201c, Artficial Light at Night (Alan) 2013, in Berlin.<\/p>\n<p>Seit vor Milliarden Jahren die ersten Lebewesen auf der Erde entstanden, sind die Zellen auf den Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt, den die Erdrotation vorgibt. K\u00fcnstliches Licht beeinflusst diesen Rhythmus, bei tagaktiven wie nachtaktiven Arten. Etwa drei\u00dfig Prozent der Wirbeltiere und sechzig Prozent der Wirbellosen sind nachtaktiv und werden durch k\u00fcnstliches Licht massiv gest\u00f6rt. Und tagaktive Arten kommen in der Nacht weniger zur Ruhe. Doch wie genau die n\u00e4chtliche Beleuchtung in \u00d6kosysteme und R\u00e4uber-Beute-Netze eingreift, ist komplex: manche Arten profitieren, wenn sich Myriaden Insekten um Lampen sammeln, andere dagegen z\u00e4hlen zu den klaren Verlierern. Fest steht, dass Licht zur falschen Zeit den Zellstoffwechsel beeinflusst, Stress verursacht \u2013 bei Tieren wie auch bei Menschen.<\/p>\n<h2>Erh\u00f6htes Brustkrebsrisiko<\/h2>\n<p>Die erste Studie zu Auswirkungen von n\u00e4chtlichem Licht auf die menschliche Gesundheit stammt bereits aus dem Jahr 1980, berichtete Richard Stevens, Gesundheitsforscher vom Health Center der University of Connecticut, in Berlin. Schon diese Studie zeigte, dass Licht in der Nacht die Melatonin-Produktion reduziert, die in der Dunkelphase normalerweise hoch ist. Seitdem haben zahlreiche Tierversuche deutliche Hinweise darauf geliefert, dass die Unterdr\u00fcckung des Botenstoffs Melatonin die Risiken f\u00fcr Brustkrebs beziehungsweise Prostatakrebs erh\u00f6ht. Die m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung liegt darin, dass Melatonin eine Rolle bei der Reparatur von DNA-Sch\u00e4den spielt. Auch epidemiologische Studien deuten in die gleiche Richtung. So m\u00fcssen Schichtarbeiterinnen mit einem etwas h\u00f6heren Brustkrebsrisiko rechnen, w\u00e4hrend blinde Frauen ein etwas geringeres Risiko aufweisen.<\/p>\n<p>Flackernde Leuchtreklamen, helle Laternen, aber auch der eigene Fernseh- oder Computerbildschirm mit seinem hohen Blauanteil im Lichtspektrum verhindern, dass sich der K\u00f6rper abends auf die Nacht und gesunden Schlaf einstellen kann. Untersuchungen an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen zeigen, dass etwa achtzig Prozent der arbeitenden Bev\u00f6lkerung morgens nicht ohne Wecker aus dem Bett kommen, weltweit sinkt zudem die Schlafdauer an Arbeitstagen, berichtete der Chronobiologe Thomas Kantermann von der Universit\u00e4t Groningen. Dabei ist k\u00fcnstliches Licht als Taktgeber heute viel dominanter als der nat\u00fcrliche Tag-Nacht-Rhythmus durch die Sonne. Licht stellt die innere Uhr des Organismus ein, und ein Versatz zwischen der eigenen inneren Uhr und den sozialen Erfordernissen f\u00fchrt zu einem sozialem Jetlag, der sich in M\u00fcdigkeit und verringerter Konzentration auswirkt und die Risiken f\u00fcr Fettleibigkeit, Rauchen und Herzkreislauferkrankungen erh\u00f6ht. So steigen nach jeder Zeitumstellung im Fr\u00fchling die Arbeitsunf\u00e4lle und Herzinfarktraten, und die meisten Menschen m\u00fcssen den Sommer \u00fcber mit einem erh\u00f6hten sozialen Jetlag leben.<\/p>\n<h2>Kaum erh\u00f6hte Sicherheit<\/h2>\n<p>Diesen Risiken steht auf der anderen Seite ein Gewinn an gef\u00fchlter Sicherheit gegen\u00fcber, wenn die Stra\u00dfen hell erleuchtet sind. Doch dieses Gef\u00fchl tr\u00fcgt, denn mehr Licht muss nicht besser sein, betonte Paul Marchant, Statistiker der Leeds Metropolitan-University, der Daten zu Kriminalit\u00e4t zwischen 2003 und 2011 in verschiedenen Bezirken von London untersucht hat. Dabei wurde an manchen Stellen die Beleuchtung \u201everbessert\u201c, an anderen nicht. Tats\u00e4chlich fand sich aber kein statistisch signifikanter Effekt des Beleuchtungsprogramms. \u00c4hnlich skeptisch betrachtet er die Auswirkung von mehr Stra\u00dfenlicht auf die Verkehrssicherheit. Marchant untersuchte einen Datensatz aus einer englischen Gemeinde, die 1600 Laternen von orangefarbenes auf wei\u00dfes Licht umstellte, um die Helligkeit zu steigern. Doch eine Verringerung an Unf\u00e4llen war nach Auskunft von Marchant nicht nachweisbar. \u201eAlle Ma\u00dfnahmen sollten eigentlich auf ihre Wirksamkeit hin gepr\u00fcft werden\u201c, meint er, doch das sei selten der Fall. In Wirklichkeit gebe es keine belastbaren Belege daf\u00fcr, dass mehr Beleuchtung die Sicherheit erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Nancy Clanton, die in Boulder, Colorado eine Firma f\u00fcr umweltfreundliches Lichtdesign leitet, hat im Auftrag von vier amerikanischen St\u00e4dten \u2013 Anchorage, San Diego, San Jos\u00e9 und Seattle \u2013 untersucht, wie sich Beleuchtung intelligenter nutzen l\u00e4sst. Daf\u00fcr lie\u00df sie Hunderte von Versuchspersonen verschiedener Altersgruppen beim Autofahren die Sichtbarkeit von Zielen bei unterschiedlicher Beleuchtung und bei verschiedenen Wetterbedingungen bewerten. Clantons Daten zeigen, dass die Beleuchtung stark reduziert werden k\u00f6nnte, ohne die Verkehrssicherheit zu gef\u00e4hrden: So w\u00fcrde in Anchorage die H\u00e4lfte des Lichts ausreichen und in Seattle sogar nur 25 Prozent der Lichtleistung immer noch volle Sichtbarkeit gew\u00e4hrleisten. Und zwar auch dann, wenn die Farbtemperatur des Lichts im gelben Bereich liegt. Es sei also nicht n\u00f6tig, wei\u00dfe Beleuchtung mit deutlichen Blauanteilen zu verwenden, die den Stoffwechsel von Organismen besonders stark beeinflussen.<\/p>\n<h2>Irritierte Tierwelt<\/h2>\n<p>\u201eRund zwei Drittel des Lichts sind nur verschwendet und verbessern die Sichtbarkeit \u00fcberhaupt nicht\u201c, sagte auch Bob Parks, Vorsitzender der Dark Sky Association, einer Nichtregierungsorganisation in den Vereinigten Staaten. Je nach Design f\u00e4llt nur ein kleinerer Teil des Lichts dorthin, wo er gebraucht wird, auf den Weg oder auf die Stra\u00dfe, w\u00e4hrend der Rest zur Seite oder nach oben entweicht. So kommt es zu den \u201eLichtglocken\u201c um Siedlungen herum, die den gesamten Himmel weit \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus erhellen. Viele Lampen sind nachts au\u00dferdem deutlich zu hell und blenden die Verkehrsteilnehmer, so dass die Verkehrssicherheit beeintr\u00e4chtigt wird. Dabei werde f\u00fcr k\u00fcnstliche Au\u00dfenbeleuchtung rund acht Prozent der elektrischen Energie aufgewendet, die Lichtverschwendung verbrauche so viel wie f\u00fcnfhundert Kraftwerke in einem Jahr produzieren, rechnete Parks vor. Ein bewussterer Umgang mit Licht k\u00f6nne Lebensqualit\u00e4t und Sicherheit erh\u00f6hen und dabei noch Geld sparen.<\/p>\n<p>Selbst in amerikanischen Naturschutzparks gebe es noch zu wenig Bewusstsein dar\u00fcber, dass n\u00e4chtliche Beleuchtung die Tierwelt irritiert, meinte Parks und zeigte Beispiele von hell beleuchteten Wegen und H\u00fctten in einem Naturschutzgebiet. Eigentlich m\u00fcsste jeder Naturschutzpark nachts v\u00f6llig dunkel sein, und d\u00fcrfe h\u00f6chstens dort eine minimale Beleuchtung verwenden, wo sie unbedingt gebraucht wird. Doch allm\u00e4hlich dringt die Botschaft durch, inzwischen lie\u00dfen sich immer mehr Naturschutzparks beraten, berichtete Parks in Berlin.<\/p>\n<h2>Gegen den Verlust der Nacht<\/h2>\n<p>In Deutschland hat der Forschungsverbund \u201eVerlust der Nacht\u201c eine Aufkl\u00e4rungskampagne gestartet, die die Biologin Annette Krop-Benesch koordiniert. Informationsmaterialien, eine Wanderausstellung, Vortr\u00e4ge und Nachtwanderungen geh\u00f6ren zum Programm. Seit kurzem gibt es eine kostenlose App mit dem Namen \u201eVerlust der Nacht\u201c, mit der jeder Nutzer schnell ermitteln kann, wie hell erleuchtet der Nachthimmel an seinem Standort ist. Die App zeigt bestimmte Regionen am Nachthimmel, an denen laut \u201eGoogle Sky\u201c ein Stern bestimmter Helligkeit steht, und fragt, ob man diesen Stern noch erkennen kann (https:\/\/play.google.com\/store\/apps\/details?id=com.cosalux.welovestars).<\/p>\n<p>Bei L\u00e4rm oder beim Rauchen hat es Jahrzehnte gedauert, bis man die potentiellen Gefahren \u00f6ffentlich anerkannt hat und sich L\u00e4rmschutz oder Rauchverbote durchsetzen konnten. Beim Thema Licht beginnt die Debatte erst jetzt, weitere Kreise zu ziehen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/stress-durch-beleuchtete-staedte-die-dunkle-seite-des-lichts-12669724.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/stress-durch-beleuchtete-staedte-die-dunkle-seite-des-lichts-12669724.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielen Organismen schadet die Helligkeit der Gro\u00dfst\u00e4dte in tiefster Nacht. Auch der Mensch wird durch k\u00fcnstliches Licht krank. Die Debatte dar\u00fcber beginnt aber gerade erst.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2058,532,429],"tags":[2172,292,731,1338,770],"class_list":["post-20504","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-home","category-mensch-gene","category-wissen","tag-anchorage","tag-berlin","tag-lmu","tag-seattle","tag-stress"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20504"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20504\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}