{"id":19792,"date":"2013-11-10T14:31:02","date_gmt":"2013-11-10T14:31:02","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19792"},"modified":"2013-11-10T14:31:02","modified_gmt":"2013-11-10T14:31:02","slug":"gesund-werden-durch-aubergine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19792","title":{"rendered":"Gesund werden durch Aubergine"},"content":{"rendered":"<p>Macht gutes Design gesund? K\u00f6nnen Fu\u00dfb\u00f6den in Aubergine und Holzverkleidungen helfen, schwerstkranke Patienten zu heilen? An der Charit\u00e9 wird das nun getestet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Jeden Morgen geht auf der Intensivstation die Sonne auf. Mitten im Zimmer, selbst bei heruntergelassenen Rolll\u00e4den, jeden Tag ein paar Minuten sp\u00e4ter. 6:56 Uhr. \u00dcber dem Fu\u00dfende von Bett 7, in dem an diesem Dienstag eine Sechzigj\u00e4hrige liegt, steigt ein Feuerball an die Decke und taucht den Raum in warmes, mildes Gelb, das heller und heller wird. Die leeren Plastikbeutel am Bettrahmen zeugen von Blutkonserven und der mehrst\u00fcndigen Bauchoperation vom Vortag. Ein Monitor mit Kurven und Zahlen in Leuchtfarben erinnert daran, dass hier rund um die Uhr Venendruck, Herzfrequenz und Sauerstoffs\u00e4ttigung gemessen werden. Aber die Tumorpatientin wird mittags in ihrem Bett sitzen, den Sauerstoffschlauch in der Nase, und sagen: \u201eDas Licht ist sch\u00f6n. Das passt sich so der Tageszeit an. Hier f\u00fchle ich mich entspannt.\u201c<\/p>\n<p>Intensivstation: der Inbegriff der Hightech-Medizin, der Ort, wo das Leben systematisch auf der Kippe steht und Organ f\u00fcr Organ von Maschinen ersetzt werden kann, bis der Mensch im Ernstfall nur noch an Ger\u00e4ten h\u00e4ngt.<\/p>\n<h2>Mehr als gr\u00fcne W\u00e4nde und Wohlf\u00fchlatmosph\u00e4re<\/h2>\n<p>Die beiden neugestalteten Zimmer an der Berliner Charit\u00e9 jedoch, die als Modell f\u00fcr eine Intensivstation der Zukunft erforscht werden sollen, erinnern eher an ein frisch er\u00f6ffnetes Designhotel. Nussbraun vert\u00e4felte W\u00e4nde mit grober Maserung, ein edler Kautschukfu\u00dfboden in Aubergine. Das Regal, das einem Raumteiler gleicht und aus dem Doppelzimmer zwei Bettpl\u00e4tze mit etwas Privatsph\u00e4re macht, schwingt sich in gro\u00dfem Bogen von der Decke in einer Mischung aus Retro und Futurismus. Horizont und Himmel sind in Wirklichkeit ein gigantischer Bildschirm, dessen Software den nat\u00fcrlichen Tag-Nacht-Rhythmus kennt und der sich wie ein Baldachin \u00fcber die Patienten w\u00f6lbt.<\/p>\n<p>\u201eDas Interessante ist zu zeigen, dass Architektur ges\u00fcnder machen kann\u201c, sagt Thomas Willemeit, Architekt bei dem Berliner B\u00fcro Graft. Man k\u00f6nnte nun unken: Das wollten schon viele. Auch das Unbehagen an der zweckorientierten Ausstattung von Intensivstationen ist nichts Neues. Es gibt deshalb Kliniken, in denen Kunsttherapeuten W\u00e4nde gr\u00fcn gestrichen haben oder Intensivstationen nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet wurden. Claudia Spies jedoch, Leiterin des Charit\u00e9-Zentrums f\u00fcr An\u00e4sthesiologie, OP-Management und Intensivmedizin, die das Forschungsprojekt \u201eParametrische (T)Raumgestaltung\u201c gemeinsam mit Willemeit angesto\u00dfen hat, sagt: \u201eEs war nie konsequent. Es war immer nur der Versuch, eine Wohlf\u00fchlatmosph\u00e4re zu schaffen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn man verstehen will, warum das Bundeswirtschaftsministerium eine Million Euro in dieses Projekt investiert hat und warum zwei schicke Zimmer auf einer 400-Betten-Station mehr sein sollen als \u00fcberkandidelter Luxus in einem angeschlagenen Gesundheitswesen, lohnt sich ein R\u00fcckblick in die Geschichte der Intensivmedizin.<\/p>\n<h2>\u201eWir wollen wache, kooperative Patienten\u201c<\/h2>\n<p>Als Heike Held vor 25 Jahren anfing, als Intensivpflegefachkraft zu arbeiten, galt: \u201eDer liebste Patient war, wer ruhig war &#8211; und lange ruhig war.\u201c Die Patienten waren tief sediert, weil man dachte, das sei die Voraussetzung, um Vitalfunktionen durch Apparate zu unterst\u00fctzen und den Heilungsprozess zu f\u00f6rdern. Held, Krankenschwester an der Charit\u00e9, erz\u00e4hlt von Durchschnittsliegezeiten von einem halben Jahr. \u201eDen lassen wir sch\u00f6n schlafen. Schlaf ist Rekonvaleszenz\u201c, hie\u00df es damals, wie sich Held erinnert, um sofort klarzustellen: \u201eDas war tr\u00fcgerisch.\u201c<\/p>\n<p>Denn k\u00fcnstlicher Schlaf ist keineswegs heilsam. Wenn Patienten aus ihrem Koma erwachten, panikartig und zutiefst verzweifelt, war der Muskelabbau so weit fortgeschritten, dass sie sich kaum bewegen konnten. Beatmungsger\u00e4te lie\u00dfen sich nicht mehr abtrainieren. Wer seinen Schleim nicht abhusten konnte, bekam neue Infektionen. Oft dauerte es Monate, bis Patienten wieder alleine a\u00dfen.<\/p>\n<p>In den vergangenen zehn Jahren sind in der Intensivmedizin deshalb Standards entwickelt worden, die die Pr\u00e4missen von einst ins Gegenteil verkehrt haben. \u201eWir wollen wache, kooperative Patienten, die nicht mehr hilflos im Bett liegen, sondern sich artikulieren k\u00f6nnen\u201c, sagt Spies. Fr\u00fcher seien nach einem septischen Schock, einem Multiorganversagen, bis zu 80 Prozent der Patienten gestorben. Heute liege das Risiko bei 25 bis 30 Prozent. Und das nicht, weil sich die Therapien verbessert h\u00e4tten, sondern die Rahmenbedingungen. Die durchschnittliche Verweildauer auf Spies\u2019 Station betr\u00e4gt heute drei bis acht Tage.<\/p>\n<h2>Intensivstationen k\u00f6nnen dem Heilungsverlauf schaden<\/h2>\n<p>Daf\u00fcr gibt es neue Komplikationen. Denn die Patienten liegen, wach und kooperativ, wie sie sein sollen, auf einer Station, die f\u00fcr Dauerschl\u00e4fer eingerichtet worden war. Ein Blick in das hellste und gr\u00f6\u00dfte Zimmer der Intensivstation an der Charit\u00e9, das bis zum Bezug der Modellzimmer als das sch\u00f6nste gelten musste, macht klar, was das bedeutet: Wie in einer ansonsten leeren Lagerhalle stehen zwei Krankenhausbetten im Raum, eingekreist von Hightech-Ger\u00e4ten. Der Infusionsbaum, das Absaugger\u00e4t, \u00fcberall sind Schl\u00e4uche. Man h\u00f6rt das Pumpen der Lungenersatzmaschine und das Rauschen des Dialyseapparats, unterlegt mit den Kontrollt\u00f6nen des Monitors. Immer wieder piept es grell und blinkt: ein Alarm, wenn der Kreislauf des Patienten wegsackt. L\u00e4rmbelastungen von 60 Dezibel sind auf Intensivstationen keine Seltenheit- 80 Dezibel herrschen am Flughafen. Dazu Dauerbeleuchtung, 24 Stunden am Tag.<\/p>\n<p>\u201eDie Patienten empfinden das Technische als bedrohlich\u201c, sagt Claudia Spies. \u201eSie haben Angst. Doll viel Angst. Und sie wissen nicht, was gleich mit ihnen passiert. Dieses ganze Unsichere, das Ungeborgene, tr\u00e4gt letztendlich dazu bei, dass die Patienten hilflos sind und sich ausgeliefert f\u00fchlen.\u201c Die meisten schliefen schlecht. Sie litten an Stress und Desorientierung. Das aber sei sch\u00e4dlich f\u00fcr den Heilungsverlauf.<\/p>\n<p>Man wei\u00df inzwischen, dass Intensivpatienten typischerweise Delirzust\u00e4nde ausbilden, Aufmerksamkeitsst\u00f6rungen, die in einem Drittel der F\u00e4lle zu bleibenden Hirnsch\u00e4den f\u00fchren. Wiederum ein Drittel der Patienten leidet Befragungen der Charit\u00e9 zufolge noch Jahre sp\u00e4ter an posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen &#8211; nicht wegen der lebensbedrohlichen Erkrankung, sondern wegen der Umst\u00e4nde der intensivmedizinischen Behandlung. Krankenhauspsychologin Claudia Denke sagt: \u201eNicht nur das \u00dcberleben ist ein Kriterium. Wir wollen, dass die Menschen psychisch gesund \u00fcberleben und zur\u00fcck in ihren Alltag finden.\u201c<\/p>\n<h2>Das Bedrohliche verschwindet hinter einer Vert\u00e4felung<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst hat man an der Charit\u00e9 mit Verbesserungen in der Pflege reagiert und das Personal daraufhin geschult, Schmerzen individuell zu behandeln und Bewusstseinsver\u00e4nderungen m\u00f6glichst schnell zu erkennen. \u00c4rzte und Pfleger versuchten, den L\u00e4rmpegel niedrig zu halten. Wer die Herzlichkeit sieht, mit der die Pflege an die Patienten herantritt, die Hand einer alten Dame nimmt oder plaudert, kapiert sofort, dass Zuwendung unersetzlich ist. Aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. Spies sagt: \u201eMeine Kompetenzen waren zu Ende.\u201c<\/p>\n<p>Das war der Punkt, an dem sich die Berliner An\u00e4sthesistin und ihr Team mit Architekten und Mediengestaltern, mit Schlafforschern und Psychologen zusammengesetzt und versucht haben, wie Thomas Willemeit es nennt, die Patientenperspektive einzunehmen. Daf\u00fcr haben sich die Beteiligten tats\u00e4chlich selbst in Krankenhausbetten gelegt und sich von den jeweils anderen Berufsgruppen \u00fcberzeugen lassen, selbst eingefleischte Routinen in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Und deshalb verschwindet in den beiden neuen Zimmern nun das Gros der notwendigen Ger\u00e4te hinter der braunen, holzartigen Vert\u00e4felung, die auch die L\u00e4rmbelastung reduziert. \u00dcberwachungsfunktionen sind in einen Nebenraum verlagert, damit ein Hauch von Privatsph\u00e4re entsteht. Die Baldachindecke vermittelt Geborgenheit. Kokon statt Lagerhalle.<\/p>\n<h2>\u201eMorgens war es, als wenn die Sonne aufgeht\u201c<\/h2>\n<p>Dazu kommt die Bildschirm-Decke, schlie\u00dflich geht der Blick bettl\u00e4griger Patienten oft vor allem nach oben. Der eigens entwickelte Riesen-Screen kann einem Joker gleich, ganz unterschiedliche Funktionen \u00fcbernehmen &#8211; je nachdem, wie man ihn bespielt. So simuliert die Software Mediengestalter der Firma Art+Com den Wechsel der Tageszeiten, um Orientierung zu geben. Blaues Licht mit gr\u00fcnen Flecken ist dem Blick durch ein Bl\u00e4tterdach gen Himmel nachempfunden, Studien aufgreifend, denen zufolge sich Heilungschancen verbessern, wenn vor dem Krankenhausfenster B\u00e4ume stehen. Sechs Stunden am Tag erstrahlt k\u00fcnstliches Tageslicht, das die Hormonproduktion beeinflussen und so den nat\u00fcrlichen Schlaf-Wach-Rhythmus unterst\u00fctzen soll.<\/p>\n<p>Mit Hilfe eines Tabletcomputers k\u00f6nnen die Patienten au\u00dferdem an der Zimmerdecke Lichtpunkte bewegen wie in einem einfachen, \u00fcberdimensionierten Computerspiel. Es geht nicht um Ablenkung. Die Idee ist, dass das Fokussieren von Aufmerksamkeit helfen k\u00f6nnte, die Schrecken des Delirs zu vermeiden. Architekt Willemeit geht sogar noch weiter: \u201eDas ist der kraftvolle Moment, wo man das Gef\u00fchl hat, ein bisschen Herr der Lage zu sein.\u201c In einem Gesundheitszustand, der totale Abh\u00e4ngigkeit bedeute, vermittele es Autonomie, wenigstens medial auf die eigene Umgebung einzuwirken.<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein Forschungsprojekt\u201c, sagt Spies. \u201eWir m\u00fcssen nat\u00fcrlich noch beweisen, f\u00fcr welche Patienten es wirklich sinnvoll und einsetzbar ist.\u201c Ein Jahr lang soll der Heilungsverlauf der Patienten in den neuen R\u00e4umen systematisch mit Kranken verglichen werden, die in herk\u00f6mmlichen Intensivzimmern untergebracht sind. Entscheidend wird sein, ob das Ausma\u00df der Delirien deutlich reduziert werden kann. In einem zweiten Forschungsschritt soll dann untersucht worden, welche Komponenten der Umgebung genau die Genesung f\u00f6rdern: der Raum an sich, der L\u00e4rmpegel, das Licht oder die mediale Bespielung.<\/p>\n<p>Die Patientin in Bett 7 jedenfalls sagt schon jetzt: \u201eMorgens war es, als wenn die Sonne aufgeht. Ich bin begeistert.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/krankenhaeuser-gesund-werden-durch-aubergine-12645931.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/krankenhaeuser-gesund-werden-durch-aubergine-12645931.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Macht gutes Design gesund? K\u00f6nnen Fu\u00dfb\u00f6den in Aubergine und Holzverkleidungen helfen, schwerstkranke Patienten zu heilen? 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