{"id":20199,"date":"2013-11-20T15:59:25","date_gmt":"2013-11-20T15:59:25","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=20199"},"modified":"2013-11-20T15:59:25","modified_gmt":"2013-11-20T15:59:25","slug":"im-namen-der-kohle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=20199","title":{"rendered":"Im Namen der Kohle"},"content":{"rendered":"<p>Die stolzen polnischen Kumpels wollen nichts wissen vom Klimawandel. Die Regierung hat sich auch deshalb die Weltklimakonferenz ins Land geholt, um die eigenen Interessen st\u00e4rker vertreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Kohle liegt tief. Die M\u00e4nner haben ihre Oberk\u00f6rper entbl\u00f6\u00dft, die Schicht war hart, und es ist hei\u00df hier unten. In Str\u00f6men flie\u00dft es an ihnen herunter, aus den Haaren, aus den Poren, schwarz gl\u00e4nzend im Licht der Grubenlampen. Schwei\u00df und dieser feine dunkle Staub, der \u00fcberall eindringt, in jede Falte, in den Mund, unter die Lider. Das Ende der Schicht am Schacht Pawel, Tiefe 850.<\/p>\n<p>Schon bevor man die M\u00e4nner sah, hat man sie aus der Dunkelheit h\u00f6ren k\u00f6nnen, schwer auftretend in ihren Arbeitsstiefeln, im langen R\u00fcckmarsch zur Grubenbahn. Kehlige Rufe, auf Polnisch und im schlesischen Dialekt, Gel\u00e4chter, M\u00e4nnervokabular, derb, direkt, nichts f\u00fcr zarte Seelen. Jetzt sind sie da, am Endpunkt der Bahn, und noch bevor sie sich, immer noch rufend und lachend, in die engen Blechwagen gequetscht haben, ist schon alles ausgezogen: Arbeitsjacken, Hosen, Hemden.<\/p>\n<h2>\u201eBergbau, das ist eine m\u00e4nnliche, eine edle Arbeit\u201c<\/h2>\n<p>Noch einmal helle K\u00f6rper im Lampenstrahl, schwarze Gesichter, dann ein metallisches Rucken, ein Hupen, und ab geht es zum Fahrkorb, hinauf ans Licht. \u201eBergbau, das ist eine m\u00e4nnliche, eine edle Arbeit.\u201c Adam Rams, B\u00fcrgermeister der Stadt Knurow im polnischen Bergbaugebiet Oberschlesien, ist 27 Jahre in die Grube eingefahren. Mit 19 hat er begonnen, noch zu sozialistischer Zeit, gleich nach dem Milit\u00e4rdienst bei den Fallschirmj\u00e4gern, wie er stolz bemerkt. Damals gab es noch keinen vollmechanisierten Abbau.<\/p>\n<p>Die gewaltigen Maschinen, die heute in Staub und Get\u00f6se die Kohle abfr\u00e4sen wie riesige H\u00f6hlensaurier, hatten Hacke und Schaufel noch nicht verdr\u00e4ngt, und seine Mutter arbeitete noch in der Schie\u00dfpulverfabrik, die es l\u00e4ngst nicht mehr gibt. \u201eDie Arbeit unter Tage verlangt Mut, Anstrengung, Solidarit\u00e4t.\u201c Der B\u00fcrgermeister hat seine Worte nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Der Bergbau in Polen ist unter Druck. Das Land produziert bis heute neunzig Prozent seines Stroms in Kohlekraftwerken \u2013 das ist mehr als das Doppelte des Kohleanteils in Deutschland \u2013, und die EU dringt auf Minderung.<\/p>\n<p>                \t                                                                <!-- \/6 --><!-- \/5 --><!-- mmobjecttypbox_content close --> <!-- \/3 --><!--\/\/ Abbinder \/\/--><!-- Ende div class=\"LargeLeft\" --><!-- Ende div class=\"LargeRight\" --><\/p>\n<form action=\"#\" method=\"post\" class=\"PulldownFrm\">\n<fieldset><span class=\"FrmLabel\">Permalink<\/span><input readonly=\"readonly\" type=\"text\" value=\"http:\/\/www.faz.net\/-gq4-7jljf\" name=\"[NAME]\" class=\"TextReadOnly\"\/><\/fieldset>\n<\/form>\n<p><!-- Ende div class=\"ArtikelFunktionPulldownInner\" --><!--\/\/ 2 Per EMail versenden \/\/--><\/p>\n<form action=\"#\" method=\"post\" class=\"PulldownFrm\">\n<fieldset><\/fieldset>\n<\/form>\n<p><!--\/\/ 4 EMail Best\u00e4tigung \/\/--><!--\/\/ End Pulldown \"Weitersagen\" \/\/-->                    <a title=\"Facebook\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/share.php?u=http%3A%2F%2Fwww.faz.net%2F-gq4-7jljf\" class=\"ArtikelFunktion Facebook Icon\"> <\/a><a title=\"Twitter\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/twitter.com\/home\/?status=%40faz_net%3A+Bergbau+in+Polen%3A+Im+Namen+der+Kohle+http%3A%2F%2Fwww.faz.net%2F-gq4-7jljf+%23faz\" class=\"ArtikelFunktion Twitter Icon\"> <\/a><a title=\"Google+\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/plus.google.com\/share?hl=de&#038;url=http%3A%2F%2Fwww.faz.net%2F-gq4-7jljf\" class=\"ArtikelFunktion GPlus Icon GETS-lk-artikel.buttons.googleplus-lp-funktion\"> <\/a><a title=\"Video weitersagen\" id=\"informOthersLink9\" class=\"ArtikelFunktion Weitersagen\">Weitersagen<\/a><a title=\"Video empfehlen\" href=\"#\" class=\"ArtikelFunktion Empfehlen First 1_2663996\"><\/a><!-- modal content --><!-- \/modal content -->    <a title=\"Video merken\" class=\"ArtikelFunktion Merken left\">Merken<\/a><!-- \/3 --><!-- \/2 --><script type=\"text\/javascript\">jQuery(document).ready(function () {FAZ.Informer.create('#PDWeitersagen_9', '#informOthersLink9', 'http:\/\/www.faz.net\/-gq4-7jljf')-})-<\/script><!-- \/2 --><!-- \/1 --><script type=\"text\/javascript\">jQuery(document).ready(function () {initEmpfehlen(\"1.2663996\", \"\/2.252\/2.1648\/2.1651\/2.1677\", \"VIDEO\", 3)-FAZ.Merken.initMerken(\"1.2663996\", \"VIDEO\")-})-<\/script><script type=\"text\/javascript\">$(document).ready(initTextFields)-<\/script><span class=\"Bildnachweis hideMMElements\">&#038;copy- Lina Schuller, FAZ.NET<\/span><\/p>\n<p class=\"Bildunterschrift hideMMElements\">Bergbau in Polen: Kumpel in Sorge<\/p>\n<p class=\"Bildueberschrift hideMMElements\">Kumpel in Sorge<\/p>\n<p class=\"Bildbeschreibung hideMMElements\">\n<p>        <script type=\"text\/javascript\">imgTxtsize(\"overlay_1_2663996Id_content\")-<\/script><!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->                                                                <span class=\"Bildnachweis\">&#038;copy- Lina Schuller, FAZ.NET<a href=\"#overlay_1_2663996Id\" title=\"Vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"BildGroesse right\"  onclick='imgTxtsize(\"overlay_1_2663996Id\")- ToggleSingle(\"overlay_1_2663996Id\",\"handleAds\")-'><img decoding=\"async\" alt=\"Vergr\u00f6\u00dfern\" src=\"http:\/\/www.faz.net\/img\/icon_enlarge.gif\"><\/a><\/span><span class=\"Bildunterschrift\">Bergbau in Polen: Kumpel in Sorge<\/span><\/p>\n<p>Weniger Kohle aber hie\u00dfe, dass Bergbauregionen wie Oberschlesien, St\u00e4dte wie Knurow jenen Weg einschlagen m\u00fcssten, den deutsche Bergarbeiterst\u00e4dte schon in den siebziger Jahren w\u00e4hlten, als das Ruhrgebiet seinen langen Abschied von der Montanwirtschaft begann. Die polnische Gesellschaft aber, die nach Generationen von Armut, Diktatur und Transformationskrise zum ersten Mal ein wenig Wohlstand genie\u00dft, wehrt sich. Vom Kumpel am Fl\u00f6z bis zum Ministerpr\u00e4sidenten in Warschau, von den Oppositionsb\u00e4nken bis ins Regierungslager, in Kirchen und Gewerkschaften sind sich alle einig: Wer die Kohle angreift, und sei es auch zur Rettung des Weltklimas, greift Polen an.<\/p>\n<p>Mehr als einmal hat die Regierung Donald Tusk in Br\u00fcssel gegen die Klimapolitik der anderen Europ\u00e4er ihr Veto eingelegt, und sie hat die UN-Klimakonferenz, die gerade in Warschau tagt, unter anderem deswegen ins Land geholt, um als Gastgeber Polens \u201eoffensive und defensive Interessen\u201c umso besser verteidigen zu k\u00f6nnen, wie Umweltminister Marcin Korolec es ausgedr\u00fcckt hat. Der Appell des B\u00fcrgermeisters an die Bergmannstugenden Mut, Anstrengung und Solidarit\u00e4t ist damit ein Aufruf an die Nation: gemeinsam f\u00fcr die polnische Kohle, zusammen gegen die Klimapolitiker von Berlin und Br\u00fcssel.<\/p>\n<h2>Die melancholische Einf\u00f6rmigkeit aus Beton<\/h2>\n<p>Janusz Sacha und Walter Pisula blicken von ihrem Balkon. Wohnblocks, klein und sauber, ein paar Renaults und Opels, ebenfalls klein und sauber. Die Siedlung \u201ePolnisches Heer 2\u201c (Wojska Polskiego 2) strahlt die melancholische Einf\u00f6rmigkeit aller Plattenviertel zwischen Elbe und Wladiwostok aus, doch bei allem Betongrau ist sie gut in Schuss. Vor den Balkonen die dunstige Weite des oberschlesischen Industriegebiets: zersiedeltes Land, F\u00f6rdert\u00fcrme, Abraumhalden, wahllos vermischt mit Baum\u00e4rkten und Tankstellen.<\/p>\n<p>Hinten die im ernsten Stil der Zwischenkriegszeit erbaute Kirche der heiligen Kyrill und Method, weiter vorne als architektonischer Glanzpunkt ein rosa gestrichenes, mittlerweile aber im schlesischen Kohledunst ergrautes Beton-Ufo, die Kirche der Muttergottes von Tschenstochau. Dampfwolken eines Kraftwerks verflie\u00dfen am grauen Horizont, farblose Schreberg\u00e4rten ziehen sich in die Brachen. Und nat\u00fcrlich Blocks und wieder Blocks, die Heime der M\u00e4nner aus der Grube. Die Stadt ist das Bergwerk, das Bergwerk ist die Stadt.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Janusz Sacha und Walter Pisula sind Bergleute wie fast alle hier, vor allem aber sind sie Schwiegersohn und Schwiegervater, eng verbunden. Man h\u00f6rt es gleich, wenn der J\u00fcngere, Janusz, den \u00c4lteren, Walter, ebenso respektvoll wie famili\u00e4r mit \u201eTatusiu\u201c anredet, was \u201eTatuschju\u201c ausgesprochen wird und mit dem deutschen Wort \u201eV\u00e4terchen\u201c nur unvollkommen \u00fcbersetzt werden kann. Um sie herum die Accessoires des ersten kleinen Wohlstands: Hirschdeckchen am Kaffeetisch, die Wohnung nicht gro\u00df, aber peinlich sauber. Das Wohnzimmer ist neu m\u00f6bliert (Eiche im alten Stil), wenn auch in der Gr\u00f6\u00dfe ein wenig reduziert, weil Janusz ein Zimmerchen abgetrennt hat.<\/p>\n<p>Dort steht jetzt das Ehebett unter einer Fototapete: Strand, Palmen, Sonnenuntergang. Die Geschichte der beiden M\u00e4nner ist die Geschichte Oberschlesiens. Walter, der \u00c4ltere, ist ein \u201eHannes\u201c, wie es hier halb sp\u00f6ttisch, halb achtungsvoll hei\u00dft. Seine Familie hat die \u201edeutsche Zeit\u201c noch erlebt, die Zeit, als Knurow preu\u00dfisch war und begann, sich von einem verlorenen D\u00f6rfchen am Ende des Reiches in eine veritable Industriestadt zu verwandeln \u2013 nicht zuletzt dank seiner Kohlegrube, die Berginspektor Otto von Velsen, ein strenger Mann mit imponierendem Stehkragen, 1906 er\u00f6ffnet hatte.<\/p>\n<h2>Als junger S\u00e4nger mit Berkwerksband<\/h2>\n<p>Walter Pisulas Vater und sein Gro\u00dfvater seligen Angedenkens (die gottgef\u00e4llige Formel bleibt nie aus, wenn im katholischen Schlesien von Toten die Rede ist), Bergleute wie er, hatten noch deutsch gesprochen. Und er selbst kann aus Kinderzeiten immerhin noch \u201eVater unser\u201c sagen, wenn auch das anschlie\u00dfende \u201eder du bist im Himmel\u201c nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Deutsche im nunmehr polnischen Schlesien verboten war, dem Vergessen anheimfiel. Sp\u00e4ter ist dem alten Herrn seine fr\u00fche Mehrsprachigkeit offenbar noch zugutegekommen.<\/p>\n<p>Die Fotos in seinem Album zeigen ihn als jungen S\u00e4nger mit der Bergwerksband \u201eEstrada\u201c in den Schlaghosen der siebziger Jahre Elvis Presley nachspielen, die Beatles und Vicky Leandros \u2013 von \u201eAkropolis adieu\u201c bis \u201eLove Me Do\u201c. Wenn Schwiegervater Walter ein \u201eHannes\u201c ist, so ist Schwiegersohn Janusz ein \u201eGorol\u201c. Auch dieses Wort wird in Oberschlesien nicht ohne Spott und Achtung verwendet. \u201eGorole\u201c n\u00e4mlich sind die Zugereisten aus dem Osten, die in die schlesischen Gruben kamen, als nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil der deutschen Bev\u00f6lkerung geflohen oder vertrieben worden war, w\u00e4hrend die, welche blieben, ihre deutschen Vaterunser schnell verga\u00dfen.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Die \u201eGorole\u201c kamen aus allen Teilen des von deutschen Besatzern verw\u00fcsteten Polen, vor allem aus den verlorenen \u00f6stlichen Provinzen, welche der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Krieg abtrennte und deren polnische Bewohner damals ebenso gen Westen deportiert wurden wie die Deutschen aus den gewesenen Ostgebieten des Reiches. Januszs Gro\u00dfvater hatte als polnischer Soldat unter sowjetischem Kommando noch am Endkampf um Berlin teilgenommen. Die Familie musste zu Beginn der sozialistischen Zeit aus der heutigen Westukraine fort, Vater und Mutter gingen schlie\u00dflich in die Gruben.<\/p>\n<p>Das Land lag in Tr\u00fcmmern, Kohle war wertvoll wie Gold, und so kamen sie nach Schlesien. Die Bezahlung war hier schon im Sozialismus besser als anderswo. Ordentliche, wenn auch charmelose Blockwohnungen, sonst im zerst\u00f6rten Polen knapp wie nahtlose Nylons, wurden zum \u00c4rger der heimischen \u201eHannes\u201c schnell zugeteilt, und wer in den Gruben ordentlich malochte, hatte Aussicht, sich in k\u00fcrzester Zeit den \u201eRubin\u201c leisten zu k\u00f6nnen, den sowjetischen Farbfernseher mit Furnierverkleidung, der vielen damals fast so fern schien wie ein Palmenstrand im Sonnenuntergang.<\/p>\n<h2>Durch den Bergbau zusammengeschwei\u00dft<\/h2>\n<p>Wenn Schwiegersohn und Schwiegervater heute am gleichen Kaffeetisch sitzen und der \u201eGorol\u201c den \u201eHannes\u201c sogar liebevoll als \u201eTatusiu\u201c anredet, dann hat das mit den Bergwerken zu tun. Unten am Fl\u00f6z, in Hitze und Staub, wenn die Presslufthammer und (sp\u00e4ter dann) die Fr\u00e4smaschinen dr\u00f6hnten, z\u00e4hlte nicht mehr, woher einer kam. Knurow wuchs, neue Sch\u00e4chte wurden er\u00f6ffnet, der Sozialismus forcierte die Produktion \u2013 und eines Tages im Sommer 1980 verstanden die Bergleute von Knurow, dass etwas dort unten sie zusammengeschwei\u00dft hatte.<\/p>\n<p>Es war die Zeit der Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c, der antikommunistischen Streiks unter Lech Walesa. In den oberschlesischen Gruben griff der Protest wie ein Lauffeuer um sich, in Knurow ging die Grube Szczyglowice in den Ausstand, und als im Jahr darauf das Milit\u00e4r unter der F\u00fchrung des Generals Jaruzelski die Proteste niederschlug, wehrte die Grube \u201eWujek\u201c (ehemals \u201eOheim\u201c) im benachbarten Kattowitz sich bis zuletzt. Neun Bergleute wurden get\u00f6tet, als die Staatsgewalt den Widerstand mit Sturmgewehr und Panzer brach.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Zehn Millionen Polen sind damals der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c beigetreten, Intellektuelle und Arbeiter, Bauern und Studenten, und in Schlesien z\u00e4hlte nicht mehr, ob einer \u201eHannes\u201c war oder \u201eGorol\u201c. In Knurow haben sich in jenen Tagen auch Janusz Sacha und Walter Pisula dem Widerstand angeschlossen. Die Tage der Streiks, die Tage der Einheit, als die Bergleute die Gruben besetzten und die Bauern ihre Schweine an die Tore brachten, damit den Kantinen das Fleisch nicht ausgehe, haben sich tief in ihr Ged\u00e4chtnis gegraben.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es auch dieser Geist, der die Leute von Knurow \u2013 wie beinahe die gesamte polnische Gesellschaft \u2013 heute so eng zusammenschwei\u00dft, wenn es gegen die Klimapolitik Europas geht. Vom B\u00fcrgermeister bis zum letzten Hauer, alle haben sie gelernt, was es hei\u00dft, sich von unten hochzuarbeiten, und was es bedeutet, sich als Polen gegen das zu verteidigen, was \u201evon au\u00dfen\u201c kommt \u2013 sei es nun die totalit\u00e4re Ideologie der Sowjetunion oder das Umweltdenken Europas.<\/p>\n<h2>Auch der B\u00fcrgermeister hat in der Grube angefangen<\/h2>\n<p>Auch Adam Rams, der B\u00fcrgermeister, hat wie alle in der Grube angefangen. Bis er vor kurzem in ein Einfamilienhaus am Rand der Stadt zog, hat er wie alle mit Frau und drei Kindern in 47 Quadratmetern Platte gewohnt. Seit der Zeit, als er noch in die Grube einfuhr, hat die Stadt sich immer wehren m\u00fcssen. Der Fortschritt in den Gruben, die Abl\u00f6sung von Hacke und Presslufthammer durch modernes Gro\u00dfger\u00e4t, setzten den Arbeitsmarkt unter Druck. Die Einwohnerzahl, die dank der Kohle seit der Kaiserzeit immer nur gewachsen war, begann zu sinken, und heute betr\u00e4gt sie nicht mehr 44.000 wie noch 1995, sondern nur noch 39.000.<\/p>\n<p>Die Pulverfabrik ist fort, die Kokerei, die sommers wie winters die Luft mit ihrem schwefligen Duft erf\u00fcllte, ist abgerissen. Dass Polen in dieser Situation den Abschied von der Kohle auch noch beschleunigen solle, scheint dem B\u00fcrgermeister widersinnig \u2013 ein schweres Opfer und ein sinnloses dazu, wo doch die gr\u00f6\u00dften Klimas\u00fcnder des Erdballs, China oder Amerika, ohnehin keine Anstalten machten, ihren Aussto\u00df an Treibhausgasen zu drosseln. Dass die Regierung in Br\u00fcssel ihr Vetorecht nutzt, um der \u201eunannehmbaren\u201c Reduktionspolitik Europas einen Riegel vorzuschieben, sei deshalb nichts als logisch.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister hat nicht als Einziger in dieser Stadt die Argumente in petto, welche die Internationale der Skeptiker heute den Klimasch\u00fctzern entgegenschleudert. Auch dr\u00fcben in der Grube, nur f\u00fcnf Minuten von der Stadtverwaltung, halten sie den kleinen Katechismus der Kohle stets parat, wenn jemand die K\u00fchnheit besitzt, die Segnungen des \u201eschwarzen Goldes\u201c (dies Wort ist in Knurow tats\u00e4chlich g\u00e4ngig) in Zweifel zu ziehen: vom ebenso freundlichen wie \u00fcberbordend gespr\u00e4chigen Kustos des Grubenmuseums, Herrn Boguslaw Szygula, einem pensionierten Bergmann, der niemals m\u00fcde wird, seinen Besuchern unter aufmunternden Rippenst\u00f6\u00dfen Hacken und Helme, Nachtt\u00f6pfe und Nudelh\u00f6lzer, Teddyb\u00e4ren und Telefone aus den letzten drei Knurower Generationen zu erl\u00e4utern, bis zum gegenw\u00e4rtigen Grubendirektor Aleksander Wardas, dem Nachfolger jenes Otto von Velsen mit dem imponierenden Stehkragen.<\/p>\n<p>\u201eKlimapolitik, das sind Interessen bestimmter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Gruppen\u201c, sagt der Direktor etwa, jener Gruppen eben, die (wie die Deutschen) mit Windr\u00e4dern und Solaranlagen ihr Geld verdienten und nicht mit der Kohle. Der Klimawandel, so es ihn gebe, habe eher \u201emit nat\u00fcrlichen Zyklen\u201c zu tun. Eiszeiten und w\u00e4rmere Perioden habe es immer schon gegeben.<\/p>\n<h2>\u201eZu wenig davon ist genauso schlecht wie zu viel\u201c<\/h2>\n<p>Dass aber Kohle wirklich so sch\u00e4dlich sei, wie alle heute meinten, sei keineswegs bewiesen. \u201eFr\u00fcher\u201c, stellt der Direktor n\u00fcchtern fest, \u201eda sagte man: Butter ist sch\u00e4dlich.\u201c Sp\u00e4ter habe es dann wieder gehei\u00dfen, Butter sei geradezu lebenswichtig \u2013 und genauso sei es eben auch mit dem Kohlendioxid. \u201eZu wenig davon ist genauso schlecht wie zu viel. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen ohne Kohlendioxid die Pflanzen nicht wachsen.\u201c Jeder ist Experte hier in Oberschlesien, jeder kennt die Argumente.<\/p>\n<p>Krzysztof Lesniowski, der Vorsitzende der Gewerkschaft \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c im Bergwerk Knurow (auch er ein klassischer \u201eGorol\u201c, dessen Familie aus der Westukraine ausgesiedelt wurde), weist darauf hin, dass Polen ohne seine Kohle noch mehr als jetzt schon auf das Gas des gef\u00fcrchteten Nachbarn Russland angewiesen w\u00e4re, und Pfarrer Andrzej Wieczorek von der Kirche der Heiligen Kyrill und Method ruft sogar den H\u00f6chsten selbst zum Zeugen an.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Gott und Vaterland, die Kernbegriffe des polnischen Patriotismus, sind ihm vertraut. Im antikommunistischen Widerstand hat er als frisch geweihter \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c-Pfarrer mit streikenden Grubenarbeitern Messen gefeiert, und schon in den zwanziger Jahren haben seine Gro\u00dfeltern in den \u201eschlesischen Aufst\u00e4nden\u201c f\u00fcr das neu gegr\u00fcndete Polen (und gegen die Deutschen) gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>In seinem Pfarrhaus, vor einer aus Steinkohle geschnitzten Figur der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, gibt der Pfarrer seinen Arbeitern theologische Begleitung wie eh und je. \u00d6kologie, warnt er, sei \u201ezu einer neuen Ideologie geworden, zu einer neuen Religion\u201c. Wo aber \u201edie Umwelt\u201c verg\u00f6ttert werde, wo alles sich nur noch um \u201edie Fr\u00f6sche im Rospuda-Tal\u201c drehe statt um wahre Werte, verliere man das zentrale Anliegen der Religion aus den Augen: \u201eden Menschen, die Krone der Sch\u00f6pfung\u201c.<\/p>\n<h2>Die Stadt ist die Grube, die Grube ist die Stadt<\/h2>\n<p>Auch Schwiegervater und Schwiegersohn, Herr Walter und Herr Janusz drau\u00dfen in der Siedlung \u201ePolnisches Heer 2\u201c, kennen die Argumente. \u201eDie gr\u00fcne Lobby\u201c, \u201edas russische Gas\u201c, \u201edie Chinesen und die Amerikaner\u201c. Drau\u00dfen stehen die gepflegten Renaults und Toyotas der Kumpel, sogar schon ein erster BMW ist dabei. Soll das alles gewesen sein? Herr Janusz war vor einiger Zeit in Walbrzych (Waldenburg) an der tschechischen Grenze, wo der Bergbau schon lange aufgegeben hat. Er ist entsetzt zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n<p>\u201eEine W\u00fcste ist das, ich sage es Ihnen, die reine W\u00fcste.\u201c Soll es Knurow genauso gehen? Die Stadt ist die Grube, die Grube ist die Stadt. Soll all das nicht mehr sein, nur weil angeblich irgendwo an fernen Inseln das Wasser steigt? Soll eines Tages der Wind pfeifen durch die Blocks der Siedlung \u201ePolnisches Heer 2\u201c?<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Sollen die sch\u00f6nen neuen M\u00f6bel, Eiche im alten Stil, das Hirschdeckchen, der Palmenstrand im Schlafzimmer genauso in Herrn Boguslaws Bergbaumuseum verstauben wie die Nudelh\u00f6lzer und Nachtt\u00f6pfe all der Generationen, die es nicht mehr gibt? Walter Pisula, dessen Vater und Gro\u00dfvater seligen Angedenkens schon in die Grube einfuhren, ist sicher, dass die M\u00e4nner von Knurow das nicht zulassen werden.<\/p>\n<p>\u201eSie werden sich wehren\u201c, sagt er still und gewiss, und Janusz, sein Schwiegersohn, nickt. \u201eSie werden streiken.\u201c Dann zeigt er wieder sein Album vor, die alten Fotos von \u201eEstrada\u201c, der Band, in der er damals sang. \u201eLove Me Tender\u201c haben sie damals gespielt und dann eben auch \u201eA Hard Day\u2019s Night\u201c von den Beatles in polnischer \u00dcbersetzung. \u201eWhen I\u2019m home\u201c, hei\u00dft es da, \u201eeverything seems to be right.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/europaeische-union\/bergbau-in-polen-im-namen-der-kohle-12671691.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/europaeische-union\/bergbau-in-polen-im-namen-der-kohle-12671691.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die stolzen polnischen Kumpels wollen nichts wissen vom Klimawandel. Die Regierung hat sich auch deshalb die Weltklimakonferenz ins Land geholt, um die eigenen Interessen st\u00e4rker vertreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34,2058,21],"tags":[968,292,264,266,2057,1260,284,5344],"class_list":["post-20199","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaische-union","category-home","category-politik","tag-adam-opel","tag-berlin","tag-brussel","tag-deutschland","tag-donald-tusk","tag-elbe","tag-eu","tag-europa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20199","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20199"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20199\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20199"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20199"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20199"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}