{"id":20496,"date":"2013-11-21T14:00:45","date_gmt":"2013-11-21T14:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20496"},"modified":"2013-11-21T14:00:45","modified_gmt":"2013-11-21T14:00:45","slug":"schuler-in-der-optimierungsfalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20496","title":{"rendered":"Sch\u00fcler in der Optimierungsfalle"},"content":{"rendered":"<p>Kinder halten viel aus, brauchen aber ihre Auszeiten und gelassene Eltern. Doch gerade M\u00fctter \u00fcbertreiben oft ma\u00dflos. Sie erziehen die Burn-out-Kandidaten von morgen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Kinesiologie, Finger-Yoga und Jin Shin Jyutsu &#8211; diese exotischen Entspannungstechniken werden nicht nur in Gro\u00dfst\u00e4dten f\u00fcr Erwachsene mit Sechzigstundenwochen angeboten, sondern auch in der Grundschule der rheinhessischen Kommune Nieder-Olm f\u00fcr Sch\u00fcler der Klassen drei bis f\u00fcnf. Sie lernen, wie der Veranstalter, die Gemeinde, verspricht, neue Wege, ihre mentalen Kr\u00e4fte einzusetzen. Das st\u00e4rke das Selbstvertrauen und helfe gegen Konzentrationsschw\u00e4che, \u00c4ngste und Schulstress. Das Angebot ist nicht so ungew\u00f6hnlich, wie man meinen k\u00f6nnte. Kinder, die sich unter gro\u00dfem Druck, vor allem Leistungsdruck f\u00fchlen, gibt es in Deutschland gen\u00fcgend. Deshalb werden ihnen \u00fcber das ganze Land verteilt Anti-Stress-Trainings angeboten. Die Techniker Krankenkasse veranstaltet schon seit Jahren von Wissenschaftlern entwickelte Pr\u00e4ventionskurse. In einer Befragung hat die Kasse festgestellt, dass Stresssymptome schon im Jugendalter weit verbreitet sind. Besonders bedenklich: Jeder f\u00fcnfte Jugendliche hat mehrmals in der Woche Kopfschmerzen. Jeder Dritte leidet zudem unter Bauchschmerzen oder Appetitlosigkeit.<\/p>\n<p>Alarmiert ist auch der Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerd Schulte-K\u00f6rne: Der steigende Leistungsdruck in der Schule treibe viele Kinder in eine chronische \u00dcberforderung. \u201eDass jetzt schon Erstkl\u00e4ssler Angst haben, in der Schule zu versagen, ist erschreckend\u201c, sagte der M\u00fcnchner Professor dem Forschungsmagazin seiner Hochschule. Schon 3 Prozent der Grundsch\u00fcler und 6 Prozent der Jugendlichen seien depressiv.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Die Hauptursache f\u00fcr das weitverbreitete Stressempfinden unter Sch\u00fclern d\u00fcrfte f\u00fcr viele unzweifelhaft sein: hohe Anforderungen im auf acht Jahre verk\u00fcrzten Gymnasium. Der Pr\u00e4sident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht das etwas anders: \u201eJe besser die Lebensumst\u00e4nde sind, desto mehr wird auf hohem Niveau gejammert.\u201c Den Sch\u00fclern w\u00fcrden Stressgef\u00fchle geradezu indoktriniert. Schuld seien Eltern, die ihre Kinder immer mehr verw\u00f6hnten, verschonten und \u00fcberbeh\u00fcteten.<\/p>\n<p>Nach Ansicht des Bielefelder Stressforschers Arnold Lohaus, der die Pr\u00e4ventionskurse f\u00fcr die Techniker Krankenkasse entwickelt hat, spricht hingegen einiges daf\u00fcr, dass auch das Gymnasium, vor allem G8, einen Anteil an dem zunehmenden Schulstress hat. Den Stoff zu reduzieren w\u00e4re schon wichtig, sagt Lohaus. Wegen G8 h\u00e4tten die Sch\u00fcler weniger Freizeit. Die sei als Ausgleich f\u00fcr die hohe Belastung in der Schule aber wichtig. Doch Lohaus sieht auch eine Verantwortung der Eltern: Die Lage spitze sich zu, wenn der Erwartungsdruck von Eltern hinzukomme, die unbedingt wollten, dass das Kind mindestens das erreiche, was sie selbst erreicht haben &#8211; oder sie noch \u00fcbertreffen solle.<\/p>\n<h2>Eltern wollen, dass Kinder wieder \u201efunktionst\u00fcchtig\u201c werden<\/h2>\n<p>In die M\u00fcnchner Coachingpraxis von Alexandra Laufer kommen Kinder, die in der Schule nicht mehr so funktionieren, wie die Eltern sich das w\u00fcnschen. \u201eSie kommen, wenn ihr Leistungsabfall durch Nachhilfe, Ergotherapie oder \u00c4hnliches nicht mehr abgepuffert werden kann. Das Anliegen der Eltern: Das Kind soll wieder funktionst\u00fcchtig werden\u201c, sagt Laufer, die ansonsten F\u00fchrungskr\u00e4fte coacht. Die Kinder, die zu ihr kommen, sind in der Regel zwischen neun und elf Jahren jung und machen etwa ein Drittel ihrer Klienten aus. Die eine H\u00e4lfte stammt aus Familien mit offensichtlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder zerr\u00fctteten Ehen, die anderen stehen unter einem \u201ewahnsinnigen\u201c Erwartungsdruck ihrer Eltern. \u201eEs ist f\u00fcr mich fast unm\u00f6glich, mit diesen Kindern Termine auszumachen. Das geht mit einer F\u00fchrungskraft der h\u00f6chsten Ebene leichter\u201c, erz\u00e4hlt Laufer. \u201eManchmal geht es nur am Samstagvormittag.\u201c Eine \u201eWochenarbeitszeit\u201c aus Schule, Hausaufgaben und zus\u00e4tzlicher Sport- und Musikerziehung von bis zu 45 Stunden sei f\u00fcr diese Kinder normal. Da bleibe keine freie Zeit mehr f\u00fcr die Selbstregulation. \u201eStress ist eigentlich etwas Selbstverst\u00e4ndliches, und Kinder k\u00f6nnen gut lernen, damit umzugehen. Doch daf\u00fcr brauchen sie Auszeiten.\u201c Sie sollten einfach mal Lust und Laune haben d\u00fcrfen, einfach mal frei sein.<\/p>\n<p>In den ersten Stunden sitzen ganz unterschiedliche Kinder vor ihr. \u201eManche schauen mich kaum an, andere sind aggressiv und bockig, wieder andere tun so, als sei alles gar nicht so schlimm.\u201c Laufer baut ein Vertrauensverh\u00e4ltnis auf. \u201eDann erz\u00e4hlen Kinder, dass sie Angst haben, schlechter in der Schule zu werden, weil die Mama dann so traurig wird. Oder dass viel Stress in der Familie entsteht, wenn sie schlechte Noten haben.\u201c<\/p>\n<p>Entwicklungspsychologisch ist es so, dass die Entwicklung eines Kindes schlechter verl\u00e4uft, wenn keine gute Bindung zu den Eltern existiert. Deshalb tun Kinder instinktiv alles f\u00fcr eine gute Bindung. Und sie bekommen Schuldgef\u00fchle, wenn sie glauben, einen Anteil am Stress in der Familie zu haben. Laufer arbeitet mit den Kindern auch an diesen Bewertungen: Ist die Mama wirklich wegen der Drei in Mathe so traurig? Wenn das Leistungsdenken der Eltern sehr stark ausgepr\u00e4gt ist, ist es f\u00fcr die Therapeutin schwer voranzukommen. Wenn sie ihnen zum Beispiel r\u00e4t, einfach mal herumzutr\u00f6deln, dann brechen sie das Coaching ab. \u201eSolche Eltern lassen sich erst die Augen \u00f6ffnen, wenn der Leidensdruck maximal ist, wenn die Leistungseinbr\u00fcche maximal sind, wenn sie sehen, dass es nicht mehr funktioniert.\u201c<\/p>\n<p>Wie viel Stress in ihrem Gymnasium herrscht und welchen Anteil G8 daran hat, wollten Sch\u00fcler der Frankfurter Carl-Schurz-Schule wissen. Sie f\u00fchrten eine Umfrage durch und berichteten vor kurzem in dieser Zeitung \u00fcber die Ergebnisse. J\u00fcngere Sch\u00fcler f\u00fchlten sich deutlich gestresster als \u00e4ltere- Letztere waren sogar in gro\u00dfer Zahl der Meinung, gen\u00fcgend Freizeit zu haben, und blickten zuversichtlich in Richtung Abitur. Die j\u00fcngeren klagten hingegen \u00fcber zu wenig freie Zeit. Viele Sch\u00fcler gaben auch an, sich nicht nur selbst zu stressen, sondern auch von ihren Eltern unter Druck gesetzt zu werden. Ein Sch\u00fcler, der an der Umfrage beteiligt war, dr\u00fcckte es so aus: \u201eEs entsteht bei einigen das Gef\u00fchl, dass man immer die besten Leistungen bringen muss, um alle zufriedenzustellen und niemanden zu entt\u00e4uschen. Meiner Ansicht nach wird es einem ja immer eingetrichtert, dass man heutzutage ohne Abi so gut wie gar keinen Beruf aus\u00fcben kann.\u201c Therapeutin Laufer sagt, man k\u00f6nne den Stress der Sch\u00fcler kaum von dem Verhalten der Eltern trennen. \u201eWenn viel Druck in der Schule ist, dann kommt es darauf an, wie Eltern damit umgehen: Sagen sie, nicht so schlimm, das Gymnasium ist nicht alles, oder sagen sie, du musst es unbedingt schaffen?\u201c<\/p>\n<p>Kinder und Eltern unter Schulstress &#8211; nach Studien der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist das in Deutschland ein Massenph\u00e4nomen. \u201eSchule ist in vielen Familien das dominierende Thema am Nachmittag. Unterrichtsausfall oder ein krankes Kind l\u00f6sen dort sofort Druck aus\u201c, sagt Christine Henry-Huthmacher, Bildungsexpertin der KAS. Stress herrsche vor allem in der Mittelschicht. Die Oberschicht kaufe sich frei, schicke ihre Kinder auf Privatschulen mit individueller Betreuung, in der Unterschicht herrsche oft Resignation. Die Stoffmenge auf dem Gymnasium habe enorm zugenommen, sagt Henry-Huthmacher. Details m\u00fcssten gelernt werden &#8211; da frage man sich schon, wozu. Das verunsichere Eltern. Gleichzeitig findet nach den Erkenntnissen der KAS nur ein Zehntel, dass sich ihre Kinder wirklich ins Zeug legten, um etwas zu erreichen. Auch die Lehrer beklagten eine mangelnde Leistungsbereitschaft &#8211; und forderten sie von den Eltern ein. \u201eGibt es dann Probleme in der Schule, entm\u00fcndigen die Eltern ihre Kinder. Vor allem M\u00fctter setzen sich dann nachmittags hin, lernen mit ihren Kindern und werden so zu Hilfslehrerinnen\u201c, sagt Henry-Huthmacher.<\/p>\n<p>Wer Kinder auf dem Gymnasium hat, wird problemlos Belege f\u00fcr ein \u00fcberaus gro\u00dfes Engagement von Eltern, vor allem von M\u00fcttern finden. Die Termine von Klassenarbeiten und den geforderten Stoff k\u00f6nnen viele M\u00fctter aus dem Effeff nennen. Oft sagen sie: \u201eMorgen schreiben wir (!) eine Klassenarbeit.\u201c Eine nicht untypische Mutter, die jeden Nachmittag der Hausaufgabenbetreung ihrer Tochter widmete, lie\u00df die Z\u00fcgel etwas locker. Daraufhin schrieb das Kind eine Vier. \u201eDas geht nicht. Ich muss nun wieder regelm\u00e4\u00dfig mit ihr lernen.\u201c Die Zahl der Freizeitaktivit\u00e4ten wurde auf drei zur\u00fcckgef\u00fchrt. Daf\u00fcr gibt es nun Nachhilfe.<\/p>\n<h2>Ohne G8 w\u00e4re auch Druck da<\/h2>\n<p>\u201eDer Erfolg der Kinder in der Schule hat einen dominanten Stellenwert bekommen, auch zur Legitimation der eigenen Erziehung\u201c, sagt Henry-Huthmacher. Ohne G8 w\u00e4re auch Druck da, ist sie \u00fcberzeugt. Denn f\u00fcr viele Eltern sei das Abitur das Mindeste.<\/p>\n<p>Stressforscher Lohaus warnt freilich vor zu viel Panik in Sachen Schulstress. Und er warnt davor, Kinder vor jeglichem Stress zu retten. \u201eStresserfahrungen lehren Kinder, mit Stress umzugehen. Schlie\u00dflich wird man auch sp\u00e4ter mit Stress zu tun haben.\u201c Eltern sollten aber auf \u00dcberforderungssignale achten. Dazu geh\u00f6ren Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Einschlafprobleme, ein starker Leistungsabfall in der Schule und ein R\u00fcckzug aus dem Freundeskreis. Alarmierend ist dies, wenn es zum Dauerzustand wird. Ansonsten sollten es Eltern auch mal laufen lassen, sagt Lohaus. Vor allem aber seien sie in ihrem eigenen Umgang mit Stress den Kindern ein wichtiges Vorbild.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/gestresste-kinder-schueler-in-der-optimierungsfalle-12675373.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/gestresste-kinder-schueler-in-der-optimierungsfalle-12675373.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder halten viel aus, brauchen aber ihre Auszeiten und gelassene Eltern. Doch gerade M\u00fctter \u00fcbertreiben oft ma\u00dflos. Sie erziehen die Burn-out-Kandidaten von morgen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[511,361,2058],"tags":[266,2168,1086,770,2169],"class_list":["post-20496","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familie","category-gesellschaft","category-home","tag-deutschland","tag-grundschule","tag-konrad-adenauer-stiftung","tag-stress","tag-tkk"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20496","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20496"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20496\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20496"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20496"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20496"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}