{"id":19958,"date":"2013-11-14T16:29:02","date_gmt":"2013-11-14T16:29:02","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19958"},"modified":"2013-11-14T16:29:02","modified_gmt":"2013-11-14T16:29:02","slug":"der-fliegende-entschleuniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19958","title":{"rendered":"Der fliegende Entschleuniger"},"content":{"rendered":"<p>Wer mit einem Zeppelin NT f\u00e4hrt, darf es nie eilig haben. Er ist langsam und etwas schwerf\u00e4llig. Aber er versetzt alle Sinne seiner Passagiere in Verz\u00fcckung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Das an-Bord-Gehen geschieht immer paarweise. Wer hier als Single in der kleinen Warteschlange auf dem Gel\u00e4nde des Flughafens Friedrichshafen steht, bekommt eben einen Partner zugewiesen &#8211; zumindest f\u00fcrs Einsteigen. Denn um das fragile Gleichgewicht des Zeppelins nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, d\u00fcrfen auf je zwei aussteigende G\u00e4ste immer nur je zwei Passagiere in die Kabine klettern. Dann hei\u00dft es anschnallen und erst einmal durchatmen. Anders als in den eng bestuhlten Kabinen moderner Passagierflugzeuge finden sich hier an Bord opulente Raum- und Sichtverh\u00e4ltnisse. Jeder der zw\u00f6lf Passagiere hat einen Platz am Fenster, und diese sind keine kleinen Bullaugen, sondern riesige Scheiben, durch die fast ein Rundumblick m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Aber das Allerbeste: Hat der Zeppelin NT nach dem Abheben und einem kurzen steilen Steigflug seine Reiseflugh\u00f6he von 1000 Fu\u00df \u00fcber Grund, also etwa 330 Meter erreicht, darf sich jeder Fluggast frei in der Kabine hin und her bewegen. Fast schon eine Art Separ\u00e9e befindet sich im Heck der Passagierkabine: Eine Sitzfl\u00e4che f\u00fcr zwei Personen mit Panoramascheibe l\u00e4sst einen atemberaubenden Blick auf das Heck des Luftschiffs oder direkt in die Tiefe zu. Kein Wunder, dass in dem kurzen Einf\u00fchrungsfilm vor dem Flug ein fr\u00fcherer Kommandant davon schw\u00e4rmt, dass das Luftschiff die sch\u00f6nste Art des Reisens sei. Wer einmal Zeppelin geflogen ist, wird ihm beipflichten. Schlie\u00dflich ist die Sicht unvergleichlich, die drei Propellermotoren sind kaum zu h\u00f6ren, und in welchem Luftfahrzeug ist es sonst erlaubt, unterwegs das Fenster aufzumachen?<\/p>\n<h2>\u00dcberall starten und landen<\/h2>\n<p>Eile und Hektik fallen von den Passagieren ab, jeder der Flugg\u00e4ste steht an einem Fenster und beobachtet fasziniert die Landschaft, die wie in einem Film langsam unter dem Luftschiff vorbeizeiht. Der Pilot auf diesem Flug, Oliver J\u00e4ger, kommt urspr\u00fcnglich aus der Hubschrauberfliegerei. Denn Zeppelinfliegen kann man nicht wie beim Segel-, Motor- oder Helikopterflug von der Pike auf erlernen, sondern man muss als Pilot quasi umsteigen. Deshalb bildet die Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen auch Luftschiff-F\u00fchrer aus. Diese m\u00fcssen aber bereits eine Berufspilotenlizenz mitbringen, entweder f\u00fcr Flugzeuge oder Hubschrauber. Derzeit sind sechs Piloten fest angestellt. Sie steuern einen in Friedrichshafen stationierten Zeppelin NT, wobei das NT f\u00fcr Neue Technologie steht, und ein Schwesterschiff, das normalerweise im Ausland operiert.<\/p>\n<p>Bei geeignetem Wetter wird an sieben Tagen in der Woche geflogen. Zus\u00e4tzliche Piloten werden normalerweise dann ausgebildet, wenn ein Zeppelin NT verkauft oder verleast wird und f\u00fcr diesen neue Flugzeugf\u00fchrer geschult werden. Helikopterpiloten tun sich nach Auskunft von Fritz G\u00fcnther, Chefpilot bei der Zeppelin Luftschifftechnik, etwas leichter mit der Umschulung auf das Luftschiff, weil sie mit dem Hovern, also station\u00e4rem Schweben \u00fcber einem Punkt oder sogar R\u00fcckw\u00e4rtsfliegen, bereits vom Hubschrauber her vertraut sind. Das kennen Piloten von Flugzeugen in dieser Form nicht. Allerdings hat der 75 Meter lange und fast 18 Meter hohe Zeppelin ohnehin seine eigenen fliegerischen Besonderheiten. Er ist weniger wendig als andere Flugger\u00e4te, weshalb man sehr vorausschauend fliegen muss. Der Zeppelin NT kann quasi \u00fcberall starten und landen. Aber er kann nicht ohne speziellen Ankermast \u00fcber Nacht auf einem fremden Flugplatz stationiert bleiben.<\/p>\n<p><!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Deshalb muss der Pilot etwa bei \u00dcberf\u00fchrungsfl\u00fcgen manchmal auch erst abwarten, bis der dazugeh\u00f6rige Lastwagen mit seinem ausfahrbaren Ankermast am Airport auftaucht, um das Luftschiff nach der Landung f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Aufenthalt sicher andocken zu k\u00f6nnen. Die Faszination des langsamen, nahezu lautlosen Fliegens mache diese Besonderheiten aber mehr als wett, betont G\u00fcnther. Dass ein Zeppelin kein Racer ist, macht seine Geschwindigkeit deutlich. 36 bis 38 Knoten, also etwa 65 Kilometer je Stunde \u201eschnell\u201c ist der Zeppelin NT im Reiseflug. Aber Speed ist \u00fcberhaupt kein Thema &#8211; eher so etwas wie die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Zeppelin Luftschifftechnik und Deutscher Zeppelin Reederei in Friedrichshafen, Thomas Brandt, sieht in der Begeisterung f\u00fcr das Luftschiff in der heutigen, schnellebigen Zeit auch einen Trend, das Leben und das Reisen zu entschleunigen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sei der Zeppelin ein ungeheurer Sympathietr\u00e4ger, und das nicht nur am Bodensee. Diese Region wurde durch Ferdinand Graf von Zeppelin als Geburtsst\u00e4tte f\u00fcr die Giganten am Himmel ber\u00fchmt. Doch von Tradition kann niemand leben. Deshalb ist Thomas Brandt hocherfreut, dass er 2011 einen Gro\u00dfauftrag aus Nordamerika erhalten hat, der seinen Besch\u00e4ftigten ihre wirtschaftliche Grundlage in den n\u00e4chsten Jahren sichert. Drei Zeppelin NT gehen an den amerikanischen Reifengiganten Goodyear, der seit vielen Jahren Luftschiffe zu Werbezwecken einsetzt und diese fr\u00fcher auch selbst produzierte. Das waren Prallluftschiffe, die \u00fcber kein festes Innenger\u00fcst wie ein Zeppelin verf\u00fcgen. Die Stabilit\u00e4t wird bei ihnen allein durch die mit Helium gef\u00fcllte H\u00fclle gew\u00e4hrleistet. Deshalb sind bei diesen sogenannten Blimps die Motoren auch direkt an der Pilotenkabine angebracht.<\/p>\n<p>Dadurch sind sie allerdings lauter f\u00fcr die Passagiere, schwerf\u00e4lliger zu steuern und ben\u00f6tigen eine gr\u00f6\u00dfere Bodencrew bei Start und Landung als ein Zeppelin NT. Thomas Brandt betont, dass es viel \u00dcberzeugungsarbeit \u00fcber f\u00fcnf Jahre hinweg ben\u00f6tigte, bis dieser Exportauftrag erzielt wurde. Alle drei Zeppeline NT werden in Einzelteilen in die Staaten geliefert und dort endmontiert. Das habe zwei Vorteile: Der bis zu zwei Millionen Euro teure Transport per Spezialschiff entfalle, zudem h\u00e4tten die nationalbewussten Amerikaner bei Goodyear dadurch auch eher das Gef\u00fchl, dass es \u201eihr\u201c Luftschiff sei, als wenn es fertig aus Europa gekommen w\u00e4re. Etwa 44 Millionen Euro umfasst der Auftrag f\u00fcr die drei Zeppeline, die dazugeh\u00f6rige Logistik und die Ausbildung der Goodyear-Piloten. Das erste Luftschiff soll 2014 abheben.<\/p>\n<p>Anders als bei den deutschen Zeppelinen, die nur nach Sicht geflogen werden d\u00fcrfen, sollen ihre amerikanischen Pendants auch bei Instrumentenflugbedingungen einsetzbar sein. Das bedeutet, dass sie \u00e4hnlich wie Passagierflugzeuge sogar in Wolken und bei schlechter Sicht unterwegs sein k\u00f6nnen. Nur Schneefall macht eine Resie unm\u00f6glich. Denn die Flocken bleiben auf der H\u00fclle liegen, sie w\u00fcrden den Zeppelin deutlich schwerer machen und ihn nach unten dr\u00fccken. Eine moderne Fly-by-wire-Technik wie in Passagierflugzeugen, bei der es keine mechanische Verbindung mehr zu den Rudern gibt, sondern Elektromotoren die Steuerimpulse \u00fcbertragen, ist ein weiterer Trumpf, den der Zeppelin NT im Vergleich zu den technisch veralteten Prallluftschiffen der amerikanischen Hersteller ausspielen kann.<\/p>\n<p>Dazu kommt eine eigens entwickelte, revolution\u00e4re Schubsteuerung: Mit deren Hilfe erh\u00f6hen zwei Propeller am Heck die Man\u00f6vrierbarkeit. Zwar wird der Zeppelin NT bei Reisegeschwindigkeit \u00e4hnlich wie ein Flugzeug durch Seiten- und H\u00f6henruder gesteuert. Diese lassen aber bei Geschwindigkeiten unter 25 Knoten, etwa 45 Kilometer je Stunde, deutlich in ihrer Wirkung nach. Durch Schwenken eines Propellers nach unten kann die Nickbewegung des Luftschiffs verst\u00e4rkt oder verringert werden, ein zweiter Propeller im Heck wirkt \u00e4hnlich wie der Heckrotor eines Helikopters in lateraler Richtung. Diese beiden Luftschrauben kompensieren im Langsamflug die nachlassende Wirkung der Ruderfl\u00e4chen und werden ebenso wie diese durch einen Sidestick vom Piloten angesteuert.<\/p>\n<p>Goodyear wird die drei neuen Zeppeline vor allem f\u00fcr Werbezwecke einsetzen, der Passagiertransport steht bei den Amerikanern nicht im Vordergrund. Durch den Exportauftrag nach Amerika, so hofft man in Friedrichshafen, werden auch andere Kunden auf den 1997 zum Erstflug gestarteten und seit 2001 regul\u00e4r im Dienst stehenden Zeppelin NT aufmerksam. Allerdings kann man es sich auch bei den hierzulande eingesetzten Zeppelinen nicht erlauben, lediglich auf den Passagiertransport zu setzen. Drei Standbeine machen das Einsatzprofil eines Zeppelin NT laut Firmenchef Brandt aus: Passagiertransport, Forschung und Werbung.<\/p>\n<p>Mit dem Zeppelin NT wurden nicht nur Forschungsfl\u00fcge im Bereich Umweltschutz unternommen, im s\u00fcdafrikanischen Botswana kam ein Luftschiff vom Bodensee auch erfolgreich bei der Suche nach neuen Lagerst\u00e4tten f\u00fcr Edelmetalle zum Einsatz. Dieser wird auch durch seine lange Flugdauer m\u00f6glich. Ein Zeppelin ist zwar nicht schnell, aber er kann bis zu 24 Stunden ununterbrochen in der Luft bleiben. Das ist bei Forschungsmissionen ebenso wie etwa bei der \u00dcberwachung von Grenzen von Vorteil.<\/p>\n<p>Zudem ist er sehr leise, was speziell bei Eins\u00e4tzen \u00fcber dichtbesiedelten Gebieten wichtig ist. Und bei den Zeppelinen f\u00fcr Goodyear werde zuk\u00fcnftig auch eine moderne LED-Leuchttechnik installiert, um die Werbung auf der Aussenh\u00fclle flexibler gestalten zu k\u00f6nnen. Dieser Mix aus allen drei Einsatzzwecken, so betont Brandt, mache den Zeppelin NT f\u00fcr potentielle Kunden interessant. Den zw\u00f6lf Passagieren bei diesem herbstlichen Flug entlang des Bodensees vor imposanter Alpenkulisse ist die Wirtschaftlichkeit eines Zeppelins hingegen v\u00f6llig egal. Sie strahlen alle nach dem Aussteigen und sind begeistert von dieser entschleunigten, aber umso sinnlicheren Form der Luftfahrt.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/auto-verkehr\/zeppelin-nt-der-fliegende-entschleuniger-12657676.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/auto-verkehr\/zeppelin-nt-der-fliegende-entschleuniger-12657676.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mit einem Zeppelin NT f\u00e4hrt, darf es nie eilig haben. Er ist langsam und etwas schwerf\u00e4llig. 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