{"id":20411,"date":"2013-11-25T15:46:33","date_gmt":"2013-11-25T15:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20411"},"modified":"2013-11-25T15:46:33","modified_gmt":"2013-11-25T15:46:33","slug":"ein-allroundtalent-im-einsatz-gegen-krebs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20411","title":{"rendered":"Ein Allroundtalent im Einsatz gegen Krebs"},"content":{"rendered":"<p>Acetylsalicyls\u00e4ure wird zu einem Hoffnungstr\u00e4ger der Krebsmedizin. Schon gilt das g\u00e4ngige Medikament als \u201eSuperdroge\u201c. Allerdings profitieren nicht alle Patienten gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Bayer h\u00e4tte sich keine bessere Werbung f\u00fcr das zum eigenen Markenzeichen gewordene Aspirin w\u00fcnschen k\u00f6nnen: Der bislang gr\u00f6\u00dfte Krebskongress auf europ\u00e4ischem Boden (European Cancer Congress) unter der Regie von gleich mehreren Krebsgesellschaften widmete der \u201eWunderdroge Aspirin\u201c in Amsterdam unl\u00e4ngst eine eigene wissenschaftliche Sitzung. Vor einem vollen Saal hatte allen voran die Ern\u00e4hrungswissenschaftlerin Cornelia Ulrich, Leiterin der Abteilung Pr\u00e4ventive Onkologie und Mitglied im Direktorium des Nationalen Centrums f\u00fcr Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, jene Argumente vortragen d\u00fcrfen, die die Substanz derzeit zu dem Hoffnungstr\u00e4ger einer pharmakologisch ausgerichteten Krebspr\u00e4vention machen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die internationale Forschergemeinde schlicht von Aspirin spricht, wenn sie die Substanz Acetylsalicyls\u00e4ure oder ASS meint, ist hierzulande \u201eAspirin\u201c der Handelsname, unter dem die Substanz von Bayer verkauft wird- es gibt aber auch andere Produkte mit ASS. ASS ist zwar haupts\u00e4chlich als Hemmstoff der Blutgerinnung und als Schmerzmittel bekannt. Es entfaltet jedoch ebenfalls vielf\u00e4ltige Schutzfunktionen gegen\u00fcber Krebszellen, insbesondere gegen Darmkrebs. So soll eine regelm\u00e4\u00dfige Einnahme von ASS \u2013 beispielsweise zur Blutverd\u00fcnnung nach einem Infarkt \u2013 das Auftreten von Darmkrebs um rund vierzig Prozent verringern. Au\u00dferdem wiesen Patienten unter ASS weit seltener Fernmetastasen auf, wenn sie bereits von einem Tumor befallen waren. Offenbar bedarf es einer gewissen Zeitspanne, bis sich die krebshemmende Wirkung entfaltet, erst nach f\u00fcnf bis zehn Jahren l\u00e4sst sich der Nutzen \u00fcberzeugend belegen. Lange Zeit wurde debattiert, ob auch eine geringere Dosis \u2013 der \u201elow dose\u201c-Gebrauch ist vor allem im Rahmen der Gerinnungshemmung \u00fcblich \u2013 oder eine seltenere Einnahme ebenfalls erfolgreich die Darmkrebsrate verringert. Auch hier verdichtet sich die Beweislage daf\u00fcr, dass selbst unter geringen Dosen der Schutzschild noch funktioniert, so jedenfalls das Ergebnis einer in diesem Sommer erschienenen Studie (\u201eAnnals of Internal Medicine\u201c Bd.159(2), S.77).<\/p>\n<h2>\u00dcberzeugende Daten<\/h2>\n<p>Da ASS mit einer gr\u00f6\u00dferen Blutungsneigung einhergeht, argw\u00f6hnten einige Experten, dies k\u00f6nne schlicht dazu gef\u00fchrt haben, dass nur \u00f6fter Blut im Stuhl bei der Darmkrebsvorsorge nachgewiesen wird und diese Patienten sorgf\u00e4ltiger im Rahmen der Vorsorge untersucht werden. Das hie\u00dfe, man entdeckte Polypen oder Adenome unter einer ASS-Therapie zwar fr\u00fcher, aber eine echte antikanzerogene Wirkung w\u00e4re nicht vorhanden. Diese Zweifel konnten jedoch ausger\u00e4umt werden, denn andere Hemmer der Blutgerinnung, etwa Vitamin K-Antagonisten, verringern die Darmkrebsrate eben nicht. Besonders \u00fcberzeugend sind jene Daten aus einer Reihe von Studien, die zeigen konnten, dass ASS insbesondere bei dem genetisch fixierten Lynchsyndrom das bei diesen Personen deutlich erh\u00f6hte Darmkrebsrisiko erheblich verringern kann.<\/p>\n<p>So gut der Zusammenhang zwischen geringerem Darmkrebsrisiko und ASS mithin belegt werden kann, die Frage bleibt \u2013 wie macht ASS das? Darauf gibt es viele Antworten: Seine Wirkung auf die zirkulierenden Blutpl\u00e4ttchen k\u00f6nnte bei der Verbreitung von Krebszellen hinderlich sein, ASS spielt offenbar bei der Apoptose, dem programmierten Zelltod, eine Rolle, es hat wom\u00f6glich Einfluss auf die Mutationsrate \u2013 bei den sich oft regenerierenden Oberfl\u00e4chen wie der Darmschleimhaut k\u00f6nnte das wichtig sein \u2013 und ASS kann sogar die Wirkung verschiedener Medikamente, etwa von Cisplatin und Interferon-Alpha, auf Krebszellen modulieren. Eine besonders einleuchtende Hypothese, auf die Ulrich in Amsterdam einging, lautet, dass ASS entz\u00fcndungsf\u00f6rdernde Mediatoren in Schach h\u00e4lt. Denn seine schmerzhemmende Wirkung entfaltet sich \u00fcber den Eingriff in die Synthese der daf\u00fcr verantwortlichen Prostaglandine. Eine erh\u00f6hte Zirkulation entz\u00fcndungsf\u00f6rdernder Mediatoren im K\u00f6rper gilt ihrerseits als N\u00e4hrboden f\u00fcr die Entwicklung von Krebs. Die Blockade der innerhalb dieser Synthesewege entscheidenden Enzyme, der Cyclooxygenasen 1 und 2, variiert indes betr\u00e4chtlich zwischen Individuen.<\/p>\n<h2>Genvarianten sind entscheidend<\/h2>\n<p>Ulrich zeigte Studienergebnisse, darunter auch noch nicht ver\u00f6ffentlichte aus den Heidelberger Forschungslaboren, wonach bestimmte Genvarianten dar\u00fcber bestimmen, wie gut beim einzelnen Patienten etwa die Pl\u00e4ttchenfunktion als Weichensteller der Blutgerinnung reagiert. Gleichzeitig modulieren die genetischen Varianten aber auch die Tumorhemmung. Das schaffe, so Ulrich, einen Spielraum daf\u00fcr, die bestm\u00f6glichen Effekte f\u00fcr den Patienten herauszuholen: Anhand dieser Risikokriterien lie\u00dfen sich k\u00fcnftig wom\u00f6glich Gruppen definieren, die von den krebshemmenden Eigenschaften des ASSs profitieren k\u00f6nnten, ohne dass die unerw\u00fcnschte Nebenwirkung des erh\u00f6hten Blutungsrisikos diese g\u00fcnstige Wirkung konterkariert.<\/p>\n<p>Eine Arbeitsgruppe aus der chirurgischen Universit\u00e4tsklinik der Universit\u00e4t Leiden pr\u00e4sentierte in Amsterdam erste Ergebnisse von 999 Darmkrebspatienten, deren Gewebstypisierung \u2013 die HLA-Klasse \u2013 dar\u00fcber entschied, ob ASS den Verlauf der Krebserkrankung verhindern konnte. Alle nahmen ASS in niedriger Dosis ein, aber nicht alle profitierten. Wie die Leiterin der Untersuchung, Marlies Reimers, erl\u00e4uterte, war das Risiko, innerhalb von vier Jahren nach der Diagnose zu sterben, bei jenen Patienten, deren Tumorzellen zur HLA-Klasse 1 geh\u00f6rten, nur halb so gro\u00df wie das derjenigen Krebskranken, die einen anderen Typ aufwiesen. Solche Beobachtungen befeuern derzeit eine Vielzahl von Studien, in denen ASS bereits gezielt im Hinblick auf seine anti-kanzerogenen Eigenschaften bei Krebspatienten getestet wird. Denn die fr\u00fcheren Studiendaten stammten von Patienten, die ASS ohnehin wegen einer anderen Erkrankung einnahmen. Jetzt testet man es bereits als echtes Adjuvans zur Chemotherapie und als rein prophylaktisches Medikament.<\/p>\n<h2>Hohe Erwartungen an die \u201eSuperdroge\u201c<\/h2>\n<p>Die zunehmende Aufkl\u00e4rung der genetisch bedingten Wirkunterschiede erkl\u00e4rt auch manchen widerspr\u00fcchlichen Befund im Hinblick auf andere Krebsarten. In Amsterdam \u00fcbernahm Cristina Bosetti, Mathematikerin und Epidemiologin am Mario Negri Institut in Mailand, die Aufgabe, die teilweise hochgesteckten Erwartungen an die Superdroge ASS mit ihrer differenzierten Darstellung zu d\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Was die Verhinderung von Krebs angeht, so ist das Bild n\u00e4mlich keineswegs einheitlich. So gibt es zwar Hinweise, dass ASS auch bei Lungenkrebs eine g\u00fcnstige Wirkung auf den Verlauf haben k\u00f6nnte, aber auch hier offenbarte sich dies erst, nachdem man das Schicksal der Betroffenen \u00fcber zwanzig Jahre hinweg verfolgt hatte. Es sieht so aus, dass in diesem Fall auch nur die M\u00e4nner profitieren. Auch beim Prostatakrebs gilt es, lange zu warten, bis sich Ergebnisse zeigen und ob ASS bei Brustkrebs n\u00fctzt, h\u00e4ngt offenbar vom Hormonrezeptorstatus der Krebszellen ab. Betrachtet man Eierstocks- und Geb\u00e4rmutterkrebs und den schwarzen Hautkrebs (Melanom), so lassen sich offenbar keine konsistenten Ergebnisse berichten. Von einer Empfehlung, ASS gezielt bei Krebspatienten zur Behandlung einzusetzen, wollte denn auch niemand sprechen.<\/p>\n<p>Wer angesichts des g\u00fcnstigen Preises und der freien Verf\u00fcgbarkeit dieses Medikamentes vorhat, sich einfach selbst vorbeugend zu behandeln, sollte bedenken, dass es auch nachteilige Beobachtungen im Zusammenhang mit Krebserkrankungen gibt. Das gilt f\u00fcr den Nierenzellkrebs, der offenbar unter ASS h\u00e4ufiger vorkommt, obwohl dieser Befund im Amsterdam aufgrund des Studiendesigns angezweifelt wurde. Au\u00dferdem wurde ein geh\u00e4uftes Auftreten von bestimmten Formen des Lymphdr\u00fcsenkrebses, den Non-Hodgkin-Lymphomen, unter ASS beobachtet. Schlie\u00dflich ist ASS offenbar auch nicht in jeder Kombination mit einer Chemotherapie nur n\u00fctzlich, was in Br\u00fcssel nicht zur Sprache kam. So schw\u00e4cht es die wachstumshemmende Wirkung von Methotrexat auf Lungenkrebszellen, wie eine Arbeit erst k\u00fcrzlich nachwies (\u201eOncology Reports\u201c, doi: 10.3892\/or.2013.2561). Es l\u00e4uft darauf hinaus, dass ohne eine genauer Charakterisierung der Patienten auch das Allroundtalent ASS nicht einfach nach dem Gie\u00dfkannenprinzip verteilt werden darf, so verlockend eine allgemeine Krebspr\u00e4vention oder Zusatztherapie mit solch einer Substanz auch sein mag.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/acetylsalicylsaeure-aspirin-co-ein-allroundtalent-im-einsatz-gegen-krebs-12669805.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/acetylsalicylsaeure-aspirin-co-ein-allroundtalent-im-einsatz-gegen-krebs-12669805.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acetylsalicyls\u00e4ure wird zu einem Hoffnungstr\u00e4ger der Krebsmedizin. 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